Sonntag, 26. Juli 2009

Pavel Turkovski

Erster Teil
Zweites Kapitel

(2)

Der Arbeitstag schritt in gewohnter Monotonie voran. Monoton und hypnotisierend war der ohrenbetäubende Beat der Industriemaschine. Der Beat der den Takt und die Schnelligkeit meiner Bewegungsabläufe vorgab.
Doch plötzlich, mitten im Geschehen, wurde ich aus meinem tranceähnlichen Zustand gerissen. Der eintönige Beat wurde von einem Klagelaut, einem Ruf aus der Ferne übertönt.
„Kann dass den möglich sein?“, fragte ich mir. „Ist er es wirklich, der hoch über mir, am Himmel seine Runden dreht?“ Ich hörte ihn so deutlich und so eindringlich. Mein Herz schlug schneller. Es schlug im Offbeat, gegen den Takt der Industrieanlage. Ich war mir sicher, es waren die verzweifelten Rufe eines Seefahrers der Lüfte. „Doch wie ist das nur Möglich? Hat er sich verflogen, sich verirrt im Asphalt-Jungel?“

Pavel Turkovski



Erster Teil
Zweites Kapitel

(3)

„Srih, srih.“ Das schrille Kreischen zerschnitt die von der Arbeit geschwängerte Luft. Ich zuckte zusammen. Diese freiheitsliebenden Laute waren mir so bekannt wie die liebevolle Stimme meiner postanatolischen, nach Maß schneidernden Mutter. Das „Srih, Srih“ war nun ganz deutlich zu hören. „Es sind die kreischenden Laute eines Mauerseglers der wohl zum Nisten, den weiten Weg aus Afrika bis hierher gekommen ist.“, dachte ich mir „Ein Segler der Lüfte auf der Suche nach einem Nistplatz für die Brut junger Nachkommen.“
Doch was er vorfanden war erschreckend: Große qualmende Schornsteine, eine Abgaswolke über der Industrielandschaft, ein Gestank, wider die Natur, ein kaum erträglicher Höllenlärm. Schlimmer noch als all dass war die Tatsache, dass der Mensch und seine moderne Architektur keinen Spalt und keine Nische für den Mauersegler hervor gesehen hatte.
Es war aussichtslos... Die Rufe verhalten und gingen unter im Lärm der Produktionsstraße. Der arme Vogel flog hungrig und müde von dannen.

Ich war traurig. Mit herunter hängender Unterlippe blickte ich zu Pepe, der am anderen Ende des Fliessbandes die fertigen Teile zuerst kontrollierte und dann in große Gitterboxen packte. Pepe der temperamentvolle Sizilianer zog zornig seine buschigen Brauen zusammen und sagte:

„Mama Mia, haben wir noch Ohrstöpsel im Lager?! Das kreischen der luftdruckbetriebenen Handschrauber aus der Nachbarhalle geht mir voll auf die Eier!“

Pavel Turkovski


Erster Teil
Zweites Kapitel

(4)


Nach der Arbeit machte mir Pepe, der sympathische Sizilianer ein Angebot das ich nicht ablehnen konnte.

„Heute esse ich zu Abend bei meiner Mama. Wenn du magst nehme ich dich mit in die Stadt, dann brauchst du nicht mit dem Bus zu fahren“. Wir zogen unsere elektronischen Stempelkarten im EC-Karten-Format durch die Stechuhr, schulterten unsere einheitlich hässlichen Rucksäcke mit dem weißen Firmenlogo auf schwarzem Grund und verließen in großen Schritten das Firmengelände.

Samstag, 25. Juli 2009

Poor Lil' Ghetto Boy



Für ihn war es sehr enttäuschend zu sehen mit welchen Augen er von ihnen angeguckt wurde.

Damals, als er im Hip Hop Baggy-Style durch die Straßen seines Viertels lief, trugen sie noch Karottenhosen und zwängten sich in Röhrenjeans.
Er setzte sich ganz bewusst ab vom Mainstream, dem kulturellen Geschmack einer großen Mehrheit. Er besuchte die „Schule des Lebens“ (die Schule die auf seiner Ranking-Liste an erster Stelle stand) und studierte zielstrebig und pflichtbewusst das Studienfach:
„Ghettologie“.
Sie hatten ihn mit argwöhnischen und verachtenden Blicken in die Ecke der Taugenichtse und Sozialschmarotzer geschmettert. Doch er war damals wie heute weder das Eine, noch das Andere. Er wollte lediglich nur sein „Leben“ leben.

Heute, frisch rasiert und fern der Heimat, steht er traurig drein blickend vor ihnen und denkt sich: „Sie werden sich nie ändern. Wenn sich wer ändert, dann ich.“

Freitag, 24. Juli 2009

"Bruno außer sich"



Nachts, nach einem folgenschweren Arbeitstag in polierten Slippern, saß er schmerzenden Fußes an seinem Schreibtisch und hackte nervös, zuckend auf der Tastatur herum. Er griff nach der leeren Zigarettenschachtel neben der noch vollen Kaffeetasse, die er seit den frühen Morgenstunden des vergangenen Tages nicht mehr angerührt hatte. Ein Griff ins Leere.

Bruno außer sich: „Scheiße!“

Er zog sich seine Jacke über und verließ schnellen, hastigen Schrittes seine komfortable Großraumwohnung im Herzen der Stadt. Zerknülltes Burger-Verpackungspapier, Pappbecher, braune Papiertüten und kugelrunde, übergewichtige Nachtschwärmer wehten über die leeren Straßen seiner „Exgeliebten“ Heimatstadt. Der kalte, stark wehende Südostwind, den er nur sekundär wahrnahm, schlug ihm ins Gesicht. Kurze Zeit später stand er unter dem fluoreszierenden Schein der Neonröhre des Ülker-Büdchens.
Seine Muskeln zogen sich zusammen und seine Augen tränten, als er das prall gefüllte Regal mit den vielen Zigarettenschachteln erblickte. Sein Blick fiel von den bunten Schachteln ab und plumpste in den Schoß des unrasierten, bierbäuchigen Ülker Umuts. Umut, der Zeit seines Lebens in die knisternde, türkische Kekstüte griff, saß in seinem Liegestuhl und ließ seine Füße in ein sichtbar wohltuendes Erfrischungsbad tauchen. Im Hintergrund ertönte aus schrebbelnden Lautsprechern eines nostalgischen Radios das Lied „A Hard Day’s Night“. Als Umut den leicht gereizt drein blickenden Kunden vor der Scheibe des Nachtschalters erblickte, rief er nach Fatma: „Fatma kommst du!?“ Fatma, die auf einem Feldbett im angrenzenden Lager schlummerte, stand stöhnend auf, rieb sich den Schlaf aus den Augen und schlurfte heftig schimpfend in den kleinen Verkaufsraum: „Lan tembel teneke (du faule Dose), ich schon schlafen. Du immer rufen Fatma, du nix arbeiten. Du immer faul sitzen, Keks essen und pupsen!“ Als Fatma an der Büdchen-Ausgabe angekommen war sagte sie in einem aggressiven Tonfall:

„Tut mir leid. Jetzt geschlossen weil Probleme mit Personal. Gehst du Tankstelle. Tschusss.“

Fatma schloss die Luke der Nachtausgabe, lies krachend das Rollgitter herunter und drehte das rote, an einer Kette hängende Schild um:

„GESCHLOSSEN.“

Wutentbrannt hämmerte Bruno gegen das Gitter. Doch es war nichts zu machen, das Büdchen blieb geschlossen.

Donnerstag, 23. Juli 2009

Monster-Migräne-Attacken


Auf der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung wurde mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte. Anfangs hatte ich mich noch gefreut, ich war guter Dinge. Meine anfängliche Motivation fiel jedoch auf heißen Asphalt. Wie ein Eiswürfel verflüssigte sich meine Freude. Was zurückblieb war eine Wasserlache. Eine Lache des Leides. Ich litt nicht nur unter der Hitze, der schweißgeschwängerten Luft und am schlechten Atem meines Mentors. Ich litt zusätzlich auch an (anfangs noch leichten) Kopfschmerzen, die im Laufe des Tages zu einer Monster-Migräne-Attacke mutierten. Pünktlich zum Feierabend war jenes Monster zu einem erschreckend großen, zähnefletschenden, hungrigen Riesen mutiert. Der Riese lechzte seine Zähne und sagte zu mir:
„Ich bin der Fürst der Dunkelheit!“ Ich bekam Pipi in den Augen, ich hatte Angst. Mir wurde schlecht, ich konnte es nicht mehr zurückhalten. Ich entleerte meinen Mageninhalt in den bis dahin noch nach Neuwagen duftenden Innenraum des PKWs meiner Freundin. Mit letzter Kraft schleppte ich mich und das Monster des Todes bis vor die Haustür meiner Eltern, wo ich dann völlig erschöpft meinem Vater in die Arme fiel. Aus der privat Apotheke meiner Mutter bekam ich ein hochwirksames Mittel gegen Monster-Migräne-Attacken. Mein Vater legte mich auf die Couch, meine Mutter reichte mir ihre Schlafmaske. In dem Moment als ich mir die Maske über den Kopf ziehen wollte trat plötzlich wieder der Fürst der Dunkelheit ganz nah an mich heran. Er beugte sich über mich, wir blickten einander in die Augen. Ich richtete mich auf, stützte mich auf meinen Ellbogen ab und sagte in einem ruhigen und leisen Tonfall:

„Fick dich weg Du Homofürst!“

Sonntag, 19. Juli 2009

Pavel Turkovski



Entsprungen aus der Anonymität der Großstadt ist er ein Niemand, der davon träumt, Jemand zu sein. Er ist ein einsamer, vergessener Mann, der verzweifelt zu beweisen versucht, dass er lebt.


Eine mehrteilige Blog-Geschichte, geschrieben von Ihsan alias “K’nack die Krähe“.

Pavel Turkovski



Erster Teil
Erstes Kapitel

(1)



Ich hatte großen Hunger. Aus diesem Grund stand ich an jenem regenverhangenem Freitagnachmittag vor der Theke des Diner-Shops für Arme, oder solche die nur so taten.
Ich stand im legenderen „Besiktas“, dessen Ruf besser war als seine Döner Kebab. Deswegen bestellte ich auch keinen „sich drehender Grillfleischspieß“ wie es heutzutage korrekt heißt. Ich bestellte einen Köfte-Burger.
Da stand ich also und sah dem murrenden Murat bei seiner Arbeit zu. Murat knetete das aufgespießte Hackfleisch und legte es zusammen mit einem aufgeschnittenen Stück Fladenbrot über den Holzkohlegrill. „Köfte-Burger“, ein großer Genuss für kleines Geld. Ein Genuss der an jenem Freitag meine einzige warme Malzeit war.
Meinen Hunger gestillt, mit einem glimmenden Stängel zwischen den trockenen Lippen, ging ich im Eilgang durch den regnerischeren Tag. Ich ging über den Platz der nach Abrahams Sohn Jakob benannt wurde. Ich ging vorbei an dem alten Neptun, dem Brunnen in der Mitte des Platzes, vorbei an den Schaufenstern mit der Mode aus dem letzten Jahr, vorbei an den singenden Indianern um die herum sich ein leicht depressiv drein blickendes, jedoch spendenfreudiges Publikum versammelt hatte. Mein Weg führte entlang den Rudimenten der alten Stadtmauer meiner exgeliebten Heimatstadt.
In Emmas Büdchen, an der Ecke des Busbahnhofs kaufte ich mir ein Softpack meiner bevorzugten Zigarettenmarke. Die noch eingeschweißten, suchtstillenden Glimmstängel ließ ich beruhigt ausatmend tief in meine Jackentasche gleiten. An einem gelben Ticketautomaten zog ich mir ein Tagesticket und suchte eine Bank auf der noch Platz für meinen knochigen Arsch war. Ich pflanzte mich neben eine Mutter die ihren kleinen Sohn an einer Leine hielt. Der kleine Junge hechelte nicht, er hatte auch keine herabhängenden Ohren, hing aber trotzdem wie ein Hund an der schlaffen Leine. Er blickte aus wachen Kinderaugen hinaus in eine müde Welt.
Er blickte in ein Wartehäuschen indem sich drei Junkies, einer kniend, zwei stehend, stark gestikulierend unterhielten. Sie sprachen aus fauligen Mündern heraus. Sie sprachen eine Sprache die ich nicht zum ersten Mal hörte.
Ich persönlich war dieser Sprache nicht mächtig, doch ich verstand sie. Ich verstand das Kauderwelsch aus ausgespukten Wörtern die, wenn man sie das erste Mal hörte, keinen Sinn ergaben. Ich, der dem Blick des kleinen Jungen an der Leine gefolgt war, wusste was die im Rausch verhallenden Worte für eine Bedeutung hatten. Ich wusste dass man die verloren geglaubten Seelen im Wartehäuschen nur verstehen konnte, wenn man aufhörte nach einem logisch erscheinenden Sinn zu suchen.

Pavel Turkovski



Erster Teil
Erstes Kapitel

(2)



Es war kurz nach eins vor der Spätschicht als der Bus heranrauschte und quietschend zum stehen kam. Ich stieg vorne ein, zeigte der maskenhaften Fratze, einem geschult fröhlich drein blickenden Busfahrer mein zuvor gekauftes Ticket. Dabei peilte ich kurz durch den Innenraum des Busses. Der Bus war nicht überfüllt, er war zum Glück nur voll. So voll wie an jedem Wochentag um diese Zeit.
Ich blieb vor einem im vorderen Bereich sitzenden, älteren Herren im grauen Trenchcoat stehen. Ich nickte ihm höflich zu und setzte mich auf den noch freien Platz gegenüber.
Der alte Herr, dessen zerfurchtes, sonnegegerbtes Gesicht ausdruckslos in die Leere starrte, nickte zurück. Er nickte noch einmal. Er nickte weiter und weiter und immer weiter. Sein Kopf, kraftlos auf zwei spitzen Schultern ruhend schwang in einem ruhigen Takt wie das Pendel einer alten Wanduhr vor und zurück, vor und zurück, vor und zurück.
Der alte Mann hatte eine hypnotisierende Wirkung auf mich. Ich fiel in Gedanken.

Ich träumte von einem anderen Leben. Einem Leben indem ich finanziell nur ein wenig besser da stand. In Wirklichkeit fehlte mir nicht viel, jedoch fehlte mir das Geld für ein Automobil und der damit zusammenhängenden Kfz-Steuer/Versicherung und nicht zu vergessen, es fehlte mir an Geld für teuren Kraftstoff.
Doch ich träumte ja nur, und Träume kosten für gewöhnlich nichts. Ich träumte davon im Besitz des Geldes zu sein das ich nicht hatte. Geld über zu haben für ein eigenes Auto. Ich sah mich einen roten Türken-Porsche fahren. Ein auf Aluminiumfelgen gebetteter 3’er BMW Cabrio.
Irgendetwas jedoch war sehr eigenartig an meinem Traum. Auf der Heckablage des Wagens starrte ein kurioser Wackeldackel in die Leere. Auf seinen Schultern saß der Kopf des alten Herrn, dessen zerfurchtes, sonnengegerbtes Gesicht hin und her, hin und her, hin und her wackelte.

Pavel Turkovski



Erster Teil
Erstes Kapitel

(3)

Der Bus fuhr durch das herausgeputzte Bankenviertel. Das Viertel, das bereits im Morgengrauen von den abgasschluckenden „Männern in reflektierender Arbeitsbekleidung“ gekehrte und gesäubert wurde. Fast waren wir schon wieder aus dem Viertel heraus gefahren als ich für einen nur sehr kurzen Augenblick (bis der Bus quietschend, im Takt des tickenden Blinkerrelais um die nächste Ecke bog) durch den grauen Schleier des Tages hindurch blicken konnte. Ich sah die im Hintergrund qualmenden Schornsteine der hiesigen Industrielandschaft. Große, in den Himmel ragende Türme thronten über der blitze blanken Stadt. Der Busfahrer folgte seiner Route und lenkte sein Gefährt auf dem direkten Wege zu den Produktionsstätten der stahlverarbeitenden Industrie.

Pavel Turkovski




Erster Teil
Zweites Kapitel

(1)


Geblendet von dem grellen, künstlichen Licht der Fertigungshalle kniff ich solange meine Augen zusammen bis ich mich an den Schein der Leuchtstoffröhren gewöhnt hatte. Es war nur der Schein, der Schein eines hellen Sommertages. Künstliches Tageslicht, ein Tag ohne Sonnenuntergang. Ein Tag am laufenden Band. Ein Tag, welcher ohne einen kräftigen Schluck Automatenkaffee, eine Zigarette und einem neuen Paar Schutzhandschuhe kaum vorstellbar wäre.

Mein Arbeitstag begann pünktlich um vierzehn Uhr mit dem Tröten der Werkssirene. Augenblicklich musste ich mich sehr stark konzentrieren. Wie programmiert, vollautomatisiert ging ich über in den Arbeitsmodus. Ich richtete meinen Blick auf die digitalen Skalen und Zahlen des Kontrollbildschirms. Ein rotes Blinken signalisierte mir Abweichungen von den Toleranzvorgaben. Eine Fehlermeldung, die mich blitzschnell reagieren ließ.
Durch das Anklicken des Radierbuttons leitete ich die Korrektur ein. Im darauf folgendem Arbeitsgang lief die Maschine wieder im grünen Bereich. Wie der Chef voraussetzte, fuhr die Maschine auf fünf Hundertstel eines Millimeter genau.
Das Fließband beförderte fertige Teile in die Hände des Qualitätsprüfers. Pepe, der sizilianische Kontrolleur am anderen Ende des Endlosbandes war zufrieden.

Das Wunschbild



Er wünschte sich so rein wie Neuschnee vom Himmel zu fallen. Leichter als eine Feder, tanzend im Wind. Er fiel, jedoch nicht vom Himmel. Er fiel aus seinem Bett heraus und landete auf einem eng geknüpften Teppich. So lag er eine ganze Weile lang auf dem harten Boden. Ihm wurde kalt. Er rollte sich zusammen.

Die ersten Vögel zwitscherten ihre Morgenlieder.

Sein schmerzender Oberkörper ging in die Senkrechte. Er stand auf dem Teppich und sah Umrisse in der Morgendämmerung. Er sah durch das Halbdunkle hindurch und erhaschte die ersten Lichtstrahlen des neuen Tages. Das Licht, welches durch das schlecht isolierte Dachfenster fiel flutete allmählich den Raum.
Er richtete seinen Blick auf die unter der Schrägen stehende Staffelei. Er blickte auf die reinweiße, leicht saugende Oberfläche des bespannten Keilrahmens. Er zog seinen feuchten Aquarellpinsel aus der Halterung und malte ein farbenfrohes Bild.

Kein Stress und keine Hektik



Pünktlich zum Pessachfest hatte er seine Reise beendet. Um den Hals trug er einen ausgefransten Pallischal. Über seine Schultern hing ein malträtierter Rucksack den ihm damals seine Outdoor-, Trekking- und Bergfreunde empfohlen hatten.

Er hatte eine lange Reise hinter sich. Durch kleine und große Länder war er gereist. Sein graumeliertes Haar, sein von der Sonne gegerbtes Gesicht und seine Zähne, strahlend weiß wie Elfenbein, spiegelten sich in dem Schaufenster des Warenhauses wieder. Er war voll des Glückes als er über sein Spiegelbild lachte.

Die Straßen seiner Ex-geliebten Heimatstadt waren belebt. Die Menschen wirkten abgehetzt und schienen in Eile zu ein. Er setzte sich in das Stadtcafè am Jakobsplatz und schlürfte einen heißen, mit Sahne und Schokoraspeln bedeckten Kakao.


„Welch ein Genuss!“, dachte er sich.

Rot vor weißem Hintergrund



Des Nachts, als er müde auf sein Hochbett stieg, schlug ihm ein kalter Windzug in den Nacken. „Verdammt, ich habe vergessen das Fenster zu schließen!“, dachte er sich.
Schwindelig wurde ihm bei dem Gedanken, die in seinem persönlichen Himmel ragende Leiter nun wieder herunter steigen zu müssen. Das offene Fenster schließen, hieß:
Im Dunkeln über nicht restlos geleerte Bierdosen, Flaschen und Chipstüten zu steigen, wenn nicht sogar zu stolpern!
Genau dieser und ähnliche Gedankengänge waren es, die ihn auf seinem Weg zum offen stehenden Fenster begleiteten. Er war überrascht, denn seine Bewegungsabläufe verliefen relativ flüssig und schnell.
Da stand er nun vor der ersten Sprosse der Leiter. Das Fenster hatte er geschlossen. Der Gedanke an sein kuschelig, warmes Bett trieb ihn nun an, schnellst möglich, die nackten Füße vom kalten Parkettboden zu heben. Es wäre somit die letzte Muskelbeanspruchung für den fast verstrichenen Tag gewesen.
Vor dreiundzwanzig Sekunden stand er noch auf der Leiter. Doch nun lag er unter seiner warmen Sommerbettdecke. „Schön!“ , dachte er sich. Atmete tief ein, und langsam wieder aus, als er plötzlich, kurz vor der ersten Schlafphase, von einer nervenzerbröselnden, akustische Wahrnehmung unterbrochen wurde. Ein Mücke hatte sich eingeschlichen!
Eine Untier, welches ihm seinen Schlaf rauben wollte, konnte er in seinem privatem Schlafgemach nicht dulden!
Diese, ihn störende Mücke, sollte bereits in Kürze, sein ganz persönlich Gemälde sein.
Und so geschah es. Sie wurde sein ganz persönlich Gemälde. Und bei Tageslicht betrachtet findet er es sehr anschaulich:


„Rot vor weißem Hintergrund.“

Jugendkriminalität



Enzo sah am Sonntagabend eine Reportage im Fernsehen. In der Reportage ging es um kriminelle Jugendliche. Seine Stimmung kam ins Schwanken. Er wurde nachdenklich und traurig. Enzo erinnerte sich an den Jungen aus der Klasse 9a:

Seine Eltern und Lehrer hatten es nie leicht mit ihm gehabt. Ständig fiel er aus der Reihe der aneinander gereihten Sprösslinge! Er wollte nicht so sein wie die anderen Jugendlichen aus seinem Jahrgang!
Er saß auf Alfons alter Vespa, zusammen mit Alfons neuer Freundin!
Alfons saß währenddessen am Sekretär seines Vaters. Alfons büffelte fleißig für die anstehende Matheklausur.
Er rauchte nicht heimlich wie die anderen die “Lights der Cowboys“.
Er stolzierte mit Vatis besten Zigarren über den Schulhof!
Er ging mit dem Bulli Karl-Heinz auf Partys im Nachbarort, während die anderen mit ihren Eltern im Theater saßen. Der Platz neben seinen Eltern blieb leider frei!
Er schmiss kurz vor seinem Abitur die Schule und zog vorerst bei Gabi ein. Dass auch Franz bei Gabi wohnte, machte ihm nichts aus. Zwischendurch stahl er auf Bestellung, für kleines Geld, Luxusgüter aus dem Kaufhaus . Er saß zusammen mit Bernhard auf städtischen, im Boden verankerten Bänken und hielt die Flasche in der Hand! Eines Tages brach er im Bütchen um die Ecke ein. Er wurde erwischt und eingebuchtet. Doch er schaffte es irgendwie aus seinem Käfig auszubrechen!

Auf der Flucht kam er an Gabis Haus vorbei. Gabi öffnete ihm im Morgenmantel die Tür nur einen Spalt weit, denn die Kette spannte sich. Er sah in ihre roten, glasigen Augen und sagte: „Lass mich bitte rein, ich brauche deine Hilfe!“ Gabi war voll zugedröhnt, doch sie erkannte ihn und antwortete: „Hau bloß ab du Aso!“
Sie knallte ihm die Tür vor seiner Nase zu. Der laute Knall verhallte, doch ihr schlechter Atem, hing wie der Pesthauch des Todes in der Luft!

Auf der Flucht kam er an der Haustür von Karl-Heinz vorbei. Sein alter Freund Kalle öffnete in verwaschenen Shorts gekleidet die Tür und sprach im aggressiven Tonfall: „Sie zu das du Land gewinnst, bevor ich dir einen Satz heißer Ohren verpasse! Kalle drehte sich um, pupste laut und schmiss die Tür ins Schloss.

Auf der Flucht kam er am Haus seiner Eltern vorbei. Er ging ums Haus herum, griff unter den Blumentopf und hielt den Schlüssel für die Kellertür in seiner Hand. Er betrat das Haus durch den Waschkeller, ging die Treppen hoch und stand im Flur. Ein unwahrscheinlich leckerer Duft strömte in seine Nase. Es war der Duft von frisch gebackenem Blaubeerkuchen, sein Lieblingskuchen. Wohlig, warme Erinnerungen aus seiner Kindheit umhüllten ihn!
Er kam am Wohnzimmer vorbei. Sein alter Herr lag schnarchend auf der grünen Couch. Das Röhrenradio war eingeschaltet. Es lief die Sendung “Leonardo“- Das Wissenschaftsmgazin auf WDR5. Aus der Küche ertönte das Geräusch von klirrendem Geschirr.
Er ging die Treppe hinauf und betrat sein altes Kinderzimmer. Es sah wie damals aus. Die Zeit schien still geblieben zu sein! Er setzte sich auf sein Bett, blickte auf die Kommode und sah sein altes, rotes Formel 1 Modelauto. Er brach in Tränen aus und bemerkte seine Eltern nicht. Sie weinten und umarmten sich.

Gemeinsam tranken sie noch eine Tasse Kaffee und aßen Kuchen. Später fuhren sie zurück zur Justizvollzugsanstalt.

Secondhand



Der Mann mit dem Oberlippenbart stand hinter der Glasvitrine und packte neuwertige Taschentelefone aus einem Schuhkarton. Die Telefone für die meist viel zu enge Hosentasche der Bluejeans hatte der Schurke, entschuldigung, der Mann mit dem Oberlippenbart, von meist drogenabhängigen Tätern für einen Apfel und ein Ei erworben.
Nun standen jene hochwertigen Telefone für Unterwegs in der Glasvitrine des einzigen Secondhand-Shops aus dem Viertel.
Als Jaron den auf ihn unordentlich wirkenden Laden betrat, setzte der Mann mit dem Oberlippenbart einen Schritt zurück, ließ einen flüchtig wirkenden Blick auf ihn fallen und sagte auf seiner Heimatsprache, einer Sprache der auch Jaron mächtig war, etwas abwertendes, etwas was an dieser Stelle der Geschichte ("...und leider auch an keiner anderen Stelle.") nicht übersetzt werden darf. Ein anderer Mann mit Vollbart und kariertem Hemd der hinter der Ladentheke saß, nickte nur kurz und tat so als ob er die Schlagzeilen des Tit(ten)elblatts der bekanntesten deutschen Nachrichtenquelle las. In Wirklichkeit jedoch haftete sein triefend, lechzender Blick an dem Möchtegern-Model für arme Schlucker und Schurken, und jene die es noch werden wollten.
Jaron legte ein nicht wirklich legal erworbenes Autoradio, welches MP3s abspielen konnte, mit einer Infrarotfernbedienung zu bedienen und bluetooth tauglich war („Bluetooth ist übrigens ein in den 1990er Jahren ursprünglich von Ericsson entwickelter Industriestandard gemäß IEEE 802.15.1 für die Funkvernetzung von Geräten über kurze Distanz“), auf die mit Essensresten verschmierte Ladentheke. Das Radio war noch in Folie verschweißt und glänzte neben dem ebenfalls noch eingeschweißten Sammel-LKW auf der schmuddeligen Theke des Schurken mit Oberlippenbart. Oh entschuldigjüng, eines Ehrenmannes. Eines Secondhand-Händlers mit Oberlippenbart und schiefgewachsenen Zähnen. Die beiden scheinbar gutbefreundeten Männer fingen eine Unterhaltung an und schenkten weder dem Autoradio, noch dem Jungen der es scheinbar loswerden wollte keine Beachtung. So ging Jaron zu den DVDs, stöberte ein wenig und schlüpfte in die Rolle der „kleine Maus“. Er fand sich im Rattennest einer schmuddeligen Ratte mit Oberlippenbart und schief gewachsenen Schneidzähnen wieder.
Einige Filme aus dem Regal mit den DVDs, Filme wie z.B. “Natural Born Killers“, “The Acid House“ oder “Killing Zoe“ kannte er. Einige andere jedoch wie z.B. “Die Fliege I+II“, “Doctor Zhivago“ oder “ Midnight Express“ kannte er nicht. Während seiner Tour durch die Reihen des Regals fiel ihm ein unscheinbarer Karton auf. Ein Karton ohne Deckel der neben dem Filmregal stand. Jaron warf einen Blick hinein und erblickte zu seinem Erstaunen einen alten, verstaubten Commodore C64 mit 5 ½ Zoll Diskettenlaufwerk. Er kniete sich nieder und stöberte die Diskettenbox durch während nun folgende Geschichte, wiedergegeben auf seiner Muttersprache, in seine Gehörgänge eindrang:

„Die Alte ist in der Heimat, bei ihrer Mutter. Ich weiß nicht mehr weiter! Ich habe bereits die Bettwäsche verbrannt, ich habe ihr Heierrtuch in einer Chlorlauge einweichen lassen, ich habe ihr die Haare mit Galleseife gewaschen. Ich weiß echt nicht mehr weiter. Seit gestern Abend hat das Jucken auch bei mir angefangen! Was soll ich denn jetzt nur tun?“

Der Mann mit dem Oberlippenbart, den schiefgewachsenen Schneidezähnen und den zwei buschigen Augenbrauen die zu Einer zusammen gewachsen waren, fing sich an zu schütteln und zu rütteln. Dabei kratzte er sich die Kopfhaut wund und verzog sein durch die Akne vernarbtes Gesicht.

„Verdammt dachte sich Jaron, ich möchte diesen alten Commodore C64 als mein Eigen nennen. Einen Parasitenbefall jedoch kann und will ich mir nicht leisten!“

Die beiden Männer waren in ihr Gespräch vertieft als eine abgemagerte junge Frau den Laden betrat. In genau dem Augenblick packte sich Jaron den Karton und sprang wie eine Wildkatze durch die zufallende Ladentür. Schnell wie ein Gepard rannte er um die Ecke und verschwand zwischen den Häuserreihen. Ehe der Mann mit dem Oberlippenbart, den schiefgewachsenen Schneidezähnen, den zwei buschigen Augenbrauen die zu Einer zusammen gewachsen waren und dem versteiftem Knöchelgelenk realisieren konnte was geschehen war, war Jaron schon längst über alle Berge.
Die beiden Männer schauten sich verärgert an und erblickten das nagelneue, noch verschweißte Hightech-Autoradio. Ihr Zorn wich der Heiterkeit und sie brachen gleichzeitig in schallendes Gelächter aus.

Traumhochzeit



Die Ringe, sein Anzug, das Brautkleit mit der Braut zusammen wurden aus der Heimat importiert. Er musste hart arbeiten, bis dieses Geschäft zu stande kam. Er hatte Überstunden am laufenden Band gerissen. Er hatte in drei Schichten gearbeitet, wenn andere im Urlaub waren. Er hatte Geld gespart, doch sein Wagen samt Heckspoiler gehörten trotzdem der Deutschen Bank.
Seine zukünftige Braut lernte er während seiner zweimonatigen Militärzeit kennen. Sie arbeitete in dem Krankenhaus, in das er mit einer Lebensmittelvergiftung eingeliefert wurde. Nachdem er drei Mal aus dem Gewähr einer russischen Waffenschmiede gefeuert hatte, und zehntausend Euro ärmer war, hatte er das Land wieder verlassen dürfen. Er hatte sich frei gekauft, konnte dadurch Zeit sparen, hatte seinem Land trotzdem treu gedient und ganz nebenbei den Kampf gegen den Terrorismus subventioniert! Er war stolz auf sein Mutterland, wie es in seiner Sprache hieß. Doch er lebte im Vaterland!
Als sie kam und das Hochzeitsgeschäft in vollen Touren lief, schlief er noch in Brigittas Bett! Sie hieß Yasmin und beherrschte die Sprache nicht. Doch diese Barriere wurde nie thematisiert!
Die Hochzeitsfeier fand in der Schützenhalle statt.
Tausend Gäste jubelten als der polierte Wagen, samt Braut bis in die Halle hinein fuhr.
Tausend Gäste jubelten, als das Brautpaar den Abend mit dem ersten Tanz eröffneten.
Tausend Gäste jubelten, als frittierte Hühnerschenkel, in Styroporschachteln auf Papiertischdecken serviert wurden.
Doch ein Gast, stand kritisch drein blickend am Rande der Gesellschaft. Er konnte es nicht mehr ertragen, stand auf, bestellte sich einen Mokkakaffee, verließ die Halle mit der kleinen Tasse in der Hand durch den Hinterausgang, setzte sich auf einen alten, ausgefransten Barhocker, der gegen die schwere Feuerschutztür gelehnt wurde um für Frischluftzufuhr zu sorgen, steckte sich eine Zigarette an, und dachte sich:

„Eine Traumhochzeit wie aus Tausend und einer Nacht!“

Handsome@di



Eddie war der einzigste Junge aus dem Wohnheim, der ein achteckiges Wasserbett in seinem Studierzimmer stehen hatte. Wenn man mit Eddie dem Seefahrer auf hoher See war, konnte man in das große, blubbernde und naturgetreu gestaltete Skalabecken blicken. Über Eddies kleinem Ozean hing ein wellenförmig angelegtes, pulsierendes Fischernetz, bespickt
mit tausend Leuchtdioden.
Allein diese Gegebenheiten reichten natürlich nicht aus, um starke, selbstbewusste, auf ihre Prioritäten beharrende BWL-Studentinnen zu beeindrucken. Intelligente, anspruchsvolle Studentinnen, die er von der Uni kannte, die noch kurz zuvor gesagt hatten: „Ich bin nicht die Frau für einen One Night Stand, nur dass du es weißt!“ Eddie hatte ähnlich klingende Wort, von ähnlich anspruchsvollen Frauen, in ähnlichen Situationn gehört. Er wollte keine von den am Land lebenden Frauen beeindrucken!
Er wollte nur mit ihnen segeln, ihnen die Schönheit der einzigartigen Küsten vom Meer aus zeigen! Für einen Seemann wie ihn, war dieser Anblick vergleichbar mit dem Blick eines Raumfahrers, der die Erde aus dem Weltall betrachtet!
Manchmal war es eine Cafè Del Mar LP, die Eddie aus seinem Plattenkoffer kramte. Musik, die, die Entstehung eines erotischen Porträts untermalte. Manchmal reichte ein Augenblick der Stille. Windlose Stille, die Stille vor einem stürmischen Segelturn. Im Schein der Abendröte, bei wohliger Atmosphäre, mit gekonnt und geradlinig eingesetzten Effekten, schenkte er den entzückenden Geschöpfen des Festlands, die Lust auf das Meer!
Mit Eddie konnten sie die ganz Nacht lang spaß haben und den Wellengang genießen. Sein starker Oberkörper, ruhend in der Horizontalen, war wie eine rettende Insel für rastlose Landratten. Er lud sie dazu ein, horchend ihren Kopf auf seine pochende, muskulöse Brust zu legen.
Wenn sie nach einem langen Turn, sanft in den sicheren Hafen einfuhren und in seine tiefseeblauen Matrosenaugen blickten, erkannten sie ihre eigenen Schwächen und seine Stärken!

Die Mail von Pittakos



Seine Gedanken kamen ins Schleudern und prallten ungebremst, ohne die Sicherheit eines ABS, ohne Anschnallgurt und Airbag, gegen seine Schädelinnenwand. Sein verbeulter Schädel schmerzte als er seine schwarz untermalten, glasigen Augen öffnete und auf die digitale Anzeige seines Radioweckers blickte um die Uhrzeit abzulesen. „Zu spät.“, dachte er sich. Es war zu spät für einen Literaturpreis, einen Bestseller, eine fiktionale Geschichte. Barfuss, noch schlaftrunken torkelte er über die warmen Fliesen des Badezimmers und nahm Platz auf dem beheizten Klodeckel. Seine Lebensabschnittgefährtin der letzten Nacht schlief noch tief und fest. Sie atmete ruhig und wog sich sanft in den Wellen seines Wasserbettes als er, immer noch barfuss, mit seiner Sponge Bob Tasse in der Hand, über den Flur schlürfte. Er betrat sein unordentlich wirkendes Arbeitszimmer und setzte sich an seinen nicht aufgeräumten Schreibtisch. Er fuhr seinen Rechner hoch, startete seinen Internet-Browser und checkte sein Postfach. Er hatte Post von seinem alten Freund Pittakos dem Weisen bekommen. Pittakos war auf Reisen und schrieb ihm hin und wieder mal eine E-Mail aus der Ferne. Er schrieb lange Sätze in kurzen Briefen und berichtete von den Abenteuern die er auf seiner Reise erlebte.

„Mein lieber Freund Longos, ich wünsche Dir eine fröhliche Weihnacht. Leidest Du immer noch an Deiner chronischen Schlaflosigkeit? Bist Du noch immer auf der Suche nach dem gesunden Schlaf? Ein gutes Mittel könnte ein Romantik-Urlaub zu zweit sein. Mir hat es damals sehr geholfen.
Das vergangene Wochenende habe ich auf der Insel verbracht. Ich habe an einer Tauchfahrt in einem Zweimann-Touristen-U-Boot teilgenommen und mir die wunderschöne Unterwasserarchäologie aus nächster Nähe angeschaut. Es war atemberaubend schön. Ganz bestimmt hätte es auch Dir eine besondere Freude bereitet wie Dori auf der Durchreise durch das Riff zu gleiten. Der alte Kapitän mit dem pockennarbigen Gesicht hatte mir nicht zu wenig versprochen. Mit einem Souvenir in der Hand (einem kleinem Model des Miniaturbootes) verließ ich gestern die Insel der Mythen und Sagen und reise nun weiter durch das Land der berühmtesten Lustspieldichter seiner Zeit.“

Er loggte sich aus, fuhr den Rechner herunter, nahm einen letzten Schluck aus seiner Tasse und schmeckte den feinen Tee-Genuss auf seiner Zunge. Er legte sich wieder in das Bett, legte sich zu ihr. Sie nuschelte etwas im Halbschlaf:

„Zu früh...“

Samstag, 18. Juli 2009

The Hero Of Eternia



Die Tür war zugefallen. Sie war weg. Sie ging putzen. Sie sorgte für die Reinlichkeit der Büroräume in der Bank. Er saß am Küchentisch. Sein Kater schnurrte um seine Beine herum. Er hatte Ferien. Wenn er Ruhe hatte, wenn er nicht mit auferlegten Aufgaben seiner Mutti kostbare Zeit vergeudete, gab er sich seinen Vorliebe hin. Neuerdings bastelte er heile Welten im Schuhkarton. Vor ihm stand ein leerer Karton.

Seitdem sich sein Vater von seiner Mutti getrennt hatte, lebte er zusammen mit seiner älteren Schwester in einer kleinen Altbauwohnung in der Philipp-Reis-Straße. Seine Schwester war die meiste Zeit über bei ihrem Freund. Wenn sie mal da war, saß sie mit einem riesigen Kopfhörer auf ihrem zarten Haupt am Schreibtisch und paukte für die Uni.


Er hatte gerade seinen warmen Kakao ausgetrunken, als es an der Tür klingelte. „Wer kann das nur sein?“ ,dachte er sich, als er auf den Knopf der automatischen Türsprechanlage drückte. „Hallo - wer ist da?“ Ein scheinbar stimmbrüchiger Junge antwortete: „Ich bins Rachid!“ Er öffnete Rachid, den Sperrmüll-Container-King, der Philipp-Reis-Straße die Tür. Rachid zog vor der Tür seine Schuhe aus und betrat die Wohnung. In seiner Hand hielt er eine raschelnde Kunststofftüte.


„Ich habe dir was mitgebracht. Gestern sind unsere Nachbarn aus der Hausnummer acht ausgezogen. Sie haben meinen Container mit lauter Kostbarkeiten gefüllt!“ Rachid packte ein in Stoff gehülltes Päckchen aus seiner Tüte und legte es auf den Küchentisch gleich neben seine Garfieldtasse und dem leeren Schuhkarton.


„Was ist das?“ Fragte er den Container-King. „Pack es aus, es ist für dich!“

Er war, was die Geschenke des Kings anging ein wenig skeptisch geworden. Das letzte Geschenk hatte er vor gut zwei Wochen bekommen. Es war ein alter Aquariumsfilter gewesen. Gegen den Filter an sich war nichts auszusetzen. Sie brauchten einen Filter. Vor einigen Monaten hatten sie von einem graubärtigen Flohmarkthändler ein Aquarium geschenkt bekommen. Diesen riesigen Glaskasten hatten sie unbeschadet durch die halbe Stadt getragen und in ihrem geheimen Raum auf dem Dachboden untergestellt. Der geheime Raum war die königliche Schatzkammer. Doch der Haken an der Sache war die Tatsache, dass der Filter vom Vorbesitzer für ein scheinbar zu kleines Becken genutzt wurde. Denn wenn das Becken zu klein, und die Pumpe zu stark ist, kann es vorkommen, dass über Nacht alle kleinen Fische verschwinden. Beim genauerem hingucken findet man dann meistens die armen Tiere in einem elendigem Zustand wieder. Entweder sind manche von ihnen bereits verendet, oder sie befinden sich noch im Todeskampf, zuckend in der Filterwatte, hinter einer grünen Kunststoffwand. Um es auf den Punkt zu bringen,
Rachids letztes Geschenk, der Außenfilter, war eine nach Verwesung stinkende Bombe!
Doch an diesem Tag roch er nichts weiter als den zuvor getrunkenen Kakao. Das war auch gut so. Denn seine Mutti hätte noch eine Stinkbombe in der Wohnung nicht ertragen.
Nicht auszumalen, was das für katastrophale Folgen für ihn gehabt hätte.
„Nun mach doch schon auf!“, drängte ihn der König des Mülls!
Er nahm das handgroße Päckchen vom Tisch und packte es aus. Zum Vorschein kam
“The Hero Of Eternia“, eine alte, zerkratzte He-Man-Büste!
Einige Tage später, es war an einem Sonntag, als sie gemeinsam am Frühstückstisch saßen, fragte seine Schwester: „Was ist das für eine ulkige Büste in dem Schuhkarton, der auf meinem Schreibtisch steht?“
Seine Mutti antwortete: „Ich finde es hat etwas von unserem alten Figurentheater. Als Kind gab euer Opa jeden Sonntagnachmittag Vorstellungen! Ich liebte diese Zeit! Ich erinnere mich noch ganz genau. Es war Peter Pan, ich träumte nachts von ihm. Dieses Theaterstück hatte mich so sehr beeindruckt! Es war einfach bezaubernd“
Er grinste, biss in sein Rosinenbrötchen und dachte an Rachid, den Sperrmüll-Container-King!

Von Osten weht ein scharfer Wind



An einem kalten Tag im neuen Jahr stand er am frühen Morgen unter dem Gartenpavillon. Er stand gegen den kalten Wind gelehnt mit seiner Kaffeetasse in der einen und seiner noch nicht brennenden Zigarette in der anderen Hand. Der Wind blies aus Ost, ziemlich scharf. Das Windrad drehte sich.
Er griff in die rechte Jackentasche, zog ein silbernes „Classic Regular“ heraus und zündete sich damit seine Zigarette an. Das Sturmfeuerzeug hatte er damals in einem verstaubten Kasten auf dem Speicher gefunden. Es war ein Erbstück seines Vaters. Er blickte in die gelbe, im Wind tanzende Flamme, er las die Gravur:

„Die Zukunft beginnt hier und jetzt.“

Herr Nüchtern ist erwacht



Er, der das Theater über alles liebte, hatte das neue Jahr durch den Hintereingang betreten. Er, der im vergangenem Jahr lange Zeit rauchend am Rande des abgeernteten Maisfeldes stand, hatte das Labyrinth durchschritten. Er trat auf das ihm altbekannte Parkett und atmete die etwas modrig riechende Luft tief ein. Seine Augen tränten fortwehrend als Erinnerungen die Windungen seines Gehirns spülten. Sein Blick ruhte auf den vordersten Reihen des kleinen Theatersaals. Er leckte über seine trockenen Lippen und schmeckte den süßen Geschmack von prickelndem Sex den er seit langer Zeit nicht mehr hatte. Er dachte an sie.

Sie stand am Rande des Wahnsinns und stellte sich eine traurig klingende Frage. Sie stand in ihrer gemeinsamen Wohnung und starrte auf sein Chaos das über ihre Ordnung herrschte. Ein Berg dreckiger Wäsche, fast so groß wie der Kailash (Tibet, heiligster Berg der Welt) stand neben dem Wäschekorb, neben der Waschmaschine. Benutztes Geschirr im Marmorspülbecken. Der mit Postkarten behangene Kühlschrank, leer. Genauso leer wie der gekühlte Schrank von dem ungewöhnlichen Hans Schmalwurst. Voll, der von außen wie innen stark beschmutzte Mülleimer. Ein Eimer für den Müll mit einem absonderlichen Eigengeruch und Innenleben. Im Wohnzimmer hing das JoyPad der PS III verknotet, schlaff am Sofa herunter. Auf dem Blümchensofa, gleich neben dem leeren Pizzakarton lag eine aufgeschlagene Zockerzeitschrift. Die Headline auf der aufgeschlagenen Seite lautete: „Die besten Cheats und Kompletlösungen 2008.“ Die Frau eines verantwortungslosen Mannes blickte aus dem Fenster in den grauen Tag hinein. Sie sah das Laub der Bäume in kleinen Wirbeln vor den Garagen tanzen. Sie ging zum Fenster und drehte an dem Wärmeregler des Heizkörpers. Die erkaltete Heizung gluckerte leise kaum wahrnehmbar. Sie brach heulend in Tränen aus.

Kurz nach zehn am Skatepark



„Hast du es denn immer noch nicht begriffen, du brauchst nicht mehr zu tanken!“ , sagte King Kong zu Gozilla. Des weiteren sagte er: „Dein Monsterbike hing die ganze Nacht über an der Steckdose, und den Strom aus der Steckdose liefert uns die Sonne über die fünfhundert Photovoltaikplatten auf dem Dach."
Also zisch ab und vergiss unser Treffen am Skatepark nicht!“ Gozilla schwang sich auf sein Monsterbike und fuhr die Kings Road entlang. In seiner linken Hand hielt er seinen Super Soaker Devastator (ein riesiges Wasserspritzgewähr mit einem integriertem drei Liter Wassertank). King Kong hatte ihm den Super Soaker zu seinem letzten Geburtstag geschenkt. Die gummiseilspringenden Mädchen auf dem Gehsteig liefen kreischend davon als Gozilla den drei Liter Tank seines Wasserspritzgewehrs mit Freuden entleerte.

Derweilen schlüpfte King Kong in seine Airwalks und sprang auf sein Record Radio-Deck. Er skatete in Richtung des Skateparks als Batman und Robin hand in hand über die Kreuzung in entgegengesetzter Richtung rannten und seinen Weg kreuzten. „Nach Gotham City geht es in die andere Richtung.“ , brüllte er den beiden hinterher.

Am Springbrunnen auf dem Platz der Freiheit hatten sich radikale Feministinnen versammelt, die sich zusammen mit den Black Panthers in der japanischen Faltkunst übten. „Origami für Anfänger“, nannte sich der Workshop unter freiem Himmel.

Am Skatepark angekommen begrüßte King Kong seine Freunde „The Fantastic Four die mit Hulk über die Evolutionsgeschichte der Superhelden diskutierten. King Kong begrüßte natürlich auch Spiderman der hinter dem Grill stand und die Menge mit T-Bone Steaks versorgte.

Die Tauben gurrten und die Vögel zwitscherten voll des Glückes muntere Lieder vor sich hin. An jenem herrlich entspannten Sonntag lachten sie gemeinsam über die bekanntesten Witzfiguren aus den wohl bekanntesten Comic-Heften. Es war ein herrlich entspannter Sonntag. Sie schleckten gemeinsam ihr Eis am Stiel, das Gozilla mitgebracht hatte. Es war ein herrlich entspannter Sonntag. Bis zu dem Augenblick als der stadtbekannte Tony kam. Vielen war er auch bekannt als „Tony Da Killa“ (straight outta Compton City). Tony betrat den Park und zog die Waffe seines Vaters aus dem Halfter. Er feuerte einen Schuss ab. Plötzlich verstummte der Gesang der zuvor fröhlich zwitschernden Vögeln. Die friedlich gurrenden Tauben schlugen aufgeregt mit ihren Flügeln und suchten das Weite.
Die abgefeuerte Kugel verfehlte King Kong nur um haaresbreite. Sie schlug ins splitternde Holz der Halfpipe ein, als sich schon alle Helden formiert hatten und bereit zum Kampf waren. Alles ging blitzschnell. Der aggressive und gemeingefährliche Killa wurde gestoppt, überführt und zusammen mit radioaktivem Atommüll in einem Castor-Transportbehälter zur Zwischenlagerung nach Gorleben gefahren.

Rapid Production



Bei Schichtwechsel, bei der Maschinenübergabe der Nachtschicht, bei dem Smalltalk hinter dem noch stockendem Fließband, wanderten jene vergoldeten Worte in die Hände der Frühschicht. Der kleine, verschlafen drein blickende Pepe hörte nicht wirklich aufmerksam zu, als Giacomo ihn berichtete:

„Der Alte lief gestern mit seiner imaginären Peitsche durch die Werkshalle. Das Band soll, nein, es muss bereits um fünfzehn Uhr den fetten Heuschrecken aus den Staaten vorgeführt werden. Höchste Konzentration ist geboten. Damit meine ich, wenn erst einmal die tonnenschwere Walze ins Rollen kommt, dann mein lieber Freund und Kollege achte unbedingt, wie noch nie zuvor auf deine Hände. Hör auf meine Worte und gib acht!“

Pepe nickte nur kurz und nippte an seiner Kaffeetasse.
Der Alte stand bereits eine Stunde nach Schichtbeginn mit seiner imaginären Peitsche in der Hand hinter den ölverschmierten Arbeitern. Er schrie gar unverständliche Kommandos. Er schrie gegen den Lärm der heißlaufenden Hydraulikpumpen an. Die tonnenschwere Walze kam früher als geplant ins Rollen. In seiner rechten Hand hielt der Alte eine seiner stinkenden Zigarren, in seiner linken Hand hielt er ein vergoldetes Zippo. Er steckte sich die Zigarre an und strahlte übers ganze Gesicht. Munter pustete er kleine Rauchringe aus und sah dem kleinen Pepe beim arbeiten zu. Pepe erinnerte sich an Giacomos Worte und wie sein Freund und Kollege ihm nahe gelegt hatte, achtete er ganz besonders auf seine Hände. Mit einem Affenzahn rollte die tonnenschwere Walze über das meterlange Band. Der Alte Lachte laut auf als er dass sah. Er freute sich wie ein kleines Kind. Er dachte an die fette Jahresabschlussprämie und freute sich noch mehr.
Bereits um vierzehn Uhr stolzierte ein Dutzend geschäftstüchtiger Herren in Anzügen durch die Produktionsstätte. Vorne weg lief der Alte. Stolzen Fußes präsentierte er die neue, vielversprechende Produktionsstraße. Produzieren rund um die Uhr. Im Minutentakt. Vierundzwanzig Stunden am Tag. Sieben Tage die Woche. Ja, dass roch nach Öl und mehr noch als nach Öl roch es nach sehr, sehr viel Geld!
Die fetten Heuschrecken aus den Staaten waren hellauf begeistert als sie die tonnenschwere Walze pfeilschnell über das Band rollen sahen. Dass gefiel dem Alten sehr. Plötzlich sprang er schnell wie ein Raubtier Pepe den Maschinenführer an. Pepe erschrak fürchterlich und wich zur Seite.

Der Alte wollte zeigen dass auch er die Maschine bedienen konnte. Er zog sich ein Paar neue Arbeitshandschuhe an, drehte am Geschwindigkeitsregler und legte ein neues Werkstück ein.

Ein Dutzend Männer mit polierten Schuhen, ein Dutzend Männer mit manikürten Fingernägeln, ein Dutzend Männer mit Pomade im Haar standen am Rande der Produktionsstraße und sahen zu wie die tonnenschwere Walze blitzschnell über die Hände des Alten rollte.

Der Junge Tod





Er war wieder zur Besinnung gekommen. Er lag in seinem Totenbett und blickte hoch zur kalkweißen Decke. Sein Blick fiel von der Decke in einen gepolsterten, leeren Stuhl hinein. Er machte einen tiefen und langen Atemzug, es roch irgendwie eigenartig nach etwas, das er kannte. Er dachte nach, doch er konnte diesen Geruch in jenem Augenblick noch nicht einordnen.

Rückblick.

Zusammen mit seinen Freunden wollte er in den Club nahe der Grenze. Die Soundanlage seines tiefergelegten Dreiers dröhnte und massierte ihm und seinen Freunden den Rücken. Sie fuhren mit Fernlicht über die einsame Landstraße als er die Kontrolle über den auf abgenutzter Gummierung rasenden Pkw verlor. Eine folgenschwere Kollision war nicht mehr zu vermeiden. Zuerst mähte die tiefergelegte Karosserie ein Holzkreuz nieder, dann kam es zu einem Frontalaufprall mit einem uralten Kastanienbaum, der zu Zeiten des letzten Kaisers gepflanzt wurde.
Seine noch so junge Freundin, sowie sein bester Freund verstarben noch am Unfallort. Er wurde mit dem Rettungshubschrauber ins Virchow-Klinikum eingeliefert.

Der ihm bekannte Geruch- nun wusste er es, es roch nach Schwefel.

Just in jenem Augenblick erblickte er eine in schwarzen Stoff gehüllte Gestallt. Auf dem zuvor noch leerem Stuhl der in der Ecke unter dem Kreuz stand, saß nun jemand und sprach zu ihm:

„Köstlich, eine ach so frische Seele, an einem gar so wunderschönem Tag. Habe keine Angst mein junger Freund.
Ich sitze hier an deinem Totenbett mit erfreulich nettem Gruße. Du warst und bist nun nicht mehr. Nicht mehr den Tag und auch nicht mehr die nächste Nacht wirst du erleben. Du und gewiss auch alle anderen sind mir ergeben.“



Die Tankstelle



Der schwarze Peugeot wurde langsamer. Er wechselte die Spur und verringert das Tempo.

1000 Meter noch waren es bis zur Tankstelle. Mit angemessener Geschwindigkeit kam der Wagen an einer Zapfseule zum stehen und der unruhig laufende Motor verstummte.


„Die 1, eine Schachtel Luckys, Zündhölzer, ein Päckchen Zahnpflegekaugummis und einen Kaffee, bitte.“


Der Kassierer, ein schlanker Typ, unrasiert und bebrillt antwortete aus seiner Zahnlücke hindurch:


“Achtundsechzig Fünfundneunzig, bitte.


Er nahm seine Tasse mit dampfendem Automatenkaffee und stellt sich an einen der Rundtische. Sein Blick plumpste zusammen mit einem Stück Würfelzucker in die Kaffeetasse. Der aromatisch duftende Dampf ließ seine Gedanken in die Höhe steigen.


Er saß am Frühstückstisch. Sie stand am Fenster. Ihren Blick hatte sie auf die blühenden Obstbäume im Garten gerichtet. Er war ganz angetan von ihrer Schönheit, ihrer Silhouette im Sonnenschein, ihrem schulterlangen, in der Sonne bräunlich schimmerndem Haar. Sie sah hinreißend aus! Ihr Anblick erinnerte ihn an eine Statue aus der Antike, eine künstlerisch, wunderschön dargestellte Plastik. Nur leider leblos und kalt!

Nach einem langen Schluck von dem dampfenden Kräutertee, den sie ihm zuvor frisch eingegossen hatte, sagte er zu ihr: „Ich werde morgen schon sehr früh das Haus verlassen. Warte nicht mit dem Mittagessen auf mich. Ich denke, dass ich am frühen Abend wieder zuhause bin.“

Mit einem Donnerwetter hatte er gerechnet. Er erwartete einen ihrer vernichtenden Blicke. Doch sie stand einfach nur da und blickte nach wie vor regungslos aus dem Fenster. Sie starrte auf die blühenden Kirschbaum im Garten.
Er nahm noch einen letzten Schluck aus seiner Tasse, stand auf und verließ schweigend den sonnendurchfluteten Raum.


Ring, ding, dong, ding - Ein korpulenter Fernfahrer betrat die Tankstelle und bewegt sich zielstrebig auf das Zeitschriftenregal zu. Er griff nach der neusten Ausgabe der FHM, klemmte sich das Hochglanzmagazin unter seinen Arm und bewegt sich schweratmig auf die Kasse zu.


„Ein Päckchen Rothändel, eine kleine Flasche Strothmann Weizenkorn und das hier! Das ist alles, danke. Ihnen auch, Ciao!“


Er saß wieder im Wagen, drehte den Zündschlüssel um und drückte aufs Gaspedal. Der Motor heulte auf, die Vorderreifen drehtendurch und quietschten. Zurück blieb eine schwarze, stinkende, schwarze Wolke aus verbranntem Öl und abgeriebenem Gummi.


Die Geschichte eines Golfballs




Der Golfball fiel auf den sandigen Boden einer Böschung . Der Ball kam ins Rollen. Er rollte und rollte immer schneller die Böschung hinunter. Er rollte und rollte und rollte bis an das Ufer eines plätschernden Baches.
Einige Minuten geschah nichts. Dann aber drängten sich dicht an dicht neugierige Kaulquappen. Ein jeder von ihnen wollte den Golfball sehen. Eine Krähe ganz in der Nähe, krächzte laut und flatterte nervös mit den Flügeln. Sie breitete ihre Schwingen aus und ließ sich mit nur einigen wenigen Flügelschlägen vom stürmisch wehenden Wind in die Höhe tragen. Die Krähe war schon hoch über dem Boden, als knackend und brechend, brechend und knackend ein erschreckend großer Braunbär mit einem sechser Eisen auf dem Rücken aus dem Unterholz gelaufen kam. Der Bär peilte den Golfball an. Er stoppte vor dem Ball und richtete sich auf. Der Bär schlug den Golfball mit seinem sechser Eisen. Seine Haltung war nahezu perfekt. Die Ausführung seines schwungvollen Schlags war elegante und gekonnt. Er war halt ein „Bogey-Golfer“, er hatte es voll drauf. Der Golfball flog hinüber und über den kurzgemähten, englischem Rasen hinweg. Er fiel in ein steinernes Loch und verschwand. Der Bär freute sich sehr. Denn er hatte es geschafft. Er hatte es geschafft mit nur einem Versuch zu putten.
Währenddessen befand sich der Golfball im freien Fall. Er fiel, und fiel. Er fiel sehr tief und landete sehr weich. Er landete auf einem goldschimmernden Strohhaufen. Der Strohhaufen federte seinen Aufprall ab.
„Das ist aber lustig.“ , dachte sich ein weißes Kaninchen mit Puschelschwänzchen, das die weiche Landung des Golfballs mitverfolgt hatte. Das Kaninchen drehte sich um und hoppelte davon. Sein Puschelschwänzchen wurde von der tief schwarzen Dunkelheit verschlungen.
In entgegengesetzter Richtung brannte ein Feuer. Im wohlig warmen Schein saß ein munter pfeifender, kleiner Junge mit einem Jack Sparrow Piratenhut für Kinder auf dem Kopf. Der junge Pirat, mit seinem Deluxe Piratenhut auf dem Kopf, saß auf einer alten Obstkiste und blickte auf den im Stroh ruhenden Golfball. Der abenteuerfreudige Chaossegler kannte einen seekranken Seefahrer und ambitionierten Golfspieler an den er gerade denken musste. Er sprang auf, zog einen weißen Leinensack aus seiner linken Hosentasche und packte den Golfball hinein. Der plötzlich in Eile geratene Hobby-Freibeuter zog seine WDR5 Rütteltaschenlampe aus seiner rechten Hosentasche, rüttelte heftig und rannte los. Der Golfball im Leinensack wurde hin und her geschüttelt. Er stieß gegen hervorstehende Steine. Steine, die wie angespitzte Bleistiftspitzen aus der Bewandung ragten. Es war ein langer Lauf durch dunkle Katakomben. Links, rechts, hoch und runter, steil hinauf und tief hinab. Doch plötzlich, schnell und ruckartig, kam der kleine Freibeuter mit dem Piratenhut und seinem Piratengut zum Stehen. Der Sack in seiner rechten Hand pendelte hin und her. Er öffnete den Sack, nahm den Golfball heraus und überreichte ihn wortlos, schmunzelnd einem putzigen, in Golfschuhen stehenden Eichhörnchen mit Augenklappe. Das Eichhörnchen nickte freundlich mit seinem Köpfchen, nahm den Ball entgegen und steckte ihn sich in seine Westentasche.

Bruchsicher e.V



Der Schlägertrupp, Bruchsicher e.V sucht neue Mem-ber-men!

Wir sorgen für Ordnung in Ihrem Leben und in der Einkaufspassage Ihrer Heimatstadt. Geht es ihnen zu langsam in der Warteschlange des Supermarkts? Wenn wir kommen geht alles ganz schnell und hinterher will keiner etwas gesehen haben! Wir stehen auf schnelles Abkassieren, alles kein Problem!

Nervt es sie, wenn Ihr Ehemann mal wieder auf sich warten lässt, weil er aus lauter Trunkenheit, angelehnt an die Mietbar“e“ Schulter, den Heimweg nicht antreten kann. Auch solche Fälle sind für uns keine große Herausforderung! Wir sind die Spezialisten in außergewöhnlichen Situationen. Wir kümmern uns sogar um Ihre edle Familienkutsche, wenn ihr Ehemann mal wieder fahruntüchtig ist!

Wir sind ein gemein, unnutzer Verein und nehmen auch gerne Spendengelder an ( Unsere Kontodaten erhalten sie auf Anfrage! ).

Wenn wir mit dem Caddy über den Golfplatz fahren, um ihre abtrünnigen Mitarbeiter einzusammeln, sorgen wir für bleibende Spuren auf dem kostbaren Rasen!

Wiedererkennungswert ist unser Markenzeichen!


Mit freundlichen Grüßen,
ihr
Signore Bruno Brutaliano

Loco-Loft-Club



Longos, der Spanier kam nicht allein. Louredes, seine Ehefrau und Geschäftspartnerin war auch dabei. Sie nahmen Platz an der Bar des Loco-Loft-Clubs im dreizehnten Stockwerk. Der Barkeeper servierte drei Hot Chili Sunshine. Sie stießen an und schlürften ihre sehr scharfen, mit jeweils einer ganzen Chilischote dekorierten Cocktails. Er hatte Longos vor einigen Jahren auf der Messe in der Hauptstadt kennengelernt. Seither tranken sie hin und wieder mal, wenn sie sich über den Weg liefen, einen gemeinsamen Cocktail.

Longos war ein geschäftstüchtiger Mann mit markanten Gesichtszügen. Des Spaniers Kunden gehörten nicht zu den aasenden Geiern auf den Straßen. Sie gehörten nicht zu den schwer atmenden, aus dem Rachen stinkenden, mit ihren lüsternen Blicken durch die verschmierten Scheiben blickenden. Sie torkelten nicht im roten Schein der Nacht an den herunter gekommenen Straßenecken entlang, während ihre Frauen daheim bei den Kindern saßen und auf sie warteten. Sie unterschieden sich, waren jedoch um nichts besser!
Es waren gut betuchte Kunden mit dem Blick und der Forderung für das ganz besondere Etwas. Kunden von Longos waren gehüllt in feinen Zwirn und wollten formschön eskortiert werden. Die freischaffenden Damen die für Longos und Jelena arbeiteten, hakten sich bei den Millionen schweren Kontoinhabern ein und schlenderten an den Lobbys der großen Hotels vorbei.

Er war kein Kunde von Longos mit den vergoldeten Cojonez. Er war der rechtschaffende Anwalt aus Madrid und hieß: “Josè de Morales“

Freitag, 17. Juli 2009



Er war in dunkles, ölverschmiertes Blau gehüllt und trug orthopädisch unvorteilhafte Kappen an den Schuhen. Ihm folgte ein schwerer, eiserner Geruch. Es war der Geruch von kaltem Stahl den er wie ein Gummiband hinter sich herzog. Es war sein ganz persönliches After Shave. Das After Shave des, auf höchstem Niveau Metall zerspanenden CNC-Mechanikers. Er war ein Mechaniker dessen Atem, wie der von vielen anderen, nach sehr starken, süchtig machenden Zigaretten roch.

Er war müde. Seine Augen waren schwer und brannten ihm so sehr, als hätte er ständig juckende Metallspäne zwischen den Liedern. Rasch entkleidete er sich und sprang in seinen ganz persönlichen, erfrischenden See. Er stand in der Duschkabine mit dem verstopften Abfluss und genoss den wohlig warmen, regenartigen Schauer der ihm über seinen noch angespannten Körper floss. Endlich Feierabend.
Nassen Fußes stapfte er über den Dielenboden und fiel samt Bademantel auf seine harte Tatamimatte.

Seine Frau, die gleichzeitig seine beste Freundin war, kam ins Zimmer und fragte ihn: „Was machst du da? Du willst doch jetzt nicht schlafen, oder?
Er: „Nein, keinesfalls.“
Sie: „Und was machst du, wenn nicht schlafen?“
Er: „Ich denke nach.“
Sie: „Worüber denkst du nach?“
Er: „Na ich denke über das Schlafen nach.“

Schweigend verließ sie das Zimmer und zog leise die Tür hinter sich zu.

Rauchender Revolutionär



Er fuhr einen von den letzten roten Flipperautomaten der rauchenden Revolutionäre. Er fuhr einen Citroen – 2CV, eine “Ente“. Er wohnte in einem der moosbewachsenen “Goethes Wertherhäuschen“, an einem stillgelegten Bahngleis.

Eines schönen Morgens trat er aus der metallenen Türe seines Wertherhäuschens und erblickte hoch über ihm, am wolkenlosen Himmel einen in der Luft stehenden, also rüttelnden Wanderfalken. Der Wanderfalke, der schnellste aller Greifvöge, stand bedrohlich wirkend über seiner kleinen roten Ente. Er sorgte sich um sein Schätzchen, er hatte Angst vor einer Attacke. Er griff hektisch in seine rechte Hosentasche und zog einen Schlüssel mit einer daran baumelnden Quietschente heraus. Just in dem Augenblick viel der Wanderfalke mit geschätzten zweihundertfünfzig Kilometern in der Stunde im Sturzflug, wie ein Blitz vom Himmel. Der Falke rammte seine scharfen Krallen in das weiche, verletzliche Dach der wehrlosen Ente.

Er schrie laut auf, peilte seine geliebte, vor dem Haus, im eingerahmten Blumenbeet geparkte Ente an. Er machte einen großen Schritt und einen noch größeren Schritt. Doch beim Aufsetzten seines rechten Fußballens auf eine der moosigen, glitschigen und wackligen Sandsteinplatten, rutschte er ab und fiel kopfüber auf seine Adonisnase. Ein knirschendes Knacken ging ihm durch den Schädel. Ein wohlig warmer Schwall roter Flüssigkeit, kein Theaterblut, rann über sein feinzügiges, griechisches Gesicht. „Mallakka!“, schrie er, sprang auf und lief los. Kurz vor seinem Ziel, exakt 8,96 m (somit ein neuer Weitsprung-Weltrekord) lagen zwischen ihm und seiner geliebten Ente. In jenem Augenblick machte er einen riesigen Satz nach vorne. Er flog. Ein Flug, der so lange anhielt, wie ein Tropfen des kostbaren Costas-Blutes von seiner tropfenden Nase bis zum Aufprall auf die Oberfläche des Sandsteins brauchte. Doch es hatte leider nicht gereicht. Um haaresbreite hatte er die frisch polierte, verchromte Stoßstange verfehlt.

Der Wanderfalke hatte seine Beute fest im Griff und flog mit ihr von dannen.

Der Duft der Lotusblüte



Richards Hände ruhten auf der Funktastatur. Gedankenverloren saß er vor dem Flachbildschirm, hinter dem Schreibtisch, im modern und harmonisch eingerichtetem Großraumbüro. Er hatte an den vergangenen Abend und an die letzte Nacht seines Urlaubs gedacht. Es war ein wunderschöner Abend, eine wunderschöne Nacht in “Der Wilden Lotusblüte“ gewesen. Die sommerlich warme Abenddämmerung hatte ihn ins Foyer der nach Lotus duftenden Blüte gespült. Die starke Strömung des Morgens hatte ihn aus dem Haus der Sinne getrieben. Mit einem unwahrscheinlich glücklichem Gesichtsausdruck und der Morgenröte in den Augen, hatte er sich auf die lederne Rücksitzbank des zuvor bestellten Nichtrauchertaxis gesetzt. Der ihm altbekannte kleine Taxifahrer Pepe begrüßte ihn wie immer freundlich und ließ eine ganz besonders schöne Musik von den St. John’s Singers aus den Helix RS 6 Lautsprechern erklingen.
Doch nun saß Richard an seinem Arbeitsplatz im Büro vor dem Bildschirm. Er sah der lustigen 3D-FlowerBox seines Bildschirmschoners hinterher und erinnerte sich an Sie. Diese Erinnerung wurde durch den an seinem Hemdkragen haftenden Duft hervorgerufen. Er roch Sie. Er roch diese ganz besondere Note ihres Duftes. Ihm wurde warm ums Herz, ihm wurde wohlig warm ums Herz, sein Herz erhitzte sich, sein Blut kam in Wallung, seine Atmung wurde schneller. In dem Moment kam sein Kollege Kalla mit einer dampfenden, heißen Tasse Kaffee um seinen Schreibtisch geschlürft und pupste, kaum hörbar. Es war einer dieser berühmten, lang anhaltenden, besonders intensiven Pupse. Ein Pups wie zehn! Ein Pups mit einer ganz besonderen Note. Eine widerliche Note von innerer Verwesung umhüllte den auf den sanften Wellen seiner Fantasie segelnden Richard. Den armen Richard hatte es aus dem orthopädischem Bürostuhl gerissen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er in Kalles verdutzt drein blickendes Gesicht.

Kalle fragte ihn: „Richard, ist alles in Ordnung mit dir?“

Venedig sehen und sterben



Am Heck ihrer motorisierten Strech-Gondola stand in großen Druckbuchstaben geschrieben:
"Zu jung zum sterben, zu alt zum arbeiten, aber fit genug für das Reisen!"
Sie war eine Angestellte im öffentlichen Dienst und er war ein alter Schlosser gewesen. Ihr lebenlang hatten sie malocht. Sie hatten malocht für die Zeit danach. Für die Zeit der Rente. Sie hatten es geschafft ohne erwähnenswerte chronische Schäden. Nur das Übliche halt:

Sie, ein wenig inkontinent; er hatte es mit seiner Bandscheibe und seinem ständigen Wegbegleiter, dem Tinnitus aurium. Aber sonst fehlte ihnen nichts, sie waren fit genug für das Reisen!

Sie wollten ihre hart erarbeitete Freiheit genießen. Für diesen Anlass hatten sie sich mit ihrem ersparten eine motorisierte Strech-Gondola gekauft. In ihrer luxuriösen Strech-Gondola fühlten sie sich so frei, wie die Segler der Lüfte. Ihre HighTec-Gondola verbrannte Unmengen an Treibstoff, doch das war ihnen egal!

Schwarzer Schleier



Er saß an seinem Schreibtisch. Er blickte aus dem Fenster
und dachte an die abgasschluckenden Schwalben. Er dachte an die sozialen und ethnischen Unterschiede zwischen der Heimat seiner Eltern und seiner Heimat, das Land der Exportweltmeister!
Das einst so große Land seiner Ahnen, lag heut in Staub und sehr bald,
wenn es so weiter ginge, würde es in Asche liegen!
Die Schönheit der Seen, Wasserfälle, Berge, Wälder und Strände.
Die Armut der Menschen, die dies nicht würdigten, trieb ihn die Tränen ins Gesicht!
Er liebte dieses und jedes andere Land!
Er hasste die Menschen ohne die Liebe und die Achtung! Es waren die, mit den abgekühlten, einsamen Herzen, die nicht nur ihn verletzten.

Er hatte die Nachrichten im Radio gehört. Er stellte das Gerät wieder ab. Die Stille hatte ihn umschlossen, seine Gedanken mit dem Blick aus dem Fenster gerichtet, reisten um die Erde. Eine Welle, nach der anderen, brach über seinem Kopf zusammen! Wie ein schwarzer Schleier, legte sich das Gefühl der Trauer über ihn.

Er fühlte einen Schmerz in seiner Brust. Er fühlte sich allein.
Doch er fühlte sich nicht einsam!

Unter dem Feigenbaum



Gedankenverloren, mit aufgescheurten Fingerkuppen. Kalter Lärm um ihn herum. In Mitten der neujahrsgeschädigten Gesellschaf. Bei einer Tasse Espresso und dem blauen Dunst in seiner unmittelbaren Umgebung, dachte er:
„Allein der Gedanke an dich durchströmt meinen Körper wohl wärmend. Gefühle, die mich an einen lauen Sonntagnachmittag errinnern. Ich saß am Strandcafè unter einem riesigen Feigenbaum. Ein wahrlich schattiges Plätzchen an einem heißen Sommertag. Ein Platz in meinem Herzen, von dem aus ich dich das erste Mal erblickte. Und ich sah, wie dir eine schwarze Haarsträhne ins Gesicht fiel. Mit einer eleganten Handbewegung hattest du sie dir hinter dein zartes Ohr gestrichen. Ein Anblick, den Göttern gleich! Mein Blut pulsiert heute wie damals! Der Gedanke an diesen Augenblick stimmt wieder, und immer wieder, in Liebe getränkte Seiten in mir an.
Er bezahlte, trank noch einen letzten Schluck von seinem Espresso, drückte die Zigarette aus. stand auf und verließ das Cafè.

Signore Fannullone



Fannullone- der Faulenzer, war ein mittfünfziger Schrankenwärter in einem kleinen Dorf, am Rande der Stadt. Tag ein, Tag aus, saß er in seinem Schrankenwärterhäuschen und wartete auf den Zug. Genau einmal am Tag ließ er die Schranken für den „Regio-Lahm-Exspress“ herunter. Die einzige Abwechslung- jeden Mittwoch durfte er das Signalhorn auf seine Funktionalität prüfen. Am meisten freute er sich auf die Freitage. Freitags aß er nach seinem wohl verdienten Feierabend Lasagne à la Christina. Christina seine Ehefrau, machte die aller beste Lasagne!

Es war an einem Mittwoch, er hatte die Prüfung des Signalhorns erfolgreich beendet und schriftlich vermerkt. Er hatte die Schranken für den ersten, den letzten und den einzigen Zug des Tages herunter gelassen. Der Zug bummelte an dem kleinen Schrankenwärterhäuschen vorbei, als er gerade seine letzte Stulle verspeiste. Er hatte aufgestoßen und sein kugelrunder Bauch blubberte lustig vor sich hin. Signore Fannullone war ein kleiner, untersetzter Mann, doch in jenem Augenblick der wohl glücklichste Mensch auf Gottes Erden. Er blickte aus dem doppelverglasten Fenster und ließ seinen Blick in die Ferne schweifen. Dabei erkannte er die Umrisse der bedrohlich wirkenden Stadt und sah die dunklen Wolkenkratzer aus dem Smog ragen. Er sah zuckende Blitze, in einer, riesigen, tief schwarzen Gewitterwolke. Eine Gewitterwolke die wie angetackert über der Stadt hing. Er merkte wie seine Augenlieder schwerer wurden und die Müdigkeit ihn in seinen orthopädisch getesteten Bürostuhl drückte. Erst schlummerte er nur leicht vor sich hin, dann driftete er langsam ab, bis er, wie in einem Heißluftballon, hinauf in die Welt der Träume schwebte...

...Zusammen mit den anderen Capos aß er zu Mittag im nobelsten Restaurant der Stadt. Der Capo ließ sich seinen Espresso an den Tisch bringen und rauchte nur die eine, echte Cohiba - die Königin der Habanos! Als Capo, trug er maßgeschneiderte Anzüge und sah wahrlich nicht erfolglos aus! Er war der Capo! Der Capo, auf dessen Schultern eine schwere Last lag! Er war verantwortlich für alle Transaktionen! Sinnbildlich, verließ ohne seine Unterschrift kein Schiff den Hafen! Er hielt die Spanngurte der Firma in seinen manikürten Händen! Den Leuten auf der Straß erschien es wie ein Wunder: „Was machen wir falsch? Wie hat er es gemacht? Es ist mir ein Rätsel!“ Sie nannten ihn auch „ Signore Fannullone- der Fantastische!”

Es war an einem Mittwoch. Er hatte ein für ihn äußerst wichtiges, extrem gewinnbringendes Geschäft abgeschlossen. Er hatte zusammen mit den anderen Capos im nobelsten Restaurant der Stadt gespeist, hielt seine Espressotasse in der linken- und seine Zigarre in der rechten Hand. Er grinste listig vor sich hin und hatte in jenem Augenblick das Gefühl, der wohl glücklichste Mensch auf Gottes Erden zu sein!
Erst zuckte nur leicht, kaum sichtbar, sein linkes Augenlied, dann fuhr sichtlich stärker ein Zucken durch seine linke Hand. Schwarzer Espresso schwappte über den Rand seiner Tasse und lief an der messerscharfen Bügelfalte seiner weißen Hose herunter. Plötzlich fiel er wie ein nasser Sack zu Boden. Sein ganzer Körper zuckte im Intervall, Diese letzte Passage seines Lebens wurde staccato gespielt! Das Zucken hörte abrupt auf, seine rechte Hand entspannte sich, die glühende Zigarre rollte zu Boden und brandmarkte den kostbaren Persa.

Signore Fannullone riss seine Augen auf, er war außer Atem und schweißgebadet. Er blickte sich um und erkannte die gewohnte Umgebung. Er blickte auf den Schreibtisch, auf die Mozart-Uhr und erkannte, dass vor zehn Minuten seine reguläre Arbeitszeit abgelaufen.