Montag, 21. September 2009

Pavel Turkovski

Teil Zwei

Kapitel Eins

(1)

Es war am frühen Vormittag. Ich stand unter der Dusche und versuchte angestrengt aus den scheppernden Stimmfetzen (die mir mein wasserdichtes Duschradio-Entchen zuprustete) einen zusammenhängenden Satz zu verstehen. Ich drehte das heiße Wasser ab:
„Wassermann. Optimistische Stimmung. Die Welt begrüßt Sie heute mit einem Lächeln. Mit einer großzügigen Selbstverständlichkeit betonen sie das Positive in Ihrem Leben und sehen über die Nachteile hinweg. Schief läuft nur dann etwas, wenn Sie übertreiben.“
Ich stand nackt, dampfend vor dem beschlagenen Badezimmerspiegel und dachte mir: Na super. Dieser Tag wird ohne Übertreibung bestimmt “voll porno!“ Meine Haut war krebsrot und brannte. Ich griff nach dem knochenharten Badehandtuch das an einem Nagel an der Tür hing und schrubbelte mich trocken.

Sonntag, 20. September 2009

Pavel Turkovski


Teil Zwei

Kapitel Eins

(2)

In sauberer Kleidung, frisch rasiert, nach After Shave duftend, mit gegeltem Haar und meiner extra breiten Goldkette um den Hals, stapfte ich in meinen Adiletten durch das Treppenhaus. Von den vielen  Briefkästen an der Wand im Eingangsbereich schloss ich den verbeultesten und verrostetesten Kasten auf. Ich riss an einem zusammengepressten Bündel Werbeprospekte und entdeckte dahinter einen zerknüllten, weißen Briefumschlag. Die buntbedruckten Konsum-Rausch-Papiermüll-Prospekte landeten in einem dafür abgestellten Karton auf dem Boden. Nichtssagendes Altpapier zu meinen Füßen und in meiner Hand ein Brief von Pittakos.

Pavel Turkovski


Teil Zwei

Kapitel Eins

(3)


Der Brief von Pittakos

„Mein lieber Freund Pavel, ich wünsche Dir einen „Happy Bayram“, frohe Weihnachten, Ostern, Pfingsten und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Leidest Du immer noch an einer chronischen Schlafstörung? Bist Du noch immer auf der Suche nach Deiner verlorengegangenen Jugend? Ich kenne ein gutes Mittel gegen die Schlaflosigkeit. Wie wäre es mit einem Urlaub auf der Insel!? Und wer weiß, vielleicht findest Du hier die Dinge, die Du schon längst für verloren geglaubt hattest.

Das vergangene Wochenende habe ich auf dem Festland verbracht. Ich habe an einer Tauchfahrt in einem Zweimann-Touristen-U-Boot teilgenommen und mir die wunderschöne Unterwasserarchäologie aus nächster Nähe angeschaut. Es war grandios, einfach atemberaubend schön. Ganz bestimmt würde es auch Dir eine ganz besondere Freude bereiten wie ein Fisch durch das Riff zu gleiten. Ich für meinen Teil hatte großen Spaß und fühlte mich wie der kleine Clownfisch Namens Nemo.

Der alte Kapitän mit dem pockennarbigen Gesicht hatte mir nicht zu wenig versprochen. Mit einem Souvenir in der Hand (einem kleinen Model des Miniaturbootes) verließ ich gestern die Insel der Mythen und Sagen und reise nun weiter durch das Land der berühmtesten Lustspieldichter seiner Zeit.

Gib Dir einen Ruck und schwing Deinen knochigen Arsch hierher. Zusammen könnten wir den Spuren der Griechen folgen.

Pavel Turkovski


Teil Zwei

Kapitel Eins

(4)

Ich legte den Brief von Pittakos auf den Beistelltisch, und fuhr in Gedanken vollgas. Vollgas in einer roten Ente zum Flughafen. Ich checkte am Schalter einer “noch billiger (die Umwelt verschmutzen geht nicht) Fluggesellschaft“ ein und setzte mich an einen Fensterplatz gleich neben dem Notausstieg. Ich bestellte mir bei einer aufreizenden Stewardess ein Glas leckeren Apfeltee. Ich lehnte mich zurück und roch das herrlich frische Aroma nach Urlaub und mehr...

Freitag, 18. September 2009

Herbstfreude



Morgens in der Früh mal kein Espresso,‭ ‬keine Zigarette und kein Gebrüll von einer auf Krawall gebürsteten Ehefrau Namens Margarethe,‭ ‬auch genannt Kete Mecker.‭
Früh am Morgen roch es nach appetitlichen,‭ ‬offenfrischen Vollkornbrötchen.‭ ‬Es roch nach einem lieblich-milden Rooibos Vanille Tee und es roch nach seinem After Shave.
In der letzten Nacht hatte er keine Alpdrücke gehabt.‭ ‬Endlich konnte er wieder durchschlafen.‭ ‬Er war fit und fühlte sich gut als er mit seiner dampfenden Teetasse auf der Terrasse stand,‭ ‬als er von der Tasse nippend einen kleinen spätsommerlichen Spaziergang durch den‭  ‬Garten machte,‭  ‬als er beim Einatmen seine Lungen mit Sauerstoff füllte.‭ ‬Er war fit und freute sich auf  "einen‭ schönen Sonnentag im Herbst seines Lebens‭".

Mittwoch, 16. September 2009

Pavel Turkovski

 Erster Teil
Drittes Kapitel

(6)

Immer tiefer und tiefer tauchte ich hinab, immer mehr und mehr Stickstoff löste sich in meinem Blut. Ich bekam die Taucherkrankheit und fiel in den Tiefenrausch.

Ich fiel auf nasskalten Asphalt. Ich blickte auf und sah hoch in den Himmel gewachsene Häuserreihen. Ich sah grüne, moosbewachsene Flecken an rissigen, grauen Fassaden und erkannte das gealterte Gesicht meiner Exgeliebten-Heimatstadt. Ich rappelte mich auf und ging entlang der maroden, leerstehenden Häuser mit kaputten Fenstern. Ich wollte weg, wollte ganz schnell fliehen. Ich bog links ab und betrat eine mit Kopfstein gepflasterte Gasse. Ich stand vor einem kaminroten Haus. Das Eingangsportal war mit einem schwarzen Vorhang behangen. Ein schwerer, nach Abgas stinkender Vorhang den ich mit Mühen zur Seite schob. Ich betrat einen alten Parkettboden, stand auf einer schummrigen Bühne und blickte auf ein schauderhaftes Bühnenbild.  Schnell ging ich weiter und huschte hinter die Kulisse. Zu meiner Überraschung stand ich plötzlich zwischen lauthals kommunizierenden, stark gestikulierenden, nach altem Schweiß, Nikotin und Alkohol stinkenden Männern und Frauen.

Ich stand in einer Kneipe. Ich stand in einem Raucher-Club.

Verdutzt drein blickend ging ich rüber zur Theke und setzte mich auf einen dreibeinigen Hocker. Ein breit grinsender, kahlköpfiger Barkeeper begrüßte mich herzlich und stellte sich mir wie folgt vor: „Ich bin edelblütig und heiße Karl Hartz der IV. Sei gegrüßt in der "AA-Kneipe“. Wir sind die “Anonymen Arbeitslosen“ deiner Exgeliebten-Heimatstadt. Das erste Bier mein Freund ist frei Haus. Wenn du schlau bist, dann gehst du rüber zum Hauptgebäude drüben an der Straße, dort kannst du dir einen "Konsum-Schein" ausstellen lassen. Bei Vorgabe des Scheins bekommst du dein Bier für die Hälfte des Preises.“ Karl Hartz der IV.“ schob ein randvolles Glas Bier über die Theke und zwinkerte mir zu. Ich bedankte mich, hob mein überschwappendes Bierglas, drehte mich auf meinem Hocker um, atmete tief ein und roch die Ausdünstungen der  schleichenden Armut. Ich fasste mir mit der linken Hand ans Herz, machte eine tiefe Verbeugung und prostete den “Anonymen Arbeitslosen“ zu.

Samstag, 12. September 2009

Herbstrasen



Ein warmer Strahl,‭ ‬ein ruhiger Fluss,‭ ‬eine wohltuende Strömung mitten durch das laute,‭ ‬mitten durch das‭  ‬hecktische Stadtgewusel.‭ ‬Umgeben von angespannten,‭ ‬unter Zeitdruck‭  ‬an den roten Ampeln stehenden,‭ ‬sich schupsenden,‭ ‬auf den Bordsteinen anrempelnden,‭ ‬verzerrten Stadtgesichtern.‭  ‬Umgeben von‭  ‬hetzenden Erwachsenen und abgehetzten‭  ‬Kinder, stand er still und schloss die Augen.‭ ‬
Er stand still,‭ ‬schloss die Augen und sah durch das lichter werdende Blätterdach der Baumkronen hindurch.‭ ‬Er sah im Wind tanzende Blätter zu Boden fallen.‭ ‬Er stand immer noch still und öffnete die Augenlieder.‭ ‬Er öffnete die Augen und sah zu Boden.‭ ‬Er sah sich in einer gelben Pfütze stehen.
Ein Kind zog an der Hand seiner Mami,‭ ‬zeigte mit dem ausgestreckten Finger auf einen Obdachlosen mitten auf dem Jakobsplatz und sagte:

‭„‬Da schau mal Mami,‭ ‬da steht ein angepisster Penner.‭“