Samstag, 30. Juli 2011

Ein Jahr und darüber hinaus







In voller Reife thront hoch oben, leuchtend rot, in den Kronen. 

Im Frühjahr sprießt es aus der Erde, treibt zarte Knospen, trägt sattes Grün. Trägt stolz ihr wunderschönes Kleid den ganzen Sommer lang.
Im Herbst dann legt sie es ab und entblößt sich gänzlich zur bitter kalten Winterzeit.

Doch vorher, überreif, fällt aus der Krone, auf den Boden und verfault ein dicker, noch roter, runder Apfel.

Die Eintagsfliege schlüpft derweilen zur warmen Mittagszeit aus ihrer engen Kapsel, aus jenem faulen Apfel.

Im Obstgarten, fliegen sie voll Lebenskraft zu millionen und aber millionen, sie fliegen munter, sie fliegen hoch, sie fliegen durch den Nachmittag und paaren sich schnell und ganz, ganz aufgeregt in der schönen Abendröte. Noch hitzig und verschwitzt kühlen sie sich dann ab zur späten Abendstunde, im Schatten der hohen, hohen Bäume.

Wenn der Mond aufgeht, ihre letzte Stunde schlägt, nach einem Tag, einem Leben kurz wie ein Flügelschlag, sie für Ewig, müd zu Bette gehen.

Doch solange sich die Erde dreht, die Sonne strahlt und wärmend auf ein Neues, früh erwacht, solange es noch plätschert, klar und kalt, solange fließt es weiter, nicht immer heiter, das klare Wasser im ewig rauschenden Bach.

Fließend schnell das Leben, als er plötzlich stockt- als er erwacht, mitten in der Nacht. Aus dem Schlaf gerissen und sich für einen kurzen Augenblick entsinnt. Und kurz darauf sinken seine Gedanken, schwer in Absinth.

In Wermut, Anis und Fenchel treiben sie nun dahin, während es sich wiederholt, während er sich erholt. Am Tage und in der Nacht. Wieder und wieder. Ein und aus. Ein Jahr und darüber hinaus.   
   

Montag, 18. Juli 2011

Beethoven - Symphonie Nr. 5


„Komm, tanz mit mir im Treibsand“


© Uwe Steinbrich / PIXELIO


Er, der sich des Nachts auf seinen Balkon, ins Treppenhaus oder auf die menschenleere Straße stellt, er, der lauthals Flucht, so dass man im Radius von einem Kilometer aus dem Schlaf gerissen wird, ja genau dieser Mensch tut mir wahrlich sehr, sehr leid.

Laut, durch die Nacht schreit er es noch immer heraus.

Früher fiel es mir gar nicht so stark auf. Doch nun, seitdem die Schrei-Intervalle sehr viel kürzer und vor allem sehr viel lauter geworden sind, fällt es mir sehr, sehr stark auf.

Unter seinem Leid, leide auch ich mit. Ich frage mich: „Wie kann ich ihm helfen?“

Einem psychisch kranken Menschen, der nicht nur unter dem Tourette-Syndrom leidet, der eine Fülle von psychischen- und physischen  Krankheiten in sich vereint, kann man nicht so einfach helfen.

Man kann diesen alten Herren nicht einfach an der Hand nehmen, um mit ihm zusammen einen Arzt zu konsultieren. So einfach ist es leider nicht!

Die Stadt, ganz egal wie klein oder groß sie sein mag, versteckt ein so manch krankes Wesen in ihren langen, dunklen Schatten. In der Masse, der gewaltigen Strömung, geht so manch ein leerer, dahin treibender Blick unter wie ein schwerer, ins kalte Wasser plumpsender Stein. 

Ein Mann, nennen wir ihn “Herr von Müllmanski“, leidet unter einer deutlich sichtbaren, schweren psychischen Erkrankung.

Er ist umgeben von ganz vielen Menschen, die da wären: Nachbarn aus demselben Mietshaus, Menschen aus dem Viertel und in der hiesigen Einkaufsstraße der Kernstadt, und trotzdem ist er mutterseelen allein.

Herr von Müllmanski ist zum Krebsgeschwür einer dahin eilenden Gesellschaft mutiert.

Er ist ein vor sich hin brabbelnder Physiker und Mathematiker. Einst war er ein strebsamer “Schüler der alten Schule“, heute ist er der Opa mit dem Rauschebart um den alle einen großen Bogen machen.
 
So ein alter Segler der Weltmeere, ein Schiffer, der streng nach Urin riecht, schafft es nicht sich aus eigener Kraft aus dem Treibsand zu ziehen. Ein Jeder der ihm schon einmal über den Weg gelaufen ist, weiß das. 
  

Donnerstag, 14. Juli 2011

Laute Schreie in der Nacht




Er wurde ständig unterbrochen und fand somit keinen Schlaf mehr. Seit dem Tag als, [...], wie lange mochte es nun schon her sein? So genau wusste er es nicht mehr, doch er wusste, es war verdammt viel Zeit vergangen. Erschreckend war jedoch, dass die Zeit so unwahrscheinlich schnell, gefühlt, so schnell wie der InterCity, an ihm vorbei gezogen war.

Doch im Grunde genommen spielte die Zeit keine Rolle mehr, denn “de facto“,   damals, wie heute,  tobte noch immer ein wilder, wilder Sturm. Das tosende Meer in ihm ließ mörderisch hohe Wellen über seinem Haupte brechen. Gefährliche Studel drohten ihn in die Tiefe zu reißen.   

Gequält von immer wieder und wieder kehrenden Alpdrücken, gequält durch herzzerreißende Schreie in Mitten einer sternklaren Sommernacht, ging er barfüßig durch das Treppenhaus und lieh sich das Gilles-de-la-Tourette-Syndrom (kurz: Tourette-Syndrom) von seinem nicht wirklich netten Nachbar, eine Etage über ihm aus.

In Mitten der Nacht, blickte er auf den massiven Schreibtisch den es nur in seinem Kopf gab und er sah ein imaginäres, eingestaubtes Buch vor sich liegen. Ein vor Ewigkeiten, von seinem nicht wirklich netten Nachbar, eine Etage über ihm, ausgeliehenes, vergessen und eingestaubtes Buch.

Er fühlte einen starken Schmerz, sein Kopf brummte unerträglich. 

Von oben, einer Etage über ihm, drangen Wortfetzen an sein Ohr heran:

„Teuf...kerl, Schwei..und, du A . . . . . . . h, wann gibst du mir endlich mein Buch zurück?!“

Mittwoch, 13. Juli 2011

Snatch – Schweine und Diamanten




Der Film besteht aus drei Handlungssträngen, die anfangs parallel verlaufen, sich im Verlaufe des Films kreuzen und schließlich gegen Ende zusammenlaufen. Dies sind die Geschichten von Turkish, Tommy und One Punch Mickey, die Geschichte des Diamantenraubs, den Denovitz-Cousins und Franky Four Fingers, sowie die Geschichte mit Sol, Vince und Boris.

Montag, 11. Juli 2011

Martin Luther King



Das vom Menschen geschaffene Gesetz sichert Gerechtigkeit, das innere Gesetz schafft Liebe. Keine Vorschrift hat je einen Vater dazu gebracht, seine Kinder zu lieben.

Samstag, 9. Juli 2011

Freitag, 8. Juli 2011

Book Of The Week + Hörbüch



Wladimir Kaminer ist ein Russe am Prenzlauer Berg. Nach Berlin gekommen ist er 1990 in den Freudezeiten der Perestroika und auch nur, weil er mal den Westen sehen wollte, keine Bekannten in San Francisco hatte (wie Michail Gorbatschow) und sich ohne Reisepass auch einfach nichts anderes anbot. Nun ja, "zum Spaß" und "aus Neugier" ist er dann einfach da geblieben -- zum Glück, denn der studierte Moskauer Dramaturg und sich nicht immer allzu ernst nehmende "russische Intellektuelle" ist heute eine dieser Kulturpersönlichkeiten, die den frischen Wind in die Stadt gebracht haben, der dort heute an allen Ecken heftigst weht.
Russendisko ist Kaminers erster Erzählungsband und er liest selbst mit wunderbar russisch-gebrochener Zunge daraus vor: Von unmotivierten Wohnungsbesetzungen, jugoslawischen Hexen (mit horrenden Honoraren), verrückten Sinti und Roma aus Marzahn, die gern mit Autos gegen Bäume fahren, und dann war da auch noch dieser Künstlerfreund, aus dessen Meißel fast das Holocaust-Mahnmal entstanden wäre (und dann auf einer Erotik-Messe in Hamburg ein großer Erfolg wurde).
Wladimir Kaminer erzählt vom ganz normalen Blues und Alltag vor seiner Haustür. Die kleinsten Geschichten sind dabei die größten und so richtig ernst wird es noch nicht einmal dann, wenn der Autor seinem herrlich urrussischen, fatalistischen Schwermut freien Lauf lässt.
Berlin ist im Aufbruch, sagt man. Wenn man Kaminer liest, erahnt man, was damit wohl eigentlich gemeint sein sollte: Der Aufbruch führt ins Chaos und hat viele schöne Begleiterscheinungen. Willkommen in Absurdistan... die nächste Tram fährt direkt dorthin. Berliner, lest dieses Buch, so kennt Ihr Eure Stadt noch nicht! Und Nicht-Berliner, packt vorher schon mal Eure Koffer! Darauf einen Wodka, "meine kleinen Freunde"!


Donnerstag, 7. Juli 2011

Besondere Menschen

Wenn man hier bei uns in Deutschland, zu uns, den Deutschen gehört, dann hat man es geschafft!

Doch was genau hat man dann geschafft? Und was genau hat es damit auf sich?


Dazuzugehören.





Was heißt Dazugehörigkeit? Was genau bedeutet es? Was ist sie dir, mir, uns wert?

Bitte sag du es mir.
Na gut,ich versuche es.

Man hat es geschafft, nach dem siebenundzwanzigsten Versuch auf dem Abendgymnasium dann doch noch das „Abitur“ zu erlangen.

Man hat es geschafft ein Studium zu absolvieren, und im Idealfall lässt man sich die Lackschuhe putzen, knüpft das Jackett zu und öffnet die große Flügeltür zum Konferenzsaal.

Man hat es geschafft, eine Aus- oder Weiterbildung, eine abgeschlossen Berufsausbildung im dualen System, und nun freut man sich ein zweites Loch in den Hintern über eine Festeinstellung.

Man hat es geschafft nach dem sozialen Jahr im Ausland eine saubere Landung hinzulegen. Nun ist man sicher angekommen am International-Airport, im Berufsleben. Doch wem hat man dies zu verdanken? Mutti natürlich!

Denn Mutti hat im Vorfeld die Landebahn gründlich gekehrt. Und weil Mutti sich Dein Leben genau so vorgestellt hat, ist Mutti nun auch ganz besonders stolz auf Dich.
Wenn es so, oder so ähnlich läuft, dann gehört man eventuell dazu.

Der Großteil unserer Bevölkerung hat es geschafft. Auch ich, und vor Jahrzehnten meine Großeltern und Eltern haben es bis hier her geschafft.

Und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass zu jeder Erfolgsgeschichte viel Fleiß, eiserne Disziplin und ein hervorstechendes Engagement gehört.

Durch den ständig währenden Druck einer sich wandelnden Gesellschaft, durch die hohen Anforderungen, die Belastungen von außen, sowie von innen, entstehen lauter kleine Rädchen.

Lauter kleine, sich um die eigene Achse drehende Reproduktionen, die alle samt ineinander greifen und eine unvorstellbar große Maschinerie in Gang setzten.

Kein Kritiker des Sozialstaats ist der Schreiber jener Worte.

Ich freue mich täglich und grüße das Murmeltier, ich bin sogar stolz und ganz besonders glücklich über die hier herrschende, einigermaßen gut funktionierende Demokratie.

In meinem verstaubten Bücherregal hat das GrunDgesetzBuch einen ganz besonderen Platz. Ich besitze es auf Türkisch und auf Deutsch. Ich müsste vielleicht öfter mal darin lesen und nicht immer nur hektisch herum blättern .

Wir, hier in Deutschland, über fruchtbaren Boden wandelnd, können uns durchaus glücklich schätzen. Denn Wir, die immigrierten, die hier geborenen, und auch die, die schon immer hier waren, wir leben in Freiheit.

Und wir meckern lauthals, denn meckern, streiken und wild demonstrieren können wir. Doch vergessen sollten wie nicht, auf welch hohem Niveau wir ständig nörgeln und ewig kritisieren.

Uns allen, ob Unter-, Mittel- oder Oberschicht wird die Möglichkeit gegeben uns kostenlos zu qualifizieren. Und hat man die nötige Qualifikation für was auch immer erlangt, so kann man sich schon glücklich schätzen.

Denn wir gehören dazu.

Es tut nicht weh, und es kostet auch nichts. Wer will der kann, und wer nicht will, der hat schon (...lange keinen Bock mehr).

Schauen wir doch einmal gemeinsam über den Tellerrand. Dort, ganz egal wo, sehen wir ein anderes Bild.

Doch eigentlich brauchen wir nicht wirklich weit zu schauen, kommen wir wieder zurück an den Tellerrand.

An den Rändern unserer Städte.

In Containern, wo wir nie wohnen möchten. Zusammengepfercht in Gemeinschaftsschläfesälen im hiesigen AsylanTenheiM.

Die Sehnsucht hat diese Menschen getrieben.

Viele von ihnen sind KriegsFlüchtlinge, sie sind Asylanten und fristen ein Dasein am Rande unserer Gesellschaft.
Die SehnSucht nach Frieden und Demokratie hat diese MenscheN über den halben Globus bis hierher getrieben.

Hier sind sie nun, stehen unscheinbar neben uns an der Fußgängerampel.

Sie sind da und gehören zu dir, zu mir, zu uns.

Spin The Globe - Jorma Taccone and Rabbit

 


Trashmonkeys - Attitudes in Stereo


Naturkonserven

  video video

Heute in Ostwestfalen




Ein ostwestfälischer Türke, sozusagen ein Türke für Arme, weit entfernt der alten Heimat, hat von Zeit zu Zeit verworrene Gedanken.

Mal düstere Gedanken, mal heitere Gedanken. Zähflüssige Gedanken. Gedanken mit einer besonders hohen Viskosität. Gedanken mit einer besonders niedrigen Viskosität, dünnflüssige Gedanken. Klebrige Gedanken, glitschige Gedanken.

Gedanken über Gedanken.

Ein Konzentrat aus konzentrierten, aneinander geketteten Gedanken. Graue Gedanken-Wollmäuse unter dem Bett, unter der Herrenkommode, unter dem Kleiderschrank und unter den Holzkisten im dunklen, kalten Kellergewölbe.

Ein ostwestfälischer Türke trägt seinen goldenen Adler in der Brusttasche. Er ist ein Türke für Arme. Reich an kostbarem Gedankengut. Er lästert nicht über andere. Und wenn er errötet, so lügt er nicht. Wenn er errötet, so schämt er sich, möglicherweise fremd.

Ein ostwestfälischer Türke, sozusagen ein Türke für Arme, weit entfernt der alten Heimat, beobachtet, saugt auf, atmet tief ein und in Stößen wieder aus.