Sonntag, 24. August 2008

Unrasiert und fern der Heimat


Der unrasierte Mann mit dem leicht vernarbten Gesicht legte das engmaschige Fischernetz zur Seite und ließ seinen Blick über die Wellen des Meeres segeln.

Er war unrasiert und fern der Heimat als Irene ihn am Morgen wach küsste. Er war unrasiert und fern der Heimat als er mit den Grazien von Longos dem Spanier zum Brunch in der Wunderbar über den neusten Klatsch und Tratsch der Stadt schwätzte und über die neuste Lack und Leder Kollektion aus Italien fachsimpelte. Er war unrasiert und fern der Heimat als er sich von Johanna am späten Abend zudecken und von seinen Träumen umarmen ließ.
Er träumte oft vom freien Fall.
Fast täglich fiel er wie ein überreifer Apfel vom Baum. Er fiel vom Baum direkt in ihre Schöße hinein. Er war der appetitliche, verlockende, knackig süße Apfel der von ihnen sogleich verspeist wurde.
Er war everybody's darling, er war everybody's Depp.

Der unrasierte Mann mit dem leicht vernarbten Gesicht hob ;) das engmaschige Fischernetz wieder auf und nahm eine Kunststoffnadel in die Hand um mit der Reparatur das zerstörten Netzes vortzufahren.

Mittwoch, 13. August 2008

Back to reality



Er liebte es seine eh unnütze Zeit damit zu verbringen auf unverschämt unzuverlässige Handwerker zu warten. Er hatte ja sonst nichts besseres zu tun.
So starrte er also aus dem Fenster des kleinen Erkers und zählte die vorbeibrausenden Autos. Dabei, also gleichzeitig und eher flüchtig schaute er den hübschen Frauen auf ihren Hollandrädern hinterher. Natürlich verzählte er sich hin und wieder. Natürlich war ihm das egal, denn eigentlich war das Zählen von vorbei fahrenden Autos nichts weiter als ein Versuch die aufflammende Wut im Keim zu ersticken.
Im Hintergrund des unsagbar aufregenden Geschehens schaltete die Waschmaschine um auf den Schleudergang. Der Dielenfußboden seiner Altbauwohnung leitete die Vibrationen aus dem Badezimmer heraus, bis hin zu ihm.
Er konnte seine Wut nicht länger unterdrücken. Der Boden unter seinen Füßen erbebte, sein immer schneller pulsierendes Herz schoss sein Blut mit einer mordsgeschwindigkeit durch seine Adern.
An jenem Morgen erlitt er einen Herzinfarkt. Er kippte um und erwachte in einem nach Krankenhaus riechenden Bett. Die Zimmertür stand offen, ein frischer Windzug wehte ihm durchs krause Haar. Er öffnete seine müden Augenlieder und blickte aus glasigen Augen hinaus auf den scheinbar frisch gewischten Flur.

Er sah einen schlanken, hochgewachsenen Handwerker im Blaumann vorbeiziehen, der einen quietschenden Werkzeugwagen vor sich herschob und ihn freundlich grüßte.

Montag, 11. August 2008

Issac Lee Hayes Jr. ist tot



Sie fuhr in ihrem schwarzen Fiat über die einsame Landstraße. Aus den Frontlautsprechern ertönte Issac Hayes Shaft-Song.
Dieser Song warf sie in der Zeitleiste zurück, er warf sie in jenen Maiabend als Vincenzo ihr Herz erweichen lies.
Damals, als sie noch studierte und im Gasthaus zum Försterhof kellnerte, trafen sich Vincenzo und seine Freunde einmal im Monat zum Essen. Meistens aßen sie die überbackenen Spinat-Gnocchi und dazu einen Insalata mista. Der italienische Koch Francesco freute sich über eine Bestellung wie jene und fühlte sich bei der Zubereitung der Speisen seiner Heimat ein Stück näher.
Einmal im Monat saß Vincenzo, den seine Freunde nur Enzo nannten, in angespannter, völlig unnatürlicher Haltung am massiven Eichentisch und versteckte sein errötetes Gesicht hinter der Speisekarte, als sie nach seiner Bestellung fragte. Enzo war ein selten attraktiver Mann. Enzo war auch ein selten schüchterner Mann der fließend gestikulieren und gebrochen Deutsch sprechen konnte. Damals arbeitete Enzo zusammen mit seinen Kumpels unter Tage. Er arbeitete in der wohl bekanntesten Zeche des Ruhrpotts. Dass seine deutsche Aussprache nicht perfekt war störte sie nicht im Geringsten. Im Gegenteil, sie mochte ihn und seinen italienischen Akzent. Sie hätte ihm stundenlang zuhören können, sie hätte ihn stundenlang beobachten können.
Ihre Erinerungen an Enzo wurden in jenem Augenblick als sie die einsame Landstraße befuhr, als sie den Song mitsang sehr klar und deutlich. Sie konnte die überbackenen, dampfenden Spinat-Gnochis riechen. Sie sah ihn wie er da am Eichentisch des Gasthauses zum Försterhof unruhig auf dem gepolstertem Stuhl hin und her rutschte und sie fragte:

„Bella donna, haben du Lust heute mit ins Kino zu kommen?“

Nach ihrem Feierabend holte Enzo sie in seinem grünen Fiat 500 Topolino ab. Zusammen schauten sie den Film Shaft auf der großen Leinwand des Autokinos und sie die junge Studentin, die damals im Gasthaus zum Försterhof kellnerte, hörte an jenem Abend zum ersten Mal die Filmmusik von Issac Hayes.



Diese Geschichte widme ich Issac Lee Hayes
20.08.1942 - 10.08. 2008


Sonntag, 10. August 2008

Better Than Coffee And Cigarettes


Besser als Kaffee und Zigaretten war allemal ein Fruchtsaftkonzentrat, ein Konzentrat wie er es schon in seiner Kindheit kannte. Dazu eine in einen leckeren Blätterteigmantel gehüllte Geflügelrolle, ihm gereicht aus den zierlichen Händen einer wirklich sehr hübschen Bäckerin.

Coffee And Cigarettes



Unmittelbar nach dem Erwachen, nach der Reinigung unter fließend warmen Wasser, nach dem Verdrängen des Gedankengangs:

„Jetzt wäre genau der richtige Augenblick für ein hartgekochtes Ei und dem Einsatz der Harfe die wir von ihrer Mutter geschenkt bekommen haben. Ich könnte mit dem in Scheiben geschnittenem Ei eine bekömmliche Schnitte von dem leckerem Vollkornbrot belegen und dazu ein Glas von Dittmeyers nicht wirklich frisch gepresstem Orangensaft trinken.“

Gleich nach seinem, wohl möglich gesund klingendem, sich seit Wochen in einer Endlosschleife befindendem Gedankengangs, fand er sich im Gemüsegarten wieder, schlürfte seinen frisch gebrühten Kaffee und inhalierte den Qualm der ersten tot bringenden Zigarette des Tages.

Samstag, 9. August 2008

Finsteres Stadtgesicht



Eines Morgens erwachte ich aus einem Traum und erinnerte mich an ihn und seine angeborene Freundlichkeit. Ich erinnerte mich an einen herzlichst erfrischenden Charakter. Ein Mensch mit den man nicht nur über scheinbar banale Dinge lachen konnte. Ein Mensch den man augenblicklich in sein Herz schloss. Wenn er lachte, dann lachten sie alle. Er führte ein leidenschaftliches Leben. Die, die dieses Leben an seiner Seite miterleben durften, konnten ein ganzes Fotoalbum voll mit sehr schönen unvergesslichen Momentaufnahmen füllen. Er war das Licht derer, die ihn liebten, derer, die Angst vor der nächtlichen Finsternis hatten. Sein Name war Immanuel.
Kannte man ihn, so wusste man, was es hieß zu lieben und geliebt zu werden. Ein glückerfülltes Leben, eine wundervolle Frau, zwei oder drei gesunde Kinder mit der Liebe zum Leben, all dass und noch sehr viel mehr hätte man Immanuel gewünscht. Doch was geschah mit ihm, mit dem Glücksritter ohne Furcht und Tadel, dem herzensguten Menschen, der keiner Fliege etwas zu Leide tun konnte?
Ich sah Immanuel eine Nacht vor meinem Alpdruck durch die wohl finsterste Gasse meiner exgeliebten Heimatstadt streunen. Er erschien mir wie eine Erscheinung aus der Finsternis. Er wirkte kränklich, zerbrechlich, dem Leben entrückt, auf der Suche nach etwas. Er fragte mich nach einem Glimmstängel, er fragte mich, doch sah er nicht, was ich in jenem Schreckensaugenblick da vor mir sah. Ich sah ihn und dachte mir: „Gott sei mit Dir.“

Donnerstag, 7. August 2008

Raus aus der Stadt



„Heute gibt es keine leckeren Pfifferlinge, Maronen oder Steinpilze.“ , dachte er sich und freute sich. Denn er wollte keine selbstgepflückten, von Maden eines Fuchsbandwurms befallenen Pilze in der Pfanne anbraten. Er kaufte seine auf Watte mit Nährlösung, in holländischen Gewächshäusern herangezogenen, schneeweißen Champignons im Supermarkt gleich um die Ecke, und dass war auch besser so.
Er lief mit seiner Kamera in der Hand über den moosigen Waldboden und ließ seinen Blick durch die Baumreihen des Mischwaldes streifen. Dem angespannten Stadtgetümmel war er entronnen und stand nun in den nach Entspannung duftendem Wald. Ihm war nicht nach halluzinogenen Pilzen zu Mute, somit hielt er auch keine Ausschau nach einem Stück Religionsgeschichte der Kulturvölker.
Er war in den Wald gegangen um die umliegende Naturlandschaft zu erleben und besser wahrzunehmen. Eine Landschaft, die er so wie sie sich ihm an jenem Tag präsentierte, noch nicht kannte.

Zocki Lotti


Alhambra, so heißt nicht nur die Stadtburg im maurischen Stil, erbaut auf einem Hügel von Granada in Spanien.
Alhambra, kann man auch mit der im Jahre neunzehnhundertfünfundsechzig gegründeten Gitarrenbauwerkstatt in Verbindung bringen. Eine weltweit berühmte Konzert- oder Flamencogitarre aus Zedernholz ist jedoch keinen Pfifferling wert, wenn man das qualitativ hochwertige Instrument nicht stimmen, geschweigedenn spielen kann.
Ähnlich ist es auch mit dem Gewinn im Glücksspiel. Der Gewinn im Spiel des scheinbaren Glückes kann der Verlust der wahren Liebe sein. Es könnte der Verlust einer Familie und der Würde sein. Das Glücksspiel, ein Spiel im Fass ohne Boden, war ihr Spiel. Sie, Zocki Lotti war keine auffällige, eher eine unscheinbare, jedoch hochbegabte junge Frau mit eigentlich guten Chancen auf eine gesicherte Zukunft. Sie wurde von ihrem Mann und ihren beiden Söhnen geliebt. Ihr Chef und ihre Kollegen im Büro mochten sie auch privat gut leiden. Sie hatte beste Freundinnen und Freunde mit denen sie durch dick und dünn gehen konnte. Sie hatte alles und doch gar nichts.
Denn ihr, der hochbegabten Zocki Lotti, fehlte es an Ehrlichkeit und Courage. Lottis Leben, ein Trugbild, war ein Alpdruck aus dem sie nicht erwachen wollte. Stück für Stück zerstörte sie ihr Leben, das auf einer Lüge basierte. Sie log, um in der Spielhalle der Nachbarstadt dem Hauptgewinn hinterherzujagen. Das einzige, das wahre Glück jedoch wusste nichts von alldem Unglück.

Wenn man die Liebe der Liebenden nicht wertschätzt, dann ist es so als hätt man eine wertvolle,
jedoch allmählich verstaubende Gitarre daheim in der Ecke stehen. Eine Gitarre die darauf wartet gestimmt und gespielt zu werden.

Dienstag, 5. August 2008

Matjesbrötchen



„Ist mir nicht verständlich. Du hasst ihn und liebst ihn. Nach all der Pein verabredest du dich mit ihm aufn Latte im „Kaffee Muckefuck“. Wieso tust du dir das an?“ Fragte er, Large Larry, sie, Tiny Tatizia.

Tiny Tatizia biss in ihr Matjesbrötchen und verdrehte ihre Augen.

„Er hat dich nach fünf Jahren wegen seiner ersten Liebe, wegen seiner scheinbar nie überwundenen Liebe verlassen. Er hat dich in stich gelassen, dich behandelt wie jemanden den man nicht mehr ertragen, dulden und achten kann. Ständig hing er dir auf der Tasche. Wie oft hast du für ihn seinen nach Jauche stinkenden Karren aus dem Dreck gezogen? An regenverhangenen Tagen gabst du ihn Trost und Liebe. Und was tat er? Er hat dich zum Teufel gejagt!
Er hat dich abgestoßen, dich wie Weltraumschrott beim Eintritt in die Erdatmosphäre verglühen lassen. Dein Herzschmerz, dein Liebeskummer war sein Abschiedsgeschenk. Er hat sich und damit dich malträtiert“

Tiny Tatizia schluckte ihren Bissen herunter und brach in Tränen aus.

Sonntag, 3. August 2008

Gegenlicht


Ihre Kinder tollten hörbar fröhlich im Garten herum und sprangen abwechselnd unter der warmen Abendsonne, über den erfrischenden Strahl der Garten-Sprinkleranlage.
Er war ein überdurchschnittlich glücklicher Mensch als er sich in jenem Augenblick seine Kopfhörer, die zuvor noch an seinem Hals baumelten über die Ohren zog. Als er sich ins weiche Polster seines orthopädisch getesteten Massagesessels legte und das hervorragende Klangbild auf seine Seele wirken ließ. In seinem Gesicht tanzten die bunten Farben der Glückseeligkeit und der völlig uneingeschränkten Zufriedenheit in fröhlichen Ringelreihen umher.

Doch Früher war alles anders.

Sein Gefühlszustand des vergangenen Jahrzehnts glich der alles absorbierenden Farbe. In jenem Zustand musste er über steile Pfade auf unebenen Wegen gehen, er musste reißende Flüsse auf wackligen und maroden Brücken überqueren. Er musste durch das verwüstete Land reisen. Er befand sich auf einer gefährlichen Reise. Ihn plagte sehr viel mehr als nur der chronische Kopfschmerz und das Stechen in der Brust. Er stand vor scheinbar unlösbaren Problemen am Scheitelpunkt eines nicht mehr ganz so jungen Lebens. Damals sah er die herannahende Hoffnung nicht.
Er hatte die Zeit des Leides, der Trauer und des Schmerzes am eigenem Leib erlebt und Höllenqualen überlebt. Auf seiner langen Reise hatte er die Hoffnung längst verloren, seine Tränen waren schon längst versiegt als nach den ersten Vorboten die Sonne durch die Wolkendecke brach. Als die Hoffnung wieder keimte und das Leben durch das Sprachrohr der Wissenschaft, der hochmodernen ihm versprach:

„Es gibt eine neue Medizin, die auch dich schon sehr bald heilen wird!“

Er öffnete seine Augen, sah in den Garten und freute sich wie ein überdurchschnittlich gesunder Mensch. Er freute sich und wusste sein ganz persönliches Glück sehr stark zu schätzen.

Matt...


Er wollte und konnte nicht mehr gegen Carlos unter der Markise, in ihrem gemeinsamen Strandkaffee sitzend scheinbar spielerisch verlieren. Denn er war kein Spieler mehr! Viel lieber saß er erst seit kurzem auf seiner Terrasse neben seinen edlen Rosen unter dem Sonnenschirm und verlor im Schach gegen seinen besten Freund den Schachcomputer. Seine Jugendliebe und Ehefrau dachte sich im vorbeigehen:

„In was für einer scheinbar komplizierten Lebensphase steckt mein Liebster denn nun schon wieder?“

Er fühlte sich wie ein kreativer Maler in der Schaffenspause an dessen Pinsel die blutrote Farbe eines Ochsen schon längst vertrocknet war. Er trank seinen stark gesüßten Espresso in zwei Schlücken und verlor wie üblich das elektronische Brettspiel welches schon im Mittelalter nicht nur von den Arabern gern gespielt wurde.

Er und seine Trillerpfeife


Immer wenn sie etwas zu ihm sagte, hörte er eine trillernde Pfeife in seinem Kopf.
Sie konnte leise, kaum verständlich oder laut, auch an Hinz und Kunz aus der Nachbarschaft gerichtete, wunderschön formulierte Wörter aus ihrem entzündetem Halse speien. Zart klingende Wörter auch für Kretie und Pletie. Wörter die ihm jedoch wie eine pechschwarze, klebrige Masse, kalt den beharrten Rücken herunter liefen.
Er war in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geboren. Er war ein Mann mit soliden und in die Jahre gekommenen Werten. Er war ein Original und musste aus seiner Warte betrachtet die trillernde Pfeife in seinem Kopf nicht länger erdulden. So schlug er die Haustür hinter sich zu und stolzierte mit heraus gestreckter Brust die Straße entlang den Kaffees, den Läden und den scheinbar nach ihm lächzenden, fröhliche Melodien trillernden Grazien der Großstadt und den umliegenden Dörfern.
Die Pomade in seinem leicht ergrauten Haar, der Duft von vielversprechender Erfahrung hinter den Ohren und der Schnäuzer dessen Spitzen er beim schlürfen seines Esspressos zusammenzwirbelte hingen wie ein Schild an seinem nicht erwähnenswert faltigem Hals herunter:
„Ich bin ein Imker der seine Bienen mit Zucker füttert. Meine mir treue Ehefrau mit leichtem Damenbart kocht das wohl beste Nationalgericht der Region Valencia und der spanischen Ostküste!
Und wenn ich jetzt gleich nicht meinen Hinter heimwerts bewege, dann...“