Donnerstag, 29. Oktober 2009

Kaffeekränzchen



Kurz vor Ladenschluss am Samstagabend hatte sich spontan sein Chef (zusammen mit seiner besseren Hälfte) zum Sonntagsnachmittag-Kaffeekränzchen angekündigt. „Scheiße!“, dachte er sich, denn er hatte keine Filtertüten mehr. Da es bei ihm immer schnell gehen musste, trank er innerhalb der Woche meistens Nestcafé. Dazu benötigte man keine Filter. Nur wenn er Besuch oder viel Zeit hatte brühte er frischen Automatenkaffee auf.

Auf der Suche nach den passenden Tüten für seine Kaffeemaschine rannte er in drückenden Slippern in Richtung Stadtmitte. Er hastete zwischen dem zähflüssig fließenden Straßenverkehr hindurch. Er lief über die laute, abgasverseuchte Hauptstraße, über die Hauptschlagader der größten Kleinstadt Deutschlands.
Er schreckte wie ein gejagtes Reh von dem Schuss aus einer Flinte auf, als er von einem übergewichtigen Autofahrer brutal angehupt wurde. Völlig durchgeschwitzt und verängstigt erreichte er die andere Straßenseite, wo er von einer aggressiven, auf Krawall gebürsteten Psycho-Omi mit dem Gehstock empfangen wurde.

Nach einer Hetzjagd durch die Stadt hielt er erschöpft aber glücklich die grüne Packung mit den Filtertüten in der Hand.

Dienstag, 20. Oktober 2009

Pavel Turkovski


Teil Zwei
Kapitel Zwei
(3)

Ich raffte mich auf, schlurfte hinüber ins Badezimmer, bürstete meine Kauleisten und gurgelte anschließend mit antibakteriellem Mundwasser meinen Rachen. Ich machte mich ausgehefertig. Ich schlüpfte in meine vor Dreck starrenden Boots und zog meine allwetter Winterjacke an (eine Jacke in der ich aussah wie eine schlechte Kopie des Pirelli-Männchen). Ich verlies die Wohnung und machte mich auf den Weg. Nach einem zehnminütigen Fußmarsch durch die Kälte war ich im Hafenvierte angekommen. Ich ging über den Damm und betrat die andere Seite der Stadt.

Pavel Turkovski

Teil Zwei
Kapitel Zwei
(2)

Es war so gegen Mittag als ich unter der Dusche stand. Ich duschte heiß, sehr heiß, viel zu heiß, denn meine Haut brannte und war stark errötet.

Nur mit einem Badetuch bekleidet saß ich dampfend auf meiner grünen Couch, blickte aus dem Fenster und sah in den grauen, verregneten Samstagnachmittag hinein. Ich fragte mich was ich an meinem freien Tag tun könnte? Es gab eine Vielzahl von Möglichkeiten:

Den Hausmüll, das Altglas und das Altpapier entsorgen, dann das Geschirr spülen und anschließend die Böden wischen. Nebenbei bemerkt war mein Biotop komplett zugestaubt. Auf allen Oberflächen hatte sich der Staub der letzten Monate abgesetzt. Hinzu kamen die Ratten unter dem grünen Schlafsofa und der Kommode. Einst mal waren es kleine Wollmäuse gewesen, doch nun waren sie zu furchteinflößenden Wanderratten herangewachsen. Kurz, zutun gab es wirklich reichlich. Doch ich tat das was ich für gewöhnlich am besten konnte. Nichts. Jedenfalls nichts was mit Ordnung und Sauberkeit zusammen hing. Der desolate Zustand meines schutzwürdigen Biotops gefiel mir.

Pavel Turkovski

Teil Zwei
Kapitel Zwei
(4)

Ich ging durch die Drehtür des Corso-Theaters. Hinter der Kasse saß eine korpulente,kaugummikauende Wiederkäuerin. Ich zahlte und sie schob mir ein goldenes Ticket zu:

Die Eingangsszene

An einer Tankstelle. Der Himmel ist dunkel. Es ist Nacht. Mit angemessener Geschwindigkeit kommt ein schwarzer Mercedes “Strich-Acht“ an einer der Zapfseulen zum stehen. Der unruhig laufende Motor verstummt.

„Die 1, ein Päckchen Luckys, Zündhölzer, Zahnpflegekaugummis und einen Cafè au let, bitte.“

Der Kassierer, ein schlanker Typ, bebrillt und unrasiert antwortet aus seiner Zahnlücke heraus:

“Achtundsechzig Fünfundneunzig, bitte.“

Der Fahrer des Mercedes, ein gut aussehender, junger Mann im Nadelstreifenanzug mit wasserstoffblondem Kurzhaarschnitt nimmt seine Tasse mit dem dampfend heißen Automatenkaffee und stellt sich an einen der beiden Rundtische. Er verhaart. Sein Blick taucht in die Kaffeetasse ein.

Szenenwechsel, Rückblick

Er am Frühstückstisch. Sie am Fenster, ihren Blick auf die blühenden Obstbäume im Garten gerichtet. Er war sichtlich angetan von ihrer Schönheit. Ihrem schulterlangen, in der Sonne bräunlich schimmerndem, langen Haar, sie sah wirklich hinreißend aus! Ihr Anblick erinnerte an eine Statue aus der Antike, eine künstlerisch, wunderschön dargestellte Plastik. Jedoch leblos und kalt!
Nach einem großen Schluck von dem noch dampfenden Tee, den sie zuvor frisch eingegossen hatte, sagte er zu ihr: „Ich werde morgen schon sehr früh das Haus verlassen. Warte nicht mit dem Mittagessen auf mich. Ich denke, dass ich am frühen Abend wieder zuhause bin.“

(Der Zuschauer hört die Gedanken des Protagonisten)

„Mit einem Donnerwetter hatte ich gerechnet. Hatte zumindest mit einem ihrer vernichtenden Blicke gerechnet. Doch sie stand nach wie vor regungslos am Fenster. Sie starrte weiterhin auf den blühenden Kirschbaum im Garten.“

Szenenwechsel/Tankstelle

Ring, ding, dong, ding - Ein korpulenter Fernfahrer betritt die Tankstelle und bewegt sich zielstrebig auf das Zeitschriftenregal zu. Der Fernfahrer greift nach der neusten Ausgabe der FHM, klemmt sich das Hochglanzmagazin unter seinen Arm und bewegt sich schweratmig auf die Kasse zu.

„Ein Päckchen Rothändel, eine kleine Flasche Strothmann Weizen-Korn und das hier! Das ist alles, danke. Ihnen auch!“

Er sitzt im Wagen, dreht den Zündschlüssel um und drückt aufs Gaspedal. Der Motor heult auf, die Vorderreifen drehen quietschend durch und zurück bleibt eine schwarze, stinkende Wolke aus verbranntem Treibstoff und abgeriebenem Gummi.

Sonntag, 18. Oktober 2009

Aufzeichnungen eines Piraten



Momentaufnahmen.‭ ‬Unfassbares Material.‭ ‬Auf Karopapier gekritzelte,‭ ‬persönliche Memoiren.‭ ‬Geschichten von Früher.‭ ‬Bunte Farbenpracht.‭ ‬Schillernde Gedanken,‭ ‬festgehalten in einem unscheinbaren,‭ ‬grauen Büchlein.‭ ‬Ein Gedankengut aus seiner wilden‭ ‬Jugendzeit,‭ ‬einer aufregenden Zeit in der Zwischenwelt,‭ ‬einer Welt zwischen Kind sein und Erwachsen werden.‭
Bemerkenswert die Leichtigkeit,‭ ‬die unbeschwerte Heiterkeit seiner Worte.‭  ‬Beflügelte Gedanken die viel,‭ ‬sehr viel Raum und Kraft für die Entfaltung brauchten.‭ ‬Er ging fort,‭  ‬begab sich wie Robinson Crusoe auf lange Reisen.‭ ‬Auf der Reise,‭ ‬auf stürmisch,‭ ‬hoher See‭  ‬entstanden seine privaten‭  ‬Piratengeschichten.‭ ‬In kleine Häppchen gehackte,‭ ‬aneinander gereihte Anekdoten.‭ ‬Sushi aus Edo Oki.‭ ‬Hergerichtet von einem‭ ‬gut ausgebildeten Schiffskoch,‭ ‬serviert von einem pockennarbigen,‭ ‬frei denkenden Abenteurer.‭  ‬Intime Stories aus einer fiebrig heißen Vergangenheit.‭ ‬Euphorische Erregtheit in der engen Koje.‭ ‬Lange,‭ ‬verschwitzte Liebesnächte bis in den Morgengrauen,‭ ‬bis der Wecker klingelte.‭  ‬All das und noch so viel mehr hatte er in diesem grauen Büchlein beim Entrümpeln der Garage wiedergefunden.‭

Samstag, 17. Oktober 2009

Der Spaziergänger


Manchmal, wenn er dringend Ruhe nötig hatte, wenn er seinem Dämon entfliehen wollte, wenn er sich von seinem anstrengenden Alltag erholen musste, dann spazierte er über den Westfriedhof. Über den uralten Friedhof zu gehen, kam einem Spaziergang durch einen wunderschönen Park gleich.
In der Nähe seiner Wohnung gab es einen eingezäunten Park. „[…] Zentral gelegene 3 ZW mit Park-Nähe“, sagte damals der Wohnungsmakler am Telefon zu ihm. Ein wirklich nahe gelegener Park. Ein Park indem man auf viele heimische Vögel traf. Insbesondere war die Populationsrate der Bordsteinschwalben und Schluckspechte enorm hoch. So hoch, dass sie die anderen Vogelarten verdrängten.  So hoch, dass er sich belästigt und unwohl fühlte. Er zog einen einsamen Spaziergang über den Friedhof vor. Auch dort traf man auf verschiedene Vogelarten. Vögel wie den Zaunkönig zum Beispiel.

KREATIV BLOGGER AWARD


Ich alias "K'nack die Krähe" habe heute von Abraxandria den "Kreativ Blogger Award" verliehen bekommen.
An dieser Stelle nochmals ein ganz großes DANKESCHÖN (es ehrt mich wirklich sehr)

Kommen wir nun zu den Award-Regeln:
1.) Bedanke dich bei der Person, die ihn dir verliehen hat.
2.) Kopiere das Logo und platziere es in deinem Blog.
3.) Verlinke die Person, von der du ihn bekommen hast
4.) Nenne 7 Dinge über dich, die anderen noch nicht bekannt sind.
5.) Nominiere 3 bis 7 “Kreativ Blogs”
6.) Verlinke diese Blogger bei dir.
7.) Benachrichtige die Nominierten durch einen Kommentar

(Dear Friends, ich bin ein Mann der Taten und wenn mir etwas nicht passt, dann handle ich auch schon mal impulsiv. Ich habe bei den "Award-Regeln" (Punkt 5) eine kleine, aber doch entscheidende Veränderung vorgenommen: "Nominiere (3bis) 7 Kreativ Blogs" Die "3  bis" habe ich einfach dazu geschrieben.
Ich hoffe, dass dieser Fauxpas verzeihbar ist.)

zu 1. - 3.:

 - mit Freuden erledigt  ;-)


zu 4.

-1.   Ich bin ein Martin Scorsese Fan. Direkt über meinem Arbeitstisch (die Ablagefläche einer eingeklapten, antiken Nähmaschine) hängt das original Filmplakat von dem besten Scorsese-Film ever: TAXI DRIVER. Somit bekenne ich mich auch als ein Robert De Niro Fan (übrigens spielt in TAXI DRIVER Jodie Foster mit).

-2.   Ich leide an einer chronischen Tolpatschigkeit. Nein, wirklich. Ich sorge dafür dass, das hiesige IKEA Möbelkaufhaus den Jahres-Mindest-Verkauf an Wassergläsern einhält.

-3.   Ich bin seit einigen Jahren ehrenamtlich tätig und grüße an dieser Stelle alle Ehrenamtler in der ganzen BRD (Deutschland braucht Euch). Peace 2 All Ya.  

-4.   Ich habe einen homosexuellen Freund Names Minoş ( ş = sch). So heißt unser Wellensittich, der Kleine denkt ich wäre auch ein Sittich. Er hat sich in mich verliebt. Z.z. leben wir in einer Dreiecksbeziehung: Meine Gattin unser Wellensittich und Ich.

-5.   In Wirklichkeit bin ich mit "blogger.com" nicht zufrieden, gefällt mir irgendwie nicht. Vor allem mag ich den Admin-Bereich nicht (obwohl man schon viel machen kann und sich einiges zum Positiven hin verändert hat).

-6.   Zu meiner verspäteten Jugendzeit war ich aktiv mit den "Grünen" unterwegs. Nachdem J. F. (unterwegs in Sachen Parteiwerbung) und sein Geleit mich hupend von der Straße gedrängt hatten (ich ohne Helm auf meinem Motorroller), durfte ich im Anschluß nach einer gähnend langweiligen Rede, für ihn und seine Crew (darunter auch C. Ö.) Kaffee und Kuchen servieren. Später habe ich ein passendes Interview für die holländische Presse abgegeben und dannach mußte ich mein Amt als Servierfachkraft niederlegen ;-)

-7.   Dieses Jahr zu Halloween (31. Oktober) werde ich meine erste Grusel-Kurzgeschichte veröffentlichen.


zu 5.:  

"And the next Kreativ Blogger Award goes to":

-   Tiger- Die Kralle von Kreuzberg ( Heute schon bei Episode 115 angelangt. Abicim, für Deine Berliner Türken-Schnauze gibtz von mir den Kreativ Blogger Award . Zu meinen Favoriten gehören die Episoden mit U-Bahn Umut und Fax ;-)

- Paleica ( An dieser Stelle noch einmal alles Gute und viel Erfolg bei Deinen Prüfungen. Echt super, super, super Projekte, ein künstlerisch sehr, sehr stark angehauchter Blog)

- Amaya (Ich besuche Deinen Blog immer, und immer  wieder gerne. Ich bin einer Deiner begeisterten Leser, und ich  finde dass auch Du den Kreativ Blogger Award" bekommen solltest)

PS.:

So und nu ab aufs Blümchensofa zu meiner Liebsten, um gemeinsam  das "Super Talent" weiter zuschauen  :-)

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Tight Pussy


Eigentlich wollte er an jenem Tag zuerst die Reifen an dem Wagen seiner Freundin wechseln, dann wollte er zum Zahnarzt, ins Wettbüro und danach wollte er noch seinen bereits ausgefüllten Lottoschein an der Annahmestelle abgeben.
Doch er saß (in schwarz gekleidet) zusammen mit seinen besten Freunden von damals im Ba-Ca, dem Bahnhofscafé am alten Bahnhof. Sie saßen an ihrem Stammtisch von früher. Er schloss seine Augen und atmete tief ein. Es roch heute noch wie damals. Es roch nach Kaffee und Zigarette. Er öffnete seine Augen und blickte sich um. Die Zeit im Café schien still gestanden zu haben. Er erinnerte sich an jedes Möbelstück, an jedes Detail der bunten Kandinsky Bilder die an den gelben Wänden hingen. Er erinnerte sich an jede Kerbe in dem massiven Tisch an dem sie Jahre später wieder saßen. Sie tranken Latte Macchiato, aßen süße Muffins und labberten eine Menge blödsinniges Zeug, fast so wie damals. Doch damals war auch Pussy immer mit dabei. Pussy, auch genannt „Tight Pussy“, war ein homosexueller Ex-Junkie. Pussy war sein bester Freund gewesen. Pussy war vor einigen Tagen an AIDS verstorben.

Dienstag, 13. Oktober 2009

Pavel Turkovski




Teil Zwei
Kapitel Eins
(5)

Ich hatte genug, nein, mehr als genug Gedanken die mich über eine scheinbar endlose, einsame Straße aus meiner exgeliebten Heimatstadt hinaus führten. Ich sehnte mich nach einem friedvollerem Ort. Ganz weit weg von meinem grauen Fabrikalltag. Ganz weit weg von den finster dreinblickenden Eltern in der Rushhour, die ihre seelischen Krankheiten, ihren auf der Rücksitzbank sitzenden Kindern mit in die Junior-Tüte packten. Diese Sehnsucht nach einem Ort den es so wie ich ihn mir vorstellte wahrscheinlich gar nicht gab, folgte mir an manchen Tagen auf Schrit und Tritt.
  

Pavel Turkovski


Teil Zwei
Kapitel Eins
(6)

Mit Ihr zusammen ging ich an manchen Tagen durch die Hölle. Ein manches Mal zwängten  wir uns durch die überfüllten Gänge des Supermarkts.  Ein anderes Mal waren wir auf der Suche nach Konsumgütern die keiner brauchte. Wir hasteten über die Einkaufsmeile. Wir rannten über das glitschige Kopfsteinpflaster, durch die engen Gassen der Altstadt, in Richtung Oberstadt, den Berg hoch und wieder runter. Wir kamen vorbei an aneinander gereihten Kauftempeln und blieben hängen an den knall roten Lippen einer professionell ausgebildeten, überdurchschnittlich attraktiven Verkäuferin des örtlichen Verkäuferrings. Bis wir dann endlich, am Ende eines langen Tages, erschöpft und um ein paar Taler erleichtert, auf der grünen Couch in meinem schutzwürdigen Biotop landeten, waren etliche, vergeudete Stunden eines kostbaren Tages vergangen. 

Pavel Turkovski



Teil Zwei
Kapitel Zwei

(1)

Zwischenzeitig hatte ich mir wieder ein Sandwich geschmiert. Was anderes essbares hätte ich mir auch nicht zubereiten können, da es an elementaren Grundnahrungsmitteln fehlte. Ich schluckte den letzten Bissen meines Sandwichs herunter und schmeckte noch einen hauch von Käse auf meiner pelzigen Zunge, als ich unter den Beistelltisch griff und ein Hochglanzmagazin hervorzog. Immer dann wenn es mir schlecht ging, wenn ich nicht schlafen konnte, oder mich einfach nur langweilte, lass ich besonders interessante Berichte über Technik, Lifestyle und das komplexe Sexualverhalten von Mann und Frau, geschrieben von renommierten Autoren eines sehr bekannten und qualitativ hochwertigen Magazins. Primär kaufte ich mir das Magazin aufgrund der aufschlussreichen Berichte. Sekundär jedoch, wurde  ich durch die plakative Kunst (so war es natürlich gewollt) zum Kauf animiert. Gedankenverloren lag ich auf meinem grünen Sofa und blickte auf die mich anlächelnde Miss Dezember des letzten Jahres. Ich streckte und reckte mich, ich drehte und wälzte mich, ich zog meine kuschelig warme Kamelharrdecke über meinen wuscheligen Kopf und schlief ruhig atmend innerhalb kürzester Zeit ein.

Samstag, 10. Oktober 2009

Last Summer

Das war ein wirklich heißer Sommer.

Im Morgengrauen.‭ ‬Unter dem Dach.‭ ‬Verschwitzt und unruhig.‭  ‬Aufgrund der angestauten Restwärme des Tages konnte er nur sehr schlecht einschlafen.‭ ‬Und wenn er dann endlich einschlief,‭ ‬schlief er unruhig und träumte schlecht.‭ 
Am Tage.‭ ‬Bei der Arbeit.‭ ‬Auf den Knien befreite er extra große‭  ‬Spezialgebläse vom Industriestaub und falls nötig ersetzte er defekte Ventilatoren durch neue,‭ ‬nonstop rotierende,‭ ‬messerscharfe‭ ‬Miefquirls.‭
Beim Ausbau einer dieser überdurchschnittlich Leistungsstarken‭ ‬Exhaustor kam ihm eine Idee.‭ 
Des Nachts.‭ ‬Auf dem kühlen Parkettboden seiner Dachgeschosswohnung‭ (‬die er extra für den Montageeinsatz angemietet hatte‭)‬.‭ ‬Er positionierte den freistehenden‭ Lüfter circa fünfzig Zentimeter von seinem Kopf entfernt und stellte das‭ Gerät‭ ‬auf das größte Buch,‭ ‬das er von Zuhause mitgebracht hatte:‭ „‬Witte-Schülerbildungswerk-Rechtschreibung‭“  ‬Band III.
Das leise Surren des‭ Apparats‭ ‬wog ihn in den Schlaf.‭ ‬Er schlief fest und träumte vom Strand,‭ ‬dem Rauschen des Meeres und seiner Jugendliebe.‭
Im Morgengrauen.‭ Das brutale Brummen des rot aufblinkenden Radioweckers riss ihn aus dem Schlaf.‭ ‬Aus einem sich tagtäglich,‭ ‬ständig wiederholenden Reflex heraus,‭ ‬griff er nach dem Wecker.‭ ‬Das Geräusch verstummte und er schrie auf, als das warme Blut an seiner Hand herunter rann.‭


Mittwoch, 7. Oktober 2009

nonstop

ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. er ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ging ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT.ARBEIT. ARBEIT.  ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. langsam ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. unter ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. und ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT.  ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. versank ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. ARBEIT. in ARBEIT.

Freitag, 2. Oktober 2009

Abschlußfeier



Damals. Unter der Sonne am Mittelmeer. Einige Tage nachdem sie ihr Abitur bestanden hatten. Auf dem riesigen Terrassendach des Hotels. Es lief alles bestens für die fünf Freunde, die Fellas aus dem hoch gelobten Jahrgang. Es war der erste Jahrgang nach der Einführung des Zentralabiturs. Zusammen mit einigen halbnackten Mädchen die einem Video-Clip vom Godfather of Currywurst entsprungen seien könnten, tranken sie ihr Bier aus der Flasche und schlürften an ihren schön hergerichteten Cocktailgläsern. Sie lachten herzhaft und erleichtert, tanzten wild und ausgelassen. Zwischendurch wischten sie sich die Schweißperlen von der Stirn und scherzten (den Rauch ihrer Zigaretten auspustend) über die Zeit vor ihrem Abitur. Sie hatten die Klausuren und Prüfungen endlich hinter sich gelassen und konnten sich nun auf eine sonnengebräunte Zeit im Süden freuen. In jener Nacht, kurz bevor etwas geschah womit keiner von ihnen hätte rechnen können, freuten sie sich einfach nur auf ihre Zukunft.


Am nächsten Tag in der Lobby. Ein pensionierter alter Herr in Knickerbocker und eine Hotelfachfrau im schwarzen Anzug unterhalten sich.

Knickerbocker: „Um Himmels Willen, was ist denn da in der letzten Nacht geschehen?“
Schwarzer Anzug: „ Ein junger Mann. Gerade mal achtzehn Jahre alt. Wohlmöglich im großen Umfang alkoholisiert. Er ist in der letzten Nacht von der auf dem Dach gelegenen Terrasse gestürzt. Der Junge erlitt dabei tödliche Verletzungen und verstarb noch am Unfallort.“

Heute. Aktuelle, abschließende Untersuchungen ergaben, dass die durchgerostete Brüstung der Terrasse, der Last des sich anlehnenden Jungen nicht stand gehalten hatte. Mit einer intensiveren Sicherheitsabnahme im Vorfeld, hätte dieser tödliche Unfall gewiss vermieden werden können.

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Bewerbungstermin



Kurz vor zwölf. Ein arbeitsloser Sozialarbeiter hastete über die Straße. Er war auf der Suche nach einem neuen Job. Auf der Suche nach der richtigen Adresse.

Freistehende Häuser auf großen Grundstücken. Liebevoll angelegte Gärten. Familiäre Nachbarschaft. Spaziergänge im ausläufigen, gut gepflegten Park mit dem kleinen, privat Versicherten Terrier an der langen Leine.
„Ich muß mich wohl verlaufen haben.“, dachte er sich und warf einen Blick in seinen zerfledderten Stadtplan. Da wo er hin wollte, schaute es ganz anders aus.
Am Bordstein stand ein Auto auf Backstein. Ein Kassenpatient im halb zugeknöpften Jogginganzug zog seinen in den Rinnsal kackenden, knurrenden Pitt Bull hinter sich her. Junge Existenzen in der Parkanlage. In der Runde hockend, auf den staubigen Boden spuckend. Nachbarschaftskaffeekränzchen im feinripp Unterhemd. Auf vergilbten, in Karoform angelegten Rasenflächen vor großen, grauen Bauten. 

Er blickte auf die Uhr: „So ein Mist!“

Zwanzig Minuten später als vereinbart begann sein Bewerbungsgespräch in der städtischen Jugendeinrichtung. Eine Einrichtung in dem Stadtteil, der in den 80er Jahren auf Grund der verstärkten Zuzüge von Aussiedlern entstand.