Montag, 24. April 2017

Sonntag, 23. April 2017

Essen (1)




Schon immer sehnte ich mich nach dem Ruhrgebiet, dem Kohlenstaub, wollte vor allem in Essen, Bochum, […] und sonst wo sein. Zeche Zollverein, die Atmosphäre und die wunderbaren Häuserreihen, Mietwohnungen in den Arbeitervierteln, irgendwie wollte ich schon so lange einmal dort verweilen, denn es sollte nicht nur beim Traum aus Kohlenstaub bleiben.
 
Als es dann endlich so weit war, sträubte ich mich innerlich dagegen. All die Jahre wollte ich so gerne, doch dann, paradoxerweise, wollte ich plötzlich doch nicht mehr.

Damals war ich ein Abenteurer. Es waren die Abenteuer des „Issi Mc Fly“, ich wollte dort verweilen, sehnte mich nach dem Pott, den ich doch gar nicht kannte. So lange, lange Zeit, sehnte ich mich nach etwas, was es nicht gibt und noch nie gegeben hat. Der Kohleabbau, war für mich über zwei Jahrzehnte lang nur ein Sinnbild gewesen. Stets wollte ich daran teilhaben, wollte mich ganz intensiv mit dem dreckigen Geschäft befassen um mich daran zu bereichern.

Jahre hat es gedauert, wirklich viele Jahre, bis ich nun endlich an der dreckverkrusteten Oberfläche kratzen durfte, um nicht sonderlich erstaunt festzustellen, dass unter dem Dreck noch mehr Dreck ist.
 
Der Dreck ist nun sogar in meinem Kopf, so dass ich froh darüber sein kann. Ich bin sehr froh, hier an dieser Stelle, diese Ausdrucksform für mich entdeckt zu haben, um mit den Einflüssen, den Themen die mich verfolgen, mich scheinbar nie wieder loslassen werden, so eindringlich zu befassen, in Textform. 
Ich vermag meine Gefühle leider nur ansatzweise wiederzugeben. Diese Kunst zu bewerkstelligen, ohne dabei den Satzbau, die deutsche Grammatik aus den Augen zu verlieren, ist schon eine Kunst für sich, für mich. Manchmal ist es zum verzweifeln. 

Doch dies nur am Rande.
 
Drei Tage, wirklich nur drei Tage in dieser einen riesen Zeche, ich überspanne den Bogen, ganz Essen ist eine einzige, angsteinflößende riesen Zeche. Essen, ist nur eine von den Städten, ausgeschildert auf den Schildern, auf der Autobahn meiner „Stürmer und Drängler-Zeit“. Städte, die auf meiner alten Strecke Richtung Venlo, in den Niederlanden lagen. Von Venlo aus ging es weiter landeinwärts. Meine Reisen waren schön. Ich verweilte sehr gerne in einem scheinbar verschlafenen Dörfchen mit weltoffenen Menschen die einen sehr respektvollen Umgang zu einander pflegten.
 
Friedlich und phänomenal freundschaftlich.
 
Über zwei Jahrzehnte, ohne von mir beachtet zu werden, nur mal so im Vorbeifahren, höchstens mal einen Döner in Essen-Kray, aber dann auch schleunigst weiter. Irgendwie hatte ich es immer eilig ganz schnell wieder wegzukommen.

Ich kenne diese Städte, von damals, zeitweilig angezogen, von der Ruhrpott-Romantik eingesogen, dem ganz besonderen Antischam verfangen.

Essen (2)


Wie dumm, zu dumm, war ich damals zum eigenständigen Denken nicht in der Lage gewesen? Oftmals hatte ich wohl einfach nur Glück gehabt, hatte zudem nie Rückhalt, keinerlei Absicherungen.

Unglaublich, ich  hatte sogar mal die türkische Staatsbürgerschaft. Damals war ich noch ein echter Türke, zumindest auf dem Papier. 

Ich lebte in Illusionen, Fantastereien, hoch beeindruckt von den Taschenspieler-Tricks eines jeden dahergelaufenen Ganoven. 

Nicht nur ich, wir, dazu zähle ich all die anderen gespaltenen Persönlichkeiten, die Armen, die ganz, ganz Armen, meine allerbesten Freunde.
 
Heute, mit meinem müden Sohn in den Armen, auf dem Weg zurück zum Hotel, in Essens schwarzem Herzen, heute sehe ich die Dinge ganz anders. 

Zum Glück!

Damals habe ich bloß drauf gestarrt, und ich sah nichts, zudem war ich vom absoluten Nichts sehr stark beeindruckt. Diese Tatsache birgte eine große Gefahr in sich. Dessen war sich keiner von uns bewusst. Diese Tatsache ängstigt mich heute ein wenig, weil ich es schlicht und einfach nie zuvor wahrgenommen habe. 

Denn ich war immer nur zum Döner-Essen in Essen gewesen.
 
In den Straßen von Essen, wo die Armut auf Armut prallt, weil es dort nichts anderes gibt, weil es außer der Familie Krupp und deren Freunde, nie etwas anderes gegeben hat.
Bereits am ersten Tag unserer Ankunft, wollte ich wieder abreisen, direkt nach dem Check-Inn, schon zu Beginn unserer Reise, als wir in die Stadt einfuhren.


Essen (3)


Wie soll ich es beschreiben, nicht über all sieht es eben so aus wie im weitläufigen Park, dem Anwesen der kruppischen Villa auf dem Hügel über Essen. 
Essen, dem Moloch aus Kohlenstaub, errichtet unter unmenschlichen Bedingungen, errichtet aus Blut und dem stinkenden Schweiß längst verstorbener Malocher unter dem Tag, dort wo die Sonne nie scheinen wird, tief im Arsch, gefangen in den unendlichen Windungen des Darms.
 
Pseudo-Krupp ist etwas was Alfred Krupp tatsächlich nie gehabt hat. Mit dem Namen Alfred Krupp verband ich bis vor Kurzem nur das Krankenhaus in Essen. Denn in diesem Haus wurde mein Baby-Sohn damals erfolgreich operiert. Froh über jene Personengruppe, deren Arbeit ich hoch honoriere, nicht mit Geld, denn Geld habe ich nicht, nur mit Lob.
 
Alfred Krupps kleines Haus, ich meine die große Villa auf dem Hügel, dieses Bauwerk ist mir zuwider.
 
Dieser Prunk, diese Architektur, die offensichtliche Arschkriecherei, ach herje! Die ausgestellten, tollen, ganz, ganz tollen Briefe. 

Briefe, weltberühmte Arschkriecher, diese Korrespondenz zwischen A. Krupp und dem Rest der Welt, dies ist keine Stereotypisierung, es ist Fakt, denn es ist Fuck. 

Jeder gab es dem anderen, auf weltpolitischer Ebene. 

Ich verstehe schon, ich realisiere auch wie naiv es an dieser Stelle klingen mag. Aber ich habe tatsächlich diese Briefe in der Sonderausstellung gelesen, Briefe von Berühmtheiten, Politikern, dem Porschewerk. Sätze die sich tief in meinem Kopf manifestiert haben. 

Einfach nur unheimlich, dieser Ort hat eine sehr negative Auswirkung auf mich. Die "Villa Hügel" ist einfach nur unheimlich.

Essen (4)




Heute wie damals, nichts hat sich verändert.


Das Trauerspiel in diesem Theaterhaus hat sich lediglich nur eine neue Bühne gesucht und gefunden. 

Heute wie damals, kriechen Leute durch Stollen tief unter der Erde, unter dem Tag, durch die scheinbar niemals enden wollende Nacht. Die Menschen haben sich, wie so an vieles andere auch, an dieses ganz reale Schrecken gewöhnt.

Wider ihrer Natur!

A.Krupp & Co. lebt in den Köpfen der Menschen (als wenn es etwas ganz natürliches wäre) weiter.



Als Tourist, drei Tage, lief ich ganz benommen durch diese riesen Zeche und diese Zeche wirkte sehr stark auf mich. 

Die Menschen denen ich auf der Straße und sonst wo begegnete, wirkten zudem sehr stark auf mich.

Leider sehr negativ!

Essen (5)


Ich sah die Zeche, genau die eine Zeche.
 
Ich sah und sah leider irgendwie doch nicht viel. Wir aßen Kuchen, tranken Kaffee, schlenderten durch das Museum. Alles um mich herum schien mir so surreal. 

Die dicken doppel-T-Träger, rudimentär wirkende Maschinenelemente ragten wie Dinosaurierknochen aus der zementierten Erde jenes Fabrikgebäudes. Über unseren Köpfen verkeilte Lastenkräne auf scheinbar schwebenden Schienen, herunter hängende, rostige Ketten. Kabelstränge, ein Kabel so dick wie der Oberarm vom Arnorld S. aus dem sonnigen Kalifornien. 

Abgehackt, ausgefranst und irgendwie deplatziert.

Wir saßen da und aßen, die Geräuschkulisse, die iPhones an den Ladestationen, öffentliche Steckdosen, Geschirrgeklapper, sich fröhlich unterhaltende Menschen. Eltern, Kinder und junggebliebene Alte. Dazwischen, attraktive Kellnerinnen und auch Kellner, doppelt und dreifach Jobber, Studenten, alle zusammen, wir alle waren zusammen, wir waren dort, aßen ein Stück leckeren Kuchen, tranken echt guten Kaffee und überteuerte Bionade aus dem Glas, dort saßen wir, dort, wo früher die Braunkohle verarbeitet wurde.



Essen (6)




Ganz andere Geräusche, Stahl auf Stahl.

Riesige Maschinenräder, lange Riemen, herabhängende Ketten, herausragende Gewindestangen, geölte Schlumpfgetriebe und blaue Koppelmützen aus Hartgummilegierungen, gleitend auf gehärtetem, im Feuer geschmiedeten Stahl. 

Der Hammer wurde geschwungen bis die Werkssirene tönte und die Schicht wechselte.

Donnerstag, 6. April 2017

Deniz Kader & Candas Sisman

Viel Arbeit! Wenig Zeit!



Nicht viel los hier im Krähennest! Ich komme kaum mehr zum Schreiben/Tippen. Ist schade, ist aber so. 
Meine Woche geht noch genau bis Sonntag/14.00 Uhr. Dann werde ich frisch geduscht, bereit für unseren geplanten Kurztripp sein. 

Doch bis dahin geht nun einmal die Arbeit vor. Ich freue mich auf den nächsten Text und sammle eifrig Eindrücke um auch inhaltlich etwas bieten zu können. 

In diesem Sinne, mit Frühlingsgefühlen im Bauch und der Vorfreude auf den Sommer,

Ihsan aus dem Krähennest.

Mittwoch, 29. März 2017

A Never Ending Story!






Er hatte das Album gekauft und sie alle hörten es. 

Ganze zwei Jahrzehnte später.

Er hatte genau das Album gekauft und hielt es in den Händen. Er spürte den Sommer, die Sonne, die Hitze, die seinen ganzen Körper durchströmte. Jede einzelne seiner Zellen in seinem Körper pausierte und erinnerte sich, während sich das Vinyl wie damals auf dem Plattenteller drehte und die Basswellen seinen Körper durchströmten.

Es gibt nichts Schöneres als jene Erinnerungen. 

Längst verblasste Polaroidfotos, ein Teil seines Lebens. Für die Ewigkeit, ein Gefühl der Unsterblichkeit. Musik, verbunden mit Erinnerungen, Emotionen, verstrickt und verwoben.

Nass geschwitzt in einem Club, im Sommer seines Lebens. Im Bett, schwebend, im Raum, an Ketten, ein Leben unter der Discokugel.

Doch was ist, wenn die Discokugel aufhört sich zu drehen?

Diese Frage stellte sich niemand. Welchen Grund sollte es dafür geben? Es fehlte ihnen an nichts! Es war die beste Zeit ihres Lebens. Ein philosophisches Gespräch führten sie damals über zwei Wochen lang. Der einzige Inhalt ihres Lebens war das Gespräch und der Briefwechsel. Ihre Briefe waren, wenn sie noch heute wären, so schön zu lesen wie die Briefe zwischen Simone de Beauvoir und Sartre.

Sie duschten sich unter einem Strahl aus dem Wasserschlauch, nackt, auf grünen Wiesen, auf Festivals. Sie tanzten unter ihrem ganz persönlichen Regenbogen. Manche von ihnen liebten sich, bei Tage und in der Nacht, als würden sie sich ein aller letztes Mal lieben. Und fand einer von ihnen den Topf voll Gold, dann teilten sie den Inhalt untereinander auf und erkauften sich damit das nächste Ticket für das nächste Festival. Gemeinsam lutschten sie an dem einen Lutscher, den jeder mal lutschen durfte, während sie den Wellen am Ufer lauschten. Wellen, erzeugt von den vorbeifahrenden Booten.

Lauter kleine bunte Boote, mit lauter winkenden Touristen aus dem Takka Tukka Land und der näheren Umgebung. Willkommene Gäste! Sie alle waren Gäste auf der niemals endenden Party. Das bunte Leben, das ausgelassene Treiben auf der anderen Seite der Stadt, zog sie alle an und oftmals auch aus.

Nackt sprangen sie ins erfrischende Wasser und manche von ihnen tauchten niemals wieder auf.

Getragen von der Strömung, abgedriftet vom Ufer, vielleicht wo anders wieder aufgetaucht, vielleicht bei den Sirenen. Ertrunken, in den Armen der Meerjungfrauen, liegend am Grund des vesandeten Flusses.

Heute höre ich das Album, schmunzle und bin voll des Glückes, während ich stolz das Cover in den Händen halte.

Die Discokugel hat aufgehört sich zu drehen, doch die Musik läuft weiter: “massiv attack – wild bunch.“ Mit der Musik erwachen die Erinnerungen an einen unvergesslichen Sommer. 

Ein verdammt heißer Sommer, der aus damaliger Sicht niemals enden würde...