Mittwoch, 26. August 2009

Ein Treffen im Netzwerk



Und wieder würde er sich mit ihnen treffen. Wieder würde es Tote geben. Wieder und immer wieder würde es ein brutales Gemetzel geben. Töten im Halbstundentakt. Den Finger stets am Abzug. Dauerfeuer. Blutige Schlachten im „Deathmatch“, das hieß: „Jeder gegen Jeden.“ In der Ruine, hinter der Hecke, auf der Ladefläche eines zerbombten LKWs, überall lauerten blutrünstige Feinde, die nur auf ihn warteten. Sie schossen mit scharfen Waffen aus einem schier unendlichem Waffenarsenal. Er, einstmal ein ambitionierter Jogger, saß träge, schlaff wie ein nasser Sandsack, in einem abgedunkelten Raum. Er saß vor dem Flatscreen. Er jagte und ließ sich jagen. Gehetzt und gejagt von den uniformierten Trupps. Soldaten ,die ihm im Nacken saßen. Balu fragte im Chat: "Hast Du ihn erwischt?" Chuck Norris antwortete: "Nein verdammt, er lebt noch. Dort drüben rennt die Drecksau!" Er rannte durch enge Gänge, durch dunkle Bunker. Plötzlich, zittrig, schweißgebadet, stand er vor einer verriegelten Tür. Pawel im Chat: "Scheiße, sie haben mich. James Ryan, OPA, XXX-Killa, wo seid ihr? Kommt schnell in den Bunker, ich brauche eure Hilfe!" Er zuckte vor Schreck zusammen, als sie vor ihm standen und das Feuer eröffneten. Ein anderer "Spawn-Point", ein neues Szenario. Er lag im Graben. Instinktiv duckte er sich vor feindlichem Beschuss, versteckte sich hinter Sandsäcken, er zuckte vor Schreck zusammen, als er von hinten in den Rücken geschossen wurde.                                                                                                                                                    Des Nachts, weit entfernt von einem echten Kriegsschauplatz, doch seinem extrem brutal aufgerüsteten PC ganz nah, träumte er von einem nie enden wollenden Krieg. Ein Alpdruck im "Team-Deathmatch". Ein Alpdruck, so realistisch wie das Spiel, welches er zuvor stundenlang, nonstop gezockt hatte. Sein Herz schlug schneller, seine Atmung war flach und kurz. Zähneknirschend wälzte er sich unruhig von der einen Seite zur anderen. Er trat seine warme Daunenbettdecke von sich. Kalte Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Schnelle Augenbewegungen, starke Zuckungen im Zeigefinger seiner rechten Hand. Er kauerte sich zusammen, er lag in der Embryonalhaltung und blickte in den Lauf einer AK47. Er zuckte vor Schreck , als Sekundenbruchteile später ein ohrenbetäubender Knall ertönte. Mit nur einem Schuss hatte ihn der unsichtbare Vollstrecker aus seinem Alpdruck geschossen.




"Als Cheat (englisch für Betrug, Schwindel) wird die Möglichkeit bezeichnet, in einem Computerspiel selbst oder durch externe Programme den Spielverlauf in einer nicht dem gewöhnlichen Verlauf entsprechenden Weise zu beeinflussen […]"




Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Cheat

Freitag, 21. August 2009

SYMPTOME



Bei ihm machten sich die Symptome einer kranken Gesellschaft bemerkbar. Er litt an den Schmerzen ihrer Krankheit.


Sie fragten ihn: „Wie geht es Dir?"
Er antwortete: „Schlecht!“

Am Anfang wandten sie Großmutters-Rezepturen an. Nur leider nicht so wie die vor Jahren verstorbene Großmutter sie anwandt.
Die Symptome wurden stärker. Sie reagierten und schlürten ihn zu den Experten mit Nickelbrille und weißen Kitteln. Leider aussichtslos. Sie, die selber nie geheilt wurden, die chronisch Kranken, waren mittellose Besserwisser. Die Symptome wurden heftiger.
Sie verabreichten ihm Pillen die er nicht schlucken wollte, doch wohl oder übel schlucken musste. Er fühlte sich immer schlechter. Die Schmerzen kamen in immer kürzer werdenden Zeitabständen. Er schlitterte wie auf einer Straße mit Rollsplitt, unaufhaltsam in einen dicht bewachsenen Wald hineinen. Eine Kollision war unvermeidlich. Ihm blieb keine andere Wahl. Er musste sich selber helfen, denn nur dass half. Schmerzerfüllt sprang er in seine überteuerten Turnschuhe. Auf Luft gefederte Schuhe die ihm seine Mutter gekauft hatte, die ihm trotz des hohen Preises vor einem Spreizfuß nicht hatten schützen können. Schmerzerfüllt kämmte er sich seine gegelten Haare streng nach hinten und setzte sich die „Ray Ben“ seines Vaters auf die Nase. Schmerzerfüllt fuhr er den Wagen seines Bruders auf der Überholspur, auf der Autobahn, mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung „Freiheit“.


Er fuhr so schnell, dass der Schmerz und das Leid sich von seinem Körper trennten.

Das Pillenglas hinter dem Spiegel



Er hatte seine Familie, seine Arbeit und seine Geliebte für die er lebte. Er fuhr einen Sportwagen, konnte sich teuren Wein und kubanische Zigarren leisten.

Eines Morgens stand er barfuss im Badezimmer und blickte in den Spiegel. Er sah einen fremden, in die Jahre gekommen, unrasierten Mann. 

Er blickte in schwarz umrandete, blutunterlaufene Augen. Er drehte den Wasserhahn auf und schluckte zwei der Pillen aus dem braunen Pillenglas. Ein Glas, das tagsüber hinter dem Spiegel stand. Er nahm eine heiße Dusche. Anschließen putzte er sich seine Zähne. Danach rasierte er sich. Zum Schluss dieser allmorgendlichen Prozedur kleidete er sich stilvoll an.
Auf seinem Weg zur Haustür biss er in sein Brötchen, nahm einen Schluck heißen Kaffe und klemmte sich seine Aktentasche unter den Arm.

Kurz bevor er das Haus verließ blickte er in den großen, rechteckigen Wandspiegel mit vergoldetem Rahmen und sah einen ihm bekannten, jungen, frisch rasierten Mann. 

Pavel Turkovski



Erster Teil
Drittes Kapitel
(3)


Endlich, daheim angekommen. Ich schloss zweimal ab und ließ den Schlüssel waagerecht im Schloss hängen. Ich betrat mein schutzwürdiges Biotop, mein Arbeitszimmer, mein Schlafzimmer und meine Küche in ein und demselben Augenblick. Ich betrat das Multifunktionszimmer meines Einzimmerappartements und ließ mich in voller Montur auf mein grünes Schlafsofa fallen.
Es war kurz vor drei Uhr in der Früh, als ich erwachte. Ich stellte den Flimmerkasten an. Es lief „Krieg der Welten“, die Wiederholung aus dem Vorabendprogramm. Ich stellte das Gerät wieder ab und hörte den Wind draußen pfeifen.
Ich hörte wie dicke Regentropfen an der vakuumisolierten Fensterscheibe zerplatzten. Tausende, zehntausende, hunderttausende dicke Regentropfen zerplatzten, immer und immer wieder. Tausende, millionen, milliarden kleinere Regentropfen schlossen sich zusammen und bildeten Rinnsale. Lange, traurig wirkende Rinnsale die den Feinstaub von der Scheibe wuschen.

Pavel Turkovski



Erster Teil
Drittes Kapitel
(4)


Mit ausgetrockneten Speichelresten in den Mundwinkeln, mit einem faulig riechenden Atem und überfülltem Darm, torkelte ich schlaftrunken durch mein schutzwürdiges Biotop in Richtung Toilette. Begleitet von schmerzenden Krämpfen, in Schüben, entleerte ich meinen Darm. Es plumpste in die vergilbte Porzellanschüssel.
Anschließend wusch ich meine rissigen Hände und mein stoppeliges Gesicht mit Seife unter verkalktem, eiskaltem Wasser.
In meiner kleinen Kochnische, dort wo sich das Geschirr der vergangenen Wochen stapelte, schmierte ich mir auf der zerkratzten Ablagefläche ein Schinkensandwich mit Mayonnaise. Auf meinem Sofa, in das ich ganz unbefangen hinein pupste, verspeiste ich mein Sandwich und schwelgte in leicht depressiv angehauchten Gedanken:

„ Ist das etwa mein Schicksal oder ist hier der Zufall am Werk?“

Pavel Turkovski



Erster Teil
Drittes Kapitel
(5)


Ich tauchte ein in den Gedankentümpel und ging unter in der trüben Brühe. Gedanken an den Job zogen an meinen Beinen und rissen mich in die Tiefe.
Die Arbeitwelt- Die Maloche am Endlosband. Rotierendes Dreischichtsystem. Knifften aus der Tupperdose. Ein kritisch drein blickender Produktionsleiter. Das Pausenbrot mit fadem Beigeschmack. Ich war unzufrieden. Unzufrieden mit mir und meinem Leben. Am liebsten wäre ich am Montag vor Schichtbeginn, um kurz vor sechs Uhr morgens ins Büro marschieren. Ich hätte mich vor den Produktionsleiter gestellt. Ich hätte ihm ein Paar ölverschmierten Arbeitshandschuhen ins Gesicht geschlagen und zu ihm gesagt: “Adıeu, Sıe nach Innovatıon strebender Sklaventreıber der Moderne. Adieu, Sie strafend drein blickender Saubermann mit Schnauzer und Armanibrille. Adieu, und auf nimmer Wiedersehen Du Arschloch!“

Samstag, 8. August 2009

Pavel Turkovski



Erster Teil
Zweites Kapitel
(5)


Pepe hatte es sehr stark eilig gehabt. Auf feuerheißer Gummierung fuhr er durch die leeren Straßen der Innenstadt und malträtierte dabei sein kleines, aufheulendes, italienisches Auto. Angst vor der örtlichen Polizei hatte er anscheinend nicht. Ampeln, Schilder, Fahrbahnmarkierungen, hier und da mal ein aus der Dunkelheit entsprungener Passant, dass war ihm egal. Pepe dachte nur daran so schnell wie möglich bei Mama anzukommen. Denn Pepes Mama machte an jedem Freitagabend, die beste Lasagne der Stadt. Und darauf freute er sich so überdurchschnittlich stark.

Pavel Turkovski


Erster Teil
Zweites Kapitel

(6)

An der Bushaltestelle vor dem beängstigend großen, deprimierend grauen Kasten, dem Gebäude der Psychiatrie, zwängte ich mich schweißgebadet aus dem kleinen Fiat. Ich musste mich gegen den Wind stemmen, der kalt und scharf von Osten blies. Mit großen Schritten setzte ich mich in Bewegung. Dabei griff ich in meine rechte Jackentasche, zog mein silbernes „Classic Regular“ heraus und zündete mir damit eine Zigarette an. Das Sturmfeuerzeug hatte ich damals in einem verstaubten Kasten auf dem Speicher meines Elternhauses gefunden. Es hatte mal meinen Großvater gehört.

Ich blickte in die gelbe, im Wind tanzende Flamme, ich blickte auf das versilberte Gehäuse und las die Gravur :

„Die Zukunft beginnt hier und jetzt.“

Pavel Turkovski



Erster Teil
Drittes Kapitel

(1)


Ich nahm eine Abkürzung durch das Bahnhofsviertel und ging über die Brücke am Damm. Eine Brücke, die mich an den Eifelturm erinnerte, weil sie wie der Pariser-Eiffelturm von Stahlnieten zusammengehalten wurde. Die Brücke verlieh meiner exgeliebten Heimatstadt einen französischen Antischarm, den ich genau so wenig mochte wie die nach Urin stinkenden Pissuars auf der Männertoilette im Bahnhofsgebäude.
Ich war schon fast zuhause angekommen, als ich durch den grellen Schein der beleuchteten Litfasssäule ging. In mir stieg wie das heiße Magma eines vor dem Ausbruch stehenden Vulkans die Vorfreude auf einen erholsamen Feierabend vor der Glotze.

Pavel Turkovski



Erster Teil
Drittes Kapitel
(2)

Plötzlich sprang ein geisterhaftes Wesen aus dem Schatten heraus in den grellen Schein der Litfasssäule hinein. Auch ich sprang in jenem Schreckmoment. Ich sprang hoch in die Luft. Der kalte, mittlerweile leicht stürmische Wind aus Osten trug mich leider nicht davon. Ich fiel zu Boden. Geschockt blickte ich auf und sah eine Hand die mir gereicht wurde. Ich nahm die Hand und wurde ruckartig zurück nach oben gezogen. Als ich noch schwankend, auf zittrigen Beinen stand und in das Gesicht jener geisterhaften Erscheinung blickte, hätte ich fast wieder den Boden unter meinen Füssen verloren.
Ich erkannte das Gesicht meines alten Schulkameraden aus der Grundschulzeit wieder. Ich erinnerte mich an ein lustiges, lebensfrohes Kind das Otto Walkes besser als alle anderen imitieren konnte.
Immanuel jedoch, erkannte mich nicht. Er wirkte kränklich, zerbrechlich, dem Leben entrückt. Er fragte mich nach einem Glimmstängel, er fragte mich und sah nicht was ich sah.
Ich gab ihm eine Zigarette und dachte mir: „Gott sei mit Dir.“

Lesepause



Mit einem Buch in der Hand saß er auf formschönen, jedoch unbequemen Stühlen, in virenverseuchten Wartezimmern, auf dem Parkplatz vor dem lieblings Shopping-Center seiner Frau, in der vergilbten Badewanne, mit einer, in den Augen brennenden, filterlosen „Lucky“ zwischen den Lippen. In den frühen Morgenstunden, zur Mittagszeit, am Abend und manchmal bis spät in die Nacht hinein, hatte er ein Buch in der Hand und verschlang gierig Wort, Wort, Wort, Wort, Wort, Wort, Wort, Wort, Wort für Wort, Zeile für Zeile.
Nie übersprang er eine Seite. Restlos verschlang er die auserlesenen Texte und nahm dabei mächtig zu.
Schwarz bedruckte Bücher, die Auftriebskraft seiner Gedanken. Gedanken, die, wenn er seine brennenden Augen schloss, wie ein bunt schillernder Schwarm, farbenfroher Vögel in die Lüfte stiegen. Beflügelte, sich von dem weißen Hintergrund lösende, aus den schwarzen Druckbuchstaben heraus springende Gedanken.