Samstag, 7. Januar 2017

Nujabes Dance Freestyle (Tokyo)

Der letzte Karton 1




Der Kaffee schmeckt unheimlich brutal schlecht! Diese Plürre hat es nicht einmal verdient Kaffee genannt zu werden. Seitdem ich nicht mehr rauche habe ich das Bedürfnis nicht mehr. Ich gehe nicht mehr zu Alfredo, ich gehe nicht mehr zu Donato und ich mische mich auch nicht mehr in den Donatistenstreit ein. Soll doch jeder streiten wie es ihm beliebt. Ich für meinen Teil habe es gerade
geschafft, das letzte Jahr zu beenden. Für immer vorbei! Bei mir ist es gerade eben, noch vor dem Erwachen um ca. 5.15 Uhr in der Früh, zu einem entsetzlichen Feuerwerk gekommen. 

Gequält von Alpdrücken, erwachte ich aus einem Traum. 

Des Nachts erleide ich Qualen. Fühle mich nach der letzten Schlafphase nicht wirklich erholt. Tagsüber denke ich einfach zu viel. Willkommen 20 17, geändert hat sich ja doch nichts. 

Scheinbar, rein äußerlich betrachtet.

Ich nehme einen Schluck von der Plürre, die nicht Kaffee genannt werden darf, weil guter Kaffee sehr viel besser schmeckt!

Innerlich jedoch geschieht gerade mal wieder so viel. Veränderung wo mein inneres Auge nur hinschaut. Ich befinde mich auf einer großen Baustelle.

Großbaustellen-Atmosphäre. Überall laufen und wuseln kleine Abdrücke von mir selbst herum. Einer bedient den Kran, ein anderer den Bagger. Viele andere schaufeln Sand von einem Sandhaufen. Frisch angeliefert von einem Kipplaster. Am Steuer sitze ich. Und einer, einer schaut aus wie alle anderen, hält eine leuchtende, künstlerische Darstellung, ausgestaltet von mir, in seinen Händen, vor seinem Gesicht. Um ihn herum stehen so welche wie ich, und schauen gebannt auf dieses hell leuchtende Kunstwerk.

Ich kippe mir den letzten Schluck der Plürre hinunter und schmecke eigentlich nur den Zucker. 

Der letzte Karton 2




Umbruch, die Stimmung ist eine andere als sonst. Ein Leben zwischen noch leeren, gefalteten und vollen, gepackten Kartons. Kartons unterschiedlichster Größen. Mein Sohn spielt verstecken hinter ihnen und versteht nicht wieso wir in den nächsten Tagen seine Wohnung verlassen müssen. Sein Reich, in das er in den Armen seiner geliebten Mutter, als Neugeborenes am fünften Tag nach seiner Geburt getragen wurde. Seither gehört jedes Staubkörnchen, und sei es noch so klein, ihm ganz allein.

Ich erinnere mich an den ersten Karton den ich hier vor acht Jahren hinein geschleppt habe. Mein alter VW POLO, die Sackkarre meines Vaters und ich. Gemeinsam haben wir den Umzug von unserem Ferien-Loft am Stadtrand in die italienische Mitte der Stadt gewagt und bewältigt. Acht Jahre sind nun vorüber. In dieser Zeit ist meine Schallplattensammlung um einiges gewachsen und „Meister-Platte“, so nennt sich der kleine Junge, der in einigen Tagen sechs Jahre alt wird, der, der alles für sich beansprucht, der wahre Besitzer des kleinsten Elementarteilchens meines Universums, mein ganz persönliches Glück, um das sich alles kreist, mein Sohn, meine Frau und ich, wir sind bald weg!! Für immer vorbei, vorbei! Und wir sind weg!!

Wir sitzen auf gepackten Kartons. 

Auch wenn Meister-Platte noch nicht wirklich will, weil er nicht wirklich weiß, was ihn erwartet, der Termin steht endgültig fest. Der große Mercedes Benz, für den ich damals als Metaller Teile unter der Presse produziert habe, ein Transporter in Überlänge ist gebucht. Schon in einigen wenigen Tagen findet die Schlüsselübergabe statt. Ja und dann heißt es:

„Buy, buy and nice greetings to the gegrilltes Tofu-Würstchen!“

Der letzte Karton 3



Somit könnte dieser Eintrag, dieser Post, der letzte in diesem wunderschönen, äußerst schlecht isolierten, renovierungsbedürftigen Altbau im hipsten Viertel der Stadt sein. Vonwegen HIP, vielmehr HIPP-Babypups. 

Seit willkommen ihr Schnösel. 

Kommt alle her ins alte Arbeiterviertel der Stadt, lasst euch aussaugen, von den  blutgierigen Saugern aus den umliegenden Dörfern.  Zahlt ihre utopischen Mietpreise. Den Preis zahle ich nicht. Schnösel dieser Stadt vereinigt euch! Zahlt ruhig 1050,00 €, denn dies ist der Preis! Die Kaltmiete eines HIPP-Star-Lebens. 

Ich beglückwünsche euch, stelle sogar noch einen meiner feuchten Ex-Kellerräume zur Verfügung und gebe euch, weil ich so freundlich bin, einen Hinweis an dieser Stelle:

„Hinter der weiß gestrichenen Holzverkleidung ist unkultivierter, jahrelang gewachsener Schwarzschimmel. Ihr werdet ihn wahrscheinlich nie sehen. Doch seit gewiss, dies ist gratis und in dem Mietpreis inbegriffen!“

Jetzt brauche ich erst einmal einen großen Schluck aus der Flasche. Ich spüle den schlechten Geschmack mit einem Schluck Sankt Conrad, natürlichem Mineralwasser hinunter und ich freue mich.

Vorankündigung...

Ich freue mich auf fast zehn Jahre zurückblicken zu dürfen. Bald sind es zehn Jahre: 

Das "Krähennest" wird zehn Jahre alt.

Zu guter Letzt...

Herzlich willkommen im Jahr 2017, im Jahr des Feuer-Hahns. Der Hahn ist organisiert und selbstbewusst.

Willkommen in dem Leben deiner Wahl. Ein Leben am Kreisverkehr. Machen wir alle, die diese Worte hier lesen, das aller Beste daraus.

ENDE