Samstag, 26. April 2008

Er sucht Sie oder Ihn



Sein Bruder und er waren Betreiber einer Partnervermittlungsagentur.

Wenn die Verzweifelten, die Suchenden bei ihnen anriefen, wenn das rote Telefon in ihrem alten, umfunktioniertem Kinderzimmer klingelte, war es Zeit für seinen Einsatz. Er führte die Kundengespräche. Er war da wenn sie ihn brauchten! Er war die Vertretung von Jürgen Domian.
Sein großer Bruder hatte, während er im Urlaub war, ihr sechszehn Quadratmeter großes Zimmer, zu seinem sechszehnten Geburtstag in ihr neues Office umgebaut. Sie hatten sich eine neue Telefonleitung legen lassen und einen neuen, leistungsstarken Rechner auf Raten zugelegt.
Da sie beide noch in der Ausbildung waren und ihnen nur ein geringes Einkommen zur Verfügung stand, mussten sie des Nachts die Hühner verarbeitenden Maschinen der Panierfabrik mit Hochdruck reinigen. Nur so konnten sie sich wöchentlich erscheinende Inserate in den Lokalzeitungen leisten. Kleine weiße Handzettel mussten sie mühselig erstellen und meist bei Regenwetter, in der Einkaufsstraße an mürrisch drein blickende Gesichter verteilen.
Morgens standen sie hinter dem Schraubstock, in der Lehrwerkstatt. Tagsüber saßen sie im dritten Stockwerk, in einem der wohl gesundheitsschädlichsten Sozialbauten der Vorstadt, in ihrer heimischen Agentur für Anders-Chronisch-Herzenskranke. Von Montag bis Freitag, zwischen 15.00 und 21.30 Uhr, waren sie für die Leidenden, für die nach Ihr oder Ihm Suchenden im Einsatz! In den späten Abendstunden eines arbeitsamen Tages, reihten sie sich in der Reihe der Putzkolonne ein, steckten ihre Stempelkarte in die Stempeluhr und marschierten zu den Kettenbändern der Maschinerie. Doch leider, trotz der harten, körperlichen Arbeit nebenbei, reichten ihre begrenzten Finanzen nicht aus. Sie konnten gerade mal die laufenden Kosten decken. Unterm Strich, blieb ihre Kasse gähnend leer!

„Doch was sollte nun aus ihren melancholisch angehauchten Kunden werden?“

Er konnte die Tatsache einer Pleite hinnehmen, doch er wollte die leidenden Herzen nicht länger leiden hören! So kam es kurzerhand zu einer heiteren Zusammenkunft im angemietetem, türkischem Hochzeitssaal. Es kam zu einer außergewöhnlich, herzlichen Kennenlernparty mit Kontaktgarantie! Er freute sich überdurchschnittlich stark, denn nun konnte er seinen weißen Vertretungs-Elch an seinen Kollegen, das Origanal, Jürgen Domian weiterreichen und auf eine wunderschöne Zeit voller Emotionen zurückblicken!

Freitag, 25. April 2008

Im Lavendelfeld



Mit einem Ruck hatte es ihn aus dem Bett geworfen.
Er fror.

„Verdammt muss dass denn sein?! Sparen, sparen und nochmals sparen! Energie ist kostbar! Ja ich weiß, denn schließlich zahle ich dafür! Ihr ewig blöder Spruch, auch ich könnte mal etwas für die Umwelt tun! Na klar! Ihretwegen benutze ich sogar recyceltes Toilettenpapier. Ich kann es so langsam nicht mehr hören! Es kann doch nicht sein, dass ich frieren muss, nur weil Madame die Welt vor einer apokalyptischen Katastrophe retten will!“

Er warf einen Blick auf den Temperaturregler der Heizung.

„Verdammte Thermik! Ist der Kessel schon wieder kaputt, oder was? Laut Display soll der Raum auf wohlige zwanzig Grad, also optimale Zimmertemperatur, beheizt sein! Doch der Boden fühlt sich so merkwürdig kalt an.“

Er hörte tief in seinem Kopf die Stimme seiner Mutter. Er hörte das Schluchzen seiner Frau. Er riss die Tür auf, trampelte über den Flur und platzte in die Küche hinein. Am Küchentisch saßen die zwei Pfeiler seines Lebens, weinend, rauchend.

„Ich habe es doch geahnt. All die Monate hast du mich veräppelt! Von wegen aufgehört! Zusammen hatten wir aufhören wollen, hatten uns diese bekloppten atmungsaktiven Laufjacken im Partnerlook gekauft. Doch du warst immer außer Atem. Faul und schwach warst und bist du! Mach nur weiter so! Du wirst schon sehen was du davon haben wirst!“

Seltsam, doch der Zigarettenqualm brannte nicht wie sonst in seinen Augen. Es stank auch nicht wie neulich in dem Bistro, als er einem Raucher mittleren Alters die qualmende Zigarette aus dem Mund gerissen und in der Espressotasse versenkt hatte. Fast wäre die Situation ausgeartet, doch der Gastwirt hatte zum Glück noch schnell genug reagieren können.

„Ich muss gleich zur Arbeit, muss gleich los, muss noch meine Brote schmieren! Es ist schon kurz vor halb! Wie stellt ihr euch...“


Es hatte an der Tür geschellt. Seine Frau stand auf, ging zur Etagentür und drückte ohne die Sprechanlage zu betätigen auf den Türöffner.

„Frau, wie oft soll ich dir dass denn noch sagen! Das kriminelle Pack lauert überall! Die hauen dir einen mit dem Knüppel über deinen zierlichen Schädel und beklauen dich bis auf dein Zahngold! Die machen doch den ganzen Tag nichts anderes, als solche Situationen zu trainieren! Das sind Spezialisten auf dem Gebiet“

Im Türrahmen stand eine groß gewachsene Polizistin.

„Scheiße, nein!“, dachte er sich. „Jetzt haben sie mich doch noch erwischt! Hätte ich den Wagen beschleunigt. Wäre ich noch schneller gefahren! Dann... Anhalten? Nein, kann man in dem Viertel auf gar keinen Fall! In jedem anderen Stadtteil schon, aber nicht da! Abends wenn es dunkel wird, kommt das Gesocks aus den Nischen, den Ecken auf die Straßen, nein, nein und nochmals nein! Mein Außenspiegel ist heil geblieben. Pech für ihn oder sie! Glück für mich! Das ist Qualität, hää! Selber schuld, ein demolierter, importierter Plastikspiegel, genietet an Blech wie Papier! Aber trotzdem verdrücke ich mich jetzt mal lieber auf die Toilette.“

Es kehrte Stille ein. Vorsichtig öffnete er die Badezimmertür. Außer, den vom Wind an die Fensterscheiben gepeitschten Regentropfen, war sonst nichts zu hören. Er ging in die Küche. Er versteckte sich hinter den Küchengardinen im Landhausstil. Er spähte durch das Fensters, an dem dicke Regentropfen herunter rannen. Er spähte und sah wie seine Mutter und seine Ehefrau auf der Rücksitzbank des Polizeiwagens Platz nahmen. Sie schlugen die Türen zu, sie schnallten sich an, der Wagen setzte sich in Bewegung.

Plötzlich wich das trübe Grau dem hellen Schein. Er spürte eine ungewöhnliche Wärme im Rücken, er vernahm den Duft von frischem Lavendel. Er blickte über seine Schulter und sah unter der strahlenden Sonne, das unendlich große Lavendelfeld aus seiner Kindheit.

Donnerstag, 24. April 2008

Frühling am See




Wie Honig im Teeglas aufgelöst. Gedankenverloren. Steifheit.
Die spröde gewordene, starre Fläche, hatte seine Flexibilität unter sich begraben. Er fühlte sich nicht mehr wie der liebende, verführerische, anmutige Mann, der seine Sonntagsbrötchen selber backte!

Er fühlte sich viel mehr wie eine retortenmüßige Vorstellung. Eine Vorstellung, vor der alltäglichen Abendvorstellung für die wiederkauende Hausfrauengesellschaft. Eine Gesellschaft, die wenn sie gerade nicht ihre Fingernägel lackierend vor dem Flimmerkasten saß, sich durchaus mit der Realität, dem Zustand ihrer verwahrlosten Männer auseinander setzten konnte!

Sein Hals brannte. Aus lauter Verzweiflung lief seine Nase ziellos, rastlos umher. Sein Gesang war verstummt. Seine Stimme, gestimmt an der goldenen Stimmgabel, saß verborgen im staubfreien, keimfreien Projektraum. Quick fidel, auf nicht herkömmlichen, handgefertigten Kissen, hatte sie es sich bequem gemacht und erwartete ihn zurück. Sein Projektraum war ein Raum ohne das Rascheln und das Knistern, ohne die verzerrten, verkehrten Zerrbilder aus der schwerbelasteten, künstlichen Welt der ergrauten, feinstabverseuchten, an der Filterwatte klebenden Aquariumwelse.

Das farbenfrohe Klangbild seiner Stimme, klang am schönsten in seinem Projektraum. Das farbenfrohe Klangbild seiner Stimme, war der Garant für einen reinen Gesang.

Verglichen mit den Aquariumwelsen, war er ein Wels, der auf dem Grund eines naturbelassenen Sees, in Harmonie und Einklang sein Dasein fristete. Erst neulich ließ er sich von einem gutmütigen Angler fangen, nur um sich zu zeigen, nur um zu sagen: „Ja, es gibt mich wirklich!“

Im Frühling konnte es sehr, sehr kalt am und im See werden. Er hatte sich erkältet.

Er fühlte sich nicht nur krank, er war krank. Ein leichtes Fieber fiel schwer auf seine Lieder. Er konnte nicht singen, geschweige denn sprechen. Doch er konnte schreiben. Und er schrieb, wild, mit Vergnügen und Heiterkeit. Denn seine Befürchtung, seine ihn ständig begleitende Angst, die Idee, die ihn inspirierende Kraft in den Wind geblasen zu haben, war, wie er nun wusste,
ein altes, immer wiederkehrendes Spukgespenst in seinem Geiste!

Seine belegte Stimme, ähnlich wie ihre belegten Zungen, bedurfte einer gründlichen Pflege. Der Gedanke war nun da, die Kraft diesen Gedanken in die Tat umzusetzen ebenfalls. Um wieder fröhlich klingende Lieder anzustimmen, brauchte er ganz besonders sie an seiner musikalischen Seite- die Gesundheit!

Dienstag, 22. April 2008

Das Raucherzimmer


Sie drückte die Kippe aus und betrat die Arztpraxis. Sie verließ die Arztpraxis und steckte sich eine Kippe an.
Anfangs hatte sie geraucht, weil sie von ihm noch nichts wusste.
Später hatte sie geraucht, weil es ihr egal war!
Er war klein, er war schwach, er war ein Frühchen! Er hatte es nicht länger ausgehalten in ihrer Räucherkammer. Sie, die ihrer alten, formlosen Form nachheulte, blickte nach der Geburt in sein zerknautschtes Gesicht und dachte an ihren suchtstillenden Rauch!

Er wuchs auf im Raucherzimmer!

Ob im Park, auf der Bank, beim Flasche geben, im Auto auf dem Weg zum Kindergarten, im Auto auf der Fahrt ins Nudistencamp, in der Küche beim Kochen, auf der Couch im Wohnzimmer, vor, zwischen und nach dem gemeinsamen Abendessen, vor dem Schlafen, bevor sie ihn ins Bett schickte, ganz egal wo und wann, geraucht wurde überall und zu jeder Zeit!
Von nichts und niemanden ließ sie sich ihr Recht aufs Rauchen verbieten! Doch was war mit seinem Recht auf ein gesundes, nicht vorgeschädigtes Leben!?

Damals war das Rauchen modern. Sowohl große Reden schwingende Politiker, als auch fröhlich singende Malocher, rauchten genüsslich zu einer Tasse Kaffee ihre Zigarette! Keiner dachte an all die kleinen, nach Aschenbecher stinkenden Kindern aus dem Raucherzimmer.
Sie dachte wenn überhaupt, an eine Möglichkeit ihre Sucht zu stillen:
„Los Junge, zieh dir deine neuen Sportschuhe an, lauf zum Bütchen und kauf der Mama ihre Zigaretten!“

Jahrelang hatte sie ihn an den Heizkörper, den einzigen warmen Körper, ihres Raucherzimmers gekettet!

Alt und grau, aus einer Nikotinwolke zu ihm sprechend, besuchte sie ihn nach ihrem Tod in seinen Träumen! Er stand mit Tränen im Gesicht, ihr eingerahmtes Foto in seiner Hand, an seinem Babybett.

Leiser Atem, Babyduft im ganzen Raum.

Samstag, 12. April 2008

Morgengrauen



Es war einer von Milliarden anderen Vögeln. Es war der eine Vogel. Der Vogel, der seiner Meinung nach, am lautesten und am schönsten sein Lied zwitscherte. Das Lied, welches wie eine „Repetition“ ohne „Competition“, immer und immer wieder erklang. Genau im richtigen Augenblick ertönte der Klang seiner Stimme und verdrängte die letzten Schreckensbilder. Schreckensbilder, die rudimentären Elemente der Realität in seinen morgendlichen Träumen vor dem Erwachen.

Hellwach, mit ruhiger Hand, legte er die Nadel auf die Platte.
„Songs Of Freedom“ , dazu ein Glas frischen Tee vom Teekontor, welcher zu überteuerten Preisen, scheinbar erfolgreich verkauft wurde. Da wo seine Ahnen ihre Angelruten auswarfen, kochte der Samawer unter dem Feigenbaum des Lebens. Dort wurde ein harmonisch schmeckender Tee zubereitet. Tee war kein Luxus, kein Importprodukt. Der Tee, den sie tranken, war ein angenehm, wohltuendes Erfrischungsgetränk für jeden noch so armen, zahnlosen Zeitgenossen. Mit diesem, bitter schmeckenden Gedanken hob er ab. Er nutzte den Auftrieb seiner Feder und verfasste einen Text.

Er schrieb nicht weil er der Illusion hinterher flog. Er wollte nicht auf Wolkenhöhe, mit den erfolglosen Traumgoldschürfern sein! Er war kein Neuzeitpoet aus der Steinzeit!
Er war lediglich nur ein Suchender! Er suchte nach einem Weg, die ständig auf ihn einschlagenden Wellen, die Schreckensbildern aus dem mittlerweile ganz normalen Alltag, erträglicher zu machen. Es waren die Bilder, die andere parallel zum Abendessen laufen ließen. Bilder, die sie einnahmen wie ein Mittel gegen ihre chronische Verstopfung!

Er ließ seine Feder innerhalb eines vergangenen, doch nicht vergessenen Zeitrahmens umher flattern. Er flog auf seiner Feder, wie Aladdin auf seinem fliegenden Teppich. Er flog weit hinaus. Mit ihm flog auch die Angst. Die Angst von der forcierenden Luftabwehr entdeckt zu werden, was durchaus möglich war!

Aus der Perspektive eines Vogels, entdeckte er die ersten Risse, die ersten Risse waren die ersten Anzeichen der Veränderung! Es waren die von ihnen gewollten Risse!
Er musste sich verwandeln! Er verwandelte sich, so wie auch andere sich beim näheren Betrachten der industrialisierten Landschaftsmalerei verwandelt hatten! Gewiss nicht schön, doch es war besser so!
Die Landschaft hatte sich verändert und passte nicht mehr auf die vom Großvater gezimmerte Staffelei! Die rotierende Kraft hatte den Rahmen auseinander gerissen!
Damals sah selbst ein Jeder diese ersten Anzeichen, doch die verheerenden Folgeerscheinungen konnte sich selbst ein Jeder nicht ausmalen! Mann hatte sich umorientiert. Der Markt bot den zahnlosen Tigern, den Steinbeißern der Modernen nun neue Nischen, Lücken und Spalte. Neue, schnellere Transportwege zu Wasser, zu Lande und in der Luft mussten angelegt werden, um das herannahende, globale- und internationale Unwetter zu überleben!

Mit eine der wichtigsten Neuerfindungen war seiner Zeit die von Dr. Guillotine erfundene, mechanische Maschine! Dank der Massenproduktion konnte sie nun kostengünstig produziert werden. Und mit einem glänzendem Label am Sockel festgenietet, stand sie in den entstaubten Regalen der Märkte und brachte Unmengen an Profit ein!

Donnerstag, 10. April 2008

Salon der Kopfwäsche



Er, geboren in Deutschland, erzogen in Deutschland, war gesittet und frohgesinnt! Er legte wert auf ihre Werte, die zu seinen wurden!
Werte, die von gutgesinnten in seinen kleinen Tontopf gepflanzt wurden. Ein Bäumchen wuchs heran. Aus dem Bäumchen wurde ein kräftiger immergrüner Baum. Der Baum trug Früchte. Mal schmeckten diese Früchte zuckersüß, mal zitronenbitter, doch immer magenschonend!
Mit seiner, vom Vater vererbten, orientalischen Gewürzmischung im Handgepäck, reiste er durch die Jahreszeiten. Er genoss die Vielfalt des Landes, er genoss das Leben!

Jahre später, mit reifen Früchten in den Händen und würziger Schärfe auf der Zunge, fand er sich auf dem Friseurstuhl seiner Wahl wieder. Jahre lang hatte er sich die inhaltlosen Geschichten seines Friseurs angehört und versucht diese Geschichten mit seinem Gut zu füllen!
Eigentlich mochte er seinen Friseur.
Doch scheinbar mochte sein Friseur ihn nicht! Denn an jenem Tag kam es dazu, dass sein Friseur, seine Erziehung und seinen Lebensstil unterschwellig, zu unrecht kritisierte. Alles war falsch und sollte grundlegend in Zusammenarbeit mit einem Geistlichen überarbeitet werden. „Schadensbegrenzung“ sozusagen! Dies sei die einzige Möglichkeit! Jahrelang hatte er sich diesem Menschen anvertraut. Jahrelang wusste er nicht wer ihn da den Kopf gewaschen hatte! Wie naiv er doch war! Er hatte nicht erkannt, was für ein kopfgewaschener Kopfwäscher sein alter Friseur war!

Doch das schlimmste an der Sache war, wem sollte er nun sein Friseur-Problem erzählen!

Kaffee mit Milch und Crema



In den Pausen, zwischen der arbeitswütigen Zeit, apropo arbeitswütig, schon gewusst: „Flaute im Bett macht arbeitswütig!“, konnte er lange und ausdauernd über ein effizientes Energiesparmodel für jedermann reden. Doch wenn keiner da war und hinsah...

In seinem kleinen Königreich, das, man glaubt es kaum, knapp vierundfünfzig Quadratmeter groß war, brannte das Licht. Leere Räume waren hell erleuchtet.
Zu der effektvollen, direkten und indirekten Zimmerbeleuchtung, kam der laufende Flimmerkasten im Wohnzimmer, der vorbildlich, mit einem sportlichen Elan, den Dauerlauf für sich entdeckt hatte!
Der instrumentalisierte Zerstreuungsparat zeigte den kahlen Wänden, sich ständig wiederholende, bunt flackernde Werbespots. Ein liebeskranker LSD-Kuschelhase als animierter Klingelton war scheinbar der Mega-Verarschungs-Abo, oder anders ausgedrückt,
einer der erfolgreichsten menschlichen Mäusefallen auf dem Klingelton produzierenden Markt, mit einem Umsatz von einer unscheinbar, hohen Gewinnmöglichkeit! Die armen Mütter und Väter, der armen Kinderseelen, die täglich in die Falle tappten, taten dem kleinen König leid!
Er konnte es nicht ertragen! Er sah einfach weg! Der kleine König bekam nichts mit! Er sah weg und hörte seinen Lieblingsradiosender WDR5 via Highspeed DSL Connection. Dabei dachte er an den nicht mehr so frisch schmeckenden Kaffee. Die edle Bohne, dessen Wanderung von der Plantage, bis in die Tasse, eine wahrlich aufregende, sowie energieaufwendige Reise war, empfand der kleine König bitter im Geschmack. Geschmack, der im Minutentakt, mit der Temperatur zusammen dahinschwand. Seine sehr stark teure Ritzenhoff-Kaffeetasse konnte diesen Umstand leider auch nicht verhindern!
Aber wenn er wollte, könnte er sich einen heißen, etwas frischeren Kaffee eingießen. Denn seine luxus-vollautomatisierte-spezial Brühmaschine lief zusammen mit dem Flimmerkasten um die Wette und hielt extra nur für den kleinen König eine heiße Tasse bereit.

An jenem Morgen, und an jedem anderen Morgen, erwachen sie wie ferngesteuert, kleine und große Königinnen und Könige, scheinbar vom selben Programmierer programmiert, brauchen tonnenweise Energie um ihren Alltag zu bewältigen.

Sonntag, 6. April 2008

Industrielandschaft




Immer schwerer und schneller wurden die Klänge der Industrie. Gleichmäßig schlug der dumpfe Ton des Taktes. In den riesigen Fabrikhallen wurde man zu Taten gezwungen, die das Herz und den Körper sehr stark in Mitleidenschaft zogen. In einem Land, indem das Wort „Habseeligkeit“ zum Wort des Jahres gewählt wurde, wurde jeder Einzelne zu Dingen gezwungen, die nicht der Natur des Menschen entsprachen.
In den Hallen der Überproduktion ereigneten sich tagtäglich Dramen, die den Angestellten im Büro nicht im geringsten interessierten!
Die Hauptsache war, man machte täglich seine Überstunden und kam auch samstags zur Arbeit. Und wenn sich das Volk der Nation nicht fügte, so folgte prompt eine ordentlich, ausformulierte Kündigung! Eine neue Volltagsstelle wurde frei, eine neue Legehenne wurde in den Käfig gesetzt.

„Entweder du funktionierst, oder du funktionierst!“

Der Spaziergang



Hand in Hand. Er, groß gewachsen. In Schwarz gehüllt. Auf seinem Haupt trug er einen großen Glanzzylinder. Er stützte sich auf seinen schwarzen Spazierstock mit goldenem Griff. Seine rechte Hand war fest verschlungen mit ihrer zierlichen linken Hand.
Sie, in Schwarz gehüllt, zog und zerrte an seiner rechten Hand. Der Schweiß rann ihr über die Stirn. Erregt blickte sie zurück. Auf dem sonnendurchflutetem Waldweg war sonst niemand zu sehen. Sie steigerten ihr Tempo. Sie liefen. Er, getrieben und gehetzt, fühlte sich wie Beute. Er verlor seinen Zylinder. Sein Haar fiel auf seine Schultern und flatterte im Wind umher. Plötzlich brach sein Spazierstock und er fiel hin. Sie, von ihm ruckartig zu Boden gerissen, schaute verärgert in sein gequältes Gesicht. Ohne zu zögern riss sie sich los von ihm. Hastig zog sie ihre Pumps mit Pfennigabsätzen aus. Sie schleuderte die Schuhe an den Wegrand.
Er blickte zu ihr hinauf, sah wie sie ihre Haarspange löste und aus ihrem Haar entfernt. Sie richtete ihren Blick ab und lief davon.
Schmerzerfüllt, raffte er sich auf und stützte sich auf seinen in zwei Teile gebrochenen Spazierstock.
Sein suchender Blick nach dem verlorenem Glück fiel plumpsend auf den lehmigen Waldboden.
Er verließ den Wald um nach der Skulptur zu suchen. Entkräftet und seinem klaren Verstand beraubt fand er die Stelle an der sie zu Füßen der Birke stand. Er ließ sich zu Boden fallen und begab sich in die embryonale Haltung.

Er schlief ein und er träumte von...

Samstag, 5. April 2008

Momentaufnahme



„Zurzeit ist leider niemand zuhause, falls sie aber eine Nachricht hinterlassen möchten, sprechen sie bitte nach dem…!“

Enttäuscht legt er auf, lehnte sich an seinen schwarzen Peugeot, zündete eine LUCKY STRIKE an und tauchte in einen gedanken gefüllten See ein:

Sie saßen im Ruderboot.
Er griff nach der Angel, klappte den Bügel nach hinten und warf den Haken schwungvoll aus. Der Haken samt Köder, Schwimmer und bleiernem Gwicht flog in einem weiten Bogen über die Wasseroberfläche und plumpste in den See.
Ihm gegenüber saß sie in einem weißen Sommerkleid. Auf ihrem Kopf trug sie einen zu ihrem Kleid passenden, weißen Strohhut mit roter Schleife. Sie hielt ihre EOS in der Hand und schraubte ein Weitwinkelobjektiv an. Das Objektiv rastet ein. Sie hielt sich die Kamera vor ihr Gesicht und stellte gekonnt die Belichtungszeit, sowie den Zoom ein. An diesem Tag entstanden eine Abfolge von idyllischen Farbfotos. Fotos aus einer glücklicheren Zeit.
Fotos die nun almählich verblassten.

Nach einem letzten Zug an seiner heruntergebrannten Zigarette, schnipste er die Fluppe achtlos auf den Boden und stieg in den Wagen.

Gedankenfluss



Es sprudelte eine neue Quelle aus dem Boden. Das Wasser fand einen neuen Verlauf und grub ein neues Flussbett. Hielt man für einen Moment inne und horchte, so hörte man ausser dem Vogelgezwitscher, das Plätschern eines herannahenden Flusses.

Aus seinem Kopf entsprangen neue Gedanken. Sein Gedankenfluss floss durch die fruchtbaren Vorgärten Utopias.

In Luftiger Höhe



Er stieg an einem sonnigen Tag in die leere Gondel des Riesenrads. Er nahm Platz, setzte die Ray Ben auf seine Nase und steckte sich die Sennheiser in seine hörgeschädigten Ohren.
Er sah von oben auf die Stadt herab. Dabei sah er aus wie ein Fantast:

„Wie einer, der nach dem Bad in seiner Fantasie, sich mit dem großen Badetuch die Tropfen aus Träumen und Illusionen von der Haut reibt!“

Dienstag, 1. April 2008

Gewalt in der Familie!

Jeder weiß, dass die Familie nicht für jeden der sichere Hafen ist. Die Mitgliedschaft im Club, kann manchmal gefährlich werden.
Auf seine Äusserung:
 
„Liebe deinen Vater und seine polierten Schuhe! Versuch ihn zu verstehen, auch dann wenn es dir unverständlich erscheint!“,

stellte er ihm, mit Bedacht, die folgende Frage:

„Wo lauern deiner Meinung nach, für die, in Deutschland lebenden Mütter und ihre Kinder, die größten Gefahren?"

Er antwortete prompt: 

„Na auf dem Heimweg, im Straßenverkehr natürlich!“

Lag er denn richtig?

Natürlich ist der Heimweg nicht immer ganz ungefährlich! Doch noch gefährlicher ist es daheim!

„Der gefährlichste Ort für deutschlands Mütter und ihre Kinder, ist ihr sehr stark
unsicheres Zuhause !"