Sonntag, 8. Juni 2008

Freizeitsport


Sie bestritten ihr erstes Auswärtsturnier. Sie spielten mit ihren Gegnern wie das Kätzchen mit dem Wollknäuel. Ihre Spielkultur auf fremden Rasen brachte frische Farben auf die grau verschmierte Leinwand. Sie zeigten den
zornigen, hasserfüllten Gesichtern, den schwankenden, zuvor geleerten Pappbechern, was es hieß zu lieben. Sie zeigten ihnen wie sehr sie das Leben liebten für das sie lebten! Nach Abpfiff ging ein lang anhaltendes Gröhlen durch die Reihen der gegnerischen Fans. Anstatt ihrem verdienten Sieg zu huldigen, bekamen die Glorreichen die nicht gerechtfertigte Wut derer zu spüren, die sich mehr als nur lächerlich machten. Ihr Trainer, Freund und aller größter Fan, musste sich zügeln, bevor er die Gewalt geladene Stimmung zum Wohle seiner Jungs mit seinen diplomatischen, anerzogenen Fähigkeiten entschärfen konnte.
An jenem Tag verloren sie mit einem Lächeln im Gesicht, ein moralisch nicht korrektes Turnier. An jenem Tag gewannen sie an Lebenserfahrung dazu und ernteten den Respekt derer, die mit ihrem Herzen ständig bei ihnen sind!
Während der Spielpausen brachten sie im Schatten des Zorns lustig klingende Texte (Freestyle No. ONE and TWO;) wie wunderschöne Tulpen-Magnolien zum Erblühen. Es waren ihre, in ihrem Gedankenfluss getränkten Texte, die in ihrem bunt bemaltem Club-Bus entstanden waren. Texte, die in einem schallendem Gelächter endeten.
Im Achtelfinale schieden sie aus und freuten sich. Sie freuten sich auf das anstehende Freundschaftsspiel am kommenden Wochenende. Sie freuten sich und fuhren hupend der untergehenden Sonne entgegen.

Eight Ball



Die schwarze Acht rollte in sein Leben, als er das erste Mal die Schule geschwänzt hatte. Als er das erste Mal bei Siegmund an der Theke angelehnt, seine aller erste Fluppe mit dem goldenen Zippo seines Vater angezündet hatte. Als er das erste Mal eine Niederlage auf dem grünen, filsbespanntem Tisch mit einem langem Schluck aus dem Krug herunter gespült hatte.
Damals, als die schwarze Acht in sein Leben gerollt kam, ahnte er noch nicht, wie bitter der Nachgeschmack seiner schicksalhaften Jugendzeit sein würde. Es war sehr bitter, als er vor seiner ersten schriftlichen Bewerbung ins stocken kam und auf ein riesen großes Kraterloch starrte. Er stand auf und blickte in den vergilbten Zellenspiegel der über dem matten Edelstahlwaschbecken, direkt neben dem Poster der „hardcore rappenden Gangstars für Arme“ hing. Er blickte in das Zerrbild seiner selbst und sah wie die schwarze Acht aus seiner offenstehenden Zellentür heraus rollte.

Freitag, 6. Juni 2008

Der Konsum. Der Boom. Der Wahnsinn.



Ein jeder ist in Gefahr. Spielsucht. Ein Jeder kann, muss aber nicht zwangsläufig mitspielen. Gruppenzwang. Ein Jeder sieht nicht immer Tag ein Tag aus was mit ihm geschieht! Drogensucht. Wer das Match gewinnt. Tablettensucht. Wer am Ende des Tages verliert. Alkoholismus. Was geschieht mit den Verlierern? Nikotinsucht. Mit denen die wie ein Ping Pong Ball von der einen, in die andere Falle geschmettert werden. Für den Staat profitable Süchte. Von ihren Trieben getrieben. Erfolgsdruck. Auf den Straßen suchend. Sexsucht. Auf der Suche nach dem Glück. Sehnsucht. Etwas fehlt. Geborgenheit. Ein Loch in der Seele. Abgekühlte, erstarrte, rissige Gefühle in der Leere.

Eine Geschichte aus dem Arbeiterviertel


Als sie vor dem flimmerndem Kasten auf ihrem Blümchensofa saß, hockte er über einen seiner Texte und übte sich an einem neuen Schreibstil. Er hatte sich zuvor einen Latte Macchiato auf die einfache, herkömmliche Art zubereitet und erfreute sich an der ihm wohltuenden Atmosphäre ihres gemeinsamen Arbeitszimmers. Ein heißer, arbeitsamer Sommertag lag hinter ihm und eine neue Geschichte vor ihm. Er hatte nun endlich die Ruhe gefunden, er hatte die Pflichten, denen er sich tagsüber hingab, bei Seite gelegt und genoss nun die Muse der Abendstunden. Nun konnte er endlich Fragen wie: „Hätte ich unter die Waschmaschine eine vibrationshemmende Gummimatte legen sollen?“, mit einem Schluck von seinem leckerem Machiato herunter spülen und sich voll und ganz seiner ihm aller liebsten Methode des Entspannens hingeben. Er und seine beflügelten Gedanken flogen weit über das Tal seiner Erinnerungen. Sie flogen in der Zeit zurück und landeten auf dem kahlen Aste. Sie blickten durch das zur Hälfte von Eisblumen bewachsene, schlecht isolierte Fenster.

„Na endlich, da seid ihr ja! Noch zehn Minuten länger und ich wäre vor Hunger gestorben!“ , sagte Ahmet mit dem Oberlippenbart zu Kalli mit der Glatze. Empört hörte Ahmet die Etagentür mit einem lauten Knall ins Schloss fallen. Polternd stapfte Ferdi mit der Zahnlücke durchs Treppenhaus.
„Das kann nur Ferdi, das Trampeltier mit der Zahnlücke sein!“, dachte sich Ahmet kopfschüttelnd, als seine rechte Hand sich an der kalten, abgenutzten Türklinke verkrampfte. Er hoffte, dass keiner seiner Nachbarn ihm das frühmorgendliche Feierabendtreffen übel nehmen würde. Es war an einem Freitag. In jener Woche hatten sie die Nachtschicht übernommen. Sie hatten sich nach der schweißtreibenden Akkordarbeit am laufendem Endlosband bei ihm getroffen. Es war so gegen halb sieben, als seine Freunde und Kollegen zum Wochenausklang-Frühstück in seinem vierundvierzig Quadratmeter großem Stadtrandloft eingetroffen waren. Als Kalli und Ferdi den kleinen Flur betraten, vereinte sich der Duft von frisch gebrühtem Kaffee mit dem der frisch gebackenen Brötchen vom Bäcker, die Ferdi in der Papiertüte mitgebracht hatte. Sie setzten sich an den von ihm zuvor gedeckten Wohnzimmertisch. Er hob die Kaffeekanne vom Stövchen, füllte die Tassen mit dampfendem arabischem Kaffee und bat darum anzufangen. Rasch vertieften sie sich in eine heitere Unterhaltung, verspeisten dabei in aller Ruhe die noch warmen Brötchen und schlürften ihren Kaffee. Trotz der überdurchschnittlichen, harten Nachtschichtwoche, oder vielleicht auch gerade deswegen, waren sie in ausgelassener Wochenendstimmung. Nach einiger Zeit hatten sie alle möglichen Themen ihres Arbeitsalltags durch. Angefangen bei der neuen Sekretärin aus dem Personalbüro bis hin zu den immer schneller werdenden Akkordzeiten bei gleichbleibendem Stundenlohn. Ein Moment der Ruhe war eingetreten. Sie blickten gemeinsam aus dem zur Hälfte mit Eisblumen bewachsenem, schlecht isolierten Fenster, direkt in den vom Schnee bedeckten Garten, als Kalli das Schweigen unterbrach und ihn fragte: „Sag mal Ahmet, welche von den fünf riesigen Parabolantennen gehört eigentlich dir?“. „Es ist die in der Mitte.“, antwortete Ahmet. „Mit meiner Antenne peile ich den Satelliten der türkischen Sender an. Meine Nachbarn aus Italien, Spanien, Marokko und Tunesien peilen wiederum andere Satelliten an. Das tolle ist jedoch, dass unsere Schüsseln alle miteinander verbunden sind. Dadurch macht mir das Zappen gleich fünf mal soviel spaß. Ob ich die Sprachen verstehe, oder nicht, ist mir eigentlich vollkommen egal. Primär ist, dass ich sehr viele Bilder und verschiedene Eindrücke aus verschiedenen Ländern bekomme und teilweise auch Parallelen ziehen kann.“ So kamen sie von den Antennen auf die Menschen aus Ahmets Wohnblock (die vor jahrzehnten eingewandert, beziehungsweise ausgewandert waren) zu sprechen. Das Viertel in dem Ahmet lebte, war das Viertel der Arbeiter. Es war sein zuhause. Dort war er vom Kind zum Jugendlichen herangereift. Dort hatte er die Jahre hinweg, die symbolischen, ölverschmierten Werkzeuge seines Vaters, in den rostigen, von seinem großen Bruder geschenkt bekommenen Werkzeugkasten gepackt. Jahre später, als ausgewachsener junger Mann stand sein ganz persönlicher Werkzeugkasten im Kofferraum seines ersten eigenen Automobils, dem goldenen Strich/Achter. Ahmet erzählte seinen Freunden von all den unterschiedlichen Menschen aus all den unterschiedlichen Nationen die in seiner Nachbarschaft lebten. Er erzählte ihnen was die riesigen, schneebehangenen Parabolantennen im Garten für eine Bedeutung hatten. Es waren nämlich nicht einfach nur handelsübliche Antennen, die man in jedem Baumarkt bekommen konnte. Es waren Anntenen, die wie imaginäre Brücken die Ländern miteinander verbinden. Ohne diese Antennen hätten er und seine Nachbarn keine bunt flackernden Bilder aus der alten Heimat, auf der Mattscheibe sehen können. Es gab sogar manche unter seinen Nachbarn, die mehr sahen als nur bunt flackernde Bilder. Für Ahmet und seine Nachbarn waren die häßlichen Sat-Anlagen im Garten ein Teil ihrer alte Heimat. Die alte Heimat vieler Gastarbeit. Gäste die einreisten um zu arbeiten. Ahmet erzählte an jenem Freitagmorgen seinen Freunden und Kollegen von einem ganz besonderen Gastarbeiter, zu dem er ein ganz besonderes gut verstand. Er erzählte seinen Freunden die Geschichte von Ibrahim. Es war die Geschichte von dem stadtbekannten Ibrahim, den alle einfach nur Ibo nannten:

„Seine ersten Schritte in Deutschland machte Ibo im Alter von 17 Jahren. Damals reiste er aus Istanbul am Bosporus aus, und kam nach einer dreitägigen Zugreise am Hauptbahnhof an. Die Zugfahrt war nicht sehr komfortabel. Denn da er der Jüngste unter all den türkischen Gastarbeitern war, wurde er von den Älteren kurzerhand auf die Gepäckablage verfrachtet. Er wurde am Bahnhof von seinem siebzehn Jahre älteren Bruder in Empfangen genommen. Sein Bruder, der schon immer eine autoritäre Person in Ibos Leben war, vertrat in Deutschland die Stelle des Vaters. Denn sein Vater blieb zurück in der Ferne und sorgte sich um das Wohl der restlichen fünf Familienmitglieder. Die Berufung seines Vaters war das Fischen (Allein von der Fischerei konnte man zu der Zeit noch sehr gut leben, was heutzutage fast gar nicht mehr möglich ist. Doch dies nur am Rande).
In den ersten sechs Monaten seines Aufenthalts kümmerte man sich um einen Arbeitsplatz. Dies war nicht sonderlich schwer, denn in der Stahlindustrie suchte man händeringend nach Fabrikarbeitern, die schwere körperliche Aufgaben nicht scheuten. Die Fabrik, in der bereits Ibos Bruder arbeitete kümmerte sich somit gern um die nötigen Formalitäten, dies war auch nötig. Denn ohne eine Einladung mit Aussicht auf einen festen Arbeitsplatz war eine längerfristiger Aufenthalt nicht möglich (damals hätte selbst er sich nicht vorstellen können, wie lange dieser andauern würde. Denn Rückblickend sind heute nun fast vierzig Jahre vergangen). Die ersten sechs Monate in Deutschland waren vergangen, die Zeit war gekommen um die Ausreise endgültig zum Abschluss zu bringen. Dieser Abschluss war mit einer Rückreise in die damalige Heimat verbunden. Doch anstelle des Zuges, fuhr Ibo zusammen mit seinem Bruder am Steuer eines grünen Opel Rekords aus dem Jahre 1958. Die Heimfahrt war natürlich viel bequemer als die Anreise im überfüllten Zugabteil auf der Gepäckablage. Doch in diesem Zugabteil hatte er Bekanntschaft mit Menschen gemacht, die später zu seinen besten Freunden wurden. Und in jenem Zugabteil lernte er wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben ein ganz neues, aufregendes Gefühl kennen. Es war das Gefühl der Freiheit! Heute fast vierzig Jahre später, wohnt diese Freiheit in drei Zimmern auf fast fünfundvierzig Quadratmetern und blickt zurück auf nicht immer leichte Zeiten. Oben auf dem Dachboden steht ein großer Koffer, der darauf wartet, gepackt zu werden, wie seit Jahren geplant, in „die Heimat“ zurückzukehren. Doch Ibo wird viel in Deutschland zurücklassen, nicht zuletzt mich-
Ich bin sein Sohn und sein Nachbar.“


Mit dem letzten Schluck aus seinem Latteglas hatte er seine Geschichte beendet. Er klickte die Diskette, das Symbol zum Speichern an, fuhr den Rechner herunter, knipste das Licht aus, setzte sich zu ihr auf das Blümchensofa und gemeinsam schauten sie sich die letzten Minuten des Finales von Germanys Next Topmodel an.

Montag, 2. Juni 2008

Congratulation!


Nach wirklich brutalen und äußerst anstrengenden Minuten im Affenkäfig, nach spektakulären Siegen mit Verlusten und Verletzten auf dem entflammten Kunstrasen, nach taktisch und technisch perfekten Spielen hatten sie die Auszeichnung für die fairste Mannschaft ever bekommen, sie hielten den schönsten Pokal ever in ihren stolzen Händen. Sie, die Paradiesvögel der Großstadt hatten es geschafft und ernteten nicht nur den Lob ihres Trainers und ihrer treuen Fans. Sie ernteten die wohl schmeckenden Früchte eines ausgezeichnet guten Teams mit sehr viel Sportsgeist und vorbildlicher Teamfähigkeit.


 "Wir sind alle sehr stak stolz auf Euch!"


Sonntag, 1. Juni 2008

Tales of the crow



Der Berufsverkehr rollte bereits, als Knack die Krähe über das alte Arbeiterviertel flog. Knack war auf dem direkten Weg zu der Ludovikus Grundschule. Wochentags fand er auf dem Pausenhof immer reichlich zu Futtern und manchmal schnappte er tierisch spannende Geschichten auf, die sich die Kinder in den Pausen erzählten. Die Kinder kannten ihn und mochten ihn leiden. Sie hatten sich an die neugierig umherhüpfende Aaskrähe gewöhnt und gerne teilten manche von ihnen ihre Kniffte mit ihm.
Wie jede Schule hatte auch der Ludovikus Grundschule einen Hausmeister. Der stets mürrisch drein blickende Hausmeister der Ludovikus Grundschule hieß Herr Mehlig und war an sich ein netter Kerl. Oft lief er in seinem grauen Kittel nervös mit den Brauen zuckend über den Schulhof und faselte einige schnellgesprochene Wörter vor sich her. Oft verschwand er mit einem, in der Mathematikstunde, durch ständiges Wippen, auseinander gebrochenem Stuhl in der Schulwerkstatt. Oft machte er keinen freundlichen Eindruck auf die tobenden, Fangen spielenden, Gummiband hüpfenden, sich Murmeln in die Nase steckenden Kinder.
Herr Mehlig war halt ein ganz besonderer Hausmeister, er war besonders launisch. Er gehörte zu der Sorte Hausmeistern die Krähenvögel ebenso wenig ausstehen konnten, wie Referendarinnen und Referendare die kurz vor acht mit quietschenden Reifen vor den Müllcontainern am Hintereingang der Schule parkten. Ständig versuchte er Knack vom Schulgelände zu vertreiben. Mal mit dem Strohbesen, mal mit der Gartenharke oder dem benzinbetriebenem Motorrasenmäher zum Aufsitzen. Die Kinder hatten einen „Heiden Spaß“, sie lachten sich krumm bei dem Anblick der aussichtslosen und nichts bringenden Verfolgungsjagden quer über den Schulhof. Eine Krähe wie Knack ließ sich von einem Hausmeister wie Herr Mehlig nicht sonderlich beeindrucken, und erst recht nicht vertreiben.