Sonntag, 14. September 2008

Hinter den Klostermauern



Ihr Motto lautete: „Carpe diem (zu deutsch: „nutze / pflücke den Tag“)!“ Sie schlenderten zuerst über den Klostermarkt, ließen sich anschließend durch den Museumskomplex, durch die Ausstellung führen und hinterher tranken sie ihren Espresso unter dem Sonnenschirm im Klostergarten.

Samstag, 13. September 2008

Neulich beim Zahnarzt


Aus den schräbbelnden Praxislautsprechern ertönte der Song "Summer 68" von Pink Floyd.
Er erinnerte sich an die schöne alte Zeit auf den Wiesen, am Ufer, auf der Sandbank des großen Sees. Sie sprangen nackt ins Vergnügen hinein und ließen anschließend das perlende Wasser von der im Zenit stehenden Sonne trocknen. Er, der Tagträumer, träumte von einem ewig anhaltendem Augenblick. Seine Erinnerungen an die heißen Tage flammten auf und rotierten in einer Endlosschleife. Er begab sich auf eine Reise durch die Vergangenheit und vergaß die nur steril wirkende Atmosphäre um ihn herum.
Sie stand plötzlich vor ihm und reichte ihm ihre zarte Hand mit dem Freundschaftsring am Finger. Sie zog ihn an sich und küsste ihn auf seine zarten Lippen . Ihr Kuss brannte wie Chili auf seinen Lippen. Er fragte sich was sie wohl heute, gerade jetzt macht. Er hoffte, dass ihr gut ginge. Er hoffte, dass sie ...
Er wurde mit einem Ruck aus seinen Gedanken gerissen, als der nette, nach Nikotin stinkende Zahnarzt und die nach "Chanel Mademoiselle“ duftende Zahnarzthelferin das Behandlungszimmer betraten.

Mittwoch, 10. September 2008

Herbststurm



Vorbeiziehende Wolken, stürmischer Wind, fallende, im Wirbel tanzende Blätter, verstummte, eilig nach Schutz suchende Singvögel, herabstürzende Blitze, im Unterholz ruhende Tiere, geweckt durch Thors Donnerschläge. Ein Baum knackt, ein zweiter brennt, der dritte fällt.

Sonntag, 24. August 2008

Unrasiert und fern der Heimat


Der unrasierte Mann mit dem leicht vernarbten Gesicht legte das engmaschige Fischernetz zur Seite und ließ seinen Blick über die Wellen des Meeres segeln.

Er war unrasiert und fern der Heimat als Irene ihn am Morgen wach küsste. Er war unrasiert und fern der Heimat als er mit den Grazien von Longos dem Spanier zum Brunch in der Wunderbar über den neusten Klatsch und Tratsch der Stadt schwätzte und über die neuste Lack und Leder Kollektion aus Italien fachsimpelte. Er war unrasiert und fern der Heimat als er sich von Johanna am späten Abend zudecken und von seinen Träumen umarmen ließ.
Er träumte oft vom freien Fall.
Fast täglich fiel er wie ein überreifer Apfel vom Baum. Er fiel vom Baum direkt in ihre Schöße hinein. Er war der appetitliche, verlockende, knackig süße Apfel der von ihnen sogleich verspeist wurde.
Er war everybody's darling, er war everybody's Depp.

Der unrasierte Mann mit dem leicht vernarbten Gesicht hob ;) das engmaschige Fischernetz wieder auf und nahm eine Kunststoffnadel in die Hand um mit der Reparatur das zerstörten Netzes vortzufahren.

Mittwoch, 13. August 2008

Back to reality



Er liebte es seine eh unnütze Zeit damit zu verbringen auf unverschämt unzuverlässige Handwerker zu warten. Er hatte ja sonst nichts besseres zu tun.
So starrte er also aus dem Fenster des kleinen Erkers und zählte die vorbeibrausenden Autos. Dabei, also gleichzeitig und eher flüchtig schaute er den hübschen Frauen auf ihren Hollandrädern hinterher. Natürlich verzählte er sich hin und wieder. Natürlich war ihm das egal, denn eigentlich war das Zählen von vorbei fahrenden Autos nichts weiter als ein Versuch die aufflammende Wut im Keim zu ersticken.
Im Hintergrund des unsagbar aufregenden Geschehens schaltete die Waschmaschine um auf den Schleudergang. Der Dielenfußboden seiner Altbauwohnung leitete die Vibrationen aus dem Badezimmer heraus, bis hin zu ihm.
Er konnte seine Wut nicht länger unterdrücken. Der Boden unter seinen Füßen erbebte, sein immer schneller pulsierendes Herz schoss sein Blut mit einer mordsgeschwindigkeit durch seine Adern.
An jenem Morgen erlitt er einen Herzinfarkt. Er kippte um und erwachte in einem nach Krankenhaus riechenden Bett. Die Zimmertür stand offen, ein frischer Windzug wehte ihm durchs krause Haar. Er öffnete seine müden Augenlieder und blickte aus glasigen Augen hinaus auf den scheinbar frisch gewischten Flur.

Er sah einen schlanken, hochgewachsenen Handwerker im Blaumann vorbeiziehen, der einen quietschenden Werkzeugwagen vor sich herschob und ihn freundlich grüßte.

Montag, 11. August 2008

Issac Lee Hayes Jr. ist tot



Sie fuhr in ihrem schwarzen Fiat über die einsame Landstraße. Aus den Frontlautsprechern ertönte Issac Hayes Shaft-Song.
Dieser Song warf sie in der Zeitleiste zurück, er warf sie in jenen Maiabend als Vincenzo ihr Herz erweichen lies.
Damals, als sie noch studierte und im Gasthaus zum Försterhof kellnerte, trafen sich Vincenzo und seine Freunde einmal im Monat zum Essen. Meistens aßen sie die überbackenen Spinat-Gnocchi und dazu einen Insalata mista. Der italienische Koch Francesco freute sich über eine Bestellung wie jene und fühlte sich bei der Zubereitung der Speisen seiner Heimat ein Stück näher.
Einmal im Monat saß Vincenzo, den seine Freunde nur Enzo nannten, in angespannter, völlig unnatürlicher Haltung am massiven Eichentisch und versteckte sein errötetes Gesicht hinter der Speisekarte, als sie nach seiner Bestellung fragte. Enzo war ein selten attraktiver Mann. Enzo war auch ein selten schüchterner Mann der fließend gestikulieren und gebrochen Deutsch sprechen konnte. Damals arbeitete Enzo zusammen mit seinen Kumpels unter Tage. Er arbeitete in der wohl bekanntesten Zeche des Ruhrpotts. Dass seine deutsche Aussprache nicht perfekt war störte sie nicht im Geringsten. Im Gegenteil, sie mochte ihn und seinen italienischen Akzent. Sie hätte ihm stundenlang zuhören können, sie hätte ihn stundenlang beobachten können.
Ihre Erinerungen an Enzo wurden in jenem Augenblick als sie die einsame Landstraße befuhr, als sie den Song mitsang sehr klar und deutlich. Sie konnte die überbackenen, dampfenden Spinat-Gnochis riechen. Sie sah ihn wie er da am Eichentisch des Gasthauses zum Försterhof unruhig auf dem gepolstertem Stuhl hin und her rutschte und sie fragte:

„Bella donna, haben du Lust heute mit ins Kino zu kommen?“

Nach ihrem Feierabend holte Enzo sie in seinem grünen Fiat 500 Topolino ab. Zusammen schauten sie den Film Shaft auf der großen Leinwand des Autokinos und sie die junge Studentin, die damals im Gasthaus zum Försterhof kellnerte, hörte an jenem Abend zum ersten Mal die Filmmusik von Issac Hayes.



Diese Geschichte widme ich Issac Lee Hayes
20.08.1942 - 10.08. 2008


Sonntag, 10. August 2008

Better Than Coffee And Cigarettes


Besser als Kaffee und Zigaretten war allemal ein Fruchtsaftkonzentrat, ein Konzentrat wie er es schon in seiner Kindheit kannte. Dazu eine in einen leckeren Blätterteigmantel gehüllte Geflügelrolle, ihm gereicht aus den zierlichen Händen einer wirklich sehr hübschen Bäckerin.

Coffee And Cigarettes



Unmittelbar nach dem Erwachen, nach der Reinigung unter fließend warmen Wasser, nach dem Verdrängen des Gedankengangs:

„Jetzt wäre genau der richtige Augenblick für ein hartgekochtes Ei und dem Einsatz der Harfe die wir von ihrer Mutter geschenkt bekommen haben. Ich könnte mit dem in Scheiben geschnittenem Ei eine bekömmliche Schnitte von dem leckerem Vollkornbrot belegen und dazu ein Glas von Dittmeyers nicht wirklich frisch gepresstem Orangensaft trinken.“

Gleich nach seinem, wohl möglich gesund klingendem, sich seit Wochen in einer Endlosschleife befindendem Gedankengangs, fand er sich im Gemüsegarten wieder, schlürfte seinen frisch gebrühten Kaffee und inhalierte den Qualm der ersten tot bringenden Zigarette des Tages.

Samstag, 9. August 2008

Finsteres Stadtgesicht



Eines Morgens erwachte ich aus einem Traum und erinnerte mich an ihn und seine angeborene Freundlichkeit. Ich erinnerte mich an einen herzlichst erfrischenden Charakter. Ein Mensch mit den man nicht nur über scheinbar banale Dinge lachen konnte. Ein Mensch den man augenblicklich in sein Herz schloss. Wenn er lachte, dann lachten sie alle. Er führte ein leidenschaftliches Leben. Die, die dieses Leben an seiner Seite miterleben durften, konnten ein ganzes Fotoalbum voll mit sehr schönen unvergesslichen Momentaufnahmen füllen. Er war das Licht derer, die ihn liebten, derer, die Angst vor der nächtlichen Finsternis hatten. Sein Name war Immanuel.
Kannte man ihn, so wusste man, was es hieß zu lieben und geliebt zu werden. Ein glückerfülltes Leben, eine wundervolle Frau, zwei oder drei gesunde Kinder mit der Liebe zum Leben, all dass und noch sehr viel mehr hätte man Immanuel gewünscht. Doch was geschah mit ihm, mit dem Glücksritter ohne Furcht und Tadel, dem herzensguten Menschen, der keiner Fliege etwas zu Leide tun konnte?
Ich sah Immanuel eine Nacht vor meinem Alpdruck durch die wohl finsterste Gasse meiner exgeliebten Heimatstadt streunen. Er erschien mir wie eine Erscheinung aus der Finsternis. Er wirkte kränklich, zerbrechlich, dem Leben entrückt, auf der Suche nach etwas. Er fragte mich nach einem Glimmstängel, er fragte mich, doch sah er nicht, was ich in jenem Schreckensaugenblick da vor mir sah. Ich sah ihn und dachte mir: „Gott sei mit Dir.“

Donnerstag, 7. August 2008

Raus aus der Stadt



„Heute gibt es keine leckeren Pfifferlinge, Maronen oder Steinpilze.“ , dachte er sich und freute sich. Denn er wollte keine selbstgepflückten, von Maden eines Fuchsbandwurms befallenen Pilze in der Pfanne anbraten. Er kaufte seine auf Watte mit Nährlösung, in holländischen Gewächshäusern herangezogenen, schneeweißen Champignons im Supermarkt gleich um die Ecke, und dass war auch besser so.
Er lief mit seiner Kamera in der Hand über den moosigen Waldboden und ließ seinen Blick durch die Baumreihen des Mischwaldes streifen. Dem angespannten Stadtgetümmel war er entronnen und stand nun in den nach Entspannung duftendem Wald. Ihm war nicht nach halluzinogenen Pilzen zu Mute, somit hielt er auch keine Ausschau nach einem Stück Religionsgeschichte der Kulturvölker.
Er war in den Wald gegangen um die umliegende Naturlandschaft zu erleben und besser wahrzunehmen. Eine Landschaft, die er so wie sie sich ihm an jenem Tag präsentierte, noch nicht kannte.

Zocki Lotti


Alhambra, so heißt nicht nur die Stadtburg im maurischen Stil, erbaut auf einem Hügel von Granada in Spanien.
Alhambra, kann man auch mit der im Jahre neunzehnhundertfünfundsechzig gegründeten Gitarrenbauwerkstatt in Verbindung bringen. Eine weltweit berühmte Konzert- oder Flamencogitarre aus Zedernholz ist jedoch keinen Pfifferling wert, wenn man das qualitativ hochwertige Instrument nicht stimmen, geschweigedenn spielen kann.
Ähnlich ist es auch mit dem Gewinn im Glücksspiel. Der Gewinn im Spiel des scheinbaren Glückes kann der Verlust der wahren Liebe sein. Es könnte der Verlust einer Familie und der Würde sein. Das Glücksspiel, ein Spiel im Fass ohne Boden, war ihr Spiel. Sie, Zocki Lotti war keine auffällige, eher eine unscheinbare, jedoch hochbegabte junge Frau mit eigentlich guten Chancen auf eine gesicherte Zukunft. Sie wurde von ihrem Mann und ihren beiden Söhnen geliebt. Ihr Chef und ihre Kollegen im Büro mochten sie auch privat gut leiden. Sie hatte beste Freundinnen und Freunde mit denen sie durch dick und dünn gehen konnte. Sie hatte alles und doch gar nichts.
Denn ihr, der hochbegabten Zocki Lotti, fehlte es an Ehrlichkeit und Courage. Lottis Leben, ein Trugbild, war ein Alpdruck aus dem sie nicht erwachen wollte. Stück für Stück zerstörte sie ihr Leben, das auf einer Lüge basierte. Sie log, um in der Spielhalle der Nachbarstadt dem Hauptgewinn hinterherzujagen. Das einzige, das wahre Glück jedoch wusste nichts von alldem Unglück.

Wenn man die Liebe der Liebenden nicht wertschätzt, dann ist es so als hätt man eine wertvolle,
jedoch allmählich verstaubende Gitarre daheim in der Ecke stehen. Eine Gitarre die darauf wartet gestimmt und gespielt zu werden.

Dienstag, 5. August 2008

Matjesbrötchen



„Ist mir nicht verständlich. Du hasst ihn und liebst ihn. Nach all der Pein verabredest du dich mit ihm aufn Latte im „Kaffee Muckefuck“. Wieso tust du dir das an?“ Fragte er, Large Larry, sie, Tiny Tatizia.

Tiny Tatizia biss in ihr Matjesbrötchen und verdrehte ihre Augen.

„Er hat dich nach fünf Jahren wegen seiner ersten Liebe, wegen seiner scheinbar nie überwundenen Liebe verlassen. Er hat dich in stich gelassen, dich behandelt wie jemanden den man nicht mehr ertragen, dulden und achten kann. Ständig hing er dir auf der Tasche. Wie oft hast du für ihn seinen nach Jauche stinkenden Karren aus dem Dreck gezogen? An regenverhangenen Tagen gabst du ihn Trost und Liebe. Und was tat er? Er hat dich zum Teufel gejagt!
Er hat dich abgestoßen, dich wie Weltraumschrott beim Eintritt in die Erdatmosphäre verglühen lassen. Dein Herzschmerz, dein Liebeskummer war sein Abschiedsgeschenk. Er hat sich und damit dich malträtiert“

Tiny Tatizia schluckte ihren Bissen herunter und brach in Tränen aus.

Sonntag, 3. August 2008

Gegenlicht


Ihre Kinder tollten hörbar fröhlich im Garten herum und sprangen abwechselnd unter der warmen Abendsonne, über den erfrischenden Strahl der Garten-Sprinkleranlage.
Er war ein überdurchschnittlich glücklicher Mensch als er sich in jenem Augenblick seine Kopfhörer, die zuvor noch an seinem Hals baumelten über die Ohren zog. Als er sich ins weiche Polster seines orthopädisch getesteten Massagesessels legte und das hervorragende Klangbild auf seine Seele wirken ließ. In seinem Gesicht tanzten die bunten Farben der Glückseeligkeit und der völlig uneingeschränkten Zufriedenheit in fröhlichen Ringelreihen umher.

Doch Früher war alles anders.

Sein Gefühlszustand des vergangenen Jahrzehnts glich der alles absorbierenden Farbe. In jenem Zustand musste er über steile Pfade auf unebenen Wegen gehen, er musste reißende Flüsse auf wackligen und maroden Brücken überqueren. Er musste durch das verwüstete Land reisen. Er befand sich auf einer gefährlichen Reise. Ihn plagte sehr viel mehr als nur der chronische Kopfschmerz und das Stechen in der Brust. Er stand vor scheinbar unlösbaren Problemen am Scheitelpunkt eines nicht mehr ganz so jungen Lebens. Damals sah er die herannahende Hoffnung nicht.
Er hatte die Zeit des Leides, der Trauer und des Schmerzes am eigenem Leib erlebt und Höllenqualen überlebt. Auf seiner langen Reise hatte er die Hoffnung längst verloren, seine Tränen waren schon längst versiegt als nach den ersten Vorboten die Sonne durch die Wolkendecke brach. Als die Hoffnung wieder keimte und das Leben durch das Sprachrohr der Wissenschaft, der hochmodernen ihm versprach:

„Es gibt eine neue Medizin, die auch dich schon sehr bald heilen wird!“

Er öffnete seine Augen, sah in den Garten und freute sich wie ein überdurchschnittlich gesunder Mensch. Er freute sich und wusste sein ganz persönliches Glück sehr stark zu schätzen.

Matt...


Er wollte und konnte nicht mehr gegen Carlos unter der Markise, in ihrem gemeinsamen Strandkaffee sitzend scheinbar spielerisch verlieren. Denn er war kein Spieler mehr! Viel lieber saß er erst seit kurzem auf seiner Terrasse neben seinen edlen Rosen unter dem Sonnenschirm und verlor im Schach gegen seinen besten Freund den Schachcomputer. Seine Jugendliebe und Ehefrau dachte sich im vorbeigehen:

„In was für einer scheinbar komplizierten Lebensphase steckt mein Liebster denn nun schon wieder?“

Er fühlte sich wie ein kreativer Maler in der Schaffenspause an dessen Pinsel die blutrote Farbe eines Ochsen schon längst vertrocknet war. Er trank seinen stark gesüßten Espresso in zwei Schlücken und verlor wie üblich das elektronische Brettspiel welches schon im Mittelalter nicht nur von den Arabern gern gespielt wurde.

Er und seine Trillerpfeife


Immer wenn sie etwas zu ihm sagte, hörte er eine trillernde Pfeife in seinem Kopf.
Sie konnte leise, kaum verständlich oder laut, auch an Hinz und Kunz aus der Nachbarschaft gerichtete, wunderschön formulierte Wörter aus ihrem entzündetem Halse speien. Zart klingende Wörter auch für Kretie und Pletie. Wörter die ihm jedoch wie eine pechschwarze, klebrige Masse, kalt den beharrten Rücken herunter liefen.
Er war in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geboren. Er war ein Mann mit soliden und in die Jahre gekommenen Werten. Er war ein Original und musste aus seiner Warte betrachtet die trillernde Pfeife in seinem Kopf nicht länger erdulden. So schlug er die Haustür hinter sich zu und stolzierte mit heraus gestreckter Brust die Straße entlang den Kaffees, den Läden und den scheinbar nach ihm lächzenden, fröhliche Melodien trillernden Grazien der Großstadt und den umliegenden Dörfern.
Die Pomade in seinem leicht ergrauten Haar, der Duft von vielversprechender Erfahrung hinter den Ohren und der Schnäuzer dessen Spitzen er beim schlürfen seines Esspressos zusammenzwirbelte hingen wie ein Schild an seinem nicht erwähnenswert faltigem Hals herunter:
„Ich bin ein Imker der seine Bienen mit Zucker füttert. Meine mir treue Ehefrau mit leichtem Damenbart kocht das wohl beste Nationalgericht der Region Valencia und der spanischen Ostküste!
Und wenn ich jetzt gleich nicht meinen Hinter heimwerts bewege, dann...“

Mittwoch, 16. Juli 2008

Stadttheater


Wenn man mit sehr viel Geduld und Ausdauer bei Sonnenuntergang auf der Dachterrasse Platz nimmt und dem Gurren der Taube aus der dicht bewachsenen Fichte horcht, dann kann man mit sehr viel Glück sehen wie er hinter getönten Gläserner, im "gefakten" drei Liter Automobil sitzend an der Litfasssäule vorbei braust.
Er eilte der längst verstrichenen Zeit hinter. Er wollte pünktlich in gesitteter, nicht gewohnter Manier mit ihr die Platzreservierung wahrnehmen und sich von der Theateraufführung mitreißen lassen. Er hatte seine letzten Kräfte für diese eine Vorstellung mobilisiert. Es war die Erstvorstellung eines moralisch nicht ganz nachvollziehbaren Dramas. Es war die Premiere die sein und auch ihr Leben für immer verändern sollte.
Die Lichter der Tankstelle, die neonbeleuchteten Werbetafeln, die ihn blendenden Xenonscheinwerfer der ihn entgegenkommenden motorisierten Fahrzeuge nahm er als Schlieren in seinem längst verengtem Blickfeld wahr. Die Tanknadel stand im roten Bereich, die gelbe Zapfsäule leuchtete auf als er das Gaspedal bis auf das Bodenblech hinunter drückte. Er hatte sich eine Philli Blunt angezündet als sein mobiles Taschentelefon die Melodie der Musikpartitur Serenade, von F. Schubert erklingen ließ und ihn aus einem reißendem Gedankenfluss heraus riss. Er drückte auf die grüne Taste, als plötzlich...

...der Wind die Terrassentür mit einem heftigen Knall zugeschlagen hatte, so dass die Scheibe im Rahmen vibrierte. Sie zuckte zusammen, schrie auf und blickte auf das Display. Sie drückte die Taste für die Wahlwiederholung:

”The person you have called is temporarily not available.”

Mittwoch, 9. Juli 2008

Alles wird anders



Seine Finger tanzten graziös auf der frisch geputzten, seinen Händen in Form, seinen Augen in Farbe angepassten Tastatur. Seine südliche Lebensfreude war beim tippen der Worte aufs neue zum Leben erwacht.
Der stürmische Seegang, die Flutwellen der letzten Wochen, das Leben zwischen den nach Chemie stinkenden Regalen des Baumarkt und den kalkweißen, ihn kränklich stimmenden Altbauwänden hatten seine letzten Reserven völligst aufgesaugt. Irgendwann, irgendwo zwischen der Sanitärabteilung und der Gartenwelt hatte er einen Einfall gehabt. Zusammen mit den emsig fleißigen Helferinnen hatten sie die alte Wohnung leergeräumt, sie hatten das Kabel der Satellitenanlage gekappt und die Schlüssel übergeben. Sie hatten in den leeren Räumen Stehtische aufgestellt und einen fahrbaren Getränke-Trolley hereingerollt als auch schon Stinke-Oma und der hinkende Postbote mit den Krombacherflaschen unterm Arm ihre alte Wohnung betraten. Die Kopftuch tragenden Nachbarin aus dem ersten Stock, sowie die Wasserstoffblondierten Nachbarin aus dem dritten Stock waren natürlich auch zu ihrer Auszugsparty gekommen. Es fehlte lediglich nur noch der in die Jahre gekommene Video-Osman ,der noch im Garten stand und unter dem Rebdach eine Zigarette rauchte. An diesem Abend weinten sie und lachten, sie nahmen Abschied voneinander und wünschten sich alles Gute. Er wusste die Zeit mit ihnen war ein unvergesslicher Lebensabschnitt in seinem Leben gewesen. Doch nun war es vorbei, alles würde anders werden, nichts würde mehr so sein wie damals im Haus Nummer Vier.

Montag, 7. Juli 2008

Good old times



Fern ab dem World Wide Web, am Straßenrand der high Speed Daten Autobahn saß er zusammen mit dem Zaunkönig, seinem neuen Nachbarn auf dem Balkon und blickte in die Kronen der Bäume. Er blickte auf den Obstgarten und dachte an die verstrichenen dreißig Jahre. Dreißig Jahre im Schatten der Stahl verarbeitenden Fabrik.
In seinen ersten farblos geträumten Träumen der vergangenen Nächte, in den ersten Schlafstunden in seinem neuen Heim, hatte er sich unruhig im Bett gewälzt. Die Stille der Nacht, das farbenfrohe Klangbild am darauf folgenden Morgen, die schönen Gesänge der in den Obstbäumen sich heimisch fühlenden Vögel und die ihm unendlich erscheinende Weite des Horizonts waren wohl die schönste sekundär Motivationen um in den Tag zu starten. In seinem irdischen Menschenleben hatte er zu solch starken Eindrücken immer eine ganz besondere Art von Leidenschaft empfunden. Doch an jenen Tagen erschrak ihn die wild blühende Schönheit des Tages und stach ihn mit einem spitzen Stachel mitten in sein Herz hinein. Er war erwacht und misste das Poltern von aneinander prallenden Stahlrohren. Rohre die mit dem Hallenkran mit Hilfe von Ketten und Gurten auf die Güterwagons verladen wurden. Er misste das tröstende heulen der Feierabendsirene am Morgen. Er misste die kalkig schmeckende Luft. Es waren die auf dem Winde reitenden Düfte aus seinem alten Viertel die ihn an eine verspielte und sorgenfreie Kindheit erinnerten.
Doch nun war alles anders. Der Schatten der Fabrik war dem Schatten des Doms gewichen. Er sah auf die im Morgenlicht leuchtende Patina, sah die prunkvollen Wasserspeier und hörte nun die Glockenschläge aus dem mit dem Kreuz gekrönten Glockenturm. Schlanke Türkentauben flogen mit den Schwalben um die Wette, um den Turm herum und ließen sich auf dem Dach des großen Mittelschiffs nieder.

Sonntag, 8. Juni 2008

Freizeitsport


Sie bestritten ihr erstes Auswärtsturnier. Sie spielten mit ihren Gegnern wie das Kätzchen mit dem Wollknäuel. Ihre Spielkultur auf fremden Rasen brachte frische Farben auf die grau verschmierte Leinwand. Sie zeigten den
zornigen, hasserfüllten Gesichtern, den schwankenden, zuvor geleerten Pappbechern, was es hieß zu lieben. Sie zeigten ihnen wie sehr sie das Leben liebten für das sie lebten! Nach Abpfiff ging ein lang anhaltendes Gröhlen durch die Reihen der gegnerischen Fans. Anstatt ihrem verdienten Sieg zu huldigen, bekamen die Glorreichen die nicht gerechtfertigte Wut derer zu spüren, die sich mehr als nur lächerlich machten. Ihr Trainer, Freund und aller größter Fan, musste sich zügeln, bevor er die Gewalt geladene Stimmung zum Wohle seiner Jungs mit seinen diplomatischen, anerzogenen Fähigkeiten entschärfen konnte.
An jenem Tag verloren sie mit einem Lächeln im Gesicht, ein moralisch nicht korrektes Turnier. An jenem Tag gewannen sie an Lebenserfahrung dazu und ernteten den Respekt derer, die mit ihrem Herzen ständig bei ihnen sind!
Während der Spielpausen brachten sie im Schatten des Zorns lustig klingende Texte (Freestyle No. ONE and TWO;) wie wunderschöne Tulpen-Magnolien zum Erblühen. Es waren ihre, in ihrem Gedankenfluss getränkten Texte, die in ihrem bunt bemaltem Club-Bus entstanden waren. Texte, die in einem schallendem Gelächter endeten.
Im Achtelfinale schieden sie aus und freuten sich. Sie freuten sich auf das anstehende Freundschaftsspiel am kommenden Wochenende. Sie freuten sich und fuhren hupend der untergehenden Sonne entgegen.

Eight Ball



Die schwarze Acht rollte in sein Leben, als er das erste Mal die Schule geschwänzt hatte. Als er das erste Mal bei Siegmund an der Theke angelehnt, seine aller erste Fluppe mit dem goldenen Zippo seines Vater angezündet hatte. Als er das erste Mal eine Niederlage auf dem grünen, filsbespanntem Tisch mit einem langem Schluck aus dem Krug herunter gespült hatte.
Damals, als die schwarze Acht in sein Leben gerollt kam, ahnte er noch nicht, wie bitter der Nachgeschmack seiner schicksalhaften Jugendzeit sein würde. Es war sehr bitter, als er vor seiner ersten schriftlichen Bewerbung ins stocken kam und auf ein riesen großes Kraterloch starrte. Er stand auf und blickte in den vergilbten Zellenspiegel der über dem matten Edelstahlwaschbecken, direkt neben dem Poster der „hardcore rappenden Gangstars für Arme“ hing. Er blickte in das Zerrbild seiner selbst und sah wie die schwarze Acht aus seiner offenstehenden Zellentür heraus rollte.

Freitag, 6. Juni 2008

Der Konsum. Der Boom. Der Wahnsinn.



Ein jeder ist in Gefahr. Spielsucht. Ein Jeder kann, muss aber nicht zwangsläufig mitspielen. Gruppenzwang. Ein Jeder sieht nicht immer Tag ein Tag aus was mit ihm geschieht! Drogensucht. Wer das Match gewinnt. Tablettensucht. Wer am Ende des Tages verliert. Alkoholismus. Was geschieht mit den Verlierern? Nikotinsucht. Mit denen die wie ein Ping Pong Ball von der einen, in die andere Falle geschmettert werden. Für den Staat profitable Süchte. Von ihren Trieben getrieben. Erfolgsdruck. Auf den Straßen suchend. Sexsucht. Auf der Suche nach dem Glück. Sehnsucht. Etwas fehlt. Geborgenheit. Ein Loch in der Seele. Abgekühlte, erstarrte, rissige Gefühle in der Leere.

Eine Geschichte aus dem Arbeiterviertel


Als sie vor dem flimmerndem Kasten auf ihrem Blümchensofa saß, hockte er über einen seiner Texte und übte sich an einem neuen Schreibstil. Er hatte sich zuvor einen Latte Macchiato auf die einfache, herkömmliche Art zubereitet und erfreute sich an der ihm wohltuenden Atmosphäre ihres gemeinsamen Arbeitszimmers. Ein heißer, arbeitsamer Sommertag lag hinter ihm und eine neue Geschichte vor ihm. Er hatte nun endlich die Ruhe gefunden, er hatte die Pflichten, denen er sich tagsüber hingab, bei Seite gelegt und genoss nun die Muse der Abendstunden. Nun konnte er endlich Fragen wie: „Hätte ich unter die Waschmaschine eine vibrationshemmende Gummimatte legen sollen?“, mit einem Schluck von seinem leckerem Machiato herunter spülen und sich voll und ganz seiner ihm aller liebsten Methode des Entspannens hingeben. Er und seine beflügelten Gedanken flogen weit über das Tal seiner Erinnerungen. Sie flogen in der Zeit zurück und landeten auf dem kahlen Aste. Sie blickten durch das zur Hälfte von Eisblumen bewachsene, schlecht isolierte Fenster.

„Na endlich, da seid ihr ja! Noch zehn Minuten länger und ich wäre vor Hunger gestorben!“ , sagte Ahmet mit dem Oberlippenbart zu Kalli mit der Glatze. Empört hörte Ahmet die Etagentür mit einem lauten Knall ins Schloss fallen. Polternd stapfte Ferdi mit der Zahnlücke durchs Treppenhaus.
„Das kann nur Ferdi, das Trampeltier mit der Zahnlücke sein!“, dachte sich Ahmet kopfschüttelnd, als seine rechte Hand sich an der kalten, abgenutzten Türklinke verkrampfte. Er hoffte, dass keiner seiner Nachbarn ihm das frühmorgendliche Feierabendtreffen übel nehmen würde. Es war an einem Freitag. In jener Woche hatten sie die Nachtschicht übernommen. Sie hatten sich nach der schweißtreibenden Akkordarbeit am laufendem Endlosband bei ihm getroffen. Es war so gegen halb sieben, als seine Freunde und Kollegen zum Wochenausklang-Frühstück in seinem vierundvierzig Quadratmeter großem Stadtrandloft eingetroffen waren. Als Kalli und Ferdi den kleinen Flur betraten, vereinte sich der Duft von frisch gebrühtem Kaffee mit dem der frisch gebackenen Brötchen vom Bäcker, die Ferdi in der Papiertüte mitgebracht hatte. Sie setzten sich an den von ihm zuvor gedeckten Wohnzimmertisch. Er hob die Kaffeekanne vom Stövchen, füllte die Tassen mit dampfendem arabischem Kaffee und bat darum anzufangen. Rasch vertieften sie sich in eine heitere Unterhaltung, verspeisten dabei in aller Ruhe die noch warmen Brötchen und schlürften ihren Kaffee. Trotz der überdurchschnittlichen, harten Nachtschichtwoche, oder vielleicht auch gerade deswegen, waren sie in ausgelassener Wochenendstimmung. Nach einiger Zeit hatten sie alle möglichen Themen ihres Arbeitsalltags durch. Angefangen bei der neuen Sekretärin aus dem Personalbüro bis hin zu den immer schneller werdenden Akkordzeiten bei gleichbleibendem Stundenlohn. Ein Moment der Ruhe war eingetreten. Sie blickten gemeinsam aus dem zur Hälfte mit Eisblumen bewachsenem, schlecht isolierten Fenster, direkt in den vom Schnee bedeckten Garten, als Kalli das Schweigen unterbrach und ihn fragte: „Sag mal Ahmet, welche von den fünf riesigen Parabolantennen gehört eigentlich dir?“. „Es ist die in der Mitte.“, antwortete Ahmet. „Mit meiner Antenne peile ich den Satelliten der türkischen Sender an. Meine Nachbarn aus Italien, Spanien, Marokko und Tunesien peilen wiederum andere Satelliten an. Das tolle ist jedoch, dass unsere Schüsseln alle miteinander verbunden sind. Dadurch macht mir das Zappen gleich fünf mal soviel spaß. Ob ich die Sprachen verstehe, oder nicht, ist mir eigentlich vollkommen egal. Primär ist, dass ich sehr viele Bilder und verschiedene Eindrücke aus verschiedenen Ländern bekomme und teilweise auch Parallelen ziehen kann.“ So kamen sie von den Antennen auf die Menschen aus Ahmets Wohnblock (die vor jahrzehnten eingewandert, beziehungsweise ausgewandert waren) zu sprechen. Das Viertel in dem Ahmet lebte, war das Viertel der Arbeiter. Es war sein zuhause. Dort war er vom Kind zum Jugendlichen herangereift. Dort hatte er die Jahre hinweg, die symbolischen, ölverschmierten Werkzeuge seines Vaters, in den rostigen, von seinem großen Bruder geschenkt bekommenen Werkzeugkasten gepackt. Jahre später, als ausgewachsener junger Mann stand sein ganz persönlicher Werkzeugkasten im Kofferraum seines ersten eigenen Automobils, dem goldenen Strich/Achter. Ahmet erzählte seinen Freunden von all den unterschiedlichen Menschen aus all den unterschiedlichen Nationen die in seiner Nachbarschaft lebten. Er erzählte ihnen was die riesigen, schneebehangenen Parabolantennen im Garten für eine Bedeutung hatten. Es waren nämlich nicht einfach nur handelsübliche Antennen, die man in jedem Baumarkt bekommen konnte. Es waren Anntenen, die wie imaginäre Brücken die Ländern miteinander verbinden. Ohne diese Antennen hätten er und seine Nachbarn keine bunt flackernden Bilder aus der alten Heimat, auf der Mattscheibe sehen können. Es gab sogar manche unter seinen Nachbarn, die mehr sahen als nur bunt flackernde Bilder. Für Ahmet und seine Nachbarn waren die häßlichen Sat-Anlagen im Garten ein Teil ihrer alte Heimat. Die alte Heimat vieler Gastarbeit. Gäste die einreisten um zu arbeiten. Ahmet erzählte an jenem Freitagmorgen seinen Freunden und Kollegen von einem ganz besonderen Gastarbeiter, zu dem er ein ganz besonderes gut verstand. Er erzählte seinen Freunden die Geschichte von Ibrahim. Es war die Geschichte von dem stadtbekannten Ibrahim, den alle einfach nur Ibo nannten:

„Seine ersten Schritte in Deutschland machte Ibo im Alter von 17 Jahren. Damals reiste er aus Istanbul am Bosporus aus, und kam nach einer dreitägigen Zugreise am Hauptbahnhof an. Die Zugfahrt war nicht sehr komfortabel. Denn da er der Jüngste unter all den türkischen Gastarbeitern war, wurde er von den Älteren kurzerhand auf die Gepäckablage verfrachtet. Er wurde am Bahnhof von seinem siebzehn Jahre älteren Bruder in Empfangen genommen. Sein Bruder, der schon immer eine autoritäre Person in Ibos Leben war, vertrat in Deutschland die Stelle des Vaters. Denn sein Vater blieb zurück in der Ferne und sorgte sich um das Wohl der restlichen fünf Familienmitglieder. Die Berufung seines Vaters war das Fischen (Allein von der Fischerei konnte man zu der Zeit noch sehr gut leben, was heutzutage fast gar nicht mehr möglich ist. Doch dies nur am Rande).
In den ersten sechs Monaten seines Aufenthalts kümmerte man sich um einen Arbeitsplatz. Dies war nicht sonderlich schwer, denn in der Stahlindustrie suchte man händeringend nach Fabrikarbeitern, die schwere körperliche Aufgaben nicht scheuten. Die Fabrik, in der bereits Ibos Bruder arbeitete kümmerte sich somit gern um die nötigen Formalitäten, dies war auch nötig. Denn ohne eine Einladung mit Aussicht auf einen festen Arbeitsplatz war eine längerfristiger Aufenthalt nicht möglich (damals hätte selbst er sich nicht vorstellen können, wie lange dieser andauern würde. Denn Rückblickend sind heute nun fast vierzig Jahre vergangen). Die ersten sechs Monate in Deutschland waren vergangen, die Zeit war gekommen um die Ausreise endgültig zum Abschluss zu bringen. Dieser Abschluss war mit einer Rückreise in die damalige Heimat verbunden. Doch anstelle des Zuges, fuhr Ibo zusammen mit seinem Bruder am Steuer eines grünen Opel Rekords aus dem Jahre 1958. Die Heimfahrt war natürlich viel bequemer als die Anreise im überfüllten Zugabteil auf der Gepäckablage. Doch in diesem Zugabteil hatte er Bekanntschaft mit Menschen gemacht, die später zu seinen besten Freunden wurden. Und in jenem Zugabteil lernte er wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben ein ganz neues, aufregendes Gefühl kennen. Es war das Gefühl der Freiheit! Heute fast vierzig Jahre später, wohnt diese Freiheit in drei Zimmern auf fast fünfundvierzig Quadratmetern und blickt zurück auf nicht immer leichte Zeiten. Oben auf dem Dachboden steht ein großer Koffer, der darauf wartet, gepackt zu werden, wie seit Jahren geplant, in „die Heimat“ zurückzukehren. Doch Ibo wird viel in Deutschland zurücklassen, nicht zuletzt mich-
Ich bin sein Sohn und sein Nachbar.“


Mit dem letzten Schluck aus seinem Latteglas hatte er seine Geschichte beendet. Er klickte die Diskette, das Symbol zum Speichern an, fuhr den Rechner herunter, knipste das Licht aus, setzte sich zu ihr auf das Blümchensofa und gemeinsam schauten sie sich die letzten Minuten des Finales von Germanys Next Topmodel an.

Montag, 2. Juni 2008

Congratulation!


Nach wirklich brutalen und äußerst anstrengenden Minuten im Affenkäfig, nach spektakulären Siegen mit Verlusten und Verletzten auf dem entflammten Kunstrasen, nach taktisch und technisch perfekten Spielen hatten sie die Auszeichnung für die fairste Mannschaft ever bekommen, sie hielten den schönsten Pokal ever in ihren stolzen Händen. Sie, die Paradiesvögel der Großstadt hatten es geschafft und ernteten nicht nur den Lob ihres Trainers und ihrer treuen Fans. Sie ernteten die wohl schmeckenden Früchte eines ausgezeichnet guten Teams mit sehr viel Sportsgeist und vorbildlicher Teamfähigkeit.


 "Wir sind alle sehr stak stolz auf Euch!"


Sonntag, 1. Juni 2008

Tales of the crow



Der Berufsverkehr rollte bereits, als Knack die Krähe über das alte Arbeiterviertel flog. Knack war auf dem direkten Weg zu der Ludovikus Grundschule. Wochentags fand er auf dem Pausenhof immer reichlich zu Futtern und manchmal schnappte er tierisch spannende Geschichten auf, die sich die Kinder in den Pausen erzählten. Die Kinder kannten ihn und mochten ihn leiden. Sie hatten sich an die neugierig umherhüpfende Aaskrähe gewöhnt und gerne teilten manche von ihnen ihre Kniffte mit ihm.
Wie jede Schule hatte auch der Ludovikus Grundschule einen Hausmeister. Der stets mürrisch drein blickende Hausmeister der Ludovikus Grundschule hieß Herr Mehlig und war an sich ein netter Kerl. Oft lief er in seinem grauen Kittel nervös mit den Brauen zuckend über den Schulhof und faselte einige schnellgesprochene Wörter vor sich her. Oft verschwand er mit einem, in der Mathematikstunde, durch ständiges Wippen, auseinander gebrochenem Stuhl in der Schulwerkstatt. Oft machte er keinen freundlichen Eindruck auf die tobenden, Fangen spielenden, Gummiband hüpfenden, sich Murmeln in die Nase steckenden Kinder.
Herr Mehlig war halt ein ganz besonderer Hausmeister, er war besonders launisch. Er gehörte zu der Sorte Hausmeistern die Krähenvögel ebenso wenig ausstehen konnten, wie Referendarinnen und Referendare die kurz vor acht mit quietschenden Reifen vor den Müllcontainern am Hintereingang der Schule parkten. Ständig versuchte er Knack vom Schulgelände zu vertreiben. Mal mit dem Strohbesen, mal mit der Gartenharke oder dem benzinbetriebenem Motorrasenmäher zum Aufsitzen. Die Kinder hatten einen „Heiden Spaß“, sie lachten sich krumm bei dem Anblick der aussichtslosen und nichts bringenden Verfolgungsjagden quer über den Schulhof. Eine Krähe wie Knack ließ sich von einem Hausmeister wie Herr Mehlig nicht sonderlich beeindrucken, und erst recht nicht vertreiben.

Sonntag, 25. Mai 2008

After The Tremendous Pain


Stunde um Stunde, Tag ein Tag aus, über viele Wochen hinweg fristete er Monate lang ein abgeschiedenes Dasein. Augenscheinlich war er lebendig, doch tatsächlich war er tot. Fast ein Jahr saß er eingekerkert und angekettet im Zwielicht, gefangen zwischen Wahn und Wirklichkeit.

Es war an einem Dienstag, vielleicht war es aber auch ein Mittwoch, als er nach der Gefangenschaft (zum ersten Mal nach fast einem Jahr) über das alte Kopfsteinpflaster der Dorfstraße schritt. Er wechselte ängstlich die Straßenseite und betrat den etwas abschüssigen Gehsteig. Er ging entlang der Fachwerkhäuser, entlang der Vorgärten, entlang der blühenden Narzissen.
Sein schweres Gemüt drückte ihn zu Boden und ließ seine einst so geschmeidige Gangart schwerfällig und mechanisch erscheinen. Ein schwarzer Kater bewegte sich elegant um seine Beine herum. Der Kater rieb sich an seiner Cordhose und schnurrte dabei sanft und beruhigend.
Ein ganzes Stück des Weges gingen sie im Gleichschritt, bis zu dem Rosengarten, dem Garten des Schloss- und Auenparks, wo der schwarze Kater zwischen den dornigen Hecken verschwand.
Sein Blick, aus müden Augen mit eingeschränktem Sehvermögen prallte gegen den Westturm des Schlosses und plumpste in das tiefe, grün schimmernde Wasser der Gräfte. Ausprustend tauchte er wieder auf .
Er fühlte den frischen Wind der ihn ins Gesicht blies. Er sog die Gerüche seiner Umgebung tief in seine von der Tuberkulose geschädigten Lunge ein. Er ließ das Geräusch des Windes, der Vögel und des Flusses aus der Ferne in seine Gehörgänge strömen. Er sah und erkannte das ihm Altbekannte. Er sah die Natur in all ihrer Farbenpracht. Er sah die Reflektionen und das Spiel des Lichtes mit den Schatten. Er sah und konnte es genießen.

Er schloss seine müden Augen und ließ das was er mit seinen Sinnen wahrgenommen hatte auf sich wirken.

Sonntag, 18. Mai 2008

Paradiesvögel



An einem schönen Sommertag hatte er sich mit ihnen getroffen um sie spielen zu sehen. „Die Jungs spielen wirklich gut!“, dachte er sich. Er sah einer bunt zusammengewürfelten Mannschaft beim Kicken zu. Sie hatten ihn sehr stark beeindruckt. Fiorino, ein Haubenvogel aus Florenz, fühlte sich wohl unter den schillernden Paradiesvögeln auf dem Fußballplatz. Er sah sie und dachte:

„Zugegeben, ich habe echt keinen Plan vom Fußball. Als Kind saß ich im Sportunterricht immer als letzter auf der Bank, weil keiner mit mir in einer Mannschaft spielen wollte. Wenn ich dann gewählt wurde, stand ich im Tor. Nicht unbedingt als Torwart, viel mehr als dritter, völlig unnötiger Torpfosten. Es ist eine Schande, doch ich kann leider bis heute nur einige Grundregeln. Trotzdem werde ich sie tranieren, ich werde ihr Trainer sein!“

Kaum kam der Ball ins Rollen, rannten die, die sich "AWO Street Soccer`07" nannten, wie wildgewordene Raubkatzen im Affenkäfig dem heißen Leder hinterher. Sie trainierten regelmäßig und mit sehr viel Elan. Sie zeigten sich nicht nur von ihrer besten Seite, wenn die Mädels am Zaun standen und sie anfeuerten. Mit Sportsgeist und Können entschieden sie einige verloren geglaubte Spiele für sich. Nach jedem geschossenem, in dem Kasten der Gegner versenktem Tor, fühlten sie sich nicht nur stärker, sie waren es auch. Sie gewannen Pokale wie Trophäen die einen auserwählten Platz in ihrem Clubhaus bekamen. Mit Stolz sprach ihr Trainer von ihnen wenn er sich mit seinen Trainerkollegen austauschte. Es war eine glorreiche Zeit, eine Zeit voller Emotionen und wahrer Freundschaften wie man sie nur unter ambitionierten Fußballern erleben kann.

Sonntag, 11. Mai 2008

Der Fischer



Er wuchs in einer multikulturellen Gemeinde im Hafenviertel eines Welthafens auf. Er lebte zusammen mit seinem nach Schnaps stinkenden Vater und seiner nach Flieder duftenden Mutter.

Sie lebten im alten Eckhaus ihrer Ahnen. Es war das mit den schönen Giebeln, den Ornamenten und der Holzkonstruktion. Den Grundstein hatte sein Urgroßvater gelegt. Es war ein grob behauener Stein, ein Teil ihrer Geschichte.
Sein Vater war ein stadtbekannter Trinker mit Angelrute und Fischerkahn. Sein Zuhause war die See. Oft wartete seine Mutter vergebens auf seine Rückkehr. Denn wenn er nicht gerade einen erbitterten und einsamen Kampf gegen die Wellen führte, saß er zusammen mit den nach Fisch riechenden, Fliegen umschwirrten Landratten am Kartentisch und sprach mit ihnen über die schöne alte Zeit.
An nüchternen Tagen, den vergoldeten Tagen seiner Kindheit, nahm ihn sein Vater mit zum Fischen. Sie saßen in der kleinen Nußschale und ruderten gemeinsam gegen die Strömung, die Küste entlang. Seiner Erwartung entgegen einen großen Fang zu machen warfen sie ihre mit Blei beschwerten Hacken in das salzige Wasser. Bei strahlendem Sonnenschein sah er seine Heimatstadt aus einer viel schöneren Perspektive. Die Stadt aus der Mitte des Welthandels stand in voller Blühte und zeigte sich ihm von ihrer schönsten Seite. Es war eine Stadt mit unschätzbaren Reichtümern aus dem “Goldenem Zeitalter“.

Jahre später noch erzählte er erst seinen Kindern, danach seinen Enkelkindern von einem immer größer werdendem Fischerkahn und einem schier unglaublichem Fang.

Ohne Sie




Er saß mit der halb geleerten Tüte Bio-Chips auf der Blumencouch und sah ihren Lieblingsfilm. Den mit Audrey Hepburn und Gregory Peck. An schwarz/weiß gescheckten Tagen brachte die romantische Komödie aus dem Jahre 1953 Farbe in sein Gesicht und verdrängte die emotionale Kälte. Doch dieses Mal fror er nachher mehr als vorher.
Er stand auf, setzte sich an das Küchenfenster und steckte sich eine von den todbringenden Zigaretten an. Dabei hörte er ihr Lieblingslied:
“Please Don't Let Me Be Misunderstood“ von den Animals.
Er stand auf, ging in sein Arbeitszimmer, knipste das Licht an und suchte nach der Video Home System Kassette mit der Aufschrift: Roman Holiday. Bewegte Bilder, festgehaltene Aufnahmen aus einer unbeschwerten Zeit. Erinnerungen in Farbe, die seinen Schmerz lindern sollten. Er fand das mittlerweile verstaubte Magnetband, zwischen seiner James Dean Collection. Er hielt die Kassette in der Hand und drehte sie so dass er die Beschriftung lesen konnte. Indem Augenblick wurde ihm bewusst, dass er schon seit Jahren keinen Videorekorder mehr besaß.

Ihm kamen die Tränen. Er weinte. Er weinte bitterlich.

Samstag, 10. Mai 2008

Maiabend



Es war ein heißer Maiabend, als Sie, ein lustiges Lied singend, auf ihrem Hollandrad den Flusslauf entlang fuhr. Es war eines dieser Wochenenden mit Bollerwagen und Familienausflügen, mit Wanderern auf Wanderwegen, mit Sonnenbrillen tragenden, Eis schleckenden, Händchen haltenden Paaren und fröhlichen Kindern auf der Seilbahn, auf dem Spielplatz.

Sie fuhr flussaufwärts und hatte Gegenwind. Sie genoss den Abend und freute sich auf die anstehende Abendröte über dem See, den sie schon bald erreichen würde.

Glücksspieler


Die Spieler wissen, dass die Leidtragenden ihre daheim wartenden Frauen und Männer sind. Doch die Sucht der Spielenden, in den Höllen hockenden, Schein für Schein wechselnden, Münze für Münze verschenkenden, glücksuchenden, chronischen Verlierern, ist sehr viel größer und stärker als ihre verdrängte Vernunft.
Sie leben in der blinkenden Scheinwelt zwischen den Welten. Sie fühlen sich in der Dunkelheit, in der verqualmten Atmosphäre geborgen. Sie spielen Poker, Black Jack und Rollet, während draußen die Sonne scheint und die Vögel zwitschern. Sie zocken Stunde um Stunde und setzen alles auf eine Karte. Erfreulich jedoch ist , dass es etliche Selbsthilfegruppen, von Therapeuten betreute und moderierte Foren speziell für Glücksspieler, die zurück in das reale Leben treten wollen, gibt.
Der Wille jedoch ist einzig und allein ausschlaggebend für einen Erfolg im Kampf gegen das Zocken.

Freitag, 9. Mai 2008

Wenn er seine Runden dreht



Intervalltraining. Er, erfrischend alt, ein wenig ergraut, lief und entwickelte sich stetig zu einem mit Freuden in die Zukunft blickenden Jogger.
Er lief mit voller Begeisterung durch den Wald, um die Seen, über Schotter, Rindenmolch, Sand und Rasen. Er balancierte über Baumstämme und trat in Pfützen. Er begrüßte herzlich die Buntspechte und rettete manch eine Nacktschnecke vor dem Austrocknen. Er hüpfte mit den Fröschen um die Wette und schnatterte mit den Enten und Gänsen. Er hieß die angekommenen Störche willkommen und winkte den in der Luft kreisenden Wanderfalken zu.

Zu Stosszeiten auf den Pfaden der Sportbegeisterten traf er manchmal auf nicht immer fröhliche Gesichter. Manche von ihnen mit und manche ohne Stöckchen. Manche liefen, manche rannten. Er respektierte sie alle. Sie waren durchaus motiviert, er schätzte sie sehr. Vor allem die Jungen und die Alten in eng anliegender Funktionswäsche, die den Laufsport, so wie auch er, für sich entdeckt hatten.
An seinen Regenerationstagen saß er gleichmäßig atmend, völlig entspannt, an dem alten Sekretär, trank ein Glas Tee und freute sich tierisch auf den nächsten Lauf durch den Wald.

Donnerstag, 8. Mai 2008

Muskeln und mehr



Kalle die Kralle war kein Charakter aus einem Kinderbuch. Kalle war ein in der Fabrik arbeitender Proletarier, entsprungen aus einem Bodybuilding Hochglanzmagazin. Jedoch verkörperte Kalle nicht die Klischees der hochschulgereiften Früchte der Akademie. Er war alltagstauglich und trug mit stolz das Prüfzertifikat seiner Freundin und Ehefrau Isolde, die holde Maid. Kalle hatte vor Jahren ihren Staubsauger gezähmt. Damals entdeckte sie seine bisher verborgenen Talente. Sie gab ihm damals einige Anreize und coachte ihn erfolgreich wie einen hochbegabten Sportler ohne jegliche Dopingzufuhr. Heute konnte Kalle nicht nur die Spül-, Wasch- und Kaffeemaschine einwandfrei bedienen, regelmäßig putzte er sogar die Badezimmerarmaturen, sowie die schneeweiße Porzellanschüssel. Manchmal, wenn sie einen verdammt anstrengenden Tag gehabt hatte und groggy von der Arbeit kam, betrat sie ihre nach Oregano duftende, gemeinsame Wohnung und das italienische Privatrestaurant. Der nach Pomade duftende Kellner Kalle und das gut durchgestylte Essen mit vielversprechendem Sekundärgenuss stillte nicht nur ihren Hunger nach leckerem, liebevoll zubereitetem Essen. Isolde, die holde Maid, liebte ihn sehr stark und erfreute sich noch mehr an Kalles Wesen, seiner Kinderseele. Sie erfreute sich an seinem reinen Herzen.


Er trug es, wie sie es zu sagen pflegte, an der richtigen Stelle.

Sonntag, 4. Mai 2008

„Alster oder Eis?“



Sie entschied sich für ein Alster im Schatten des Ahorns, unter dem im Wind raschelndem Blätterdach. An einem sonnigen Sonntag, küsste er, der sonnenverwöhnte Pepe seine Frau auf ihre erröteten Wangen. Sie hatten sich und ihre Liebe in den kinderfreundlichen Stadtpark gesetzt. Sie genossen das quicken der Kleinen im Sandkasten, auf dem Spielplatz, und das herzhafte Lachen ihrer Eltern auf den Bänken. Sie genossen die Federball spielenden, die auf den Wiesen kickenden und die laut grölenden, hinter den Grills, auf den dafür vorgesehenen Grillplätzen stehenden. Sie rochen gern die würzig duftenden Aromen, die getragen von der sommerlich warmen Luft an ihnen vorbeizog, wie die nett grüßenden Radfahrer, mit ihren vom TÜV geprüften Helmen auf den Häuptern.
Witzig blickende, hastig huschende Eichhörnchen, knabberten an Eishörnchen. Marienkäfer, ganz egal ob asiatisch oder heimisch, setzten sich auf ihre nackten Arme und wünschten ihnen viel Glück.
Der kleine Pepe nahm ihre zarte Hand, blickte in ihre großen, glücklich, glänzenden Augen und sagte: „Ti amo!“ Sie schauten einander an und küssten sich.

Freitag, 2. Mai 2008

Die Rote Invasion



Der nützliche Marienkäfer fühlte sich von seinen asiatischen Artgenossen sehr stark in die Ecke gedrängt.
Damals, vor ca. zehn Jahren, hatte man den asiatischen Marienkäfer eingeflogen und ihn bewusst bei der Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Die asiatischen Familien, fraßen im Vergleich zum Siebenpunkt, fünf mal so viel. Sie hatten sich wie erwartet sehr schnell an ihre neue Umgebung angepasst. Doch viele, zum Teil niederländischen Blumenzüchter, hatten sich zu früh gefreut! Denn aus dem Freund wurde sehr schnell der Feind! Und irgendwo dazwischen, landete der kleine, uns bekannte Glücksbringer und gern gesehener Siebenpunkt-Marienkäfer. Er wurde schon sehr bald zusammen mit der „Asia-Variante“ in einen furchtbaren Karton geködert und auf den Kompost geworfen. Nun zählte auch er zu der mutierten, sogenannten „roten Invasion“. Schon sehr bald würden sich nicht nur die Besitzer gewinnbringender Weinrebe öffentlich zum Feinde eines uns alt bekannten Freundes bekennen.

Donnerstag, 1. Mai 2008

Mount Everest


Er war ein Mensch des Lichtes im Schatten der Gewalt.
Er war ein Mensch mit einer taubenhaften Seele. Er lebte am Rande der Stadt, am Rande der Gesellschaft, abgestellt in einem von vielen aneinandergereihten Containern. Mount, so nannten sie ihn, war groß wie der Everest.

Gestrandet in Deutschland, einquartiert im Asylantenheim, saß Mount auf der grauen Couch und blickte gegen die graue Wand. Sein Blick erstarrte. Er erinnerte sich an seinen letzten Geburtstag. Er erinnerte sich an heiße Rhythmen und an seine fröhlichen feiernden Freunde.
Sie tanzten Samba bis in die Nacht hinein.
Er hatte eine schöne Jugend gehabt. Es war eine friedvolle Zeit gewesen. Doch der schönen Zeit folgte die Zeit des Grauens und der Trauer. Das Grauen kam bewaffnet und schlug mit voller Wucht zu! Das Grauen trug Tarnanzügen und kannte keine Gnade. Die Gewalt in grün zog über das Land hinweg. Die Zerstörung war unaufhaltsam. Eine brutale Macht, die Mount, so groß wie der Everest, zu einem Kriegsflüchtling gemacht hatte.
Er erinnerte sich an seinen letzten Geburtstag und an die erfrischnde Milch der Kokosnuss. Er spielte an jenem Tag einige heiter klingende Akkorde zu den fröhlichen Gesängen seiner Freunde. Mit der Erinnerung gekopplt, kam der Duft seiner ersten großen Liebe. "Wo mag sie heute nur Sein?" Sie schliefen ein, eng umschlungen, am Lagerfeuer, am Strand, unter dem Sternenhimmel. Ihr Schlaflied war das Rauschen des Meeres. Sie genossen die scheinbar grenzenlose Freiheit.
Die Erinnerung an damals, erschien ihm heute, an seinem ersten Geburtstag in der Ferne, wie ein imaginärer, bunter Farbklecks an der grauen Wand des Containers.
Er nahm seine alte Gitarre zur Hand, die angelehnt an seine Erinnerungen ein trauriges Klagelied erklingen lies. Er genoss den Klang aus dem Resonanzkörper und weinte. Dicke Kokostränen rannen an seiner Wange hinunter und tropften auf die in Schwingung gebrachten Seiten.

Samstag, 26. April 2008

Er sucht Sie oder Ihn



Sein Bruder und er waren Betreiber einer Partnervermittlungsagentur.

Wenn die Verzweifelten, die Suchenden bei ihnen anriefen, wenn das rote Telefon in ihrem alten, umfunktioniertem Kinderzimmer klingelte, war es Zeit für seinen Einsatz. Er führte die Kundengespräche. Er war da wenn sie ihn brauchten! Er war die Vertretung von Jürgen Domian.
Sein großer Bruder hatte, während er im Urlaub war, ihr sechszehn Quadratmeter großes Zimmer, zu seinem sechszehnten Geburtstag in ihr neues Office umgebaut. Sie hatten sich eine neue Telefonleitung legen lassen und einen neuen, leistungsstarken Rechner auf Raten zugelegt.
Da sie beide noch in der Ausbildung waren und ihnen nur ein geringes Einkommen zur Verfügung stand, mussten sie des Nachts die Hühner verarbeitenden Maschinen der Panierfabrik mit Hochdruck reinigen. Nur so konnten sie sich wöchentlich erscheinende Inserate in den Lokalzeitungen leisten. Kleine weiße Handzettel mussten sie mühselig erstellen und meist bei Regenwetter, in der Einkaufsstraße an mürrisch drein blickende Gesichter verteilen.
Morgens standen sie hinter dem Schraubstock, in der Lehrwerkstatt. Tagsüber saßen sie im dritten Stockwerk, in einem der wohl gesundheitsschädlichsten Sozialbauten der Vorstadt, in ihrer heimischen Agentur für Anders-Chronisch-Herzenskranke. Von Montag bis Freitag, zwischen 15.00 und 21.30 Uhr, waren sie für die Leidenden, für die nach Ihr oder Ihm Suchenden im Einsatz! In den späten Abendstunden eines arbeitsamen Tages, reihten sie sich in der Reihe der Putzkolonne ein, steckten ihre Stempelkarte in die Stempeluhr und marschierten zu den Kettenbändern der Maschinerie. Doch leider, trotz der harten, körperlichen Arbeit nebenbei, reichten ihre begrenzten Finanzen nicht aus. Sie konnten gerade mal die laufenden Kosten decken. Unterm Strich, blieb ihre Kasse gähnend leer!

„Doch was sollte nun aus ihren melancholisch angehauchten Kunden werden?“

Er konnte die Tatsache einer Pleite hinnehmen, doch er wollte die leidenden Herzen nicht länger leiden hören! So kam es kurzerhand zu einer heiteren Zusammenkunft im angemietetem, türkischem Hochzeitssaal. Es kam zu einer außergewöhnlich, herzlichen Kennenlernparty mit Kontaktgarantie! Er freute sich überdurchschnittlich stark, denn nun konnte er seinen weißen Vertretungs-Elch an seinen Kollegen, das Origanal, Jürgen Domian weiterreichen und auf eine wunderschöne Zeit voller Emotionen zurückblicken!

Freitag, 25. April 2008

Im Lavendelfeld



Mit einem Ruck hatte es ihn aus dem Bett geworfen.
Er fror.

„Verdammt muss dass denn sein?! Sparen, sparen und nochmals sparen! Energie ist kostbar! Ja ich weiß, denn schließlich zahle ich dafür! Ihr ewig blöder Spruch, auch ich könnte mal etwas für die Umwelt tun! Na klar! Ihretwegen benutze ich sogar recyceltes Toilettenpapier. Ich kann es so langsam nicht mehr hören! Es kann doch nicht sein, dass ich frieren muss, nur weil Madame die Welt vor einer apokalyptischen Katastrophe retten will!“

Er warf einen Blick auf den Temperaturregler der Heizung.

„Verdammte Thermik! Ist der Kessel schon wieder kaputt, oder was? Laut Display soll der Raum auf wohlige zwanzig Grad, also optimale Zimmertemperatur, beheizt sein! Doch der Boden fühlt sich so merkwürdig kalt an.“

Er hörte tief in seinem Kopf die Stimme seiner Mutter. Er hörte das Schluchzen seiner Frau. Er riss die Tür auf, trampelte über den Flur und platzte in die Küche hinein. Am Küchentisch saßen die zwei Pfeiler seines Lebens, weinend, rauchend.

„Ich habe es doch geahnt. All die Monate hast du mich veräppelt! Von wegen aufgehört! Zusammen hatten wir aufhören wollen, hatten uns diese bekloppten atmungsaktiven Laufjacken im Partnerlook gekauft. Doch du warst immer außer Atem. Faul und schwach warst und bist du! Mach nur weiter so! Du wirst schon sehen was du davon haben wirst!“

Seltsam, doch der Zigarettenqualm brannte nicht wie sonst in seinen Augen. Es stank auch nicht wie neulich in dem Bistro, als er einem Raucher mittleren Alters die qualmende Zigarette aus dem Mund gerissen und in der Espressotasse versenkt hatte. Fast wäre die Situation ausgeartet, doch der Gastwirt hatte zum Glück noch schnell genug reagieren können.

„Ich muss gleich zur Arbeit, muss gleich los, muss noch meine Brote schmieren! Es ist schon kurz vor halb! Wie stellt ihr euch...“


Es hatte an der Tür geschellt. Seine Frau stand auf, ging zur Etagentür und drückte ohne die Sprechanlage zu betätigen auf den Türöffner.

„Frau, wie oft soll ich dir dass denn noch sagen! Das kriminelle Pack lauert überall! Die hauen dir einen mit dem Knüppel über deinen zierlichen Schädel und beklauen dich bis auf dein Zahngold! Die machen doch den ganzen Tag nichts anderes, als solche Situationen zu trainieren! Das sind Spezialisten auf dem Gebiet“

Im Türrahmen stand eine groß gewachsene Polizistin.

„Scheiße, nein!“, dachte er sich. „Jetzt haben sie mich doch noch erwischt! Hätte ich den Wagen beschleunigt. Wäre ich noch schneller gefahren! Dann... Anhalten? Nein, kann man in dem Viertel auf gar keinen Fall! In jedem anderen Stadtteil schon, aber nicht da! Abends wenn es dunkel wird, kommt das Gesocks aus den Nischen, den Ecken auf die Straßen, nein, nein und nochmals nein! Mein Außenspiegel ist heil geblieben. Pech für ihn oder sie! Glück für mich! Das ist Qualität, hää! Selber schuld, ein demolierter, importierter Plastikspiegel, genietet an Blech wie Papier! Aber trotzdem verdrücke ich mich jetzt mal lieber auf die Toilette.“

Es kehrte Stille ein. Vorsichtig öffnete er die Badezimmertür. Außer, den vom Wind an die Fensterscheiben gepeitschten Regentropfen, war sonst nichts zu hören. Er ging in die Küche. Er versteckte sich hinter den Küchengardinen im Landhausstil. Er spähte durch das Fensters, an dem dicke Regentropfen herunter rannen. Er spähte und sah wie seine Mutter und seine Ehefrau auf der Rücksitzbank des Polizeiwagens Platz nahmen. Sie schlugen die Türen zu, sie schnallten sich an, der Wagen setzte sich in Bewegung.

Plötzlich wich das trübe Grau dem hellen Schein. Er spürte eine ungewöhnliche Wärme im Rücken, er vernahm den Duft von frischem Lavendel. Er blickte über seine Schulter und sah unter der strahlenden Sonne, das unendlich große Lavendelfeld aus seiner Kindheit.

Donnerstag, 24. April 2008

Frühling am See




Wie Honig im Teeglas aufgelöst. Gedankenverloren. Steifheit.
Die spröde gewordene, starre Fläche, hatte seine Flexibilität unter sich begraben. Er fühlte sich nicht mehr wie der liebende, verführerische, anmutige Mann, der seine Sonntagsbrötchen selber backte!

Er fühlte sich viel mehr wie eine retortenmüßige Vorstellung. Eine Vorstellung, vor der alltäglichen Abendvorstellung für die wiederkauende Hausfrauengesellschaft. Eine Gesellschaft, die wenn sie gerade nicht ihre Fingernägel lackierend vor dem Flimmerkasten saß, sich durchaus mit der Realität, dem Zustand ihrer verwahrlosten Männer auseinander setzten konnte!

Sein Hals brannte. Aus lauter Verzweiflung lief seine Nase ziellos, rastlos umher. Sein Gesang war verstummt. Seine Stimme, gestimmt an der goldenen Stimmgabel, saß verborgen im staubfreien, keimfreien Projektraum. Quick fidel, auf nicht herkömmlichen, handgefertigten Kissen, hatte sie es sich bequem gemacht und erwartete ihn zurück. Sein Projektraum war ein Raum ohne das Rascheln und das Knistern, ohne die verzerrten, verkehrten Zerrbilder aus der schwerbelasteten, künstlichen Welt der ergrauten, feinstabverseuchten, an der Filterwatte klebenden Aquariumwelse.

Das farbenfrohe Klangbild seiner Stimme, klang am schönsten in seinem Projektraum. Das farbenfrohe Klangbild seiner Stimme, war der Garant für einen reinen Gesang.

Verglichen mit den Aquariumwelsen, war er ein Wels, der auf dem Grund eines naturbelassenen Sees, in Harmonie und Einklang sein Dasein fristete. Erst neulich ließ er sich von einem gutmütigen Angler fangen, nur um sich zu zeigen, nur um zu sagen: „Ja, es gibt mich wirklich!“

Im Frühling konnte es sehr, sehr kalt am und im See werden. Er hatte sich erkältet.

Er fühlte sich nicht nur krank, er war krank. Ein leichtes Fieber fiel schwer auf seine Lieder. Er konnte nicht singen, geschweige denn sprechen. Doch er konnte schreiben. Und er schrieb, wild, mit Vergnügen und Heiterkeit. Denn seine Befürchtung, seine ihn ständig begleitende Angst, die Idee, die ihn inspirierende Kraft in den Wind geblasen zu haben, war, wie er nun wusste,
ein altes, immer wiederkehrendes Spukgespenst in seinem Geiste!

Seine belegte Stimme, ähnlich wie ihre belegten Zungen, bedurfte einer gründlichen Pflege. Der Gedanke war nun da, die Kraft diesen Gedanken in die Tat umzusetzen ebenfalls. Um wieder fröhlich klingende Lieder anzustimmen, brauchte er ganz besonders sie an seiner musikalischen Seite- die Gesundheit!

Dienstag, 22. April 2008

Das Raucherzimmer


Sie drückte die Kippe aus und betrat die Arztpraxis. Sie verließ die Arztpraxis und steckte sich eine Kippe an.
Anfangs hatte sie geraucht, weil sie von ihm noch nichts wusste.
Später hatte sie geraucht, weil es ihr egal war!
Er war klein, er war schwach, er war ein Frühchen! Er hatte es nicht länger ausgehalten in ihrer Räucherkammer. Sie, die ihrer alten, formlosen Form nachheulte, blickte nach der Geburt in sein zerknautschtes Gesicht und dachte an ihren suchtstillenden Rauch!

Er wuchs auf im Raucherzimmer!

Ob im Park, auf der Bank, beim Flasche geben, im Auto auf dem Weg zum Kindergarten, im Auto auf der Fahrt ins Nudistencamp, in der Küche beim Kochen, auf der Couch im Wohnzimmer, vor, zwischen und nach dem gemeinsamen Abendessen, vor dem Schlafen, bevor sie ihn ins Bett schickte, ganz egal wo und wann, geraucht wurde überall und zu jeder Zeit!
Von nichts und niemanden ließ sie sich ihr Recht aufs Rauchen verbieten! Doch was war mit seinem Recht auf ein gesundes, nicht vorgeschädigtes Leben!?

Damals war das Rauchen modern. Sowohl große Reden schwingende Politiker, als auch fröhlich singende Malocher, rauchten genüsslich zu einer Tasse Kaffee ihre Zigarette! Keiner dachte an all die kleinen, nach Aschenbecher stinkenden Kindern aus dem Raucherzimmer.
Sie dachte wenn überhaupt, an eine Möglichkeit ihre Sucht zu stillen:
„Los Junge, zieh dir deine neuen Sportschuhe an, lauf zum Bütchen und kauf der Mama ihre Zigaretten!“

Jahrelang hatte sie ihn an den Heizkörper, den einzigen warmen Körper, ihres Raucherzimmers gekettet!

Alt und grau, aus einer Nikotinwolke zu ihm sprechend, besuchte sie ihn nach ihrem Tod in seinen Träumen! Er stand mit Tränen im Gesicht, ihr eingerahmtes Foto in seiner Hand, an seinem Babybett.

Leiser Atem, Babyduft im ganzen Raum.

Samstag, 12. April 2008

Morgengrauen



Es war einer von Milliarden anderen Vögeln. Es war der eine Vogel. Der Vogel, der seiner Meinung nach, am lautesten und am schönsten sein Lied zwitscherte. Das Lied, welches wie eine „Repetition“ ohne „Competition“, immer und immer wieder erklang. Genau im richtigen Augenblick ertönte der Klang seiner Stimme und verdrängte die letzten Schreckensbilder. Schreckensbilder, die rudimentären Elemente der Realität in seinen morgendlichen Träumen vor dem Erwachen.

Hellwach, mit ruhiger Hand, legte er die Nadel auf die Platte.
„Songs Of Freedom“ , dazu ein Glas frischen Tee vom Teekontor, welcher zu überteuerten Preisen, scheinbar erfolgreich verkauft wurde. Da wo seine Ahnen ihre Angelruten auswarfen, kochte der Samawer unter dem Feigenbaum des Lebens. Dort wurde ein harmonisch schmeckender Tee zubereitet. Tee war kein Luxus, kein Importprodukt. Der Tee, den sie tranken, war ein angenehm, wohltuendes Erfrischungsgetränk für jeden noch so armen, zahnlosen Zeitgenossen. Mit diesem, bitter schmeckenden Gedanken hob er ab. Er nutzte den Auftrieb seiner Feder und verfasste einen Text.

Er schrieb nicht weil er der Illusion hinterher flog. Er wollte nicht auf Wolkenhöhe, mit den erfolglosen Traumgoldschürfern sein! Er war kein Neuzeitpoet aus der Steinzeit!
Er war lediglich nur ein Suchender! Er suchte nach einem Weg, die ständig auf ihn einschlagenden Wellen, die Schreckensbildern aus dem mittlerweile ganz normalen Alltag, erträglicher zu machen. Es waren die Bilder, die andere parallel zum Abendessen laufen ließen. Bilder, die sie einnahmen wie ein Mittel gegen ihre chronische Verstopfung!

Er ließ seine Feder innerhalb eines vergangenen, doch nicht vergessenen Zeitrahmens umher flattern. Er flog auf seiner Feder, wie Aladdin auf seinem fliegenden Teppich. Er flog weit hinaus. Mit ihm flog auch die Angst. Die Angst von der forcierenden Luftabwehr entdeckt zu werden, was durchaus möglich war!

Aus der Perspektive eines Vogels, entdeckte er die ersten Risse, die ersten Risse waren die ersten Anzeichen der Veränderung! Es waren die von ihnen gewollten Risse!
Er musste sich verwandeln! Er verwandelte sich, so wie auch andere sich beim näheren Betrachten der industrialisierten Landschaftsmalerei verwandelt hatten! Gewiss nicht schön, doch es war besser so!
Die Landschaft hatte sich verändert und passte nicht mehr auf die vom Großvater gezimmerte Staffelei! Die rotierende Kraft hatte den Rahmen auseinander gerissen!
Damals sah selbst ein Jeder diese ersten Anzeichen, doch die verheerenden Folgeerscheinungen konnte sich selbst ein Jeder nicht ausmalen! Mann hatte sich umorientiert. Der Markt bot den zahnlosen Tigern, den Steinbeißern der Modernen nun neue Nischen, Lücken und Spalte. Neue, schnellere Transportwege zu Wasser, zu Lande und in der Luft mussten angelegt werden, um das herannahende, globale- und internationale Unwetter zu überleben!

Mit eine der wichtigsten Neuerfindungen war seiner Zeit die von Dr. Guillotine erfundene, mechanische Maschine! Dank der Massenproduktion konnte sie nun kostengünstig produziert werden. Und mit einem glänzendem Label am Sockel festgenietet, stand sie in den entstaubten Regalen der Märkte und brachte Unmengen an Profit ein!

Donnerstag, 10. April 2008

Salon der Kopfwäsche



Er, geboren in Deutschland, erzogen in Deutschland, war gesittet und frohgesinnt! Er legte wert auf ihre Werte, die zu seinen wurden!
Werte, die von gutgesinnten in seinen kleinen Tontopf gepflanzt wurden. Ein Bäumchen wuchs heran. Aus dem Bäumchen wurde ein kräftiger immergrüner Baum. Der Baum trug Früchte. Mal schmeckten diese Früchte zuckersüß, mal zitronenbitter, doch immer magenschonend!
Mit seiner, vom Vater vererbten, orientalischen Gewürzmischung im Handgepäck, reiste er durch die Jahreszeiten. Er genoss die Vielfalt des Landes, er genoss das Leben!

Jahre später, mit reifen Früchten in den Händen und würziger Schärfe auf der Zunge, fand er sich auf dem Friseurstuhl seiner Wahl wieder. Jahre lang hatte er sich die inhaltlosen Geschichten seines Friseurs angehört und versucht diese Geschichten mit seinem Gut zu füllen!
Eigentlich mochte er seinen Friseur.
Doch scheinbar mochte sein Friseur ihn nicht! Denn an jenem Tag kam es dazu, dass sein Friseur, seine Erziehung und seinen Lebensstil unterschwellig, zu unrecht kritisierte. Alles war falsch und sollte grundlegend in Zusammenarbeit mit einem Geistlichen überarbeitet werden. „Schadensbegrenzung“ sozusagen! Dies sei die einzige Möglichkeit! Jahrelang hatte er sich diesem Menschen anvertraut. Jahrelang wusste er nicht wer ihn da den Kopf gewaschen hatte! Wie naiv er doch war! Er hatte nicht erkannt, was für ein kopfgewaschener Kopfwäscher sein alter Friseur war!

Doch das schlimmste an der Sache war, wem sollte er nun sein Friseur-Problem erzählen!

Kaffee mit Milch und Crema



In den Pausen, zwischen der arbeitswütigen Zeit, apropo arbeitswütig, schon gewusst: „Flaute im Bett macht arbeitswütig!“, konnte er lange und ausdauernd über ein effizientes Energiesparmodel für jedermann reden. Doch wenn keiner da war und hinsah...

In seinem kleinen Königreich, das, man glaubt es kaum, knapp vierundfünfzig Quadratmeter groß war, brannte das Licht. Leere Räume waren hell erleuchtet.
Zu der effektvollen, direkten und indirekten Zimmerbeleuchtung, kam der laufende Flimmerkasten im Wohnzimmer, der vorbildlich, mit einem sportlichen Elan, den Dauerlauf für sich entdeckt hatte!
Der instrumentalisierte Zerstreuungsparat zeigte den kahlen Wänden, sich ständig wiederholende, bunt flackernde Werbespots. Ein liebeskranker LSD-Kuschelhase als animierter Klingelton war scheinbar der Mega-Verarschungs-Abo, oder anders ausgedrückt,
einer der erfolgreichsten menschlichen Mäusefallen auf dem Klingelton produzierenden Markt, mit einem Umsatz von einer unscheinbar, hohen Gewinnmöglichkeit! Die armen Mütter und Väter, der armen Kinderseelen, die täglich in die Falle tappten, taten dem kleinen König leid!
Er konnte es nicht ertragen! Er sah einfach weg! Der kleine König bekam nichts mit! Er sah weg und hörte seinen Lieblingsradiosender WDR5 via Highspeed DSL Connection. Dabei dachte er an den nicht mehr so frisch schmeckenden Kaffee. Die edle Bohne, dessen Wanderung von der Plantage, bis in die Tasse, eine wahrlich aufregende, sowie energieaufwendige Reise war, empfand der kleine König bitter im Geschmack. Geschmack, der im Minutentakt, mit der Temperatur zusammen dahinschwand. Seine sehr stark teure Ritzenhoff-Kaffeetasse konnte diesen Umstand leider auch nicht verhindern!
Aber wenn er wollte, könnte er sich einen heißen, etwas frischeren Kaffee eingießen. Denn seine luxus-vollautomatisierte-spezial Brühmaschine lief zusammen mit dem Flimmerkasten um die Wette und hielt extra nur für den kleinen König eine heiße Tasse bereit.

An jenem Morgen, und an jedem anderen Morgen, erwachen sie wie ferngesteuert, kleine und große Königinnen und Könige, scheinbar vom selben Programmierer programmiert, brauchen tonnenweise Energie um ihren Alltag zu bewältigen.