Mittwoch, 5. Juli 2017

Fotofinish



Ich gebe gerne, wirklich sehr, sehr gerne auch mal Gas. Ich trete voll auf das Gaspedal. Am liebsten des Nachts. Besser noch in den sehr, sehr frühen Morgenstunden. Die Autobahn ist leer. Das Blitzgerät am Rande meines Lebens, in genau dieser Lebenssituation, ist aktiv. 

Kilometer: „33.“

Ich drehe den Regler meiner außergewöhnlich guten Car-HiFi-Anlage bis ins unermessliche, nach rechts. Laut, lauter, am lautesten. Die Musik ertönt, sie schreit mich an und dabei fällt mir ein, dass ich damals, im Rahmen meiner Ausbildung, einen ergrauten, blinden Masseur interviewt habe.

Als dieser außergewöhnlich nette Mensch, seiner Zeit, als junger Mensch, seine Profession, nach dem Krieg, sehr stark erblindet, fand, gab es so etwas wie die basale Stimulation noch nicht. Zumindest gab es diese Bezeichnung noch nicht. Doch dies nur am Rande, des Randes. Dieser ergraute, blinde Masseur, sagte damals zu mir und zu allen Anwesenden in der Schulklasse, in der wir alle saßen:

Tinnitus, Hörschäden, etc., ihr habt es euch selbst zuzuschreiben, eure Gehörgänge sind durch die laute Musik nicht nur geschädigt, mit der Zeit sind sie zudem auch noch faul geworden. Wenn man so wie ich auf seine Ohren angewiesen ist, weil ich sozusagen mit meinen Ohren sehe, höre ich die Musik, die mir gefällt, stets leise. Darauf bedacht jeden Ton in seiner vollen Schönheit wahrzunehmen und zu genießen.“

Kilometer: „23.“

Ich habe bereits einen ordentlichen Tinnitus in zwei unterschiedlichen Tonlagen, auf beiden Ohren. Nicht durch die lauten Industriehallen, durch die ich wie ein Wanderarbeiter seit dem Ende meines fünfzehnten Lebensjahr ziehen musste, in denen ich mehr als zwei Jahrzehnte aus Gewohnheit arbeitete, nein und nochmals nein! Den Tinnitus in zwei unterschiedlichen Tonlagen, auf beiden Ohren, habe ich jetzt, brandaktuell, durch den übertrieben lauten Sound auf engstem Raum, oder durch den satten, richtig heftigen Bass meiner AKG-Kopfhörer, die meinen Gehörgängen, beim Radfahren, beim Joggen in den Wäldern, um die Seen herum, den letzten Rest gegeben haben.

Kilometer: „13.“

Der Sound ist wirklich überragend. Die Landschaft existiert bei der nun erreichten Endgeschwindigkeit nicht mehr. Die Gedanken, die schlechten Gefühle sind nun endlich irgendwo im Nirgendwo! Der Tempomat übernimmt an dieser Stelle, die nun konstant bleibende Geschwindigkeit. Ich durchbreche die Schallmauer und werde in den Sitz gepresst. So erreiche ich die erhoffte, lang ersehnte Befreiung. 

Voll konzentriert, all meine Sinne sind bis auf das Äußerste geschärft. Allmählich nähre ich mich meinem Ziel. Meine bereits angespannten Muskeln spannen sich nun noch etwas mehr an. Ich atme langsam und lang durch die Nase ein, inhaliere dabei die Luft, gefiltert durch die frisch gewartete Klimaanlage. Ich atme langsam und lang aus dem Mund, mit angespitzten Lippen, aus...

Kilometer: „3 - 2 - 1 – 0.“ 

"Fotofinish!"

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