Sonntag, 4. November 2012

Momentaufnahmen


Die Kunst des Schreibens, wenn er einer solchen überhaupt mächtig war, hatte er über die Wochen und Monate hinweg schlicht weg verloren. So glaubte er zumindest. Verloren so dachte er, verloren, so wie die Windows-Taste seiner im Anschlag harten, fast schreibmaschinenartigen Tastatur. Verloren, oder doch stibitzt, abgeknibbelt, abgerissen, abgepickt von einer Elster, einem Spatz oder gar einem Wellensittig. Zusammen mit der schwarzen Windows-Taste im diebischen Schnabel einfach davongeflattert. Hört sich plausibel an, ist es aber nicht.

Einzig und allein verloren hatte er all die Ideen, die Wörter, aneinander gereiht, versponnen in seinem Kopf. Ungeschriebene Geschichten. Gesponnen zu einem Netz voll bunter Eindrücke, wilden Erlebnissen, den langen Sommer lang, bis in den Herbst hinein, gesammelt in seinem nicht existierenden Rucksack.

Einzig und allein waren ihm einige Bilder geblieben. Momentaufnahmen von denen er hier an dieser Stelle einige präsentieren mag.  

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Entspann dich


„Entspann dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Es ist so schön!“


Kurt Tucholsky

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Erinnerung an einen heißen Sommertag 1



Grillenzirpen, Vogelgezwitscher.

Erschlagen von der Trockenheit, der Hitze, lag er mit freiem Oberkörper auf  dem Rücken, auf dem Bett, unter dem ausgebreiteten Fliegennetz. Mutanten-Moskitos jagten ihre Opfer am Tage sowie in der Nacht. Mutanten-Moskitos kamen vom kleinen Fischteich durch das sperrangelweit offen stehende Fenster gesummt, und warteten auf die nächste sich bietende Chance zuzustechen.

Er schaute aus dem Fenster und blickte in den wolkenlosen Himmel, er schaute aus dem Fenster und blickte auf dicke Stämme. Hochgewachsene, alte, gesunde Bäume mit dicken, knorrigen Stämmen und einem dichten Blätterdach, die das gleißende Sonnenlicht vor den schützenden Mauern seiner grünen Burg hielten.   

Erinnerung an einen heißen Sommertag 2



Draußen herrschte Windstille.

Als hätte die Welt, und mit ihr alle Erdenbürger, ihren schweren Atem angehalten. Er sehnte sich nach einem plitsche platsche Regenschauer. Er sehnte sich nach einem kühlen und erfrischenden, samtig seichten Seidenlaken auf seiner sonnengeröteten Haut. Er sehnte sich nach dicken Regentropfen, welche leider nur in seinem Kopf tropften. Nur in seinem Kopf stand er unter den Bäumen und es tropften Tropfen von dem frischen Grün , auf seine strohiges, ausgeblichenes Haar.

Bei den Gedanken, den Sehnsüchten, fiel er unerfüllt in einen unruhigen, stark verschwitzten Schlaf.
Er träumte vom Hopfen, vom verkümmerten Korn. Er träumte vom Felde und sah all die abgeknickten Hälse. Er träumte vom Tropfen über den auch sie sich  freuen würden.

Erinnerung an einen heißen Sommertag 3



Als er an jenem lauen Sommertag schwitzend und erschöpft schlief, als er in seinem Traum ein wenig wirr umher irrte, hämmerte sein erregtes Herz gegen die Wand seiner, sich im Intervall erhebenden Brust. Das Herz, wie ein tickender Wecker, pumpte sein Blut durch die Adern und Venen seines fast überhitzten Körpers.

Derweil zogen hoch über ihm die Wolken zusammen. Die Grillen und die Vögel verstummten. Der Himmel war ergraut. Es grollte und rollte ein lauter Donnerschlag.

Blitzartig erwachte er aus seinem Traum und saß mit verschwitztem Oberkörper, senkrecht auf seinem Bett, unter seinem weißen Fliegennetz. Von draußen wehte ein kühler, frischer Wind herein und als der sturzbachartige Regen begann, flutete reines, sauberes Wasser sein staubtrockenes, stark verschmutzt und verkrustetet Schwergemüt von dannen. Was blieb, war das Gefühl von Frische und wohltuender Kühle.    
  

Mittwoch, 26. September 2012

Hör auf deinen Bauch



Während er mindestens fünfzehn schokolierte Erdnüsse zerbiss, sprach die sonor-klingende Stimme in seinem rundlich, sich um die Taille windenden Bauch:

„Du isst zu schnell, zu fettig und viel zu viel. Außerdem trinkst du deine eineinhalb Kannen Kaffee (über den Tag verteilt) viel zu stark gesüßt. Gesüßt mit fünf Stücken Würfelzucker aus der gelb-roten Discounter-Kette, die das Stadtbild prägt. Der “Netto“,  nur zwei Blocks weiter, dort wo du bevorzugt einkaufst, ist der Supermarkt in dem man dich kennt und wertschätzt als treuen Kunden. Du bist einer der Kunden, der anstatt seine Beine und Füße zu bewegen, es vorziehst, den schief geparkten, leicht verschrammten Wagen vor der Tür, unnützerweise zu nutzen. 

Du nimmst es in Kauf, immer fetter und fetter zu werden.

Doch wem erzähl ich übersäuerter Narr all dies eigentlich?! Hör du nur weiterhin auf deinen verbrettert, verschalt und einbetonierten Kopf. Du wirst schon sehen was gegen Ende der zweiten Halbzeit, was gegen Ende eines äußerst ungesund gelebten Lebens auf dich zukommen wird.

Abseits von einem gesunden Blutbild, geplagt von diabetischen Symptomen, begleitet von sehr starkem Übergewicht, unrasiert und fern der Heimat, fest verwachsen mit den vor Dreck starrenden Bezügen des durchgelegenen Blümchensofas, wirst du vor dich hin siechen.

Doch mit wem rede ich hier überhaupt, mir hört doch eh keiner zu!“

Er pupste laut, kratzte sich am Hintern während seine Zähne weiterhin dragierte Erdnüsse zermahlten. Er meinte eine leise, leicht meckrige, mickrig klingende Stimme vernommen zu haben. Doch die Fenster waren verschlossen, und außer ihm war sonst kein anderer im Raum.


So stellte er also den Fernseher ein wenig lauter und stopfte sich eine handvoll dragierter Erdnüsse in den Mund. 

Freitag, 11. Mai 2012

STREIK



Zusammen mit seinen Genossen aus der Gewerkschaft ging er laut pfeifend, laut trommelnd und laut durch das Megaphon brüllend (bis die Stimme heiser war) durch die Straßen seiner Stadt.  Zusammen mit seinen Kollegen von all den großen Firmen aus der hiesigen Stahlindustrie fühlte er sich stark. Viele von ihnen kannte er noch von damals, als er im Alter von fünfzehn Jahren mit ihnen, Hand in Hand, die rote Fahne geschwenkt und gestreikt hatte.

Damals, mit seinem Vater und seinem Bruder. Heute, mit seinem Vater, seinem Bruder und mit seinem kleinen Sohn im Kinderwagen.



Größte Demonstration in Paderborn seit Jahren


Die Metaller im Hochstift sind sauer! Mit Nachdruck wird auch hier mehr Gehalt, die unbefristete Übernahme der Auszubildenden und eine faire Behandlung der Leiharbeiter gefordert.


In zwei großen Demonstrationszügen zogen die Kolleginnen und Kollegen von der Halberstädter Straße und vom Maspernplatz aus zur Kundgebung am Westerntor vor der Herz-Jesu-Kirche. Es demonstrierten nicht nur die Metaller aus den großen Paderborner Betrieben wie Benteler, Hella oder Wincor Nixdorf. Auch viele Mitarbeiter von kleineren Betrieben aus dem ganzen Hochstift kamen zusammen, um ihre Solidarität deutlich zu zeigen, genauso wie zum Beispiel Angestellte der Werner-Bock-Schule aus Beverungen oder auch eine ganze Reihe von Rentnern. Solidarisch zeigte sich auch die Vorsitzende des DGB-Ostwestfalen Astrid Bartols. Vom VW-Werk aus Baunatal bei Kassel war ebenfalls eine Gruppe von Kollegen gekommen.
Mehrere Redner unterstrichen die Forderungen nach 6,5% mehr Lohn, u.a. sprachen Rudi Bücker von Hella Leuchtensysteme in Paderborn und Rainer Backhaus von der Benteler Automobiltechnik. Viel Beifall bekam auch der Jugendvertreter Philipp Scholz von Benteler Steel/Tube für seinen Beitrag. Und damit es - trotz aller Ernsthafigkeit über die Forderungen - auch etwas zum Lachen gab, hatte auch der bekannte Paderborner Kabarettist Stani und sein Kumpel einen Auftritt.
Solidarisch zeigte sich auch die Vorsitzende des DGB-Ostwestfalen Astrid Bartols. Vom VW-Werk aus Baunatal bei Kassel war ebenfalls eine Gruppe von Kollegen gekommen.

Hier einige Links zu Berichten in den Online-Ausgaben verschiedener Zeitungen und Magazine

Sonntag, 29. April 2012

LEIHARBEIT IST UNGERECHT!




-   "In einem Arbeitsverhältnis mit Leiharbeit hat man ständig Angst um den Job."
-   "Und falls eine Krise kommt, sitzen die Leiharbeiter von einem Tag auf den nächsten
     allesamt auf der Straße."
-   "Leiharbeit ist Lohndumping."
-   "Deutschland klagt über Fachkräftemangel. Hä? Viele Leute sind Überqualifiziert, aber was 
     haben sie davon? Nichts- ausser dass man Zweite-Klasse-Leiharbeiter wird."
-   "Es wäre richtig, dass Leiharbeiter den gleichen Lohn für die gleiche Arbeiter bekommen 
     und bei der Prämienverteilung mit berücksichtigt werden [...]."
-   "Die Leiharbeiter sind meiner Meinung nach moderne Sklaven."

Quelle: metallzeitung, Mai 2012, Titel: "Leiharbeit ist ungerecht" S.10/11  

        

Samstag, 28. April 2012

Mit Ercan im Biotop 1


 
Vor einigen Tagen kam mein alter Freund Ercan zu Besuch. Ich bereitete ihm einen Caro-Macchiato.

Heißes Wasser, nicht viel, in einer großen Macchiato-Tasse, darin aufgelöst zwei gehäufte Teelöfel Caro-Kaffee. Je nach Belieben gesüßt mit lecker, lecker Bio-Bio-Honig oder industriell, schnell, schnell gefertigtem Zucker. Das Ganze aufgeschäumt mit viel kalter Milch.

Ercan und Ich saßen an jenen besagten Frühlingstag in Mitten meines schutzwürdigen Biotops- auf dem Balkon. Die Sonne schien, es wehte ein lauer Wind. Auf gammelnden Bistro-Stühlen thronten wir über den Dächern, etwas abseits dem Smog, dem ständig währenden Verkehrslärm meiner Ex-Geliebten-Heimatstadt.

Wir waren umgeben von bunt blühenden Balkonpflanzen, von meinen liebevoll herangezogenen Kastanien-, Kiefer-, Buche- und Lärchenbäumen. Bäume in Miniatur. Wir waren umgeben von den wohl duftenden Kräutern. Kräuter in Tontöpfen.



Mit Ercan im Biotop 2


 
Umgeben von einem Hauch von Frühlingsmelancholie blickte Ercan schweigend in den Obstgarten des oberschlesischen Nachbarn mit der Schiebermütze. Auch ich schwieg und ließ mich von dem Rauch seiner stinkenden Marlboro einhüllen.

Ercan mein alter Freund, zündete sich in Kette gleich noch eine an und blickte in die Krone, in die volle Blütenpracht des haushohen Apfelbaums im unmittelbaren Sichtfeld, direkt vor meinem schutzwürdigen Biotop. Ein gar wunderschöner Baum, ein gar wunderschöner, lohnenswerter Anblick zu jeder Jahreszeit.

Ich sah rüber zu Ercan, sah sein kantiges Profil, sah wie mein alter Freund schweigend, schwelgend in Erinnerungen, traurig dreinblickend durch den Garten einer längst vergangenen Zeit ging.



Freitag, 27. April 2012

Das Plakat ist weg



Genau sechszehn Tage vor der Landtagswahl in NRW, geht Gutmut durch die Stadt, in Richtung Marktplatz, vorbei an einer sehr stark befahrenen Kreuzung. Dort sieht er, das Wahlplakat der rechtsextremen Partei Pro-NRW plötzlich nicht mehr in einer geschätzten Höhe von mindestens sieben Metern, befestigt an einer Peitschenlaterne hängen.

Das Plakat ist weg.

Gutmut betrachtet jene Laterne und denkt sich: „Wer auch immer dort oben herauf geklettert ist, ist ein unbekannter Held mit Courage. Ein Mensch, der nicht weg schaut. Eine Person unter all den fremden Stadtgesichtern, die nicht bloß redet, die, wenn es sein muss, auch handelt.“

Gutmut geht weiter in Richtung Marktplatz und fragt sich: „Bin ja mal gespannt was es heute wieder schönes auf dem Samstags-Markt, im Schatten des hiesigen Doms, zu kaufen gibt?“



Sonntag, 22. April 2012

Freiheit statt pro NRW


Genau drei Wochen vor der Landtagswahl in NRW geht Gutmut durch die Stadt, in Richtung Marktplatz, vorbei an einer sehr stark befahrenen Kreuzung sieht er ein Wahlplakat der rechtsextremen Partei pro NRW.

Angebracht in einer geschätzten Höhe von mindestens sieben Metern, befestigt an einer Peitschenlaterne, betrachtet Gutmut jenes Plakat ganz genau und denkt sich: „Dort oben hing   gestern Abend noch kein Plakat. Wenn es dort gehangen hätte, wäre es mir direkt aufgefallen. Somit muss es am späten Abend, in der Nacht oder in den frühen Morgenstunden angebracht worden sein. Ein Plakat am helllichten Tage, hängt in unserer Stadt kein braungestiefelter Plakattrupp auf. Keine Frage, diese Jungs müssen im Dunkeln, in Reih und Glied, stocksteif, sich gegenseitig deckend, mit der Leiter unterm Arm, los marschiert sein.“

Schmunzelnd erinnert Gutmut sich an die Nachricht, die er tags zuvor auf dem Donnerbalken gelesen hatte: [...] gestern vor dem Bahnhof in Viersen ein pro-NRW-Wahlhelfer gezielt durch ein Auto von seiner Leiter “runtergefahren”. Der Plakatierer zog sich beim Sturz nur leichte Verletzungen zu, die Leiter hatte danach allerdings nur noch Schrottwert [...]“

Gutmut erkennt die Zusammenhänge, die Provokation die hinter den Worten der “Billig-Wahl-Werbung“ steckt. Er erkennt auch die Absichten einer, dem Anschein nach, finanziell minderbemittelten Partei, die möglichst viel Aufsehen erregen will, um in den Landtag zu gelangen.

Gutmut fragt sich: „Bin ja mal gespannt wie lange dieses Plakat dort hängen wird?!“

Samstag, 21. April 2012

Museum in der Kaiserpfalz



 


Die Entdeckung war eine echte Sensation: 1964 fand man in Paderborn unmittelbar nördlich des Domes die Grundmauern der Pfalzanlage Karls des Großen aus dem späten 8. Jahrhundert. Damit war ein Ort wiederentdeckt, an dem sich nicht nur westfälische Geschichte, sondern auch welthistorische Ereignisse abspielten.

Bei den bis 1977 dauernden Ausgrabungen legten die Archäologen auch das Mauerwerk der wesentlich besser erhaltenen Pfalz Heinrichs II. aus dem Hochmittelalter frei. Diese Anlage, fertiggestellt im frühen 11. Jahrhundert, war so gut erhalten, dass ein Wiederaufbau unter Einbeziehung der historischen Bausubstanz möglich war.

Heute dient die Kaiserpfalz als Museum und als Ort für Konzerte, Vorträge und festliche Veranstaltungen. Sie gehört dem Domkapitel in Paderborn; das Museum wird als Teil der LWL-Archäologie für Westfalen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) betrieben.


© Landschaftsverband Westfalen-Lippe 48133 Münster

Freunde



„Freunde...“, so dachte er, trank seinen letzten Schluck grünen Tee aus dem formschönen Teeglas und widmete sich mit ruhiger Hand dem Zuschnitt seines Buchen-Bonsais. „Freunde“, so dachte er „...sind schon etwas ganz besonderes.“

Manchmal sind Freund besonders nervig.

Vor allem dann, wenn man gerade mal zwei Minuten für sich hatte und es plötzlich an der Tür klingelt. Wenn ein unangemeldeter Überraschungsbesuch wie eine Herde wild gewordener Tiere durch die halboffene Etagentür stürmt, seufzt man vielleicht anfangs noch, doch dann, am späten Abend denkt man sich: „Wie gut, dass ich euch habe.“

Manchmal sind Freunde besonders wichtig.

Ist es nicht schön zu wissen, dass es da jemanden gibt, der oder die einen wohlmöglich schon ein Leben lang kennt. Einen besonders sympathischen Freund zu haben, der von all den „sogenannten Freunden“ übrig geblieben ist, ist besonders wichtig.

Ist es nicht schön zu wissen, dass man sich auf diesen Menschen verlassen kann, ihm trauen kann, mit ihm zusammen durch dick und dünn gehen kann.

„Freude...“, so dachte er: „...ist das, was ich empfinde, wenn ich an meine Freunde denke.“

Donnerstag, 19. April 2012

Mittwoch, 18. April 2012

Frühlingseuphorie



Der Frühling, am Morgen eines schönen Tages im Park, im Herzen der Stadt, erhellte sein chronisches Schwergemüt und verwandelte das dreckige Fassadengrau, seinen getrübten Blick, in eine bunt blühende Farbenpracht. Hier und da schnatterten die Stockenten, drüben am Rande der Quellen, um einen überfüllten Mülleimer herum, pickten Türkentauben zusammen mit  Amseln und kleinen Spatzen nach essbaren Resten.   

Der Frühling, am Morgen eines schönen Tages im Park, im Herzen der Stadt, war etwas ganz besonderes. 

Frühlingsmelancholie


An einem kühlen Frühlingsabend saß er melancholisch drein blickend, bei Kerzenschein auf einem der billigen Bistrostühlen und dachte sich: „Ich wünsche mir, dass das Leben nur ein klein wenig einfacher wäre.“ Streckenweise glich sein Leben einer Achterbahnfahrt. Streckenweise einem Horrorkabinett. Streckenweise fuhr er erst mit einem Affenzahn, und dann ganz langsam, im Schneckentempo vorbei an Zerrspiegeln. 


Spiegel die, die Wirklichkeit verzerren.  

GUTEN APPETIT!


Samstag, 7. April 2012

Back To The Future

HERE I'M (1)




Nach einer langen, langen Zeit der Langsamkeit, begab er sich wieder vorsichtig und mit bedacht an seinen Hochleistungs-Rechner. Er klickte sich rein und tastete sich langsam an seine alte Soft-Touch-Tastatur heran. Lange, lange Zeit hatte er fern ab dem Web 2.0 gelebt und die ungewohnte Ruhe einer ungewohnt ruhigen See genossen.

Es war die Art von Ruhe, die sich auf alles und nichts bezog. Es war eine ganz besondere Art von Genuss, welche er auf diese Art noch nie zuvor genossen hatte. Nun, nachdem er mit dem ersten Sonnenstrahl, dem ersten Vogelzwitschern aufgewacht war,  saß er wieder vor seinem Rechner der beruhigend leise vor sich hin surrte. Er saß vor dem schmalen, nicht erwähnenswert großen Bildschirm, vor seinen in schwarz, leicht melancholisch angehauchten Worten. Worte in Schriftgröße zwölf, in Arial, nicht Fett, nicht kursiv, ganz normal.

Um es noch einmal hervor zu heben.

So saß er also nun da und dachte: „Nichts (was früher scheinbar unabdinglich war) ist nun wichtiger als das pure Leben.“  Das Wort „wichtig“ bekam somit eine ganz neue Bedeutung für ihn. Betrachtet und ausgeleuchtet aus verschiedenen Winkeln, sah er nun die Dinge differenzierter.    

HERE I'M (2)




Er hatte seine Freiheit zurück erlangt.

Er hatte in den letzten Wochen lebensnotwendige Energie tanken können. Energie, die es an keiner Zapfsäule dieser stressgeplagten Welt (für rekordverdächtig hohe Preise) zu kaufen gab, gab ihm nun frischen Auftrieb.

Alte Projekte, sauber ausgearbeitet, gepinnt  an seine verkorkste Pinnwand. Vergilbte Zettel, die bei Durchzug im Wind nervös hin und her flatterten, riss er herunter und erfreute sich an einem langen, geschmackvollen Schluck eines guten, frisch gebrühten englischen Tees, den er, auf eine leere Pinnwand blickend, mit Freuden trank.

Vor nicht allzu langer Zeit fühlte er sich wie ein kleiner, abgemagerter Hamster im stetig schneller werdenden Hamsterrad. Gefangen im Alltag. Dem Stress in all seinen beängstigenden Facetten ausgeliefert. Gefangen in einem Käfig, an dessen Stäben er des Nachts nagte. 

HERE I'M (3)




Eine Auszeit war von Nöten.

Nach ein paar Pfunden mehr auf den Rippen malte er, wie andere Mandalas, das Wort der Erholung mit bunten Farben aus.  
Regeneration. Sich sammeln, sich konzentrieren auf das Wesentliche, zur Ruhe finden. Dem stetig schneller werdenden Hamsterrad, dem Käfig entfliehen und über die weite, weite Wiese laufen. Ganz unbeschwert das Gesicht gegen den Wind halten, tief einatmen und in Freiheit  langsam langsam wieder ausatmen.

Nicht immer gelingt es uns, zur Ruhe zu finden. Wie schwer es ist, weiß man selbst am aller Besten. Man weiß, dass man nicht bei voller Fahrt einfach so mir nichts, dir nichts auf die Bremse steigen und gleichzeitig das Lenkrad herumreißen kann. Zumindest nicht ohne schwerwiegende Konsequenzen.  Erst einmal ein oder zwei Gänge zurück schalten und die Geschwindigkeit drosseln. Ein wenig Abstand halten, sich weiterhin auf den Verkehr konzentrieren. So kann man ab und zu energiesparend im Windschatten eines großen LKWs fahren, um dann, wenn die Bahn frei ist, wieder frisch durchzustarten. 

Sonntag, 8. Januar 2012

Im neuen Jahr (1)



Weihnachten, nicht lange war es her, nahte in großen Schritten. Weihnachten kam in großen Schritten und ging rasch an ihm vorbei. Vorbei war all der Glitzer und all der Glanz.
Draußen goss es wie aus Kübeln, während er saß, bei schwachem Schein am Sekretär. Er grübelte noch immer, sehr stark angestrengt, so wie im vergangenen Jahr, so auch in diesem Jahr.
Das letzte Jahr, es war in Windeseile, orkanartig an ihm vorbei gestürmt. Die große Verantwortung die ihm damals zu Teil wurde, trug er nun voll des Stolzes in das neue Jahr hinein und wünschte ganz nebenbei, allen anwesenden alles Gute und dass all ihre Wünsche in Erfüllung gehen.


Im neuen Jahr (2)


Der Sturm im neuen Jahr hatte seinen Höhepunkt erreicht. Von draußen peitschte laut der Regen gegen die Scheiben. Die Deckel der am Straßenrand stehenden Mülleimer flogen auf und schlugen gegen den dreckverschmierten Korpus der überfüllten Tonnen. Es blitzte und donnerte. Die Laternen am Wegesrand  schwankten sehr stark hin und her, und kamen der Fassade in Altrosa bedrohlich nahe.

Im neuen Jahr (3)



Das neue Jahr, es war nicht mehr und nicht weniger schnell gestartet und folgte nun auf regennassen Pfaden, wie das Jahr zuvor, einem imaginären, leicht verblassten, roten Faden. Die schwerlastigen, schwer lästigen Sorgen klebten nach wie vor  wie ein klebriges Kaugummi unter dem Schuh. Auf einem hellen, grobfasrigen Stoff wurde (selbst bei fahlem Licht) ein eingetrockneter Zahnpastafleck aus längst vergessenen Tagen klar und deutlich sichtbar. Bei diesem Anblick dachte er sich, dass sich eigentlich nichts veränderte hatte.

Im neuen Jahr (4)


Regenverhangene Tage drückten auf ein sonst so außerordentlich glückerfülltes Frohgemüt. Ausgewaschen vom ständig währenden feucht-kalten Sturm, ausgesetzt dem Graupel und dem Hagel, flossen die bunten Farben eines längst vergangenen Sommers den Rinnsal entlang.

Im neuen Jahr (5)


Das neue Jahr, es war nicht mehr, es war nicht mehr ganz so neu. All die guten Vorsätze und Erwartungen bildeten eine verschmutze Pfütze auf einer Straße mit tiefen Fahrrinnen. Ein Ölfilm auf der Wasseroberfläche, welche wirkte wie ein Zerrspiegel, welche spiegelte aus einer weit entfernten Ferne, den grellen, gelben Schein der Peitschenlaterne.

Im neue Jahr (6)


Gebannt im edlen Gewand schaute er in angespannter, erwartungsvoller Haltung schon lange nicht mehr. Ständige, kräftezehrende  Wiederholungen mit der Hoffnung auf eine Veränderung, hatte er schon lange nicht mehr. Er saß nun da, der arme Thor, wippte nicht nach hinten und auch nicht vor, starren Blickes trieb er, dem Regen lauschend, in einem Meer aus Melancholie.