Sonntag, 27. Januar 2008

Sein bester Freund





Lange Zeit hatte er nicht mehr an seinen alten Freund Hysein gedacht. Doch in der letzten Nacht erschien er ihm in seinem Traum.
Damals war er vom städtischen Gymnasium geflogen, und landete direkt im überfüllten Klassenraum der Hauptschule am Stadtrand. Hysein war sein Tischnachbar. Hysein wurde sein bester Freund.

Oft hingen sie nach der Schule zusammen ab und machten den Mädchen nette Komplimente. Hysein sah makellos gut aus. Er, nicht so atraktiv, konnte dafür aber mit seinen Worten den Mädels ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
Er war oft zu Besuch bei Hysein. Er war ein gern gesehener Gast und wurde zu einem Freund der Familie. Hysein und seine Familie wohnten im Asylantenheim. Hinten im Garten, neben den Wäscheleinen stand eine riesige Parabolantenne die Schreckensbilder aus dem Libanon auf die Mattscheibe des Fernsehapparates übertrug. Hyseins Vater lernte er nie kennen, da er verstorben war. Seine Mutter sah sich damals gezwungen, zusammen mit ihren vier Kindern das Land zu verlassen. Er erinnerte sich noch sehr genau an Hyseins Geschwister. Sie hatten zusammen Staudämme im Flussbett errichtet, schwangen sich an einem Seil hängend von einem zum anderen Ufer, bauten Flösse aus Treckerreifen und Luftmatratzen. Und am Abend aßen sie gemeinsam aus einem riesigen Topf, in der Hocke auf einer Decke.
Die Zeit verging rasend schnell, sie standen kurz vor ihrem Abschluss. Die Abschlussfeier war bereits geplant und sie genossen einfach nur den Sommer mit all seinen Vorzügen. Er saß zusammen mit seiner Freundin und ihrer besten Freundin, der Freundin von Hysein im Eiscafè: „Wo bleibt er denn? Wir waren um vier verabredet! Mittlerweile ist es schon zwanzig nach!“ Eine halbe stunde später verließen sie das Cafè und schlenderten zum Dorfplatz, als ihnen Hysein entgegengerannt kam. Er war schweißgebadet und seine Augen waren gerötet. Wir fragten ihn was denn sei. Er schluchzte und erzählte uns etwas von Abreisen, sehr bald, wahrscheinlich noch in der kommenden Wochen!
Ihre kleine, heile Welt brach an jenem Abend zusammen. Sie weinten und umarmten sich, sie fanden jedoch keinen Trost. Sie waren machtlos und konnten nichts an der Situation ändern. Hysein und seine Familie mussten Deutschland verlassen!
Sie verbrachten noch die letzten Tage vor der Abreise zusammen, bis dann früh am Morgen, ein Großraumtransporter mit zwei Beamten die wenigen Koffer der ausreisenden Familie verluden. Er kam zu spät um sich zu verabschieden. Als er ankam waren sie schon weg!
Auf dem ersten Klassentreffen nach seiner Schulzeit fragte er seinen ehemaligen Klassenlehrer nach Hysein. Sein gealterter Lehrer antwortete:
„Hysein und seine Familie musste uns verlassen, weil die Frist ihrer Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen war!“
Er schüttelte bedächtig seinen Kopf, hob das Bierglas, nahm einen langen Schluck, stellte es zurück auf den bekritzelten Bierdeckel und Antwortete:

„Hysein war ein Asylant und mein bester Freund!“

Freitag, 25. Januar 2008

Nachbarschaft

















Die alternde Nachbarschaft und meine ins alter gekommenne Nachbarn. Ich bin der jüngste in der Hausnummer vier. Zugegeben, an manchen Tagen fällt es mir nicht leicht, doch irgendwie bereitet es mir eine große Freude der jüngste unter all den netten Rentnern zu sein.

Bereits in meiner Kindheit stand ich immer eng im Kontakt zu meinen Nachbarn.. Selbst zwanzig Jahre später kann ich mich noch an den Duft von Oma Theresas frisch gebackenem Zwetschkenkuchen erinnern. Dr. Oetker wäre vor Neid erblasst!
Ich erinnere mich auch an die Kirschbäume von Frau und Herr G., die heute noch, lange nach Herrn G. Tod, jeden Sommer kiloweise Kirschen tragen. Ich behaupte, mit den Kernen dieser Kirschen kann man am weitesten spucken! Sehr, sehr viele schöne Erinnerungen an meine Nachbarn und die Nachbarschaft trage ich in meinem Herzen. Es sind die Erinnerungen, die mich an trüben Tagen erheitern. Mich erheitern desswegen, weil es mir nicht immer leicht fällt der jüngste zu sein. Vor allem dann nicht, wenn es des Nachts an der Tür klingelt und vor mir meine fünfundachtzigjährige Nachbarin Frau W. steht:
In langer Unterhose und ohne künstlichem Gebiss, versucht sie mir ihre missliche Lage zu schildern. Im Hintergrund höre ich ein lautes Brummen, das durch das ganze Treppenhaus geht. Doch noch störender als das Brummen ist der unangenehm, beißende Geruch, der aus der gegenüberliegenden Wohnung strömt.
"Ernst, Ernst! Ernst ist aus seinem Bett gefallen! Bitte helfen sie mir! Bitte!"
Ich ziehe mir noch im Lauf meine Hose an und stehe bereits im nächsten Augenblick im Schlafzimmer von Ernst, dem Sohn von Frau W.
Der Radiowecker auf der Komode brummt furchtbar laut und das Bett ist komplett durchnässt. Ich denke mir: "Dies ist also der Quell des Geruchs! Der Geruch der Hilflosigkeit!"
Oder anders, es könnte auch ein neuer Duft sein: "Golden Times- For The Man In Matura Age"
Vom Boden dringt ein Winseln an meine Ohren heran. Ernst liegt mit dem Gesicht voran auf dem Teppich. Seine Körperhaltung erschreckt mich! Der Oberkörper hängt fast komplet über den Bettrand. Sein linker Beinstumpf ragt senkrecht in die Höhe.

Mein Nachbar Ernst ( mitlerweile verstorbener, möge er in Frieden ruhen)

war fünfundfünfzig Jahre alt, diabetiker , und ihm wurde sein linkes Bein unterhalb des Knies amputiert. Nach langem Krankenhausaufenthalt lebte er wieder zuhause bei seiner Mutti.
Mit ihr lebte er schon sein ganzes Leben lang zusammen. Beide waren mit der neuen Situation völlig überfordert und somit, verständlicher weise, auf soziale Dienste angewiesen. Doch diese Dienste reichten leider nicht aus.

Ich stehe also da, im Unterhemd und offener Jeans, hechte über das Bett und schalte den Wecker aus. Dannach greife ich ich vorsichtig unter die Achseln von Ernst und hieve ihn zurück in sein durchnässtes Bett. Am Rande des Geschehens höre ich seine Mutti, die sich scheinbar in einer Endlosschleife befindet: "Danke, danke! Ich danke ihnen! Danke, danke! Ich.."
Doch ich kümmere mich weiterhin um Ernst, möchte die Situation abschätzen. Ich spreche Ernst an und tätschele seine Wangen. Es kommt einige lange Sekunden lang keine Reaktion. Bis er dann endlich genuschelte, aneinander gereihte, unverständliche Worte von sich gibt. Ich blicke in seine Augen! Er scheint durch mich hindurch zu blicken, starr, aus eigefrorenen Augen heraus.
Das nächtliche Geschehen endete im Krankenhaus, und wiederholte sich in ähnlichen Varianten noch zwei Mal in den darauf folgenden Wochen.
Beim letzten Mal, nach einer langen, heißen Dusche, als ich mich wieder zurück ins Bett zu meiner Verlobten legte, sagte sie zu mir: "Du bist der Zivi der Nation!" Da musste ich schmunzeln. Denn als ich eingebürgert wurde, war ich zu alt für die Bundeswehr und somit auch für den Zivildienst.

Ihsan schreibt an Cemal Atakan





Deine Bühne, das ist Kreuzberg! Tamam, biliyorum! Aber sie alle sollen es wissen! Lass uns die Vorgärten, die auf Millimeter genau geschnittenen Rasenflächen der Schnösel umgraben und türkische Tigerbohnen sähen! Tigerbohnen, die bis hinauf in die Managerbüros wachsen. Manager, die es unseren Eltern ermöglicht hatten ein neues Leben in Deutschland anzufangen!
Tiger, abi, dieser Appel geht direkt an dich!! Pseudo, meudo ist nicht
unser Ding, wir sind "real!" Uns gibt es wirklich, wir haben eine gewaltige Stimme,
bisschen mit Aktzent, manchmal gebrochen aber immer nett, höflich und zuvorkommend!
Seit geraumer Zeit realisiere ich ein sehr stark erfolgreiches Tigerprogramm mit der nächsten
Tiger-Generation!
Ich helfe den jungen Tigers aus den Vorstädten. Ich bin der Anti”Agro” Trainer mit
Sspezial Teknik! Jeden Sonntagnachmittag treffen wir uns im Kulübü und stricken
“Original Türkische Tiger Strickmützen Imitate”. Strickmützenträger wissen unsere
Arbeit zu schätzen! Wir üben uns ebenso in Integration! Nur als Beispiel, manche von
uns leisten den einsamen Nachbarsfrauen gesellschaft, während ihre stinkenden,
trinkenden Männer in der Eckkneipe bei Franz & Hans hocken! Wir sind sozial
angagiert, und Menschen wie Halil Ibrahim von Nr. 2 gehen rüber zu Karl Heinz aus
der Nr. 3, um die Schrauben an seiner Schüssel nachzuziehen. Nur damit Karl Heinz,
nachts wenn alle schlafen ungestört zappen kann. Das ist Deutschland, denn
Deutschland ist Kreuzberg! Vor uns braucht auf der Shitraße keiner Angst zu haben.
Wir helfen wenn Braun, wie Scheiße, kahl rasiert durch die Shitraßen marschiert und
anderen Brüdern und Schwestern angst machen!
Zivilcourage haben wir bereits in der Milch von Anne bekommen! Wo andere weg schauen,
schauen wir hin!
Mach weiter so Abi, mein RESPEKT an dieser Stelle! Du hast das Tigerblut in dir.
Lass ihn raus den Tiger, zeig ihnen das du es kannst! Hadi Tschüs,
slm:

“IHSAN” alias K`nack die Krähe ;)

Armer Superheld!

Er war ein Superheld! Er war einer dieser Helden denen am Ende jeden Monats das Geld für die kleinen Dinge des Lebens fehlte. Obwohl er weit mehr verdiente als eine von ihrem Mann verlassene Mutter, die mit ihren vier Kindern irgendwo am Rande der Armutsgrenze lag, und trotzdem jedes ihrer Kinder gesättigt ins Bett, sowie zur Schule schicken konnte.
Mit dem Geld hatte er ja auch eigentlich kein Problem, denn er hatte ja keins! In seinem Bekanntenkreis fiel er immer auf, er stand immer im Mittelpunkt. Doch keinem seiner Freunde fiel sein chronischer Geldmangel auf. Stets bemühte er sich zeitig, zu den feuchtfröhlichsten Happyhoures den Club zu betreten. Und für gewöhnlich gelang es ihm auch. So konnte er Geld sparen, und war voll bis zum Anschlag.
In der vergangenen Woche hatte ihm sein Chef mitgeteilt, dass er zusammen mit drei seiner Arbeitskollegen zu einem Wochenendseminar nach Belgien musste. Auf der Arbeit brauchte er keinen Anzug zu tragen, da er keinen Kundenkontakt hatte. Er verrichtete seinen Job aus dem Hintergrund heraus. Meistens in Baggies und Sneakern. Für das Seminar jedoch brauchte er einen Anzug. „Irgendwo müsste doch mein alter Anzug herumhängen.“ Es war der Anzug, in dem er vor knapp einem Jahrzehnt seiner Oma die letzte Ehre erwiesen hatte.
Ihm kam eine andere Idee. Er machte sich mit dem wenigen Geld, welches er sich von seiner Mutter erschnorren konnte auf den Weg. Als er den Laden betrat, blickte er in das Gesicht einer jungen, attraktiven Frau mit Unterlippenpearcing. Er errötete, fast so rot. wie das gefärbte Harr der volllippigen Verkäuferin, war nun auch sein Gesicht, als er ihre Begrüßung erwiederte. Nie zuvor hatte er sich für die zweite Wahl entschieden. Seine alte Mutter hatte verzichtet, um ihn in feinen Zwiern zu hüllen. Er kannte es nicht anders. Das beste Spielzeug, die teuerste Markenbekleidung, später dann die schnellsten Autos mit vielen Extras. Extras waren für ihn z.B. auch die sehr stark gepimpten Mädels auf dem Beifahrersitz. Es folgte das lockerste Studium, mit den wildesten Partys, auf denen die willigsten Frauen herumliefen.
Da stand er nun, ein Superheld, ein Held mit den größten Komplexen am Rande seiner Schamgränze. Er stand da in einem grauen Anzug, der mehr schlecht als recht saß. Doch es war der einzigste Anzug, für den sein Budget gerade mal so eben reichte. Er bezahlte rasch, und fuhr im BMW, mit rot blinkendem Tankanzeiger nach Hause, und checkte ein, im Hotel Mama!

Donnerstag, 10. Januar 2008

Endgeschwindigkeit


Passt er hinein, oder wird er herausgedrängt? Hält er sich fest, oder lässt er sich fallen?
Er blickt auf eine unwirkliche Welt. Eine Welt im Taumel. Eine Welt im Geschwindigkeitsrausch! Eine hecktische Welt, in einer entspannten, ruhigen Umgebung. Eine geteerte Welt, eine Welt bespickt mit unzähligen, verblühten, einst wunderschönen Blüten. Gleich neben der ihm bekannten Wirklichkeit rasen Kreaturen, angsteinflößende Fratzen wie Schatten an ihm vorbei, und überholen ihn von Links, sowie von Rechts.
Zurechtgestutzte Gestalten mit geöltem Haar geben vollgas! Männer und Frauen setzen sich gekonnt in Szene und untermalen ihr Auftreten mit dem Duft der Vergänglichkeit! Sie drängen ihn von der Bahn. Er bremst ab, hält an, steigt aus und atmet auf!

Neujahrsmüll


Er dachte über den letzten Tag des vergangenen Jahres nach. Er dachte über das letzte Jahr nach. Er war traurig. Er war noch trauriger als sonst.
Ein langes Jahr 2007 hatte ihn geschliffen. Entgratet wurde er in der industriellen Rüttelmaschine! Gratfrei, jedoch ermattet betrat er durch den Seiteneingang das Jahr 2008. „Welcome, welcome!“ Sprach die Stimme in seinem Kopf und bat ihn Platz zu nehmen. Vogelfrei, rauchfrei setzte er sich zu Tische und trank einen wohl schmeckenden Apfeltee. In Gedanken sah er Sie, Ihn und Sich! Das tat gut! Im temperierten Raum umarmten sie sich! Innig, noch inniger als sonst!