Sonntag, 25. Mai 2008

After The Tremendous Pain


Stunde um Stunde, Tag ein Tag aus, über viele Wochen hinweg fristete er Monate lang ein abgeschiedenes Dasein. Augenscheinlich war er lebendig, doch tatsächlich war er tot. Fast ein Jahr saß er eingekerkert und angekettet im Zwielicht, gefangen zwischen Wahn und Wirklichkeit.

Es war an einem Dienstag, vielleicht war es aber auch ein Mittwoch, als er nach der Gefangenschaft (zum ersten Mal nach fast einem Jahr) über das alte Kopfsteinpflaster der Dorfstraße schritt. Er wechselte ängstlich die Straßenseite und betrat den etwas abschüssigen Gehsteig. Er ging entlang der Fachwerkhäuser, entlang der Vorgärten, entlang der blühenden Narzissen.
Sein schweres Gemüt drückte ihn zu Boden und ließ seine einst so geschmeidige Gangart schwerfällig und mechanisch erscheinen. Ein schwarzer Kater bewegte sich elegant um seine Beine herum. Der Kater rieb sich an seiner Cordhose und schnurrte dabei sanft und beruhigend.
Ein ganzes Stück des Weges gingen sie im Gleichschritt, bis zu dem Rosengarten, dem Garten des Schloss- und Auenparks, wo der schwarze Kater zwischen den dornigen Hecken verschwand.
Sein Blick, aus müden Augen mit eingeschränktem Sehvermögen prallte gegen den Westturm des Schlosses und plumpste in das tiefe, grün schimmernde Wasser der Gräfte. Ausprustend tauchte er wieder auf .
Er fühlte den frischen Wind der ihn ins Gesicht blies. Er sog die Gerüche seiner Umgebung tief in seine von der Tuberkulose geschädigten Lunge ein. Er ließ das Geräusch des Windes, der Vögel und des Flusses aus der Ferne in seine Gehörgänge strömen. Er sah und erkannte das ihm Altbekannte. Er sah die Natur in all ihrer Farbenpracht. Er sah die Reflektionen und das Spiel des Lichtes mit den Schatten. Er sah und konnte es genießen.

Er schloss seine müden Augen und ließ das was er mit seinen Sinnen wahrgenommen hatte auf sich wirken.

Sonntag, 18. Mai 2008

Paradiesvögel



An einem schönen Sommertag hatte er sich mit ihnen getroffen um sie spielen zu sehen. „Die Jungs spielen wirklich gut!“, dachte er sich. Er sah einer bunt zusammengewürfelten Mannschaft beim Kicken zu. Sie hatten ihn sehr stark beeindruckt. Fiorino, ein Haubenvogel aus Florenz, fühlte sich wohl unter den schillernden Paradiesvögeln auf dem Fußballplatz. Er sah sie und dachte:

„Zugegeben, ich habe echt keinen Plan vom Fußball. Als Kind saß ich im Sportunterricht immer als letzter auf der Bank, weil keiner mit mir in einer Mannschaft spielen wollte. Wenn ich dann gewählt wurde, stand ich im Tor. Nicht unbedingt als Torwart, viel mehr als dritter, völlig unnötiger Torpfosten. Es ist eine Schande, doch ich kann leider bis heute nur einige Grundregeln. Trotzdem werde ich sie tranieren, ich werde ihr Trainer sein!“

Kaum kam der Ball ins Rollen, rannten die, die sich "AWO Street Soccer`07" nannten, wie wildgewordene Raubkatzen im Affenkäfig dem heißen Leder hinterher. Sie trainierten regelmäßig und mit sehr viel Elan. Sie zeigten sich nicht nur von ihrer besten Seite, wenn die Mädels am Zaun standen und sie anfeuerten. Mit Sportsgeist und Können entschieden sie einige verloren geglaubte Spiele für sich. Nach jedem geschossenem, in dem Kasten der Gegner versenktem Tor, fühlten sie sich nicht nur stärker, sie waren es auch. Sie gewannen Pokale wie Trophäen die einen auserwählten Platz in ihrem Clubhaus bekamen. Mit Stolz sprach ihr Trainer von ihnen wenn er sich mit seinen Trainerkollegen austauschte. Es war eine glorreiche Zeit, eine Zeit voller Emotionen und wahrer Freundschaften wie man sie nur unter ambitionierten Fußballern erleben kann.

Sonntag, 11. Mai 2008

Der Fischer



Er wuchs in einer multikulturellen Gemeinde im Hafenviertel eines Welthafens auf. Er lebte zusammen mit seinem nach Schnaps stinkenden Vater und seiner nach Flieder duftenden Mutter.

Sie lebten im alten Eckhaus ihrer Ahnen. Es war das mit den schönen Giebeln, den Ornamenten und der Holzkonstruktion. Den Grundstein hatte sein Urgroßvater gelegt. Es war ein grob behauener Stein, ein Teil ihrer Geschichte.
Sein Vater war ein stadtbekannter Trinker mit Angelrute und Fischerkahn. Sein Zuhause war die See. Oft wartete seine Mutter vergebens auf seine Rückkehr. Denn wenn er nicht gerade einen erbitterten und einsamen Kampf gegen die Wellen führte, saß er zusammen mit den nach Fisch riechenden, Fliegen umschwirrten Landratten am Kartentisch und sprach mit ihnen über die schöne alte Zeit.
An nüchternen Tagen, den vergoldeten Tagen seiner Kindheit, nahm ihn sein Vater mit zum Fischen. Sie saßen in der kleinen Nußschale und ruderten gemeinsam gegen die Strömung, die Küste entlang. Seiner Erwartung entgegen einen großen Fang zu machen warfen sie ihre mit Blei beschwerten Hacken in das salzige Wasser. Bei strahlendem Sonnenschein sah er seine Heimatstadt aus einer viel schöneren Perspektive. Die Stadt aus der Mitte des Welthandels stand in voller Blühte und zeigte sich ihm von ihrer schönsten Seite. Es war eine Stadt mit unschätzbaren Reichtümern aus dem “Goldenem Zeitalter“.

Jahre später noch erzählte er erst seinen Kindern, danach seinen Enkelkindern von einem immer größer werdendem Fischerkahn und einem schier unglaublichem Fang.

Ohne Sie




Er saß mit der halb geleerten Tüte Bio-Chips auf der Blumencouch und sah ihren Lieblingsfilm. Den mit Audrey Hepburn und Gregory Peck. An schwarz/weiß gescheckten Tagen brachte die romantische Komödie aus dem Jahre 1953 Farbe in sein Gesicht und verdrängte die emotionale Kälte. Doch dieses Mal fror er nachher mehr als vorher.
Er stand auf, setzte sich an das Küchenfenster und steckte sich eine von den todbringenden Zigaretten an. Dabei hörte er ihr Lieblingslied:
“Please Don't Let Me Be Misunderstood“ von den Animals.
Er stand auf, ging in sein Arbeitszimmer, knipste das Licht an und suchte nach der Video Home System Kassette mit der Aufschrift: Roman Holiday. Bewegte Bilder, festgehaltene Aufnahmen aus einer unbeschwerten Zeit. Erinnerungen in Farbe, die seinen Schmerz lindern sollten. Er fand das mittlerweile verstaubte Magnetband, zwischen seiner James Dean Collection. Er hielt die Kassette in der Hand und drehte sie so dass er die Beschriftung lesen konnte. Indem Augenblick wurde ihm bewusst, dass er schon seit Jahren keinen Videorekorder mehr besaß.

Ihm kamen die Tränen. Er weinte. Er weinte bitterlich.

Samstag, 10. Mai 2008

Maiabend



Es war ein heißer Maiabend, als Sie, ein lustiges Lied singend, auf ihrem Hollandrad den Flusslauf entlang fuhr. Es war eines dieser Wochenenden mit Bollerwagen und Familienausflügen, mit Wanderern auf Wanderwegen, mit Sonnenbrillen tragenden, Eis schleckenden, Händchen haltenden Paaren und fröhlichen Kindern auf der Seilbahn, auf dem Spielplatz.

Sie fuhr flussaufwärts und hatte Gegenwind. Sie genoss den Abend und freute sich auf die anstehende Abendröte über dem See, den sie schon bald erreichen würde.

Glücksspieler


Die Spieler wissen, dass die Leidtragenden ihre daheim wartenden Frauen und Männer sind. Doch die Sucht der Spielenden, in den Höllen hockenden, Schein für Schein wechselnden, Münze für Münze verschenkenden, glücksuchenden, chronischen Verlierern, ist sehr viel größer und stärker als ihre verdrängte Vernunft.
Sie leben in der blinkenden Scheinwelt zwischen den Welten. Sie fühlen sich in der Dunkelheit, in der verqualmten Atmosphäre geborgen. Sie spielen Poker, Black Jack und Rollet, während draußen die Sonne scheint und die Vögel zwitschern. Sie zocken Stunde um Stunde und setzen alles auf eine Karte. Erfreulich jedoch ist , dass es etliche Selbsthilfegruppen, von Therapeuten betreute und moderierte Foren speziell für Glücksspieler, die zurück in das reale Leben treten wollen, gibt.
Der Wille jedoch ist einzig und allein ausschlaggebend für einen Erfolg im Kampf gegen das Zocken.

Freitag, 9. Mai 2008

Wenn er seine Runden dreht



Intervalltraining. Er, erfrischend alt, ein wenig ergraut, lief und entwickelte sich stetig zu einem mit Freuden in die Zukunft blickenden Jogger.
Er lief mit voller Begeisterung durch den Wald, um die Seen, über Schotter, Rindenmolch, Sand und Rasen. Er balancierte über Baumstämme und trat in Pfützen. Er begrüßte herzlich die Buntspechte und rettete manch eine Nacktschnecke vor dem Austrocknen. Er hüpfte mit den Fröschen um die Wette und schnatterte mit den Enten und Gänsen. Er hieß die angekommenen Störche willkommen und winkte den in der Luft kreisenden Wanderfalken zu.

Zu Stosszeiten auf den Pfaden der Sportbegeisterten traf er manchmal auf nicht immer fröhliche Gesichter. Manche von ihnen mit und manche ohne Stöckchen. Manche liefen, manche rannten. Er respektierte sie alle. Sie waren durchaus motiviert, er schätzte sie sehr. Vor allem die Jungen und die Alten in eng anliegender Funktionswäsche, die den Laufsport, so wie auch er, für sich entdeckt hatten.
An seinen Regenerationstagen saß er gleichmäßig atmend, völlig entspannt, an dem alten Sekretär, trank ein Glas Tee und freute sich tierisch auf den nächsten Lauf durch den Wald.

Donnerstag, 8. Mai 2008

Muskeln und mehr



Kalle die Kralle war kein Charakter aus einem Kinderbuch. Kalle war ein in der Fabrik arbeitender Proletarier, entsprungen aus einem Bodybuilding Hochglanzmagazin. Jedoch verkörperte Kalle nicht die Klischees der hochschulgereiften Früchte der Akademie. Er war alltagstauglich und trug mit stolz das Prüfzertifikat seiner Freundin und Ehefrau Isolde, die holde Maid. Kalle hatte vor Jahren ihren Staubsauger gezähmt. Damals entdeckte sie seine bisher verborgenen Talente. Sie gab ihm damals einige Anreize und coachte ihn erfolgreich wie einen hochbegabten Sportler ohne jegliche Dopingzufuhr. Heute konnte Kalle nicht nur die Spül-, Wasch- und Kaffeemaschine einwandfrei bedienen, regelmäßig putzte er sogar die Badezimmerarmaturen, sowie die schneeweiße Porzellanschüssel. Manchmal, wenn sie einen verdammt anstrengenden Tag gehabt hatte und groggy von der Arbeit kam, betrat sie ihre nach Oregano duftende, gemeinsame Wohnung und das italienische Privatrestaurant. Der nach Pomade duftende Kellner Kalle und das gut durchgestylte Essen mit vielversprechendem Sekundärgenuss stillte nicht nur ihren Hunger nach leckerem, liebevoll zubereitetem Essen. Isolde, die holde Maid, liebte ihn sehr stark und erfreute sich noch mehr an Kalles Wesen, seiner Kinderseele. Sie erfreute sich an seinem reinen Herzen.


Er trug es, wie sie es zu sagen pflegte, an der richtigen Stelle.

Sonntag, 4. Mai 2008

„Alster oder Eis?“



Sie entschied sich für ein Alster im Schatten des Ahorns, unter dem im Wind raschelndem Blätterdach. An einem sonnigen Sonntag, küsste er, der sonnenverwöhnte Pepe seine Frau auf ihre erröteten Wangen. Sie hatten sich und ihre Liebe in den kinderfreundlichen Stadtpark gesetzt. Sie genossen das quicken der Kleinen im Sandkasten, auf dem Spielplatz, und das herzhafte Lachen ihrer Eltern auf den Bänken. Sie genossen die Federball spielenden, die auf den Wiesen kickenden und die laut grölenden, hinter den Grills, auf den dafür vorgesehenen Grillplätzen stehenden. Sie rochen gern die würzig duftenden Aromen, die getragen von der sommerlich warmen Luft an ihnen vorbeizog, wie die nett grüßenden Radfahrer, mit ihren vom TÜV geprüften Helmen auf den Häuptern.
Witzig blickende, hastig huschende Eichhörnchen, knabberten an Eishörnchen. Marienkäfer, ganz egal ob asiatisch oder heimisch, setzten sich auf ihre nackten Arme und wünschten ihnen viel Glück.
Der kleine Pepe nahm ihre zarte Hand, blickte in ihre großen, glücklich, glänzenden Augen und sagte: „Ti amo!“ Sie schauten einander an und küssten sich.

Freitag, 2. Mai 2008

Die Rote Invasion



Der nützliche Marienkäfer fühlte sich von seinen asiatischen Artgenossen sehr stark in die Ecke gedrängt.
Damals, vor ca. zehn Jahren, hatte man den asiatischen Marienkäfer eingeflogen und ihn bewusst bei der Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Die asiatischen Familien, fraßen im Vergleich zum Siebenpunkt, fünf mal so viel. Sie hatten sich wie erwartet sehr schnell an ihre neue Umgebung angepasst. Doch viele, zum Teil niederländischen Blumenzüchter, hatten sich zu früh gefreut! Denn aus dem Freund wurde sehr schnell der Feind! Und irgendwo dazwischen, landete der kleine, uns bekannte Glücksbringer und gern gesehener Siebenpunkt-Marienkäfer. Er wurde schon sehr bald zusammen mit der „Asia-Variante“ in einen furchtbaren Karton geködert und auf den Kompost geworfen. Nun zählte auch er zu der mutierten, sogenannten „roten Invasion“. Schon sehr bald würden sich nicht nur die Besitzer gewinnbringender Weinrebe öffentlich zum Feinde eines uns alt bekannten Freundes bekennen.

Donnerstag, 1. Mai 2008

Mount Everest


Er war ein Mensch des Lichtes im Schatten der Gewalt.
Er war ein Mensch mit einer taubenhaften Seele. Er lebte am Rande der Stadt, am Rande der Gesellschaft, abgestellt in einem von vielen aneinandergereihten Containern. Mount, so nannten sie ihn, war groß wie der Everest.

Gestrandet in Deutschland, einquartiert im Asylantenheim, saß Mount auf der grauen Couch und blickte gegen die graue Wand. Sein Blick erstarrte. Er erinnerte sich an seinen letzten Geburtstag. Er erinnerte sich an heiße Rhythmen und an seine fröhlichen feiernden Freunde.
Sie tanzten Samba bis in die Nacht hinein.
Er hatte eine schöne Jugend gehabt. Es war eine friedvolle Zeit gewesen. Doch der schönen Zeit folgte die Zeit des Grauens und der Trauer. Das Grauen kam bewaffnet und schlug mit voller Wucht zu! Das Grauen trug Tarnanzügen und kannte keine Gnade. Die Gewalt in grün zog über das Land hinweg. Die Zerstörung war unaufhaltsam. Eine brutale Macht, die Mount, so groß wie der Everest, zu einem Kriegsflüchtling gemacht hatte.
Er erinnerte sich an seinen letzten Geburtstag und an die erfrischnde Milch der Kokosnuss. Er spielte an jenem Tag einige heiter klingende Akkorde zu den fröhlichen Gesängen seiner Freunde. Mit der Erinnerung gekopplt, kam der Duft seiner ersten großen Liebe. "Wo mag sie heute nur Sein?" Sie schliefen ein, eng umschlungen, am Lagerfeuer, am Strand, unter dem Sternenhimmel. Ihr Schlaflied war das Rauschen des Meeres. Sie genossen die scheinbar grenzenlose Freiheit.
Die Erinnerung an damals, erschien ihm heute, an seinem ersten Geburtstag in der Ferne, wie ein imaginärer, bunter Farbklecks an der grauen Wand des Containers.
Er nahm seine alte Gitarre zur Hand, die angelehnt an seine Erinnerungen ein trauriges Klagelied erklingen lies. Er genoss den Klang aus dem Resonanzkörper und weinte. Dicke Kokostränen rannen an seiner Wange hinunter und tropften auf die in Schwingung gebrachten Seiten.