Montag, 24. Dezember 2007

Heiligabend im Altenheim




Ich war das einzige Kind meiner Eltern. Einen älteren Bruder hätte ich gehabt, doch er verstarb kurz nach seiner Geburt an einem angeborenem Lungenleiden. Vielleicht hätte er in der heutigen Zeit, mit der modernen Medizin überlebt. In den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte er leider keine Überlebenschancen gehabt!
Ich war erst vierzehn Jahre jung, als mein Vater mich in einem Betrieb in der nahe liegenden Stadt untergebracht hatte. Es war das Jahr indem meine Kaufmannslehre begann. Es war das Jahr indem das Leben meines Vaters endete. Sein Herz hörte auf zu schlagen. Ich versprach im an seinem Todesbett immer für meine Mutter da zu sein.
Nachdem Tod meines Vaters lebte ich noch eine sehr lange Zeit bei meiner Mutter. Meine Frau Lisbeth und bezogen die Wohnung im Obergeschoss, direkt über der Wohnung meiner Mutter. Ich verdiente recht gut als erfolgreicher Kaufmann im Textilgewerbe. Ich konnte mich sehr wohl um meine in die Jahre gekommene Mutter, meine liebe Frau und unserem kleinen Sohn Manfred sorgen. Wir hatten alle zusammen ein ausgefülltes Leben in Harmonie und voll des Glückes!
Doch gleich darauf folgte eine tragische Zeit. Die Trauer überkam uns. Mein herzallerliebstes, meine Mutter, sie verließ uns. Sie war weit über die Achtzig, als ich sie eines Abend zum aller letzten Mal zu Bette brachte. Nach ihrem Tod übergab ich die Schlüssel meines Elternhauses einem renommierten Makler. Wir bezogen unser neues, wunderschönes Heim, mitten im Herzen der Stadt. Unser kleiner Sohn wuchs heran und erfüllte uns mit stolz, als er seine staatliche Ausbildung bei der Deutschen Bundespost erfolgreich absolviert hatte.
Zwei Jahrzehnte später, als ich kurz vor meiner Pensionierung stand, traf uns ein schweres Schicksal!
Meine mir treue Ehefrau und die liebevolle Muter unseres Sohnes litt an Krebs. Die darauf folgenden Jahre waren mitunter die schwierigsten ins unserem Leben. Trotz guter medizinischer Versorgung konnte die Krankheit nicht bekämpft werden. Wir entschlossen uns die uns verbliebene Zeit auf Reisen zu verbringen. Wir machten Reisen zu anderen Ländern. Waren auf Kreuzfahrten unterwegs bereisten Sehenswürdigkeit rund um den Globus. Unsere Reisen zusammen, ergaben eine einzige, große Reise. Hunderte Polaroidbilder erinnern an diese letzte Reise. Wir durchbrachen alle irdischen Grenzen und Schranken. Die Zeit, die Erde schien still zu stehen, die Zeiten verflossen ineinander, ein Augenblick schien uns unendlich. Ich ließ sie meine Liebe ganz klar und deutlich spüren, jeder weitere Tag zusammen war ein Geschenk, welches wir zusammen wie Kinder unterm Weihnachtsbaum auspackten.
Einige Jahre vergingen. Es ging ihr sichtlich besser. Wir hofften auf eine plötzliche Genesung, eine Heilung, wie ein Wunder! Doch leider mussten wir an einem bitter kalten Wintertag, es im Dezember an Heiligabend, schweren Herzens den Weg ins städtische Hospital gehen. Es war jenes Hospital welches ich als Witwer verließ!
Manchmal, abends, wenn alle Lichter im Hospital erloschen sind. Wenn ich mit tränendem Herzen in die Dunkelheit starre denke ich an sie. In diesen Augenblicken scheint es mir, als würde ich ihren Atem in meinem Gesicht spüren. Als würde sie mir durch mein kurz geschorenes Haar streichen und mir zuflüstern: „Ich liebe dich mein Liebster. Doch nun schlaf schnell ein und träum was Schönes!“
Mittlerweile bin ich ein alter Greis geworden. Spüre das Ende meines Lebens rapide näher kommen. Die Vorboten des Tods, wie Krankheiten und Schmerzen des Verschleißes die das hohe Alter mit sich bringen, erschweren mir meine letzten Tage auf Gottes Erden.
Der einzige Sonnenschein der mir geblieben ist, ist mein Sohn Manfred. Der Junge ist so tüchtig wie ich sein Vater und so gescheit und anmutig wie seine Mutter.
Doch mein Licht wird gänzlich nicht erlischen wie ein Sternenschweif am Himmel. Denn ich war, bin und werde immer eine Teil dieser Geschichte sein!

„Höre auf zu suchen und du findest dein Glück!“



Christian hatte es mit Sport versucht. Lief Kilometer weit, schwamm Bahn um Bahn, stemmte schwere Gewichte und genoss anschließende Gespräche über die Fitness mit Gleichgesinnten in der Sauna der Muckibude. Das Glücksgefühl von dem die sportbegeisterten Freunde sprachen, blieb bei ihm aus. Etwas Gutes hatte die Sache. Seitdem er regelmäßig sportlich aktiv war, hatte er keine Einschlafschwierigkeiten mehr!
Christian hatte vor einigen Wochen sein Studium geschmissen. Doch verändert hatte sich seither nichts in seinem Leben. Vor fünf Jahren, an Heiligabend hatte seine erste große Liebe schluss gemacht. Seitdem war er ein Singel.
Es war an einem Montagabend, es war Heiligabend. Christian lag auf seiner alten IKEA Couch vor dem Flimmerkasten. Die Balkontür stand auf und die Bodenheizung gab alles und noch mehr! Soviel zum Thema Energie sparen!
Das plötzlich, abartig laut klingelnde Telefon riss ihn aus seinem Schlummerschlaf.Es war sein schmurloses Telefon, welches neben der Fernbedienung auf dem Beistelltisch lag! Er rappelte sich auf, räusperte sich und griff nach der Fernbedienung, die er sich im Halbschlaf an sein Ohr hielt: „Woyzeck!“ Keine Antwort. Nichts! Verärgert legte Christian die Fernbedienung neben das Telefon und schmiss sich auf die Couch. Sein Atem verlangsamte sich. Die Geräusche des Fernsehers wurden zu einem Teil seines Traumes. Doch plötzlich ertönte schon wieder das abartige Klingeln des Telefons. Zuerst aus weiter Ferne, doch dann kam es immer näher an sein Ohr heran. Wie ein heranrollender Tiertransporter, beladen mit dreitausend schnatternden Weihnachtsgänsen auf ihrer letzten Reise. Der Fahrer des Tiertransporter fuhr wie ein Henker direkt in sein Ohr hinein, und hielt an der Tankstelle in seinem Kopf um nach dem Weg zu fragen. Christian vergrub sein Gesicht noch tiefer in der Couch und drückte sich ein zweites schmuddeliges Kissen auf die Ohren. Das Klingeln jedoch ließ nicht nach. Verärgert, mittlerweile hell wach, saß er aufrecht und blickte auf das Funktelefon neben der Fernbedienung des Fernsehers. Er nahm das Telefon in die Hand, drückte auf das grüne Knöpfchen und schrie: „Jaaa!!“
Einige Sekunden verstrichen. Es kam keine Antwort: „Verdammt, wer zum Teufel ist denn da?!“ Es kam noch immer keine Antwort. „Haalllooo, sag mal wollst du mich veräppeln!!“
Dann endlich antwortete eine krächzende Stimme: „Christian , wach endlich auf du Faultier! Wie lange willst du noch auf der Couch herumliegen und vor dich hin pupsen?“ Christian verdutzt, stotternd: „Was, was soll das heißen, wer, wer sind sie?“ Die Stimme am Telefon: „Ich bin auf deinem Balkon! Wenn du Fragen an mich hast, so komm heraus zu mir und richte dich direkt an mich!“ Christian schlüpfte in seine plattgetretenen Pantoffeln, die ihm seine Mutter bei ihrem letzten Besuch mitgebracht hatte, und stürzte auf den Balkon. Er sah sich um. Nichts. Absolut keine Menschenseele! Niemand zu sehen! Seine Knie wurden weich, ihm wurde heiß, ihm wurde wieder kalt. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Er hielt sich am Geländer fest und blickte hinab zu dem Telefon in seiner verkrampft Hand. Langsam bewegte er den Hörer an sein Ohr heran: „Hallo?“ Eine laut krächzende Stimme antwortete aus der Dunkelheit hinter ihm: „Verlier jetzt bloß nicht die Nerven kleiner! Du brauchst keine Angst vor mir zu haben!“ Christian drehte sich ruckartig um, und schaute herab zu einem vom Mondlicht angestrahltem, nicht sonderlich schönen Krähenvogel. „Ich bin K`nack die Krähe.“ Christian rieb sich die Augen und ließ sich in einen kalten, feuchten Gartenstuhl aus Kunststoff fallen. Christian: „K`nack die Krähe?! Ich muss wohl träumen, kann nicht sein! Was willst du von mir? Ich habe mich zu Tode erschrocken. Ich dachte ich wäre in einem dieser abgedrehten Filme! Indenem vor dem Massaker das Telefon klingelt. Hau ab, hau ab du hässliche Milbenschleuder, du aasfressender Komposthaufen lass mich augenblicklich zufrieden“ K`nack, bewegte mehrere Male bedächlich, langsam seinen glänzenden Kopf von links nach rechts, ging auf und ab, plusterte sich auf, schüttelte sein Federkleid, verlor dabei einige seiner Milben und sagte dann im ernsten Tonfall: „Ich habe nur wenig Zeit, hör mir jetzt zu kleiner!
Das Christkind ist leider dieses Jahr völlig ausgelastet. Es kümmert sich normalerweise ganz allein um die sozialen Härtefälle! Nimm es mir nicht übel, doch auch du zählst zu einem solchen Fall. In Zeiten der Globalisierung, der Vereinsamung des Großstadt Panthers und der Kinderarmut hatte meine Cheffin dieses Jahr leider keine Zeit mehr für dich. Eigentlich wollte sie schon letztes Jahr hier gewesen sein, doch wie du siehst..."

Donnerstag, 13. Dezember 2007

Amira


Miami, Springbreak 2005. Amira tanzte mit ihr, Yuko Tanaka und ihm, Moriaki Araki.
Sie waren in Feierlaune, und so feierten sie auch. Beim Wortaustausch, zwischen dem ausgiebigen Feiern, bemerkte Amira wie sie seine zusammenhängenden Worte in kleine mundgerechte Stückchen hackten, liebevoll, nach japanischem Brauch anrichteten und auf einem Teller servierten. Diese Geste inspirierte Amira dazu, ihre aneinandergereihten Worte als einen eigens für jenen Anlass kreierten Dipp zu verwenden. Er stellte eine gefüllte, nach Frühling duftende Schale gleich neben den Teller, und reichte dazu in kleine Scheiben geschnittenes Weißbrot. Genüßlich tunkten sie mundgerechte Stückchen in die Schale. Amira genoss jede gemeinsame Sekunde und beiläufig verliebte er sich!
Lediglich nur zwei oder drei, verschwommene Schnappschüsse blieben ihm von dieser Bekanntschaft. Digitale Bilder, abgespeichert auf der Speicherkarte seines Taschentelefons waren alles. Es war eine sehr intensive, schöne, aber leider nur kurze Begegnung. Eine Begegnung ohne den Austausch von Telefonnummern oder Adressen.
Viele verwahrloste Telefonnummern oder E-Mail Adressen hatte er im Speicher seines Funktelefons notiert. Manche dieser Nummern hatten für ihn keine Bedeutung mehr. Er hatte keine Erinnerungen mehr an die Besitzer, längst verblasste Bider!
Was würde er nur für ihre Telefonnummern geben? Er ärgerte sich umso mehr! Auf Partys hatte er viele interessanter Leute kennen gelernt, hatte seine Nummer vergeben und eine neue abgespeichert. Doch ihre Nummern hatte er nicht. Leider wusste er auch nicht viel über die Beiden. Sie hatten in Amerika studiert und kamen aus Edo. So wie er standen auch sie auf den Sound der japanische Rockband Miavi.
Wieder angekommen in seiner Heimat startete er voll durch. Der Countdown war abgelaufen- Ignition! Auf seinem Karriereflug nahm er Kurs auf Erfolg. In seiner Raumkapsel zog er vorbei an der Zeit der endlosen Festivals mit anschließenden Afterpartys auf frei schwebenden Chillout-Kuschelmatratzen. Er raste vorbei an Bestandteilen seiner Vergangenheit. An all den bewegten Zeiten die er direkt und ungefiltert erlebt hatte. Doch ein kleines Stück Glück und Trauer zugleich hatte er aus seiner Vergangenheit mitgenommen. Es warenYuko und Moriaki, seine still schweigenden, imaginären Begleiter. Die immer dann bei ihm waren, wenn er sich von Miavis Sounds beschallen ließ.

Mittwoch, 5. Dezember 2007

Suri, der Libanese



Suri und Muhammad saßen in ihrer Stammspielothek: Er-Riyad. Der Besitzer war auch ein Libanese und bot seinen Gästen ein orientalisches Ambiente mit loderndem Kaminimitat, qualmenden Shishas und kochendem Tee auf dem Samowar.
"Na gut, ein Tee zu einer frischen Shisha, gefüllt mit leckerem Apfeltabak. Das gönn ich mir noch, aber dann muss ich wirklich los!" Suris Freund Muhammad war noch ledig, doch seine Eltern, alteingesessene Libanesen der ersten Generation waren gewillt diesen Zustand schon sehr bald zu ändern. Im kommenden Jahr stand ein Termin zu den ersten Verhandlungsgesprächen zwischen den Familien an. Muhammad genoss somit seine befristete Freiheit. Verständnisvoll sagte er: "Suri du hast ja recht, ich verstehe dich, komm, setz dich wieder. Wir runden den Abend mit einem Glas heißen, wohltuenden Tee ab. Außerdem muss ich auch gleich los, der Mann von Bärbel hat heute Nachtschicht!"
Suri und Muhammad bezogen Harz IV und litten unter chronischem Geldmangel. Mit Gelegenheitjobs hielten sie sich über Wasser. Zudem arbeitete Suris Frau als Produktionshelferin in einer Hühnerfabrik, die sich spezialisiert hatte auf panierte Hähnchen, tiefgefroren. So kamen er und seine Frau mehr schlecht als recht über die Runden. Die sozialen Wohnungen am Stadtrand boten ihnen und anderen Migranten ein sehr günstiges Dach über dem Kopf. Doch im Haushalt fehlte es ihnen leider an allen Ecken und Kanten.
"Muhammad, falls wir uns morgen nicht mehr sehen sollten, kann ich dir schon heute sagen, dass ich auf den Bahamas sein werde, nimm es mir bitte nicht übel! Wenn du magst kannst du mich auch mal besuchen, das Flugticket geht natürlich auf meine Kosten."
Der Lotto Jackpot war immer noch nicht geknackt worden. Suri hatte sein letztes Geld in drei Scheine investiert. Auch Muhammad hatte seine Kreuzchen gesetzt.
Er antwortete: "Suri, wenn es dieses Mal klappt, dann kaufe ich dir und deiner Familie als erstes ein gediegenes Haus mit einem riesigen Brunnen im Salon. Vergiss die Bahamas, mit dem Geld im Koffer wirst du dir deine Träume auch in Deutschland erfüllen können"
Die beiden Freunde fielen in Gedanken, und ein wohliges Schweigen trat ein.
Schon seit Jahren versuchten sie durch diverse Glücksspiele ein paar Euro dazu zu verdienen. Doch meistens, legten sie sich am Ende des Tages mit noch weniger Geld ins Bett als sie noch am Morgen in ihrer Geldbörse gehabt hatten. Obwohl Muhammad nicht viel Geld auf der Tasche hatte, war seine Brieftasche immer sehr stark ausgebeult. Lauter Wettscheine waren anstelle von Geldscheinen zu finden. Wettscheine, die, so wie sie zu sagen pflegten, bereits tot waren.