Sonntag, 13. Oktober 2013

Martin Fietz

Ihsans Reisebericht (4.0)


Jetzt wo ich gelernt habe das türkische Bier zu genießen, jetzt wo ich gelernt habe mir nach jeder Mahlzeit einen qualitativ hochwertigen Kaffee selbst zu kochen, jetzt, könnte ich auch noch länger hier in der Ferne, in der Türkei verweilen. 


Auf der Suche nach meinen türkischen Wurzeln habe ich viele, viele wertvolle Dinge gefunden. Ich habe gesehen und ich habe sogar noch etwas lernen können. Nicht für die Schule, nicht für mein Examen, fürs Leben. Ich weiß, dass beide Länder nicht unterschiedlicher sein können. Es gibt keinen Vergleich für das Leben hier und das Leben dort. Ich jedoch bin nun um eine Erkenntnis reicher. Ich habe für mich erkennen können, habe begriffen warum das Leben in Deutschland so lebenswert für mich ist. Es ist nicht die Politik, es sind nicht die sozialen Absicherungen, es sind nicht die sauberen Straßen und es sind auch nicht die großen blonden Mädchen, von denen hier jeder notgeile Kerl redet.
Es gibt lediglich nur zwei Gründe warum ich mich so sehr nach meiner Geburtsstätte sehne: Meine liebe Frau und mein einzigartiger Sohn. 


Ob ich nun hier bei meiner türkischen Mischpoke lebe, oder dort, spielt im Grunde genommen keine Rolle. Denn das Leben in Deutschland kann mindestens genauso beschissen verlaufen wie das Leben in der Türkei. Natürlich auch umgekehrt. 


Es ist die Liebe, die mich seit meiner Ankunft, jeden Tag daran erinnert hat, wo ich herkomme und wo ich hingehen werde. Sicherlich sind Reisen mit dem Reiseziel Istanbul oder Antalya notwendig. Sicherlich bin ich trotz der verhassten politischen Situation mit samt den erschreckenden Auswirkungen auf das Land und die Menschen sehr, sehr traurig. Die Bilder der notdürftigen Menschen auf den Straßen und in der Familie werden mir ein Leben lang nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Ihsans Reisebericht (4.1)



Trotz meiner deutschen Staatsbürgerschaft, trotzdem und vielleicht auch gerade deshalb fühle ich mich gerade in diesem Augenblick wie ein Türke sondergleichen. Ich sehe jedoch auch die krassen Unterschiede- ich sehe sogar noch sehr viel mehr. Jedoch denke ich jetzt etwas differenzierter, denn auch ich muss mein Leben leben, nicht hier, sondern dort. Ich weiß, ich gehöre nicht hierher.


Mit dem goldenen Rückflugticket in der Hand, bleiben mir nicht mehr viele Tage. Ich versöhne mich nun mit mir selber, den Menschen und dem Land. Die letzten, mir verbleibenden Tage werde ich in vollen Zügen genießen.


Aus diesem Grunde beende ich an dieser Stelle meine kleine Serie: 
„Ihsans Reisebericht“.


Eine allzeit gute Reise wünscht Ihsan: "Güle, güle!“

Bob Marley



Samstag, 12. Oktober 2013

Büyük Londra Oteli

Grand Hotel de Londres


In Gedanken gehe ich noch einmal durch dieses uralte Viertel, durch die engen Gassen und verwinkelten Straßen Istanbuls, auf der Suche nach dem „Grand Hotel de Londres“.
Und da stehe ich dann plötzlich und frage ganz höflich ob ich ein paar Fotos für meinen Blog knipsen darf. Wer den Film „Gegen die Wand“ von Fathi Akin kennt, der kennt auch das „Grand Hotel de Londres“. 


Ich sitze gerade hier in Antalya auf dem terrassenartigen Balkon, sitze, schaue in den sternenklaren Himmel bei sommerlichen Temperaturen. Dabei rauche ich meine Filterzigarette und schlürfe ein eiskaltes EFES-MALT aus der Dose. Hier sitze ich nun und empfinde ein Gefühl sondergleichen. Nicht heimweh, eher fernweh kommt diesem Gefühl gleich. 


In Gedanken sitze ich nicht hier sondern dort. Nehme noch einmal Platz auf einem der Hocker an dieser uralten Bar, in dieser uralten Lobby. Und ich rieche den Duft der alten Möbel, und ich rieche den Duft von meinem frisch gebrühten Espresso. 


Eines schönen Tages werde ich zurückfinden, einchecken und in einem der Zimmer in dem schönsten Hotel Istanbuls wohnen. 


Charles Bukowski


Ihsans Reisebericht (3.0)


Nichts ist so wie es auf den ersten Blick scheint. Hier ist die Wirklichkeit verschleiert und verborgen. Hier kriegt man das wofür man zahlt, ätsch, falsch gedacht! Jede dahergelaufene Nase wird nach Belieben unterschiedlich extrem hoch oder ganz besonders tief abgerechnet. Hier ist man umzingelt von einem nimmersatten Wolfsrudel auf der ewigen Jagt. Am Tage sowie in der Nacht lauern sie hinter jeder Ecke. Der "Standard-Tourist" aus nah und fern kriegt von alldem leider gar nichts mit. Dies ist sicherlich von Seitens des Reiseanbieters, sowie vom Reisenden selber genau so erwünscht. Keiner interessiert sich für die alles vernichtende Schräglage des gesamten Landes.  Was schert es mich, was geht es mich an, ich mache hier lediglich nur meinen hart verdienten Jahresurlaub, ich verprasse hier mein Geld nach Belieben wann und wo es mir passt. Ob auf dem Quad, auf einer Tour durchs Inland, ob auf dem Schiff über den versunkenen Städten, oder im klimatisierten Reisebus auf dem Weg zum nächsten Teppichverkauf vom Werk aus. Das Geld, die Scheine flattern im Winde dahin. 

Ihsans Reisebericht (3.1)


Selbst wenn der schuhputzende Junge zwei Staßenecken vom Hotel entfernt einen Preisaufschlag von rund vierhundert Prozent verlangt, ich zahle, selbst wenn ich für eine Fake-Ray-Ben-Sonnenbrille genauso viel wie für das Original ausgebe, ich zahle, obendrauf gebe ich sogar noch Trinkgeld nur um zu zeigen wie gerne ich zahle und am Abend trage ich mein All-In-Bändchen am Handgelenk und schlürfe meinen Cocktail  an der Hotelbar mit perfekter Sicht auf den Pool und den halbnackten Russinnen drum herum.

Freitag, 11. Oktober 2013

Ihsans Reisebericht (3.2)


Noch vor einigen Tagen im historischen Stadtkern von Istanbul, heute unterwegs in den von Touristen überlaufenen Straßen von Antalya.  Ein kurzer Inlandsflug von Istanbul nach Antalya und meine Welt, meine Gedanken zu diesem wundervollen, stark abschreckenden Land, haben sich auf einen Schlag verändert. 

Ihsans Reisebericht (3.3)


Ich schäme mich dafür, mal der türkischen Staatsbürgerschaft zugehörig gewesen zu sein. Dieses wirklich, wirklich schöne Land wird gerade jetzt in diesem Augenblick, fortwährend zerstört. Im großen Stil wird ausgebeutet, geraubt, geplündert und für immer und ewig zerstört.

Zerstörung, wo ich auch hinblicke, Zerstörung, ganz egal wo man sich in der Türkei aufhält.

Ihsans Reisebericht (3.4)



Ich für meinen Teil bin hier um meine Familie zu besuchen. Ich bin hier um für einige Tage abzuschalten. Anfangs fiel es mir auch nicht sonderlich schwer. Viele Besuche standen an, ich hatte gar nicht die Zeit um über die Geschehnisse und den Alltag in Deutschland nachzudenken. Natürlich fehlt mir mein Sohn und meine Frau, aber ansonsten konnte ich richtig gut ausspannen. Doch heute, alle Pflichtbesuche liegen nun hinter mir, heute habe ich die Zeit mir meine Umgebung und alle Menschen in diesem Umfeld näher zu betrachten. Und beim näheren Betrachten fällt mir ganz besonders auf, wie stark sich hier alles ums Geld dreht.

Ihsans Reisebericht (3.5)


Ein Jeder versucht dem Anderen Geld aus der Tasche zu entlocken. Verdammt nervig, wenn man keine Lust hat ständig übers Ohr gehauen zu werden. Verdammt anstrengend wenn man einfach nur mit den Händen in der Tasche durch die Altstadt spazieren will. Und zudem ganzen Getue um des stinkenden Geldes wegen, kommt dann noch die Betonisierung einer einst mal so wundervollen und schutzwürdigen Naturlandschaft. Desweiteren rollt der stetig steigende Verkehr nonstop über den Asphalt. Manchmal denke ich, ganz egal wo man hinschaut, ganz egal wie arm der Großteil der Einwohnen in diesem Land ist, es fahren mehr Autos auf den Straßen herum, als Menschen auf dem Bordstein gehen. Zugegeben, auf dem hier geposteten Foto ist davon nicht viel zu sehen.  

Ihsans Reisebericht (3.6)



Um auf den Punkt zu kommen. So schön es früher einmal war, so schön die Kindheitserinnerung auch heute noch sind, es betrübt mich sehr, doch es ist so wie es ist, die Türkei geht vor die Hunde! 

Montag, 7. Oktober 2013

Ihsans Reıseberıcht (2.0)

Oh du meın gelıebtes Krähennest, bıst meın Freund ın dıeser schweren Stunde, hörst mır zu, bıst hıer für mıch ım Jungel der Grossstadt.
Zurückgezogen, sıtzend auf der Bettkannte quäle ıch mıch, mühe mıch ab mıt der türkıschen Tastatur. Lärm um mıch herum. Laute Stımmen, kreıschende Sırenen, nıe verstummender Verkehrsälrm, ın eıner nıemals ruhenden Stadt, eıne aggressıve Romanze sondergleıchen.
Verdammt sollst du seın, Stadt der 1001 Gesıchter. So trügerısch schön ıst deın Antlıtz, selbst ıch bın geblendet beı deınem Anblıck. Tagtäglıch tappen all dıe armen Seelen ın deıne Fallen. Tagtäglıch verenden sıe qualvoll ın ıhrem eıgenen Blut, sınd eıngekotet und ın ıhren Haaren hängt grobkörnıg Erbrochenes. Du bıst erbarmungslos, sıtzt eınfach nur da ın deınem bequemen Kınosessel und schaust zu. Du bıst erbarmungslos, schaust weg und gehst eınfach an ıhnen vorbeı, während sıe ahnungslos, torkelnd durch dıe Strassen ın deıne Fallen tappen. Du, du spıelst von morgens ın der Früh bıs spät ın dıe Nacht, ın den nächsten Tag hıneın, mıt Menschenleben wıe eın Falschspıeler am Tısch mıt gezınkten Würfeln oder falschen Karten.


Ihsans Reıseberıcht ( 2.1)




Was ıst so besonders an dır, warum kommen sıe ın Scharen und können dıch nıcht mehr verlassen?
Sıe kommen, sıe kommen über das Wasser und über das Land. Sıe kommen, sıe kommen aus allen Herrenländern, flıegen ıhre schwerlastıgen Körper ın den dıcken Bäuchen der Stahlvögel umher, um zu landen auf deınem verseuchtem Boden. Sıe, zu denen auch ıch mıch zähle, somıt wır, sınd von deıner Schönheıt geblendet.
Sobald dıe ersten Sonnenstrahlen über den Dächern der maroden Häuser aufgeht, sobald dıe müden, dreckverkrusteten Strassenkatzen sıch nach eıner langen Nacht ın dıe Sonne, auf eınen umgekıppten Grabsteın legen, gehen vıele, vıele Menschen vor dıe Tür, den Schlaf noch ın den Augen. Sıe zıehen sıch den Reıssverschluss ıhrer Jacken bıs zum Kragen hoch, setzen ıhre Sonnenbrıllen auf und blıcken ın deın wunderschönes Gesıcht.
Sıe, ob arm, ob reıch, fühlen sıch ausserordentlıch stark von dır angezogen. Sıe fühlen sıch wıe frısch verlıebt.
Deın wunderschöner Anblıck- Deıne Magıe ıst allgegenwärtıg und nıcht ın Worte zu fassen. Aufs Neue, Neue und ımmer wıeder Neue wırd man von dır geboren- ausgespukt oder hıngeschıssen, und genau ın dıesem Moment fühlt man sıch nackt und verletzlıch, neın man fühlt sıch wıe der glücklıchste Mensch auf Erden.



Sonntag, 6. Oktober 2013

Ihsans Reısebrıcht (1)

 

 
Nur kurz, auf dıe Schnelle, aus eıner Stadt dıe schneller nıcht seın könnte, aus Istanbul. Wunderschön, und schrecklıch abstossend zugleıch. Ach übrıgens dıe türkısch-style Tastatur auf der ıch tıppen muss, ıst eıne Herausvorderung sondergleıchen. Mehr Text, mehr Gedanken zu meıner Reıse gıbt es spaeter...

Freitag, 4. Oktober 2013