Mittwoch, 16. Juli 2008

Stadttheater


Wenn man mit sehr viel Geduld und Ausdauer bei Sonnenuntergang auf der Dachterrasse Platz nimmt und dem Gurren der Taube aus der dicht bewachsenen Fichte horcht, dann kann man mit sehr viel Glück sehen wie er hinter getönten Gläserner, im "gefakten" drei Liter Automobil sitzend an der Litfasssäule vorbei braust.
Er eilte der längst verstrichenen Zeit hinter. Er wollte pünktlich in gesitteter, nicht gewohnter Manier mit ihr die Platzreservierung wahrnehmen und sich von der Theateraufführung mitreißen lassen. Er hatte seine letzten Kräfte für diese eine Vorstellung mobilisiert. Es war die Erstvorstellung eines moralisch nicht ganz nachvollziehbaren Dramas. Es war die Premiere die sein und auch ihr Leben für immer verändern sollte.
Die Lichter der Tankstelle, die neonbeleuchteten Werbetafeln, die ihn blendenden Xenonscheinwerfer der ihn entgegenkommenden motorisierten Fahrzeuge nahm er als Schlieren in seinem längst verengtem Blickfeld wahr. Die Tanknadel stand im roten Bereich, die gelbe Zapfsäule leuchtete auf als er das Gaspedal bis auf das Bodenblech hinunter drückte. Er hatte sich eine Philli Blunt angezündet als sein mobiles Taschentelefon die Melodie der Musikpartitur Serenade, von F. Schubert erklingen ließ und ihn aus einem reißendem Gedankenfluss heraus riss. Er drückte auf die grüne Taste, als plötzlich...

...der Wind die Terrassentür mit einem heftigen Knall zugeschlagen hatte, so dass die Scheibe im Rahmen vibrierte. Sie zuckte zusammen, schrie auf und blickte auf das Display. Sie drückte die Taste für die Wahlwiederholung:

”The person you have called is temporarily not available.”

Mittwoch, 9. Juli 2008

Alles wird anders



Seine Finger tanzten graziös auf der frisch geputzten, seinen Händen in Form, seinen Augen in Farbe angepassten Tastatur. Seine südliche Lebensfreude war beim tippen der Worte aufs neue zum Leben erwacht.
Der stürmische Seegang, die Flutwellen der letzten Wochen, das Leben zwischen den nach Chemie stinkenden Regalen des Baumarkt und den kalkweißen, ihn kränklich stimmenden Altbauwänden hatten seine letzten Reserven völligst aufgesaugt. Irgendwann, irgendwo zwischen der Sanitärabteilung und der Gartenwelt hatte er einen Einfall gehabt. Zusammen mit den emsig fleißigen Helferinnen hatten sie die alte Wohnung leergeräumt, sie hatten das Kabel der Satellitenanlage gekappt und die Schlüssel übergeben. Sie hatten in den leeren Räumen Stehtische aufgestellt und einen fahrbaren Getränke-Trolley hereingerollt als auch schon Stinke-Oma und der hinkende Postbote mit den Krombacherflaschen unterm Arm ihre alte Wohnung betraten. Die Kopftuch tragenden Nachbarin aus dem ersten Stock, sowie die Wasserstoffblondierten Nachbarin aus dem dritten Stock waren natürlich auch zu ihrer Auszugsparty gekommen. Es fehlte lediglich nur noch der in die Jahre gekommene Video-Osman ,der noch im Garten stand und unter dem Rebdach eine Zigarette rauchte. An diesem Abend weinten sie und lachten, sie nahmen Abschied voneinander und wünschten sich alles Gute. Er wusste die Zeit mit ihnen war ein unvergesslicher Lebensabschnitt in seinem Leben gewesen. Doch nun war es vorbei, alles würde anders werden, nichts würde mehr so sein wie damals im Haus Nummer Vier.

Montag, 7. Juli 2008

Good old times



Fern ab dem World Wide Web, am Straßenrand der high Speed Daten Autobahn saß er zusammen mit dem Zaunkönig, seinem neuen Nachbarn auf dem Balkon und blickte in die Kronen der Bäume. Er blickte auf den Obstgarten und dachte an die verstrichenen dreißig Jahre. Dreißig Jahre im Schatten der Stahl verarbeitenden Fabrik.
In seinen ersten farblos geträumten Träumen der vergangenen Nächte, in den ersten Schlafstunden in seinem neuen Heim, hatte er sich unruhig im Bett gewälzt. Die Stille der Nacht, das farbenfrohe Klangbild am darauf folgenden Morgen, die schönen Gesänge der in den Obstbäumen sich heimisch fühlenden Vögel und die ihm unendlich erscheinende Weite des Horizonts waren wohl die schönste sekundär Motivationen um in den Tag zu starten. In seinem irdischen Menschenleben hatte er zu solch starken Eindrücken immer eine ganz besondere Art von Leidenschaft empfunden. Doch an jenen Tagen erschrak ihn die wild blühende Schönheit des Tages und stach ihn mit einem spitzen Stachel mitten in sein Herz hinein. Er war erwacht und misste das Poltern von aneinander prallenden Stahlrohren. Rohre die mit dem Hallenkran mit Hilfe von Ketten und Gurten auf die Güterwagons verladen wurden. Er misste das tröstende heulen der Feierabendsirene am Morgen. Er misste die kalkig schmeckende Luft. Es waren die auf dem Winde reitenden Düfte aus seinem alten Viertel die ihn an eine verspielte und sorgenfreie Kindheit erinnerten.
Doch nun war alles anders. Der Schatten der Fabrik war dem Schatten des Doms gewichen. Er sah auf die im Morgenlicht leuchtende Patina, sah die prunkvollen Wasserspeier und hörte nun die Glockenschläge aus dem mit dem Kreuz gekrönten Glockenturm. Schlanke Türkentauben flogen mit den Schwalben um die Wette, um den Turm herum und ließen sich auf dem Dach des großen Mittelschiffs nieder.