Sonntag, 24. November 2013

Ich gehe durch den Regen



Ich gehe durch den Regen, durch die Kälte, durch die leeren Straßen am Sonntagmorgen. Ich kann mit Stolz und voller Würde sagen: "Dies ist meine Heimat, meine Stadt, hier gehöre ich hin." Ich gehe durch das eine Viertel in das andere Viertel. Vorbei an den geschlossenen Läden, den beschlagenen Schaufenstern. Ich gehe vorbei an dem kurdischen Vereins-Haus, es ist ein Hinterhaus-Kaffee auf der rechten Seite nach dem Kreisverkehr. Direkt gegenüber blicke ich durch einen Türspalt und sehe die Sizilianer Rome, auf filzbespannten Tischen spielen. Nur zwei Straßenblocks weiter, vor einem halben Jahrhundert das Armeleuteviertel, gibt es noch einen niedergelassenen Italiener, die Italienische-Espresso-Bar. Italien ist in dieser regenverhangenen Stadt sehr stark vertreten. Doch nicht zu vergessen, und auf alle Fälle erwähnenswert, sind die Albaner, welche man auch an der Espresso-Bar antrifft. Alle trinken sie Kaffespezialitäten oder schwarzen Tee aus der Kanne. Alle spielen sie Karten, starren auf den verdammt großen Bildschirm an der einen oder der anderen Wand. Alle rauchen sie draußen ihre Zigarren oder Zigaretten, und ich, bin zeitweilen mitten drin.



Wenn ich weiter stadteinwärts in südlicher Richtung unterwegs bin, dann sehe ich ein riesiges, imaginäres Schild, auf dem steht in großen roten Buchstaben: "Willkommen im türkischen Viertel." Es beginnt direkt nach der Unterführung, gegenüber der neuen Synagoge. Sportverein, Teehaus, Dönerladen, Frisör, Wettbüro und Spielhölle, was will Mann mehr?
Viele, viele Männer mit Oberlippenbärten, das Teeglas in der linken, und die Kippe in der rechten Hand, manchmal auch umgekehrt. Ich schaue starr nach vorn und lausche den Gesprächsfetzen. Wenn ich es eilig habe und ihren neugieren Blicken ausweiche, dann mache ich mir einen Spaß daraus und bilde kleine Geschichten in deutscher Sprache aus all den türkischen Gesprächsfetzen die mein überreiztes Gehirn fluten.
Dann schmunzle ich, grinse auch manchmal und gehe einfach gut gelaunt an ihnen vorbei.
Ganz ehrlich, ich bevorzuge, wie bereits erwähnt, die italienische Espresso-Bar. Das türkische Viertel ist vielleicht auch ganz nett und nicht minder schmuddelig, doch mein Viertel ist es nicht.
Mir geht es durch den Kopf, hinunter in den Magen und ich kann es einfach nicht haben an ein und der selben Straßenecke zu verweilen. Die Zerstreuung meiner Gedanken ist von großer Bedeutung. Meine Gedanken sind frei und sie fließen durch die Straßen. Bloß keine Stauung, ein Fluss muss entstehen, denn sonst stinke ich nach sehr stark konzentriertem Urin.

Deshalb scheiße ich wie alle anderen auch, in jedem Viertel meiner Stadt. Heute bin ich hier und morgen bin ich da, übermorgen bin ich vielleicht ganz wo anders.
Ich gehe durch den Regen, durch die Kälte, durch die leeren Straßen am Sonntagmorgen. Ich grüße den, den und vielleicht grüße ich auch dich, mit einer kurzen Handbewegung oder einem kaum wahrnehmbaren Kopfnicken, vielleicht grüße ich dich aber auch nicht. Vielleicht befinde ich mich gerade dann in einem dahinfließenden Gedankenfluss und gehe einfach gut gelaunt an dir vorbei.


Montag, 11. November 2013

Kommen und Gehen (1)


Ich bin hier und dort. Bin mal dort und mal hier.

Was ändert sich?

Die Tastaturen, die Bildschirme und auch die Texte ändern sich.

Und wer oder was bleibt?

Was bleibt? Was bleibt, bin ich. Ich und das Schreiben. Schreiben in jeder nur erdenklichen Lebenssituation. Denken und schreiben. Wenig öffentlich, ganz viel Text entsteht im Stillen, im stillen, stillen Kämmerlein. Abgespeichert, ausgedruckt und manches wird auch wieder verworfen.

Ich schreibe nicht für sie, nicht für ihn, nur für mich. Schreiben und denken. Denken und Schreiben, am liebsten stundenlang. Viel lieber würde ich nicht so viel reden, viel lieber würde ich einfach nur schweigen um konzentrierter, viel besser zu Schreiben.
Schweigen um besser zu Schreiben.

Nie wieder reden, nur noch Schreiben. Aus einer Wunschvorstellung könnte ganz schnell ein Alpdruck sondergleichen entstehen. Ich blicke in den Spiegel und sehe mich. Sehe mich mit zugenähten Lippen und aufgerissenen Augen.

Puff!! Peng, Zischhhh!! Aus der Traum!

Grauer, nach Schießpulver riechender, dichter Qualm hängt in der Luft. Aus der Traum! Der Traum vom feinen Schweigen, vom freien Schreiben.
Verbliebene Kräfte sparen. Platz schaffen, einen alten Raum für neue, ganz frische Gedanken schaffen.

Ersinnst du dich? Weißt du noch wo der Schlüssel liegt? 

Nimm den verrosteten Schlüssel für das alte Vorhängeschloss und gehe die steilen Stufen, die Treppe hinunter. Öffne die knatschende Holztür deines kleinen Depots. Es steht seit Jahren voll mit Müll. Einst mal war dieser dunkle Raum ein sonnendurchflutetes Zimmer. Es war ein schöner Raum. Ersinnst du dich? Heute ist der Raum in Dunkelheit gehüllt. Er riecht muffig  und ist stark zugemüllt. Ungenutzt. Schade, wirklich sehr, sehr schade.

So gerne möchte ich frei sein. Frei, im Sinne von der großen Freiheit.

Kommen und Gehen (2)



Du möchtest gerne frei sein?  

Ich?

Ja, Du!

Jenes Ich, mit der schwarzen Wollmütze (wie sie Hafenarbeiter tragen), mit den schwarzen Halbhandschuhen und einem langen schwarzen Schal um den Hals geschwungen, er betritt die Bühne, stellt sich in den Lichtkegel und schreit, und reißt die Türen und die Fenster aus den Angeln. Er schmeißt den Sperrmüll der vergangenen Jahre auf die Straße und denkt sich ganz nebenbei:
„Noch vor einigen Jahren hätte ich es nicht gekonnt. Na hoffentlich überanstrenge ich mich.“

Die Zeit (sie gehört dir) sie ist zu dir gekommen und ist ein Gast von kurzer Dauer.
"Die Tage, Monate und Jahre die mir verbleiben, wer weiß schon genau, wie lang, oder schön, vielleicht extrem anstrengend, oder auch zäh, sehr langatmig, vielleicht doch eher sehr schnell, grenznah, hart am Limit, kurzatmig und für immer und ewig beendet mit vielen kleinen, ganz, ganz stillen, Herzinfarkten, gefolgt dem einen, dem großen Herzversagen, der dich aus den Schuhen, dem Leben reißt."

Was ändert sich?

Jenes Ich, welches auch immer, kam zur Welt, verweilte hier, eilte dort. Jenes Ich hat gelebt und ist verstorben, wirklich geändert hat sich nichts.
Und wer oder was bleibt?

Trauernde. Salzige Tränen vereinen sich mit dem Schmerz und der Schmerz vereint sich mit der Trauer.

Liebe Tante ich werde dich vermissen:

Requiescat in pace.