Sonntag, 29. Mai 2011

Rohkost I.








Ein Text wie Sushi. 


Kleingehackt. Serviert in mundgerechten Stücken. Mit einem hohen Nährgehalt. Wie Flüssigdünger für bunt blühende Balkon- und Zimmerpflanzen. 


Ein Text wie ein Stein aus dem Meer.


Trocken, an der staubigen Luft ist er so unscheinbar. Doch im Feuchten, auf dem Grund des sandigen Meeres, reflektiert er das Farbspektrum, gebrochenes Licht auf einer glatten Oberfläche.



Er liebte es gut und ausgeglichen zu speisen, nur leider tat er dies viel zu selten. Denn leider nahm er sich viel zu selten Zeit für die dafür notwendige Muße.


Er liebte es aus einem guten Buch zu lesen. Denn gut geschriebene Bücher regten seine Fantasie an und gaben seiner Kreativität einen enormen Aufwind.
Doch auf seiner eingestaubten Nachtkommode und in dem schweren Bücherregal gleich daneben standen noch so einige “Spiegel-Bestseller“, Lieblingsbücher die alle samt bis zum Ende, bis zur letzten Seite gelesen werden wollten.

Rohkost II.









Zu seinen Lieblingsbüchern gesellten sich auch eine Reihe von Lieblingsfilmen.

Manche von ihnen fabrikneu, eingeschweißt, in original Verpackung. Filme mit den dazugehörigen originalen, eingerahmten Kinoplakaten.

Spannende, bewegte Bilder, basierend auf gut geschriebenen Drehbüchern.
Manchmal reich an atemberaubender Aktion und schlecht besetzten Rollen. Manch ein anderes Mal dramatisch und melancholisch zu gleich. Einfach weltklasse Kino, unvergessliche Filme.

Doch jeder gute Film, dass wusste er, war eine schlechte Kopie der Realität. 
Regisseure malten fiktive Bilder für millionen und abermillionen. Gut versicherte Schauspieler erhielten millionen und abermillionen und knallten hart wie Revolverschüsse aus dem Dolby-Digital-System in 3D durch die leeren Sitzreihen des hiesigen Kinosaals.

Rohkost III.









Schreckliche Spiegelungen auf der Oberfläche einer metalisch riechenden Lache, im gelben Schein der Peitschenlaterne, mitten auf der Straße, mitten aus dem Leben.
   
Das Leben, so wie es spielte, so wie er es liebte, war meistens genauso wie der vorher gegangene Satz.

Doch er liebte. 

Er liebte es immer wieder sonntags zu laufen. Er liebte die Wälder und die Trimm-Dich-Pfade um die Seen herum.
Dabei dachte er viel nach und dabei hatte er bereits zahlreiche Podcasts gehört. Lauter informative Radiosendungen die er sich selbst zusammen gestellt hatte. Komprimierter, auserlesener Input, eingespeist auf den Speicher seines viel zu schweren Walkman-Handys, das mindestens genau so viel wog wie ein tragbares Kassettenabspielgerät von damals.

Rohkost IV.









Er liebte das Hier und das Jetzt genauso sehr wie das Damals

Nippend an seinem Tee erinnerte er sich an damals und spazierte mit Stock und Hut, denn beides stand ihm gut, durch eine andere Zeit.

Damals, als sich sein Leben um die eine Liebe, das Essen und um den kreisrunden Wok drehte.

Nach jedem guten asiatischen Gericht, so erinnerte er sich, tranken sie fermentierten Tee aus dickwandigen Tassen, die besonders gut die Temperatur halten konnten.
Ein wohlig duftender Genuss der ihm damals wie heute in die Nase stieg. Erinnerungen wie eine Erfrischung aus  jenen verblassten Tagen.

Rohkost V.






Die eine Liebe war eine zierliche Schönheit die sich nicht zierte ihre Bluse, ähhh, ihr Herz zu öffnen.

Die eine Liebe schien hell wie der Mond in einer sternenklaren Sommernacht. Die Liebe zu ihm hatte sie dazu bewegt, ihm eine Asia-Ecke in ihrer großräumigen Wohnung einzurichten.
Er hatte ihr Feuer entfacht und kochte für sie, in seinem massiven Wok, ein ganz spezielles Gericht aus erlesenen Zutaten.

Rohkost VI.








Gemeinsam genossen sie den warmen Sommerabend. Traute Zweisamkeit bei Sonnenuntergang. Im roten Schein aßen sie ein stärkendes, jedoch kalorienarmes Essen und tranken dazu einen Sake (Sake = japanischer Reiswein) auf der Dachterrasse.

Gemeinsam, heiteren Gemüts, fröhlich lachend bis spät in die Sommernacht hinein, schliefen sie eng umschlungen, ganz fest ein.

Rohkost VII.







Fast angelangt, kurz vor dem Höhepunkt eines wohlig warmen Spaziergangs durch die Erinnerung, schlief auch er ganz kurz ein und träumte von jenen zarten Liebkosungen, von jenen warmen Küssen in der REM-Phase.

Ausgeblichene Erinnerungen an einen Traum, an den er sich nach dem Erwachen nur noch wage erinnern konnte. 

Rohkost VIII.







Ein für ausgestorben gehaltener Paradiesvogel kam zurück und setzte sich in die Orchideen-Ecke. Die Orchideen blühten bereits zum dritten Mal in diesem Jahr.

Er nahm ein kleines Frühstück zu sich, denn er liebte ein kleines Frühstück. Er nahm noch einen Schluck von seinem wohl duftenden Tee zu sich, denn er liebte wohlduftenden Tee. Und für einen kurzen Augenblick spülte er seine immer wiederkehrende Schwermut herunter. 

So entstanden Emotionen, die das Schöne in ihm zum Vorschein brachten. Emotionen, die entstanden und deutlich für jeden zu sehen waren. So deutlich wie eine ganz besonders schöne Nachricht zwischen all den schlechten Nachrichten. 

Rohkost IX.







Bad-News am allmorgendlichen Frühstückstisch.

Zwischen all den blutverschmierten Headlines in der illustren Tageszeitung spross es hervor und erblühte zugleich. Alles Andere drum herum verblasste im Schein der hellsten und schönsten Jahreszeit.

Eine Jahreszeit die er so sehr liebte.

Montag, 16. Mai 2011

Horowitz plays Liszt - Consolation No. 3


Babys

9LIVE! ade


Eine (scheinbar) nichtssagende Geschichte


Wilhelm Witz saß im Spott-Light, im Mittelpunkt seines Lebens, vor der bunten Welt der bewegten  Bilder, vor seiner strahlungsarmen Glotze und schaute seinen lieblings Sender, 9Live!

Auf der kratzerfreien Oberfläche des rustikalen Eichenholztisches vor ihm, stand (scheinbar) fest und sicher auf einem gusseisernen Untersetzter eine Tasse, randvoll gefüllt mit dampfend heißem Pfefferminz Tee.

Wilhelms liebreizende Frau Wilhelmine Witz stand derweilen eher unsicher auf der wackligen Holzleiter aus Opas-Zeiten und wischte mit einem feuchten Ledertuch die Fliegenscheiße von der Stubenscheibe.

Hinter dem spiegelungsarmen Bildschirm des Großbildfernsehers in übergroßer High-End doppel HDD-Qualität gab eine verstrahlte, tränenverschmierte Ex-Big-Brother-Kandidatin die traurige Botschaft kund:

„Liebe Rentnerinnen und Rentner, Hausväterchen und Mütterchen, liebe Harz IV Empfänger, liebe durchgefrorenen Euro-Jobber, die gerade von der Arbeit kommen, liebe bildungsfernen Kinder, oder anders formuliert, liebe Schulschwänzer und Schulschwänzerinnen, heute muss ich euch leider mitteilen, dass Deutschlands erfolgloseste “TV-Spielothek 9Live!“  ihre Pforten für immer schließen wird [...]“.

Wilhelm schlug im Schreckmoment wild um sich und riss die Teetasse samt schweren Untersetzter vom Tisch.

Es klirrte laut und die Tasse zersprang in tausend Teile. Der gusseiserne Untersetzter rollte über den Parkettboden in Richtung Wilhelmine und traf ein Wackelbein der wohl wackeligsten Leiter aus Opas längst verstaubten Zeiten. 

Eine Zeit ohne geprüfte Sicherheit.
  
Die Leiter geriet leicht ins Schwanken, Wilhelmines großer Popo samt Wassereimer geriet jedoch schwer ins Schwanken. 

Hecktisch zappelte sie wie ein unter ADHS leidender Zappel-Phillip. So entstand für den Betrachter, in diesem Fall, Wilhelm, ein sehr skuriles Bild und ein sehr starkes Ungleichgewicht. 

Wilhelmine, laut kreischend, schaffte es leider nicht es auszubalancieren.  

Kurz, sie fiel. 

Sie fiel direkt in einen der harten Schalensitze die im Behandlungsraum der hiesigen Unfallchirurgie standen.


Eine Woche später...

Wilhelmine saß mit einer eingegipsten Unterarmfraktur zusammen mit Wilhelm vor der Mattscheibe.

Sie tranken dampfend heißen Pfefferminztee und schauten sprichwörtlich in die unendlichen Weiten der nicht mehr existierenden Röhre, als Wilhelm beim durchzappen auf dem nun leeren Speicherplatz 9 hängen blieb.

9, so wie der Sender 9LIVE! hatte ihre Pforten für immer geschlossen.

25 Jahre Tschernobyl

  25 Jahre Tschernobyl:
AKWs endlich abschalten!

Ist natürlich auch mir klar, denn so blauäugig bin selbst ich nicht, man kann, oder besser gesagt, wir können nicht wirklich ohne Atomenergie. Solange es noch keine effiziente, um nicht zu sagen effizientere (ab)Lösung gibt, solnge nicht die Weichen gestellt werden die dort hinführen, solange wird hinsichtlich dieses fortwährenden Themas bestimmt nicht viel passieren.

Zumindest aber kann und sollte man mit großen Schritten darauf hin arbeiten. Verantwortliche hinter den Hebeln, sollten diese schleunigst bedienen um endlich etwas in Bewegung zu setzen. Um einen "sauberen" Ausstieg und zugleich Einstieg zu verwirklichen.

Freitag, 6. Mai 2011

Ercan und Ich, im Garten der verwelkten Blumen



Ercan und Ich saßen draußen unter der Mittagssonne, geschützt unter dem dicht gewachsenen Dach der Weinrebe. 

Wir saßen zusammen mit dem Nachwuchs, dem jüngsten Spross der Familie vor Dedes (türk. Dede = deut. Opa) altem Samowar und schlürften unseren stark gesüßten Çay aus hauchdünnen Gläsern.


Ercan zog langsam an dem Filter seiner Zigarette und inhalierte tief, ganz tief den leichten, todbringenden Rauch einer milliardenschweren Industrie. 

Gefühlte zehn Minuten später atmete er langsam wieder aus und verschwand hinter einer dichten Rauchwolke.



Ich spürte etwas unstimmiges an Ercans Erscheinungsbild. Ich hörte etwas tiefgründiges in seiner rauchigen Stimme. Er brummelte und grummelte in seinen Bart hinein und sprach eine Sprache der auch ich mächtig war.  


Ich verstand Wort für Wort und hörte da noch etwas anderes hinter den Schwingungen seiner gereizten Stimmbänder. Ein schwermütiger Unterton, anfangs kaum hörbar, doch dann klar und deutlich, ein Ton der von seinem Herzen kam. 



Seit nun fast vierzig Jahren sprach er von der Ankunft in der neuen Heimat, von der Sehnsucht nach der alten Heimat, von der ersten Lohntüte und einer Hand voll Träumen.



Oft schwelgte er in Erinnerungen, oft driftete er gedanklich ab und strandete an den fischreichen Ufern des Bosporus.



Ich fragte Ihn, das halbvolle Teeglas in der Hand kreisend, von was er als junger Mann, als Gastarbeiter in der Fremde geträumt hatte. Ich fragte nach einem konkreten Ziel, das ihn so weit weg von Zuhause, tag ein, tag aus in die Stahl-Fabrik trieb. 
Denn wie ein getriebener hatte er sich jahrzehnte lang  krumm und buckelig, irreparabel krank, bis zur Rente geschuftet.

„Für was?!“



Seine Antwort folgte prompt:



Für einen Trecker!“    

Donnerstag, 5. Mai 2011

Book Of The Week


Am vergangenen Wochenende habe ich auf dem Bibliotheksbasar unter anderem dieses interessante Buch gefunden und gekauft. Und weil es mir wirklich gut gelungen scheint, möchte ich an dieser Stelle noch ein kleines Zitat beifügen.

Neulich, da hat mich wieder "so ein Deutscher" beschimpft. „Nieder mit den Ausländern“, hat er gerufen. „Guter Mann“, habe ich ihm gesagt, „da haben sie sich aber viel vorgenommen, denn es gibt viel mehr Ausländer als Deutsche auf der Welt.“  

(Mohammed Abed, Unternehmer in Hamburg)


Quellenhinweis:

Luchterhand Literaturverlag GmbH Hamburg, Seite 11/12 "Die bösen Zinnsoldaten sind erwacht" von Mohammed Abed, Luchterhand Flugschrift 4, Stoppt die Gewalt! - Stimmen gegen den Ausländerhaß (Herausgegeben von Michael Jürgs und Freimut Duve, Sammlung Luchterhand) 

Dienstag, 3. Mai 2011

Frühlings-Flaute (1)







Nein, nein und nochmals nein, er konnte keinen guten Text verfassen wenn er gesättigt, ausgeschlafen und rund um glücklich war. Es ging ihm keine gute Geschichte mehr von der Hand seit..., ja wie lange denn schon nicht mehr?

Schon lange, sehr lange Zeit hatte er keinen Spontaneinfall mehr gehabt. Schon lange, lange war es her, dass er das Notizbuch (welches Sie ihm geschenkt hatte)  in der Gesäßtasche seiner ausgewaschenen Jeans mit sich trug.

Zu Zeiten völliger Zufriedenheit fand er noch nicht einmal mehr den Anspitzer für seine abgebrochene Bleistiftspitze, geschweige denn einen guten Anfang für einen guten Text.

Ein Text, bestehend aus zusammenhängenden, aneinandergereihten Wörtern, Zeile um Zeile schrieb er sich noch vor einiger Zeit scheinbar wie von allein.

Frühlings-Flaute (2)







Stündlich, im Takt zu der Musik die er nebenbei hörte, hatte er neue Einfälle und bombastisch viele Rechtschreibfehler. Nun jedoch, wie bereits erwähnt, fehlten ihm neue Ideen für passable Texte. Doch Rechtschreibfehler, davon hatte er noch reichlich im leichten Handgepäck.

Wenn er aus welchen Gründen auch immer keine tiefgründigen Emotionen empfand, wenn er weder extrem traurig, noch überschwänglich glücklich war, wenn er nicht so müde war, dass er gleichzeitig schon wieder wach war, wenn er nicht hungrig, wenn er nicht [...], dann konnte er keine Texte verfassen wie er es eigentlich gerne täte.

Texte wie Brandbeschleuniger, hoch explosiv, mal überaus lustig und ein anderes Mal sehr stark melancholisch angehaucht. So stark, dass die Wörter in schwerer Traurigkeit zu ertrinken drohten.

Frühlings-Flaute (3)






Er wusste sich nicht zu helfen. Wie sollte er aus der unfreiwilligen Schaffenspause heraus kommen? 
Am eigenen Kragen packen, um sich aus dem Treibsand zu befreien? Kein Mensch vermochte dieses Wunder zu vollbringen.
Doch er vollführte einen Tanz im Treibsand und dachte laut drüber nach wie er es bewerkstelligen könnte einen Text zu schreiben, ohne sich dabei zu wiederholen, ohne dabei an Qualität zu verlieren.
Wo gerade in Tagen wie diesen die Qualität so entscheidend war. Qualität, die ohne eine ordentlich durchgeführte Kontrolle ganz, ganz schnell im Keller war.
Er könnte eine frei erfundene Geschichte über einen hochbegabten kleinen Jungen und seine minderbemittelte Maus mit den großen Ohren und der rosafarbenen Nase schreiben. 

Genauso gut könnte er aber auch eine frei erfundene Geschichte über einen alten, in die Jahre gekommenen  Mann schreiben. Ein Mann, krank und gebrechlich, ganz allein und vom alter  gezeichnet. Ein einsamer Mann dessen Gedanken durch die gähnend leeren Flure des Hospiz auf und ab gingen
Andererseits könnte er aber auch eine Geschichte über [...].
Er war das grübeln leid. Verflixt und zugenäht, heute wollte ihm einfach keine fiktive Geschichte einfallen. Wo doch die Fiktion sein Fachgebiet war.
Zusammengepuzzelt, entdeckt und hervorgerufen aus den tiefen, den bunt gesprenkelten Windungen seines farbenfrohen Hirns. Fragmente, anfangs noch fein säuberlich sortiert, und zum Ende hin wild zusammengeworfen. 

Doch plötzlich, siehe da, kam ihm der alles entscheidende Einfall.
Er schrieb die letzten Worte des Textes den du hier gerade liest und freute sich über eine neu entstandene Geschichte über seine Frühlingsflaute.