Montag, 25. Februar 2013

Pavel Turkovski - Back in town (7)


Pavels Nacht war lang, sehr, sehr lang und schlaflos gewesen. Dementsprechend ging es ihm schlecht, sehr, sehr schlecht. Der Grund für seine schlaflose Nacht war der Termin beim Amt für Arbeit.

Seine Freude auf diesen ersten Tag, dem ersten Tag auf dem hiesigen Arbeitsmarkt, hielt sich dementsprechend in Grenzen. Anders gesagt, er empfand nichts als Frustration und Leere in sich. Nach dem Ende seines Daseins als pathologischer Haribo-Goldbärchen-Fresser, nach dem Ende seines Aufenthalts in der Heilanstalt, kamen ihm wieder die leicht schwermütigen Gedanken von damals. Der heutige Tag, der acht Uhr Termin bei Frau Ichkonntemirihrennamennichtmerken, war eine  nervliche Belastung sondergleichen. Nach seinem Nuttenfrühstück, einem schwarzen Coffee2Go und einer Zigarette, betrat er also mit stinkendem Atem das klaustrophobisch kleine Zimmer im obersten Stockwerk des Arbeitsamtes. Er begrüßte mit leiser Stimme seine Kundenberaterin, und setzte sich auf einen hässlichen braunen Stuhl mit dunkelgrünem Sitzpolster. So wie er da saß, las er das Namensschild vor ihm: Frau Allzeit-Karabulut. 

Pavel Turkovski - back in town (8)


Die Frau mit dem Doppelnamen starrte stur auf ihren Bildschirm und hackte stakkatoartig auf ihrer Tastatur herum. Pavel richtete seinen deprimierten Blick aus dem deprimierend kleinen Fenster zu seiner Linken. Er blickte in graue Wolken, in einen regenverhangen Tag hinein, und gedanklich schweifte er in die Ferne, als er plötzlich in Erklärungsnot geriet, als ihn plötzlich eine unerwartete Frage von Frau Allzeit-Karabulut, wie ein Donnerschlag aus den grauen Wolken riss: „Sind sie geheilt?“ Nach einer langen Pause. „Hier in ihrem Entlassbericht steht, dass sie gesund und somit arbeitsfähig entlassen wurden.“ Völlig übermüdet, unausgeglichen wie er war, fing er erst an zu stottern und zu stammeln, dann erzählte er irgendetwas, teils Zusammenhangloses. Und so geriet er in schnelles Fahrwasser, in einen reißenden Redefluss und er erzählte ohne Unterbrechung viel, viel zu viel, solange, bis sein Mund gänzlich trocken war. Er hatte dieser fremden Frau, mit dem fremdartig klingenden Doppelnamen, irgendetwas erzählt, von dem er die Hälfte schon wieder vergessen hatte. Diese Frau (diesem in neubeamtendeutsch sprechenden Menschen) interessierte Pavels unbefriedigende Antwort in keinsterlei Weise. „Also gut Herr Turkovski, kommen wir nun zu ihren beruflichen Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Gleich einige Blocks weiter, Richtung Domplatz, neben Willis Rock-Cafè, wurde vor einigen Wochen eine neue Firma eröffnet. Diese Firma ist nur eine von vielen, hat sich jedoch in nur sehr kurzer Zeit einen wahrlich guten Namen gemacht, sie heißt: Wir-Versklaven-Jeden.“

Pavel Turkovski - back in town (9)


Pavel musste schlucken. „Herr Turkovski, sie haben keine abgeschlossene Berufsausbildung, wir können ihnen zur Zeit leider keine Weiterbildungsmaßnahme anbieten, und ihren Anspruch auf eine volle Leistung müssen wir ihnen leider auch sehr stark kürzen. Nachlesen können sie dies übrigens auf folgendem Ausdruck.“ Die Frau mit Doppelnamen schob ihm ein bedrucktes Blatt Papier über den riesigen Schreibtisch in dem klaustrophobisch kleinen Zimmer. „Soweit wir wissen, ist bei ihnen eine Mehlstauballergie nicht bekannt, somit können sie die gesuchte Stelle, vermittelt über die renommierte Firma: Wir-Versklaven-Jeden, als Helfer in einer Industriebäckerei, gesucht ab sofort, auch sofort besetzten. Ihr Termin...“ Sie schob ihm ein weiteres Blatt Papier über die scheinbar frisch polierte Tischplatte. „...bei Herrn Blutsauger ist heute Nachmittag um drei. Bitte erscheinen sie pünktlich und in angemessener Kleidung. Auf nie mehr Wiedersehen und einen arbeitsreichen Tag. Wenn ich sie bitten darf, schicken sie mir beim Rausgehen doch bitte den nächsten Kunden rein.“ Pavel sah bedrückt auf die Blätter die er zwischen Daumen und Zeigefinger beider Hände hielt. Er blickte der Frau hinter dem Schreibtisch in die stahlblauen Augen und fragte: „Bevor ich mich auf den Weg mache, noch eine Frage. Welche Bedeutung hat der Name Karabulut, in ihrem Doppelnamen?“ Die Kundenberaterin kniff ihre Augen zusammen und antwortete: „Dunkle Wolken.“ Pavel wich verstört ihrem Blick aus und verließ mit gesenktem Haupt das Zimmer. Die Türklinke noch in der Hand sah Pavel einen ausgemergelten Mann mit Dreitatgebart, in schwarzer Lederjacke auf einen der abgenutzten Stühle sitzen.  Er nickte still schweigend über seine Schulter in Richtung klaustrophobisch kleines Arbeitszimmer, und dachte: „Allzeit-Dunkle-Wolken.“   

Sonntag, 24. Februar 2013

Rocksteady - The Roots of Reggae

Das Telefonat


Vor dem Telefonat. Melancholisch klingende Opernmusik, wirklich wunderschön. Eine Frauenstimme singt in fast allen Tonlagen ein Lied von der Einsamkeit im dunklen Walde. Sie singt vom kalten Wind der sie umgibt. Das Lied bricht abrupt ab und das Telefonat, geführt in Bochum, zwischen Heinz und Renate beginnt. Es beginnt mittendrin:

Dat lohnt sich nicht. Da lege ich auch keinen Wert drauf. Nö, Nö, Nö. Die haben wohl viel Geld, aber sind einfach zu doof. Ja genau. Ich glaub die haben auch keine Kinder, ne? Äh, weiß ich nicht. Ich glaube nicht. Der Heinrich, der hat ja seinen Reichtum, dat was er hat, durch seinen Vater. Ja, der Heinrich. LKWs und so ne? Der Heinrich hat alles mit viel Fieberrei als Verfolgter geschafft. Ja, ja. Ja, ich weiß dat. Und dann hat er den Autobus gehabt, und dann hat er die Frau kennen gelernt und der olle Graf, dat ist ja der Vater von ihr. Ja, ja, die machen ja mit Graf. Sie ist ja geborene Graf.  Ja genau. Und jetzt steht er da als König unter Kuratel. Der olle Graf bestimmt was geschieht. Genau. Den Eindruck habe ich auch. Sie ist nämlich auch so bestimmend, weißt de. Der hat auch nichts bei ihr zu sagen. Ach wat, wenn er was will, dann muss er erst fragen. Aber ganz höflich, weißt de.

Du ich war heute den ganzen Nachmittag unterwegs. Renate, ich hab schon versucht dich anzurufen und es war immer besetzt. Da hab ich der Mutti dat gerade so erzählt. Ah so. Ich habe gedacht: „Die arme Renate, was die sich da wieder...“ Ja ne, ich war so um kurz nach sieben hier. Ja. Wir waren um zwei Uhr schon gefahren. Kurz nach sieben war ich erst hier. Da habe ich es natürlich erst der Mutti berichtet. Ja, ist ganz klar. Also wir haben einen sehr schönen Sarg genommen. Ja. Und haben den von innen auch so ausgestattet. Ja. Und mit einem Kreuzchen drauf. Ist der denn von hier? Nein, der kommt erst Montagmorgen. Ah ja. Dat hat ja noch Zeit. Weil dat noch alles in Lippstadt gemacht werden muss. Ah ha. Ach so, die wird in Lippstadt eingesargt und dann kommt sie erst hier her? Vor allen Dingen durchs Standesamt, läuft dat erst in Lippstadt. Ach so, ja? Sie muss erst dort oben abgemeldet werden, da sie ja dort oben verstorben ist. Ach ja, sie war hier ja gar nicht mehr angemeldet. Doch. Der Tante Elli die Wohnung war zwar hier schon aufgelöst, aber sie war ja nicht abgemeldet. Ne, also dat war jetzt noch der Unterschied. Ah so. Sie ist hier noch gemeldet. Aber sie ist ja in Eikelborn verstorben, und darum muss dat jetzt dat Standesamt in Lippstadt machen.

Du hör mal Renate, dat mit dem Sterbegeld von der äh, äh, Versorgung, nee. Ich glaub, da gibt’s gar nichts. Ne? Weil dat häusliche Gemeinschafts-Voraussetzung ist. Ah so. Ja, und dann ist es wohl noch so, dat erst noch alles Andere angerechnet wird. Ja, und wenn dann noch etwas übrig bleibt, dann kann evtl. was... . Aber trotzdem versuchen können wir es ja. Wir haben es da gelassen. Hä? Wir haben die ganzen Akten noch gekriegt. Habt ihr die Akten gekriegt?  Die Versorgerinn, die ist heute Mittag noch zum Berthus-Hof gekommen, zu Herta, hat... Mhh, mhh ...uns die ganzen Klamotten gegeben. Also wir haben das Aktenzeichen vom Versorgungsamt. Habt’da alles? Ja, von der AOK allerdings nicht. Aber da sind wir... Ja, ja brauchst du ja nicht. Von der AOK brauchst du ja nur Geburtsdatum, Vor- und Zunamen. Ja, ja, dat macht er ja jetzt alles. Hör mal, dann pass auf, noch was. Hör mal, wenn der dat macht, ne, dann soll er ein paar Sterbeurkunden mehr bestellen. Habe ich schon. Ich hab gleich zehn Stück bestellt. Ja dann hast du dat ja gut gemacht. Habe ich nee? Gut, ja wunderbar.

Ich habe schon gedacht, wenn da auf uns wat zukommt, dat habe ich mir sofort schon gedacht. Ja- ja, ja. Dann sind wir hinterher nämlich die Gelackmeierten. Ja, ja. Und dann müsste man immer wieder Auszüge von Lippstadt anfordern. Ganz genau. Und dat ist ein Umstand. Hör mal, dann lass lieber noch ein paar mehr machen. Du weißt ja nicht wofür dat alles noch notwendig sein wird. Ja, dat kann ich ihm dann ja noch sagen. Ja, ja. Dat macht er dann auch. Denn er konnte heute am Friedhofsamt ja gar nichts mehr erreichen. Überhaupt nichts? Es ist wohl durchaus möglich, doch er sagte da konnte er sich jetzt nicht festlegen. Entweder kommt sie zum Blumenfriedhof, oder nach Grumme. Ja, dat ist gut. Ja dat habe ich auch gedacht, dat ist ja nicht so wild. Ne, ne. Ich meine er will den Blumenfriedhof vorziehen. Ja, ja. Aber wenn es eben nicht geht, dann geht es nicht. Ähe, ähe. Und mit der Beerdigung, die wird höchstwahrscheinlich Mittwoch sein. Mittwoch? Ja. Ohh Mann, oh Mann. Dann muss ich dem wohl absagen. Ja gut. Mittwoch habe ich nämlichen einen Termin. Heinz warte erst mal noch ab. Ja. Morgen Mittag weiß ich näheres. Weil er sich morgen erst mit dem Friedhofsamt in Verbindung setzt. Weißt du? Morgen? Ja, da war heute nichts mehr zu machen. Ja. Ab morgen um dreizehn Uhr wissen wir mehr. Ja. Wie dat ist, und wann die Beerdigung sein wird. Dann sag ich dir auf jeden Fall bescheid.

Hör mal, willst du denn noch Totenbriefe verschicken? Hab ich schon alles bestellt. Du, ähm, was ich noch sagen wollte. Ähh, der Wolfgang Kassel, hast du dem auch bescheid gesagt? Ja, der weiß auch bescheid. Renate du denkst aber auch an alles. Der Wolfgang weiß bescheid, die Hermes und die Roswitha wissen bescheid. Die Wortmann, die ist nicht da, die ist bei der Christa. Ja. Aber die Anna weiß auch schon bescheid. Ja... Hör mal dann kann die Wortmann auch bei der Christa bleiben, dann brauch die nicht erst zu kommen. Ja, eben. Weil, ist ja auch für sie eine Strapaze. Ja genau, die kann ja nun auch nicht mehr so richtig. Ach wat, und die Christa, die kann dann auch da bleiben. Die wird auch nicht kommen, dat glaube ich nicht. Und wie ist es mit der..., mit der..., ach warte mal... Meinst du Ruth? Ja. Ruth, die ist auch noch da. Ruth weiß auch bescheid? Ne, die, die kriegt einen Brief du. Ja schön, die kriegt’n Brief. Ich weiß nicht ob die Hertha sie anruft? Ich seh sie ja gar nicht. Ich kenn sie wohl, aber ich bin wer weiß wie lange nicht mehr da gewesen. Die Hertha, die hat glaube ich doch ein bisschen mehr Kontakt zu ihr. Wie ist dat mit der..., mit der..., wie heißt die noch... . Schröder? Die Erna, ne die Resi ne?. Ja, ja. Die dürfen wir nicht vergessen. Ja, ja. Die Resi ist auch immer lieb gewesen. Ja, ja. Habe nämlich schon alles aufgeschrieben. Ich schreib hier schon die Umschläge. Die habe ich hier. Die mache ich jetzt gleich fertig, und die Totenbriefe, die kriegen wir ja auch erst Montag ne.

Du hör mal, und dann ist da doch noch die, die Frau von dem Wilhelm. Wat ist mit der?  Die Anna Rupieteer. Ja. Ja solln wa? Ja. Die gehört ja auch dazu. Ja. Ich weiß aber nicht wo die wohnt. Wohnt die nicht Hohestraße? Weiß ich nicht. Ich hab keine Ahnung wo die wohnt. Und dann ist da ja noch der Horst, ne? Ja, weiß ich nicht. Ich habe von Dortmund gar kein Telefonbuch. Ja, ich auch nicht. Och, ist doch auch egal. Muss ich mal gucken. Ich schreib es mir auf jeden Fall auf. Nicht dat die übergangen werden. Warte mal, ich habe hier ein Notizbuch, ich schreib es mir mal auf und gehe die Liste kurz mit dir durch, dann kannste mir sagen ob ich noch wat vergessen hab. Mhhm. Ich hab..., Ich hab aufgeschrieben: Heinz Rupieteer, Lothar, Roswitha, Klara, Karin,  Manfred, Tante Ata, die Boning, die Schmidt, unsere Mutter, Uta und Dieter. Resi Schröder und die Hausgemeinschaft wo sie gewohnt hat. Ja. Der Jutta Echtreling schicken wir noch eine, und wen hattest du noch so? Erna und Heinz Rupieteer aus Dortmund. Die leben ja glaube ich nicht mehr zusammen ne? Ja? Ich weiß es nicht. Sind die denn noch verheiratet? Ich meine die Hertha hätte da mal wat gesagt. Ach so. Ja. Die Hertha, die kommt ja noch zur der Mutti rauf... Ja. ...und dann werd ich sie mal fragen. Dann wolln wa noch ma gucken. Wat war denn noch...? Ich habe fünfundzwanzig Karten bestellt. Ach ja, die reichen ja dicke. Mehr ist dat ja nicht.

Ja und Kaffeetrinken machen wir dann auch. Ohh. Willst du dann auch machen ja? Ja sicher. Aber wenn schon, dann richtig. Ja, ja. Dat wär ja auch in ihrem Sinne gewesen. Ja? Ach sicher, dann wird dat Schmäuschen auch gemacht. Ja? Ja, ja. Und wenn wa dann frei nehmen ne? Und, dat ist auch ganz egal, auch wenn sie dann zum Grummefriedhof kommt, denn wir sind ja alle motorisiert ne? Ja sicher. Denn wie willst dat denn anders machen? Ja sicher. Die Hertha kennt den Gärtner von Grumme. Die Hertha kennt auch dort den Wirth aus der Kneipe am Grumme, die kann dat Ganze schön arrangieren. Die kann dat ja machen ne? Und wenn dann ein paar mehr kommen sollten, dann können wa auch ein paar Gedecke mehr machen, als wenn wa dann in einer fremden Kneipe hocken, und in die Röhre schauen. Ja sich. Ja, ist ganz klar. Du hast aber auch alles topp hingekriegt. Weißte, dat alles zu organisieren, aber kennste auch unser Herthachen, ne? Hertha kann dat ja auch, Häää, hä, hä, hä. Häää, hä, hä, hä.

Ja, ja, dat haben wir schon heute alles gut in die Reihe gekriegt. Ja, dann pass mal auf. Ah ja, dann werden wir ja noch über den Nachlass sprechen. Über den Nachlass müssen wir ja noch sprechen. Mhhh, mhh. Weil, ich hätte ja große Lust, große Lust den ganzen Scheiß auszuschlagen, weißt'de. Kein Brass oder so, aber... Ne Heinz, warum denn?! Warum denn?! Dann geht dat Ganze wieder zum Nachlassgericht. Ne Heinz, warum denn?! Dann wären wir ja schön doof. Dat tun wir auch nicht! Irgendwie, ähh, ich meine, ich bin da ja auch nicht wild drauf. Aber, aber es sollen ungefähr zweiundzwanzigtausend Mark da sein. Ja? Ne. Und wenn dat dann alles abgeht. Ich meine Beerdigung und so. Ja? Ich meine dat machen wir alles schön. Ja, ja! Und den Grabstein soll sie auch bekommen. Da werden die ja noch kommen, und dat war ja ihr Wille. Den Kostenvoranschlag den hatte die Fürsorgerinn damals schon eingeholt, vom Grabmetze-Hunnenberg. Mhh, mhh. Und noch keinen Aufpreis gegeben. Ich kann ja auch nicht zu Lebzeiten schon... Ne, dat macht man auch nicht. Macht man auch nicht. Und dann will ich wohl mal hoffen, dat die noch zu ihrem Wort steht, obwohl die ja mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun hat. Die, die Fürsorgerinn. Die Fürsorgerinn. Für die ist die ganze Sache schon abgeschlossen. Ja? Ja sicher. Dat sie da noch zu steht ne. Und dat muss ja dann alles von dem Konto, dat geht ja dann alles von dem Konto ab. Ja sicher. Ja, ja. Und dann bleibt auf jeden Fall noch etwas über. Denn die Krankenkasse, die zahlt ja auch. Was ausschlagen, hör mal, da wärst du ja dumm. Ne, warum denn?

Ja, dann pass mal auf. Dann wollte ich wat vorschlagen, für alle Fälle. Dann mach doch, dann bereite doch schon einmal so eine Art Vollmacht vor. Ne Vollmacht. Ja. Dat alle Erben, die da als Erben in Frage kommen... Ja. Dat geht ja gar nicht, die Inge Rupieteer aus Amerika, die ist ja auch noch da. Ja. Die gehört ja auch noch dazu, ne? Ja, ja. Ich weiß nicht wie dat genau läuft. Ach du [...] Aber dat besprechen wir am Besten wenn wir zusammen sitzen. Heinz ich weiß gar nicht genau wie dat läuft. Ja ne, dat kann nämlich hinterher ärger geben. Weißt’de? Jetzt stell dir vor, wir beschließen jetzt, so wie wir da sind...Mhh, mhh. ...und Geld wird aufgeteilt, und alles ne? Ja. Dat einer, von denen die, die nicht da sind, herkommt und sagt: „Damit bin ich nicht einverstanden, gehe zum Nachlassgericht und mache Krieg.“ Ja, ja kann sein. Dann hängste nämlich inne Seile. Ja, dat stimmt. Weißte? Ja, ich meine dieser Umkreis, ich meine Bochum, ja die wissen ja alle bescheid. Ja. Und die haben heute alle gesagt, macht wie ihr meint, ist in Ordnung, und ist auch in unserm Sinne.

Montag, 18. Februar 2013

Die Peitsche 1






Sein Onkel, der älteste Bruder seines Vaters, wurde auf die brutalste Art und Weise von seinem Opa (im Viertel wurde er „der große Ali“ genannt) erzogen, man könnte auch sagen: „Ausgepeitscht.“ Mit Vorlieb fielen die Peitschenhiebe nach einem verlorenen Kartenspiel, bei dem sein Opa auch schon mal ganze Tageseinnahmen verzockte.
Sein Onkel (keine Ahnung wie man ihn im Viertel nannte), nahm sich irgendwann einmal die Peitsche seines Opas (der mittlerweile, versoffen, alt und gebrechlich geworden war) und peitschte damit mit Vorlieb den jüngsten Nachkömmling der Familie aus, seinen Vater.

Die Peitsche 2






Irgendwie muss dann wohl irgendwann sein Vater in den Besitz jenes Familienerbstücks gekommen sein. In frühster Kindheit (quasi die ersten Erinnerungen die er an seinen Vater hatte) sah er mit an, wie sein Erziehungsberechtigter mit Vorlieb seinen, ganze fünf Jahre älteren Bruder, auspeitschte.

Die Peitsche 3





Er konnte sich noch genau an jenen Abend erinnern. Seine Eltern hatten die Wohnung verlassen. Er und sein Bruder waren mutterseelenallein. An diesem Abend wiederholte sich etwas, was man vor langer Zeit hätte unterbrechen, und somit verhindern können.

Sein Bruder kramte die alte Peitsche aus.

Er, war bereits im Schlafanzug und spielte mit seinen bunten Matchbox-Autos auf dem flauschigen Teppich, nahe dem ihn wärmenden Ofen. Langsam richtete er seinen Blick nach oben und sah seinen Bruder, der mit geschwollener Brust und der Peitsche in der Hand vor ihm stand.

Pavel Turkovski - back in town (0)


Pavel Turkovski

back in town

Einleitung


Pavel Turkovski, entsprungen aus der Anonymität der Großstadt, ist nach wie vor ein Niemand, der davon träumt, Jemand zu sein. Er ist ein einsamer, vergessener Mann, der verzweifelt zu beweisen versucht, dass er lebt.

Eine mehrteilige Blog-Geschichte, neuaufgelegt und zurück ins Krähennest geworfen von Ihsan alias “K’nack, die Krähe“.

Für ihn begann nun eine neue Phase des Menschseins.

Jeder kennt das Gefühl von frisch rasiert, ganz egal welche Stellen am Körper, ganz egal ob Männlein oder Weiblein. Jeder kennt das Gefühl von frisch geduscht nach der Arbeit, oder nach einer intensiven Begegnung der ganz besonderen Art. Jeder kennt es, in mit Weichspüler gewaschener Wäsche das Haus zu verlassen.
Kennt nicht ein Jeder dieses Gefühl? Fühlt es sich nicht herrlich an?“
Und hier das Kontrastprogramm.
Pavel ging raus aus dem Einhundertzehn-Miniapartment-Paradies-Haus und betrat alles andere als den Vorgarten Edens. Auf dem mit Hundekot versehenem Gehsteig latschte er prompt durch eine Pfütze und fand sich wieder in einer der vielen, nach Abfall und Urin stinkenden Straßen- seiner Ex-Geliebten-Heimatstadt.
Er befand sich mittendrin, im unregelmäßig pulsierendem Herzen, der vom Chaos regierten Großstadt. Hier, wo Pavels Geschichte nun zum zweiten Mal, und wohl nicht zum letzten Mal begann, stand er vor dem Zigarettenautomaten, stand er vor seinem Neuanfang, als er die Schachtel mit dem roten Kreis vor weißem Hintergrund aus dem Schacht zog, als die Sonne in seinem Kopf erschein.

Pavel Turkovski - back in town (1)

Erster Teil

Erstes Kapitel

(1)

Es war der Tag, an dem er aus der Psychiatrie entlassen wurde. Vor acht Tagen war sie sein aller, aller letzter Zufluchtsort gewesen. Er konnte nichts anderes mehr tun, als sich freiwillig einweisen zulassen.
Die Tage auf der Geschlossenen, ohne Ausgangsberechtigung (ohne Hofgang, so wie er es spaßeshalber zu sagen pflegte, so wie er sich mit ein wenig Humor, den Ernst der Lage etwas erträglicher gestaltete) gingen schnell vorüber. Jenes schutzwürdige Biotop war ihm von großer Bedeutung gewesen.
So näherte er sich Schritt für Schritt der Unabhängigkeit. Es erschien ihm ein wenig paradox, denn er wollte seine Freiheit zurückerlangen und wusste zugleich: „Ein Jeder ist auf seine Art und Weise abhängig von irgendwem oder irgendetwas.“
Auf der Station hatte er viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Zusehends erholte er sich von seinen kräftezehrenden Eskapaden der vergangenen Wochen. Er konnte sich erfolgreich, Tag für Tag ein wenig mehr von seiner Sucht, dem pathologischen Haribo-Goldbärchen-Verzehr distanzieren und fand so, den Weg zurück zu sich selbst.
Während des Aufenthalts in der Klinik, hatte er sich sogar auf die Zeit danach vorbereiten können. Bis ins Detail durchdacht konnte er direkt nach seiner Entlassung das siebzehn Quadratmeter kleine Zimmerapartment-Paradies beziehen, welches voll möbliert einem Leben im Wespennest glich.

Pavel Turkovski - back in town (2)

Erster Teil

Erstes Kapitel

(2)
 
Angekommen. Wieder in der Freiheit, frei von seinem Suchtmittel: den bunten Haribo Goldbärchen, erledigte er zunächst viele aufgeschobenen Dinge. Er erledigte ein kleines, aber dringliches Bankgeschäft. Bezahlte längst überfällige Rechnungen und tätigte notwendige Einkäufe.
Auf dem Weg zurück in sein vollmöbliertes Wespennest-Einzimmerapartment, vollbepackt mit zwei schweren Supermarkttragetaschen, stellte er sich die Frage: „Wo genau soll ich jetzt beginnen?“ Die leise Stimme in seinem Kopf, die den Tinitus, seinen treuen Begleiter, nur leicht übertönte, antwortete ihm prompt: „Na wo schon- natürlich am Anfang. Um genau zu sein, am Anfang vom Ende.“

Pavel Turkovski - back in town (3)

Erster Teil

Erstes Kapitel

(3)
  
Ein Leben am Rande der Existenz hatte ihn bereits vor Jahren sehr stark abgehärtet. All die Schmach, die Gedanken um all die komischen Fratzen, was sie wohl über ihn dachten, ob sie wohl lachten, all dass war ihm nun gleichgültig geworden. Vordergründig war nur noch der Schutz. Schutz vor sich selber, vor der Versuchung. Schutz vor den bunten, kleinen Teufelchen, den Haribo Goldbärchen.

Pavel Turkovski - back in town (4)

Erster Teil

Erstes Kapitel

(4)
 
Jenes Ich, dass bereits seit acht Tagen keine Gummibärentüte mehr in den Händen gehalten hatte, konnte nun spielerisch mit zusammengefalteten Geldscheinen in der Gesäßtasche fehlende Gebrauchsgegenstände für den Bereich Küche, Bad, Wohn-, bzw. Wohlfühlzimmer einkaufen. In jenen genannten Bereichen, vereint in zwei kleinen, aneinander grenzenden Räumen, gab es zuvor nichts Pavelspezifisches. So packte er also seinen neuen Aschenbecher aus, stellte ihn neben die Tastatur seines lahmenden Personalcomputers und steckte sich eine Zigarette an. Erst nach jenem Akt, tat er auf eine Zigarettenlänge so als ob er zuhause angekommen wäre.
Genau darin lag Pavels Schwierigkeit.
Er konnte sich partout nicht wohlfühlen. Er konnte nichts ausräumen, einräumen, abschrauben oder anschrauben, ganz egal was er sich vornahm, anfing, was er in die Hände nahm, es gelang ihm nichts, was ihn hätte in die Richtung Wohlfühlen führen können.

Pavel Turkovski - back in town (5)

Erster Teil

Erstes Kapitel

(5)

Nach übermäßigem Kaffee- und Zigarettenkonsum musste Pavel er erst einmal scheißen (oh, welch schreckliche Wortwahl, mich stört sie auch, doch Pavel musste nun einmal scheißen). Dabei dachte er angestrengt nach, dabei las er für gewöhnlich. Jedes Badezimmer, und in diesem Fall jenes Badezimmer mit Duschkabine und freihängender Porzellanschüssel, war für ihn ein kleines Büro.
Auf der Schüssel sitzend, dachte also weiterhin, sehr angestrengt nach. Er wusste, dass dieser Toilettengang mit zu seinem Neuanfang, der neuen Phase des Menschseins gehörte. Er wusste, dass die besten Ideen ihm auf der Toilette, oder unter der Dusche kamen. So dachte er also und stolperte über einen Satz in seinem kranken Kopf, der ihn schon seit längerer Zeit begleitete. Es war ein Satz von Leonardo da Vinci, der nicht nur ein hervorragender Maler (die lächelnde Mona Lisa stammt von ihm) und ein genialer Erfinder (er konstruierte zum Beispiel Flugmaschinen, Fallschirme und Wasserturbinen) war. Da Vinci war auch ein Fabel- und Märchenerzähler und hat zahlreiche kleine Geschichten und Rätselsprüche aufgeschrieben, wie z.B. diesen:
Binde deinen Karren an einen Stern.“

Pavel Turkovski - back in town (6)

Erster Teil

Erstes Kapitel

(6)

Binde deinen Karren an einen Stern.“
Dieser Satz könnte für Pavel eine Art Orientierung, Richtlinie und Leitsatz sein. Der „Karren“ könnte für alles stehen, was an Aufgaben, Prüfungen, Herausforderungen, Verpflichtungen, Freud und Leid auf ihn zukommen würde. Und der „Stern“ als Wegweiser und Orientierung. Der Stern könnte es ihm erleichtern Herausforderungen anzunehmen; um das Ziel seines Lebens zu erahnen. Was Pavel brauchte, waren lediglich nur ein paar Lichtblicke in die Zukunft.