Freitag, 21. März 2014

Er konnte...




So nun war es endlich so weit. Er hatte Zeit, viel Zeit. Denn sein Arbeitgeber, die Institution, dessen Label, weiß auf rotem Hintergrund, er ganz nah an seinem Herzen trug, hatte ihn freigestellt. Andere Kolleginnen und Kollegen mussten tüchtig werken, wohingegen er sich getrost zurücklehnen konnte.

Nun konnte er sich diesem hier vorliegenden Text widmen. Er konnte sich um sich und seine Familie kümmern. Er konnte sich mit Freunden und Bekannten treffen. Er konnte all seine Erlebnisse der vergangenen Wochen hernieder legen. Er konnte einen Samen in fruchtbaren Boden pflanzen. Er konnte abwarten und zuschauen wie der kleine Samen in jenem fruchtbaren Boden keimt und eine wundervolle Pflanze gen strahlend, blauen Himmel wächst. Er konnte seine Augen schließen und dem lieblich klingenden Gesang der Vögel lauschen. Er konnte beobachten wie die kleine Meise der Krähe am Elsterbrunnen einen wunderschönen guten Morgen wünscht. Er konnte dem Klang des seicht dahinplätschernden Baches lauschen und dabei konnte er das sich seit Ewigkeiten drehende Mühlrad beobachten. Was er aber an dieser Stelle des Textes nicht mehr konnte, er konnte nicht mehr „er konnte...“ schreiben.

So und nun ließ er sich von der Klippe fallen. Er fiel steil ab und tauchte ein. Er spürte das erfrischende Wasser auf seiner nackten Haut. Er tauchte wieder auf und er wusste, dass er nun endlich Urlaub hatte.

Mittwoch, 19. März 2014

Danny Macaskill - Industrial Revolutions

Der Urlaub vor der Vergessenheit




Urlaub. Sein wohlverdienter Urlaub rückte nun immer näher. Er wusste wie schnell der kleine Urlaub, das kurze Aufatmen wieder vorbei sein würde, doch er wusste auch: „Wer Arbeitet und schier endlos erscheinende Wegstrecken zurücklegt, der muss auch wieder  zur Ruhe kommen.“ Er freute sich auf seinen Urlaub und dachte schon darüber nach, was er an seinen freien Tagen alles machen würde.

Erst einmal “Chilli-Vanillie“ und dazu ein Erdbeereis im “Cafè am Park“.

Er dachte über die Muse nach und schwelgte in Urlaubsphantasien als plötzlich das rote Telefon klingelte. Als sich schlagartig, von dem einen Moment zum anderen Moment, alles änderte. Nach dem Telefonat zog er sich hastig seine abgetretenen Schuhe an, warf sich seine schwarze Lederjacke über seine müden Schultern und verließ das Haus. 

Er ging und kam nie wieder.

Verschluckt von den schmutzigen Straßen seiner Heimatstadt und seither ward er nie mehr gesehen.

Dienstag, 18. März 2014

Deplatzierte Ängste



Die Zeit, rasend schnell die Straße herunter, um den Kreisverkehr herum, dahineilend, bereitete ihm Angst. In einem Land in dem kein Krieg herrschte, ein Land in dem man nicht wirklich hungern musste (es sei denn, man ist einem falschen Schönheitsideal verfallen, das einen von innen nach außen zerfrisst) und trotzdem wurde man von stetig wachsenden Ängsten heimgesucht. Es war eine verrückte Zeit, eine entrückte Welt in der er lebte.


James Bond oder Hans Jürgen?



Mea culpa“, sagte die eine Stimme. Die andere Stimme jedoch sagte: „Nein, du bist nicht schuld.“ Er tat alles nur Erdenkliche und noch sehr viel mehr. Er überschritt ohne nachzudenken Grenzen, wuchs über sich selbst hinaus und dabei wurde ihm bewusst, dass er nicht der MI6 Agent namens Bond, James Bond, sondern der Altenpflegeschüler namens Hans, Hans Jürgen war. War er wirklich Hans Jürgen, hatte er nicht auch noch einen anderen Namen? Wer war er wirklich? Hatte er nicht auch noch ein anderes Leben gehabt? Schlicht und ergreifend, manchmal vergaß er es. 

Der Baustellenlärm, das Verstummen der Vögel, der Smog, welcher Art auch immer, und mitten drin, auf einer matschigen Verkehrsinsel, stand er.  Die Angst vor dem Zubettgehen, etwas Wichtiges vergessen zu haben, den Anforderungen nicht zu entsprechen, einen Fehler, oder vielleicht sogar einen Doppelfehler im niemals ruhenden System übersehen zu haben, raubte ihm seinen Schlaf.

Einen Blick nach draußen wagen


Und wenn er an seinem, ihm gewohnten Arbeitsplatz, in seinem heimischen, vertrauten Umfeld saß, wenn er tagträumend aus dem Fenster blickte, dann hätte er weinen können. Da half selbst ein frisch gebrühter Kaffee mit “polnischem Milchschaum[1]“ nicht, da half selbst die wohlklingende Musik im Hintergrund nicht, nichts munterte ihn auf, gab ihm Trost. Er hätte einfach nur da sitzen können, den lieben langen Tag lang, traurig in den Tag hinein träumen und weinen. 

Die Baustelle, schweres Gerät, zwei angsteinflößend große Kräne und dazu noch ein Höllenlärm. Wie die Franzosen zu sagen pflegen: “ Un bruit infernal!
Und wenn er an all die pflegebedürftigen, gut betagten, mitten im Herbst ihres Lebens stehenden Menschen dachte, wenn er die Rollstühle mit abgenutzten Sitzkissen, die Stiftung Warentest getesteten, dreckverkrusteten Rollatornen in den Hauseingängen sah, wenn er dem Gevatter Tod in seine stahlblauen Augen blickte, dann hätte er weinen können.


Doch anstatt zu Weinen, stand er auf und wurde aktiv.




 [1]Polnischer Milchschaum: eine spezielle polnische Schaum-Schüttel-Technik. Es wird ein letzter Schluck Milch im TETRA-PACK (bei verschlossenem Drehverschluss) sehr stark geschüttelt und anschließend über den frischen Kaffee  gegossen. Diese Technik wurde erstmals von einem polnisch angehauchten Herrn Z. angewandt. Der polnisch angehauchte Herr Z. ist ein stadtbekannter, besonders sympathischer Schaumschläger.

Sonntag, 16. März 2014

Nicht ausgesprochen, nur geschrieben





An erster Stelle stand lange Zeit das Schreiben. Ganz oben in der Liste war das ihm vertraute Symbol für das Schreibprogramm. Ein Programm welches er lange Zeit benutzte um sich Luft zu verschaffen. Er tippte alles nieder was ihm schwer auf seinem Gemüt lastete, so verschaffte er sich bis zum nächsten Tag, bis zur nächsten Anreihung, wirr aneinander gereihter Worte, Erleichterung. Der Zustand des Schreibens beflügelte ihn. So dass er über alles hinweg flattern konnte. Er konnte im Gleitflug, über all die Sorgen des Alltags hinweg fliegen. 


Er Flog und er stürzte. 


Heute fragte er sich: „ War es früher wirklich sehr viel einfacher?“ So einfach, oftmals lustig, er war sich sicher, wirklich schön war es noch nie. Es war nicht schön vom Teufel getrieben und gehetzt zu werden. Es war nicht schön das Leben der Anderen zu leben. Wie dem auch sei, immerhin hatte er gelebt. Immerhin hatte er es überlebt. Heute war er sich sicher, auf manch spektakuläres Ereignis aus längst vergangenen Tagen, hätte er getrost verzichten können. Er fragte sich: „Lebe ich wirklich?“ Es überlebt zu haben, erschien ihm manchmal wie ein Wunder. Kein Wunder ohne Wunden. Wunden, schmerzhafte Wunden hatte er davongetragen. Manchmal erinnerten ihn die Schmerzen längst vergangener Tage an die grauenvollen, angsterregenden Züge eines abscheulichen Gesichts, welches ihn noch heute aus dem Spiegel heraus anschaute. Es sah ihm tief in sein weiches, verwundbares Ich hinein, es betrachtete und belächelte ihn, es folgte ihn in seine Träume. Der Gehörnte, scharrte im staubigen Sand mit seinen Hufen. Das Unaussprechliche ging an manchen Tagen ganz dicht an ihm vorbei, so dass er fühlte, die Hitze, so dass er sah die züngelnden Flammen des ewigen Leids.


Wieso er so schrieb wie er schrieb? Wie er denn so heiter am Tage und so tief betrübt in der Nacht sein konnte? Wie ein Feuerwerk der Gefühle in seinem Kopf, auf viele Antworten fand er mit einer gewissen Leichtigkeit eine Antwort, doch auf diese nicht. 


Vielleicht war er schlicht weg beschränkt, vielleicht wollte er nicht wissen wer oder was sich hinter dem dunklen, schweren Vorhang versteckte, vielleicht wusste er es aber auch längst schon. Die Wahrheit war, er hatte ganz gewiss keine klare Vorstellung von der Vorstellung, den wahren Dramen auf den weltgrößten Bühnen dieser Welt.

Freitag, 7. März 2014

Am Morgen in der Früh




Wach, und doch träumend. 

Die Sinne geschärft, so scharf wie ein tief schneidendes Fleischermesser, oder stumpf, wie ein stumpfer Hobel. Die Gedanken weit abgeschweift. Seine beflügelten Gedanken flatterten vorbei, so wie die wiederheimkehrenden Störche am morgendlichen, noch dämmrigen Himmel.

Träumend, und doch wach.

Die letzten Träume einer sehr kurzen Nacht geisterten wie rastlose Seelen durch ein Geisterhaus am dunklen Waldesrand. Durch die scheinbar endlosen Windungen seines gerade erst erwachten Gehirns, spukte ein Gedanke, der ihm unheimlich war.

Ein Hirn, unterteilt in zwei Hälften, lag gleich neben dem tief schneidenden Fleischermesser auf einer blitze blank polierten Edelstahl-Arbeitsplatte. Eine weiche Masse, außerhalb seines gewohnten Umfeldes, eher ekelhaft anzuschauen.

Er saß in der Früh, viel zu früh, und trank einen zu stark mit Honig gesüßten Salbei-Tee, eingehüllt in eine wohlig warme Decke. Er saß am Ufer eines mit Nebelschwaden überzogenen Sees. „Dort unten...“, so dachte er: „ ...schläft ein uralter Wels. Tief, tief am schlammigen Grunde des Sees. Und wenn der Wels erwacht, ausgeschlafen und hungrig, frisst er den lieben langen Tag lang, all die versunkenen Sorgen jener Menschen, die in Kummer und Leid ertrinken.“   

Wild, hungrig durch die Wälder ziehend, im Traum. Gestorben und wieder auferstanden. Ewig rennend, im Hier und im Jetzt. Mal war er die Beute und mal war er der Jäger, in jedem Fall war er das Tier.

Es gibt die Einen und es gibt die Anderen. Er wollte weder an die Einen, noch an die Anderen denken. Doch sein Hirn, das Räderwerk, getrieben von fein verzahnten Zahnrädern, getrieben von Ängsten und Aggressionen, sowohl gegen den Einen, als auch gegen die Anderen. All die Gesichtslosen, halb verwesten, manchmal hetzten sie ihn durch die dunkle Nacht, bis hinein, in den frühen Morgen.